Suizid von Dean Koontz

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2017 unter dem Titel The silent corner, deutsche Ausgabe erstmals 2018 bei HarperCollins.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 2010 - heute.
Folge 1 der Jane-Hawk-Serie.

  • New York: Bantam, 2017 unter dem Titel The silent corner. 425 Seiten.
  • Hamburg: HarperCollins, 2018. Übersetzt von Wulf Bergner. ISBN: 978-3959671781. 512 Seiten.

'Suizid' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Der rätselhafte Selbstmord ihres Mannes ist nur der Anfang eines grauenvollen Alptraumes: Auf der Suche nach einer Erklärung für seinen Tod entdeckt FBI-Agentin Jane Hawk einen landesweiten Anstieg unerklärlicher Suizide. Als sie der Spur weiter folgt, erhält sie eine unmissverständliche Warnung: Ein Unbekannter dringt in ihr Haus ein und bedroht ihren Sohn. Jemand Mächtiges scheint dahinter zu stecken. Jane weiß nicht mehr, wem sie noch trauen kann. Sie geht in den Untergrund. Getrieben von dem Willen, ihre Familie zu schützen und den Tod ihres Mannes zu rächen, macht sie die Jäger zu Gejagten.

Das meint Krimi-Couch.de: Träger von Neuroprothese auf Suizid programmiert 86°Treffer

Krimi-Rezension von Almut Oetjen

Nach dem Abschluss seiner achtteiligen Serie über Odd Thomas veröffentlichte Dean Koontz 2015 mit Ashley Bell ein Murder Mystery, in dem die Hauptfigur ihre kaputte private Welt wieder zusammensetzen muss. In diesem Roman ist Moral wichtiger als Action.

Eine Weiterentwicklung legt er jetzt vor mit der Trilogie über die FBI-Mitarbeiterin Jane Hawk. Der erste Band, The Silent Corner, ist unter dem Titel Suizid in deutscher Übersetzung erschienen, der zweite, The Whispering Room, seit November 2017 im Original erhältlich, der dritte, The Crooked Staircase, für 2018 in den USA angekündigt.

Agent Jane Hawk vom FBI untersucht eine Reihe seltsamer Suizide. Ihr Ehemann Nick, ein hochdekorierter Marine, hat sich vor vier Monaten das Leben genommen. Jane entdeckt Verbindungen zwischen den Suiziden, die durch nanotechnologische Hirnimplantate ausgelöst wurden. Ihre Untersuchungen führen sie durch Kalifornien und in das Gefilde der Biotechnologie. Als sie und ihr fünfjähriger Sohn Travis von Drohnen überwacht und bedroht werden, bringt sie ihn bei Freunden unter und verschwindet vom Radar, verwendet Gebrauchtwagen und Wegwerf-Handys.

Hirnimplantate werden auch bei Prostituierten eingesetzt

Der verrückte Wissenschaftler Bertold Shenneck gerät in den Fokus ihrer verdeckt geführten Untersuchungen. Die von Shenneck entwickelten Implantate werden auch verwendet, um die Prostituierten in einem Bordell zu kontrollieren. Unterstützung erhält Jane von Dougal Trahern, einem ehemaligen Mitglied der Special Forces, der herausfinden will, was es mit dem Suizid seiner Halbschwester auf sich hat.

Special Agent Jane Hawk ist die beste Absolventin ihres Jahrgangs in Quantico, nur zwei Männer lagen vor ihr in der Endbewertung. Sie ist 27 Jahre alt, hat meist blonde Haare, liebt Mozart, Elton John und Fats Domino. Ihre bevorzugten Getränke sind schwarzer Kaffee sowie Wodka mit Cola und Eis. Ihr Liebling ist eine automatische Waffe, die Heckler & Koch Combat Competition Mark 23, Kaliber .45 ACP. Sie kann aber auch mit nahezu jeder anderen Waffe umgehen.

Sobald sie das Gefühl hat, beobachtet zu werden, wechselt sie das Fahrzeug. Einmal verwendet Jane einen Gurkha RPV von Terradyne, so etwas wie einen kleinen Panzer im SUV-Design. Janes Mutter wurde ermordet, ihrem Vater, einem Konzertpianisten, ist sie entfremdet. Jane reiht sich ein in die Gruppe weiblicher Koontz-Protagonisten, die aus einem problematischen Elternhaus kommen und als Mutter alleinerziehend sind.

