Shutter Island von Dennis Lehane

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 unter dem Titel Shutter Island, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1950 - 1969.

  • New York: Morrow, 2003 unter dem Titel Shutter Island. ISBN: 0688163173. 325 Seiten.
  • München: Ullstein, 2004. Übersetzt von Andrea Fischer. ISBN: 3-550-08457-9. 363 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2006. Übersetzt von Andrea Fischer. ISBN: 978-3-548-26194-2. 363 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2006. Übersetzt von Andrea Fischer. ISBN: 978-3-548-26484-4. 363 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2009. Übersetzt von Andrea Fischer. ISBN: 978-3-548-28124-7. 368 Seiten.
  • [Hörbuch] Berlin; Hamburg: Lauscherlounge, 2009. Gesprochen von Oliver Rohrbeck. ISBN: 3-7857-4225-8. 6 CDs.

'Shutter Island' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

US-Marshall Teddy Daniels setzt von Boston über nach Shutter Island, wo das Ashecliffe Hospital für psychisch kranke Straftäter angesiedelt ist. Es wird eine wegen ihrer Gewalttätigkeit allseits gefürchtete Patientin vermisst: Rachel Solando. Sie ist unerklärlicherweise aus ihrer verschlossenen Zelle entkommen, ohne Spuren zu hinterlassen. Doch gerade als Daniels mit seinem Partner Chuck Aule die Ermittlungen beginnt, bricht ein ungeheurer Hurrikan los, der heftige Verwüstungen auf der Insel anrichtet. In dem allgemeinen Chaos setzt Daniels unbeirrt seine Nachforschungen fort, doch je näher er der Wahrheit kommt, umso mehr bekommt er es mit der Angst zu tun, hat immer stärker das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren – will man ihn in den Wahnsinn treiben, um ihn auf der Insel festzuhalten?

Das meint Krimi-Couch.de »Einbahnticket zur Insel der Irren« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Ein seltsamer Fall bringt die US-Marshals Edward »Teddy« Daniels und Charles »Chuck« Aule in diesem Sommer des Jahres 1954 nach Shutter Island. Auf der kleinen Insel unweit des Hafens von Boston im US-Staat Massachusetts steht das Ashecliffe Hospital für psychisch kranke Straftäter. Aus einer der fest verschlossenen Zellen ist die dreifache Kindsmörderin Rachel Solando verschwunden. Jemand muss ihr geholfen haben. Überhaupt werden die Sicherheitsvorkehrungen eher lax gehandhabt. Anstaltsarzt Dr. Cawley behindert die Polizisten bei ihren Ermittlungen. Was geht wirklich vor auf Shutter Island? Die Anlage wird aus Schmiergeldfonds dubioser Politfundamentalisten finanziert. Möglicherweise führt man heimlich Menschenversuche durch, »behandelt« Patienten mit Psychopharmaka und Drogen.

Teddy Daniels kann Solandos kryptische »Abschiedsbotschaft« entschlüsseln: Im streng abgeschirmten Hospitalblock C, in dem die besonders gefährlichen und unheilbaren Fälle leben, gibt es demnach einen Patienten Nr. 67, der nirgendwo registriert ist. Er scheint im Zentrum der mysteriösen Umtriebe auf Shutter Island zu stehen.

Gegen den zunehmend offener werdenden Widerstand von Ärzten und Pflegern und unter dem Eindruck einer anonymen Bedrohung aus dem Hintergrund arbeiten Daniels und Aule fieberhaft an der Lösung des Rätsels. Es bleibt ihnen ohnehin nichts anderes übrig, denn Shutter Island wird durch einen Furcht erregenden Sturm vom Festland abgeschnitten; auch das Telefon ist tot. Dann mehren sich die Zeichen, dass Daniels absichtlich auf die Insel gelockt wurde, denn auch er hütet einige Geheimnisse, die er sorgfältig vor seinem Partner verbirgt und die direkt mit den Ereignissen im und um das Ashecliffe-Hospital verknüpft sind. Aber auch Aule ist nicht der Mann, der zu sein er vorgibt, so dass Daniels schließlich ganz allein steht, während seine Gegner schon die Lobotomiemesser wetzen …

Wer ist »verrückt«, wer »normal«?

Der deutsche Film »Das Kabinett des Dr. Caligari«, entstanden 1919, gilt als Meisterwerk des Kinos. Hier seine Geschichte zu erzählen hieße die Lösung des Shutter-Island-Mysteriums zu verraten, was auf keinen Fall geschehen soll, obwohl kritische Stimmen behaupten, der kundige Leser wisse schon nach wenigen Seiten, in welche Richtung der Hase laufen werde. Dem mag so sein, muss aber nicht. Was zählt ist die erzählerische Handwerkskunst, mit der Dennis Lehane so direkt wie bisher noch nie in der Hirn der Dunkelheit vorstößt und eine Stimmung präsenter, aber nie fassbarer Bedrohung schafft.

Wer ist wer auf Shutter Island? Niemand, wie sich herausstellt. Die Kulisse ist erschreckend genug: Auf einer einsamen Insel steht ein Irrenhaus – so muss man es wohl bezeichnen -, erbaut auf den Ruinen einer uralten Festung. Unterirdische Gänge und Höhlen verwandeln das Eiland in ein Labyrinth. Auf einem unheimlichen Friedhof liegt manches Geheimnis gut begraben. Codierte Botschaften künden Furchtbares an. Ein Leuchtturm verbirgt in seinem Inneren Grausiges. Furcht- und hirnlose Supersoldaten warten auf ihren Einsatz. Der Ort ist bizarr, das Geschehen wird immer unwirklicher – beides hat seine Gründe, die sich dem Leser allmählich enthüllen. Die bis ins Klischee überdrehten Elemente des klassischen Gruselfilms haben ihre feste Funktion in dieser Geschichte. Abgesehen davon sind sie zeitlos. Hetzjagd im Irrenhaus auf einer Insel im Hurrikan – unverfrorener geht es nicht mehr, aber es wirkt, so wie es Lehane erzählt. Dazu trägt neben seiner Wortgewandtheit auch die leise Ironie mit, die immer wieder erkennen lässt, dass der Verfasser sehr wohl um die Absurdität dessen weiß, was er uns da vorsetzt.

Aus Klischees werden Thriller-Bausteine

Selbst wenn man ahnt, was auf Shutter Island geschieht, steigt die geschickt geschürte Spannung stetig. Lehane beherrscht wie gesagt sein Handwerk. Es ist deshalb nicht ihm vorzuwerfen, dass die Auflösung des Plots dem Weg dorthin nicht standhalten kann. Begeht man den Fehler, über den schließlich aufgedeckten bösen Plan nachzudenken, fallen einem sofort die gewaltigen logischen Lücken und seine Abhängigkeit von unwahrscheinlichen Zufällen ein, die ihn als reines Konstrukt eines Unterhaltungsromans entlarven.

Dennoch funktioniert das Finale im Rahmen seiner Story. Wir sind freundlich gestimmt, nachdem Autor Lehane uns über mehr als 300 Seiten vorzüglich an der Nase herumgeführt hat. So leicht wie dieses Buch lesen sich nur wenige der Thriller, die derzeit die Bestsellerlisten blockieren. Im Vergleich zu Lehanes Kenzie & Gennaro-Romanen (s. u.) ist »Shutter Island« leichte Kost – aber sehr bekömmliche!

»Normal« und »geisteskrank« sind nicht unbedingt fest definierte Diagnosen. Der Maßstab für das eine sowie für das andere kann ganz erheblich schwanken, so macht es Dr. Cawley Teddy Daniels in einer der vielen eindrucksvollen Passagen dieses Romans beängstigend deutlich. Das Fundament, auf dem sich die mentale Gesundheit gründet, steht auf schwankendem Boden. Wie man ihn stabilisiert, darüber sind sich die Spezialisten keineswegs einig. Auf Shutter Island werden in dieser Hinsicht neue Wege beschritten – aber sind es auch die richtigen?

Die »Behandlung« von Geisteskranken beschränkte sich über viele Jahrhunderte darin, sie sorgfältig wegzuschließen und ruhig zu stellen. Dafür bediente man sich durchaus barbarischer Methoden. Die Angst davor und die kollektive Erinnerung daran haben uns noch heute nicht verlassen. Ashcliffe Hospital ist ein örtlich verlagertes Bedlam, in dem die realen Irren von London seit 1547 ihr elendes Dasein fristeten, ein literarisches Pendant zum Arkham Asylum, hinter dessen dicken Mauern der Joker und andere von Batman ausgeschaltete Psychopathen verschwinden.

Wahnsinn als einzige zuverlässige Konstante

So lässt die finstere Präsenz dieses Ortes auch einen kriminalistischen Profi wie Teddy Daniels nicht unberührt, obwohl er sich betont lässig gibt. Der erfolgreiche Polizist ist durch private Schwierigkeiten aus dem seelischen Gleichgewicht; seine Frau wurde Opfer eines Verbrechens, der Witwer ist latent selbstmordgefährdet. Da kommt ihm viel Arbeit gerade recht. Was Daniels auf Shutter Island erlebt, weckt seine inneren Dämonen indes erst richtig.

Dr. Cawley, der Anstaltsdirektor, die anderen Ärzte und Pfleger: Sie alle spielen Rollen. Als ihnen dies zu misslingen droht, werden sie zur Bedrohung. Chuck Aule wirkt lange als Ruhepunkt im Sturm. Allerdings könnte der gute Freund durchaus ein Spitzel sein, der ihn im Auftrag Cawleys beobachtet und manipuliert. Daniels hat Recht – und er irrt sich. Die Zwiespältigkeit, mit der jede Figur auftritt, ist nicht nur ein Spannung schürendes, sondern wiederum ein integrales Element der Handlung, die sonst nicht funktionieren könnte. So setzt sich auch in der Figurenzeichnung die angenehme Ungewissheit fort, mit der Lehane sein Publikum bei der Stange hält.

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tassieteufel zu »Dennis Lehane: Shutter Island« 09.02.2012
1954 wird US Marshal Edward „Teddy“ Daniels mit seinem neuen Partner Chuck Aule nach Shutter Island vor Boston beordert, wo eine Patientin aus einem Hochsicherheitstrakt für geistesgestörte Verbrecher entfliehen konnte. Erste Untersuchungen ergeben, dass Rachel Solando, die Patientin, nicht aus eigener Kraft hätte fliehen können und Verdächtigungen greifen um sich. Sowohl Ärzte als auch einige Patienten verhalten sich merkwürdig und die US-MArshals, wie auch den leser beschleicht das Gefühl, das hier irgendetwas nicht stimmt und verheimlicht wird. Dann zieht ein Hurrikane auf und isoliert die ohnehin schwer zugängliche Insel völlig vom Festland.
Beste Voraussetzungen für einen spannenden Thriller also, doch was Autor Dennis Lehane draus macht ist viel mehr. Ein beklemmendes Kammerspiel vor der beeindruckenden Kulisse eines Hurrikans, mit dem Personal eines Irrenhauses versehen, aus diesen Zutaten entsteht ein verwirrendes Katz und Mausspiel, bei dem jeder sein eigenes Spiel zu spielen scheint und keiner wirklich das ist, was er vorgibt zu sein und nicht nur Teddy Daniels fürchtet um seinen Geisteszustand. Lange ist hier für den Leser nicht abzusehen, wohin das alles steuert und am Ende bekommt man eine Lösung präsentiert, die kaum vorherzusehen war, aber in ihrer Komplexität besticht und das bis dahin gelesene in einem völlig neuen Licht erscheinen läßt.
Die Spannung ist hier von Anfang bis Ende durchgängig hoch, einmal angefangen mit lesen, fällt es schwer das Buch aus der Hand zu legen. Die düstere Atmosphäre die sich von Beginn an aufbaut und das ungewöhnliche Setting bescheren ein beeindruckendes Lesevergnügen mit Gänsehauteffekt!

Fazit: ein wirklich grandioses Buch, das mich noch tagelang beschäftigt hat, Spannung pur!
Slucide zu »Dennis Lehane: Shutter Island« 26.07.2011
@Beaz, was bist du denn für ein arroganter Besserwisser und woher nimmst du dir die Frechheit die Interpretation anderer so dermaßen anzugreifen?
Wenn du den Autor wirklich für so genial hälst, wieso meinst du dass gerade deine Interpretation, die so ziemlich jeder genauso sieht, richtig ist?
Spricht es nicht eher für die Genialität des Buches, dass man eben NICHT genau eindeutig sagen kann, ob der Marshall nun verrückt ist oder nicht?
Somit ist es viel plausibler, dass es so aussehen soll als wäre er schon längst ein Patient, in Wirklichkeit ist er aber von Anfang an klar bei Verstand.
Die meisten und das möchte ich nochmals betonen: Die meisten Leute begreifen nicht, dass die letzte Szene im Leuchtturm ein Traum ist und fangen wie du mit Vermutungen an wie: "Oh, wie konnten sie bloß wissen was er ständig träumt?"
Ich rate dir den Film das 7. Mal anzusehen, da du scheinbar nicht so intelligent zugesehen hast, wie du eigentlich meinst.
Und diesmal solltest du dir überlegen, ob alles was dort gezeigt wird auch immer real scheint oder ein Traum vom Marshall ist?Mal ganz ehrlich, ich finde es etwas traurig dass die meisten Leute einfach nur das sehen, was der Regisseur versucht einem vorzugaukeln.
Jeder mit sehr wenig Verstand wird in den Film reingehen und das wiedergeben und glauben was er gesehen hat: Er war längst ein Patient.Genau dieses Fazit vieler Zuschauer zeigt, wie genial und doch so irreführend dieser Film geworden ist.
Die Wärter haben es nicht nur geschafft dem Marshall seine psychische Instabilität einzureden, sondern auch die Zuschauer dazu gebracht es zu glauben.
Und genau da trennen sich die normalen Zuschauer von den wirklich Intelligenten.
Man sollte den Film nicht nur schauen, man sollte seine Warnehmung schärfen und erkennen, wie eigenartig jeder einzelne Satz der Wärter ist. Wie einige Szenen nur geträumt wurden(was viele Zuschauer als real empfanden) und wie erschreckend es ist, wie man einem Menschen psychische Instabilität einflösen kann.Denkt mal drüber nach
Lilli zu »Dennis Lehane: Shutter Island« 24.10.2010
Meiner Meinung nach ein sehr gutes Buch! Ich habe den Film nicht gesehen und zuerst das Buch gelesen bevor ich mir noch den Film anschauen werde. Daß der Film dem Buch nicht gerecht werden kann steht schon mal fest, aber das ist ja meistens so. Ich fand das Buch wirklich klasse und lesenswert, ich war hin und her gerissen und bin nicht so schnell dahinter gekommen was eigentlich wirklich los ist. Erst ziemlich spät wird man stutzig und fängt zu überlegen an, vorausgesetzt man kennt weder den Film noch die Geschichte. Auch die Schreibweise von Dennis Lehane hat mir sehr gut gefallen, das Buch lies sich flüssig lesen und es war sicher nicht das letzte welches ich von diesem Autor lesen werde!
Beaz zu »Dennis Lehane: Shutter Island« 09.08.2010
@Jackson:

Nein, du bist nicht der einzige, der den Film verstanden hat - du gehörst vielmehr zum unerfahrenen, "verblödeten" Mainstream-Publikum, das die inhaltliche Dimension dieses Meisterwerks nichtmal im Ansatz erfasst hat. Tut mir leid, dass ich das so hart formulieren muss, aber was anderes bleibt mir ja gar nicht übrig. Es ist eine Sache, den Film nicht zu verstehen, aber eine völlig andere dann die Dreistigkeit zu besitzen, derartigen Nonsens hier zu postulieren und vollkommen am Thema vorbeizuschreiben mit einer Selbstsicherheit, die vollkommen fehl am Platz ist - das ist eine Frechheit.

Um diese Frechheit zu tilgen, möchte ich meine Interpretation dieses Filmes hier veröffentlichen, es kann ja sein, dass der ein oder andere sich auch belehren lässt...

Es gibt schon hinreichende Indizien, an denen man erkennen kann, dass Teddy tatsächlich paranoid ist und er in seiner scheinwelt lebt.
Dr. Cawley schildert ihm am Ende ja exakt seinen Traum, dass ein Mädchen ihm erscheint und sagt "du hättest mich retten können" etc. Selbst wenn sie ihn unter Medikamente gesetzt hätten, was ja deiner Argumentation zufolge zwingend erschiene, wäre es nich möglich jemanden so zu manipulieren, dass er genau das träumt - und von seinen Erscheinungen hat er im gesamten Film niemandem erzählt.

…und auch die Sache mit Rachel Solando - in seiner Vorstellung trifft er sie ja in der Höhle. Sie sagt, dass sie bereits seit einem Jahr oder so (kann mich nicht mehr genau daran erinnern) unterwegs ist und ihren Standort fortlaufend variiert. Wieso sollten Cawley etc erst jetzt nach einem Jahr die US Marshalls rufen, wenn sie anscheinend ja schon längere Zeit fort ist? Ist ja nicht so, dass sie keine Gefahr für die Anstalt darstellen würde.
Übrigens ist eine genauere Analyse von eben dieser Szene auch sehr aufschlussreich wie ich finde. Ich hab den Film jetz schon bestimmt 6 mal gesehen, deswegen ist mir das aufgefallen. Als sie in der Höhle sind und sie sprechen, geht der Blickpunkt immer wieder von Teddy zu Rachel, die Kamera is dabei so justiert, dass die Lagerfeuerflamme jeweils die Hälfte des Gesichts bedeckt bzw. bis zur Nase aufflackert. Bei Scorsese ist das sicherlich kein Zufall. Ich würde das eben so deuten, dass Teddy sich hier selbst reflektiert - er spricht ja de Facto auch mit sich selbst, da er sich Rachel nur in seinen Gedanken in die Höhle projeziert. Und überhaupt? Wie hätte sie denn überhaupt solange überleben können? Wovon hätte sie sich ernähren sollen? Von Ratten ?

Der Punkt der mich im Film auch nochmal genauer nachdenken hat lassen ist die Unterredung mit Noyce. Gut, dass er sagt blablabla sie spielen mit dir und "you're a rat in a maze" etc was btw im englischen Original 10 mal besser kommt als in der deutschen Sync is einfach von der Hand zu weisen, da es auch in meine Interpretation passt. Natürlich spielen sie mit ihm - sie gehen auf seine Wahnvorstellungen ein. Aber dann die Tatsache, dass Noyce ebenfalls vom Leuchtturm spricht, hat mich nachdenken lassen. Ich bin jetzt letztendlich zum Schluss gekommen, dass im Leuchtturm tatsächlich Nazi-Experimente stattfinden. Dafür gibt es, wenn man mal genauer grübelt, auch eindeutige Hinweise. Ich mein, alleine die letzte Einstellung also nach dem Twist: die Kamera schwenkt erst zu dem Wärter der irgendwas in der Hand unter dem Tuch versteckt hält und dann zum Leuchtturm - wird hier ja recht eindeutig indiziert, dass da was nich stimmt. Genauso die Tatsache, dass Dr. Naehring ein ehemaliger Nazidoc ist passt ja perfekt. Und wenn man dann noch etwas tiefer bohrt und sich mit den Darstellern befasst, erscheint es wohl recht offensichtlich in meinen augen. Max von Sydow is dafür prädestiniert, Nazis zu spielen, Lynch (im Film der Vizedirex McPherson) war in Zodiac der Hauptverdächtige, Levine (direx von SI) war in Schweigen der Lämmer Buffalo Bill ... Scorsese hat die Figuren von der Anstalt Shutter Island bewusst mit Schauspielern besetzt, die vorzüglich Serienmörder gespielt haben.

Weiterer Verweis wäre noch gleich zu Beginn des Films, als Teddy von dem Brand redet … er sagt, dass 4 Leute dabei starben, obwohl er nur darauf verweist, dass seine Frau beim Feuer umkam. Implizit steckt aber auch schon hier der Tod der 3 Kinder mit drin – heißt unterbewusst ist ihm schon irgendwie klar, dass die auch umgekommen sind auch wenn er es nicht wahrhaben will…

Auch die Büste, die während dem Donner anvisiert wird: man sieht die Panfigur … Teddys Wahnsinn wird mit einer Figur von der griechischen Mythologie verglichen, was ganz hervorragend passt (Pan verliebt sich in irgendeine Nymphe, die seine liebe nicht erwiedert – er verfällt in größte Depression und schwört der Liebe ein für allemal ab: Parallelen zu Teddys Geschichte sind eindeutig oder?…)

Eine Sache gibt es allerdings noch wo ich unschlüssig bin - Teddys Pflaster. Trägt er ja den ganzen Film über. Möglichkeit 1: rührt von seinem Kampf mit Noyce her. Möglichkeit 2: Lobotomie.
Tendenziell würde ich sagen 1 erscheint mir plausibler, es wäre aber auch denkbar, dass er schon operiert wurde. Ich mein Cawley erzählt ihm ja, dass sie vor Monaten schon mal so weit waren, dass er sich seine Paranoia eingestanden hat und dann ein Rückfall erlitten habe. Könnte mir vorstellen, dass er damals bereits operiert wurde...

Aber genau diese Verwirrung wollte Scorsese ja. Deswegen ist der Film ja ein Meisterwerk, zumindest in meinen Augen. Der Zuschauer wird dazu angerregt, sich das ganze nochmal durch den Kopf gehen zu lassen. Es geht ihm allerdings eher nicht um den Twist. Da gibt es während dem Film wirklich eindeutige Hinweise (das Kind, das ihm erscheint; Chuck bekommt am Anfang seine Waffe nicht weg – Indiz dafür, dass er eben kein Marschall ist; der Direktor, der ihm im Jeep sagt sie kennen sich schon länger als er denkt etc.).
Es geht ihm vielhmehr um die Katharsis, um den Leidensweg von Teddy. Der Film an und für sich ist ja ein Portrait des Wahnsinns, derart kraftvoll bebildert jedoch keineswegs unauthentisch. Allein die erste Vision mit dem Ascheregen auf ihn und seine Frau ist optisch und auch durch den brillianten Soundtrack ein Genuss.

Bleibt noch der letzte Satz.
“Which would be worse, to live as a monster or to die as a good man?”
… mögliche Interpretation (halte ich für die einzig plausible) … Teddy ist nun tatsächlich geheilt… er ist nicht mehr verrückt, er hat seinen Wahnsinn überwunden … nun täuscht er aber einen Rückfall vor, da er die Insel ja nicht verlassen kann – auch wenn er geheilt ist ... tut ja nichts zur Sache, er hat seine Frau auf dem Gewissen. Deswegen akzeptiert er seinen Tod (-> Lobotomie) anstatt als Monster (wohl metaphorisch für Gefangener) weiterzuleben. Sehr vielschichtig der Satz… (Wie man auf die völlig irrsinnige Idee kommt, dass er die Klippen runterspringen will, bleibt mir ein Rätsel.)

Natürlich kann man sagen, dass eben die surrealen Momente im Mittelteil kryptisch wirken und ein wenig lapidar, aber die Auflösung rechtfertigt dies vollkommen. Übrigens genauso wie die schauspielerischen Leistungen nahezu aller Beteiligten. Ich mein über Leos Performance muss ich gar nich erst reden - das war ja gigantisch – schade, dass er für die Oscars 2011 wohl nicht mehr berücksichtigt wird. Aber genauso seine kollegen, die während des Films noch so scheinen als würden sie grandios an die Wand gespielt von Leo bieten rückblickend gesagt jeder für sich hervorragende, akzentreiche Auftritte - besonders Kingsley.

Witzig ist auch, dass Scorsese mal wieder alle gefickt hat. Sieht man den Trailer, erwartet man einen obskuren Horrorfilm mit vielen Schockmomenten.
Naja, was geblieben ist, ist ein melancholischer Psychothriller, der sich glaubwürdig und ohne billige Effekthascherei in die tiefsten Tiefen des menschlichen Verstandes bohrt.

Was für eine Vision! Was für ein Film!
Danke Herr Lehane für einen derart gewaltigen, dichten, hervorragenden Plot, der in dieser Form die letzten Jahre beispiellos ist.
1 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Kom_Ombo zu »Dennis Lehane: Shutter Island« 17.05.2010
Schwer, die Wertung für dieses Buch abzugeben, weil mich vieles an etwas erinnert, was ich schon einmal gesehen habe (im TV) - nicht im Kino. :-)

Die letzten Seiten musste ich zweimal lesen, um deren Bedeutung zu verstehen und glaube, den Schlüssel dafür nunmehr in den Händen zu halten.

Im Allgemeinen lässt sich dieses Buch sehr flüssig lesen und hält einen zudem in seinem Bann. Es fesselt und lässt einen Seite für Seite hoffen, dem ganzen Geschehen auf Shutter Island endlich auf die Spur zu kommen.

Trotzdem fällt meine Wertung nicht 100%ig aus, da ich in vielen Szenen eben ein Wiedererkennen hatte und mich die Story eben nicht ganz überraschte und überzeugte.
Jackson zu »Dennis Lehane: Shutter Island« 15.05.2010
Leute, ich habe eine Frage:
Ist es nicht so, dass Teddy, nachdem er im Leuchtturm bewusstlos wurde und wieder aufwacht, immernoch weiß, dass ihn alle verarschen wollen? Deshalb spielt er dieses Spielchen mit. Deshalb beantwortet er die Fragen des Glatzkopps so, dass dieser denkt: Teddy glaubt endlich alles (also dass er seine Frau getötet hat usw..). ABER DAS STIMMT JA NICHT !! Und das weiß Teddy auch, er spielt also diese Rolle. So!

Ein Beweis dafür: am letzten Tag sitzt er mit Chuck auf der Treppe, da spricht er so, als wären die beiden immernoch Kollegen. Das tut er nicht, weil die Medikamente nichts gebracht haben, und er jetzt den Eispickel ins Gehirn gerammt bekommen muss. Sondern: um denen, die den Film schauen, überhaupt klar zu machen, dass er noch bei Verstand ist.
Und genau deshalb sagt er auch: besser ist es als guter Mensch zu sterben als wie ein Monster zu leben (so ähnlich). Das bedeutet: er will kein Monster sein; will also nicht, dass er "behandelt" wird.
Dann geht er mit, und bringt sich um, indem er die Klippen herunter springt. Das zeigen die ja nicht ;)

Also wenn das stimmt, dann ist der Film wirklich geil. Was meint ihr?

Bin ich der einzige, der den Film verstanden hat? :P
0 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Semy zu »Dennis Lehane: Shutter Island« 09.03.2010
Ich hab weniger ein Kommentar zu dem (meiner Meinung nach) tollem Film, Shutter Island, und sicherlich guten Buch, sondern vielmehr eine Frage...

Ich begebe mich immerwieder auf die Suche nach richtig guten Physcho-Trillern und änlichen Büchern, die die spannung bis zum schluss halten, und man lange oft nicht wirklich weiß, was los ist. Da ich sehr gerne und viel lese.

Bei dem Versuch, stoße ich jedoch leider immer wieder auf "getarnte Krimis" und andere Mordgeschichten, weil ich mich expliziet nicht wirklich mit den Autoren und den Büchern auskenne.

Kann mir jemand eventuell eine gute Empfehlung mit ganz kurzer Inhaltsangabe schreiben, dass ich die Freude mal wieder an einem RICHITG GUTEN BUCH finden kann?

Ich bedanke mich schon mal im Vorraus, fals sich jemand die Mühe macht, und sich mit meinem kleinen Problem auseinander setzt :-)

Grüße Semy
Kasia zu »Dennis Lehane: Shutter Island« 21.02.2010
Ich hab jetzt auf die Schnelle das Buch "Shutter Island" gelesen, welches schon seit Jahren in meinem Bücherschrank steht, da nächste Woche der Film in die Kinos kommt und ich ihn gerne sehen wollte ...

Ich habe "Shutter Island" vor 2 Tagen ausgelesen und es hängt mir heute noch nach.

Ich muss zugeben, dass die Geschichte eine der Besten ist, die mir in den letzten Monaten untergekommen sind.
Ich habe vorher nichts von Dennis Lehane gelesen und wusste auch gar nichts mit dem Namen anzufangen.
Jetzt weiß ich, dass der Name Lehane, zumindest im Bezug auf "Shutter Island", absolute Spannung verspricht und den Leser total in seinen Bann zieht.
Nach mir hat meine Freundin das Buch ebenfalls bereits ausgelesen und wir stehen beide noch ein wenig unter Schock.

Ein absolutes MUSS für jeden, der eine gute Geschichte möchte, eine sehr realistische Atmosphäre, eine ungeheure Spannung und alles, was zu einem guten Buch dazu gehört.
97°!
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Bibliophagos zu »Dennis Lehane: Shutter Island« 30.09.2009
Die ersten 110 Seiten+- versprachen ein spannendes Buch: Rätselhaftigkeiten und Unerklärlichkeiten luden zum Weiterlesen ein. Allerdings wird die Story mehr und mehr zum LSD-Trip, der so undurchdringlich wird wie ein tropischer Dschungel.
D.L. hat sehr gute Bücher geschrieben, dieses Buch hier ist leider ein Griff ins Leere.
Wertung: 50 Grad. Besser sich einer anderen Lektüre widmen.
Alexander zu »Dennis Lehane: Shutter Island« 06.09.2009
Das Buch hatte ein interessantes Thema, lies sich gut lesen und war auch sehr wendungsreich. Positiv anzumerken ist auch, dass der Autor hier auch mal etwas anderes ausprobiert hat. Damit meine ich, dass er sich in einem anderem Subgenre der Spannungsliteratur versucht, die Handlung in den Fünfzigern angesiedelt und als Handlungsort eine Insel vor Boston und nicht den Großraum Boston gewählt hat. Doch beim Lesen des Buches konnte ich mich des Eindruckes nicht erwehren, dass der Roman gezielt für eine Verfilmung geschrieben wurde und ich fand ihn auch nicht so gut wie Kenzie & Gennaroabenteuer. Ich würde ihn daher mir 55 Grad bewerten. Und apropos Verfilmung. Am 8.10. läuft ja dieselbige in Deutschland an. Ich bin ja mal gespannt, ob sie ebenso gut wird wie die beiden anderen Lehaneverfilmungen. Mr. Le-
hane hat es dem oder den Drehbuchautoren ja ziemlich leicht gemacht. (Falls er es nicht selber geschrieben oder an ihm mitgeschrieben hat.)

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