Wer Dean Koontz im Original liest, stellt bald fest, dass er einen überproportional großen Wortschatz verwendet, Neologismen bildet und Begriffe in Bedeutungszusammenhänge überträgt, in denen sie eher ungebräuchlich, nichtsdestoweniger aber plausibel sind. Gelegentlich, oder sollte es heißen: häufiger, schreibt er über Natur und Tiere. Diese Ausführungen muten wie Exkurse an, deren Sinn hinterfragt werden kann. Findet dieses Hinterfragen statt, zeigt sich, dass diese Ausführungen einen unmittelbaren inhaltlichen Kontext aufweisen. So beschreibt Koontz nicht unbedingt eine Handlung in ihrer Bedrohlichkeit, sondern lagert die Stimmungsgestaltung aus in eine kurze Umweltbeschreibung der Szene.

Bei der Gestaltung von Szenen arbeitet er bisweilen mit Kombinationen aus altmodischen und hippen Elementen. So trägt Kipp Garner in Suizid Sneakers von Louis Leeman, die hierzulande vielleicht nicht so bekannt sind. Weitere modische Marker sind eine Jeans und ein T-Shirt von NSF Clothing, als Uhr eine Hublot Big Bang von Tourbillon, deren sechsstelliger Euro-Preis nicht genannt wird, den Träger aber gleichwohl pointiert definiert. Mädchen tragen preisgünstige Yoga-Bekleidung von Lululemon. Natürlich kommt die Action bei Koontz auch nicht zu kurz.

Wenn es die Technologie schon gibt, reden wir nicht mehr von Science Fiction

Tesla-CEO Elon Musk hat im Juli 2016 mit acht weiteren Personen das Unternehmen Neuralink gegründet, dessen Zielsetzung darin besteht, eine Schnittstelle (neural lace) zu entwickeln, die es erlaubt, das menschliche Gehirn mithilfe einer invasiven Neuroprothese direkt mit einem Computer zu verbinden. Dieses Faktum erschwert die Entscheidung, ob es sich bei der ähnlichen Technologie, die Dean Koontz in Suizid verwendet, noch um Science Fiction mit Zukunftsmusik handelt. Wie sieht es mit dem Zeithorizont in der Science Fiction aus, wenn es schon um Technologien geht, die keine Phantasieprodukte (mehr) sind? Gehen wir also davon aus, dass die Technologie in Teilen existiert, mithin gleichsam vor der Tür steht, und behandeln Suizid als einen reinen Kriminalroman.

Thema der Kriminalhandlung ist ein Konflikt, der aufgebaut wird um eine neue Technologie, deren Segnungen ständig kolportiert werden, deren Bedrohungspotenzial jedoch nicht öffentlich diskutiert wird. Das Grauen, welches Jane in diesem Buch aufdeckt, ist eine Welt der neuronalen Implantate und der Gedankenkontrolle, betrieben von einer machtgierigen Organisation. Die via Hirnimplantat kontrollierten Menschen werden Rayshaws genannt, in Anlehnung an den Namen des konditionierten Soldaten Raymond Shaw aus John Frankenheimers Film Botschafter der Angst (The Manchurian Candidate, 1962).

Namenlose Gruppe übler Antagonisten betreibt eine Verschwörung zum Schaden der Menschheit

»Suizid« ist kein Horror-Roman, es gibt keine übernatürlichen Erscheinungen, auch keinen Golden Retriever, der sich zwischen den Welten bewegen kann. Aber, nicht unbekannt im Werk von Koontz: eine namenlose und gesichtslose Gruppe übler Antagonisten betreibt eine Verschwörung zum Schaden der Menschheit. Der Anführer dieser Gruppe ist ein Soziopath, der kaum über wahrnehmbare menschliche Qualitäten verfügt.

Diese Qualität antagonistischer Figuren hat bei Koontz eine lange Tradition und ist beinahe eine Konstante seines Werks; genannt seien beispielhaft: Vince Nasco in Brandzeichen (1988), Thomas Shaddack in Mitternacht (1990), Vassago in Das Versteck (1993), Bryan Drackman in Drachentränen (1995), Edgler Foreman Vess aus Intensity (1997), Junior Cain in Der Geblendete (2002), Preston Maddoc in Bote der Nacht (2003), Vladimir Corky Laputa in Der Wächter (2005), Valis in Irrsinn (2007), Krait in Blutvertrag (2010), Shearman Waxx in Blindwütig (2010) und Alton Turner Blackwood in Der Rabenmann (2011).

»Suizid« ist einer der in jüngerer Zeit erscheinenden Romane, die von der Vorstellung ausgehen, dass wir uns in eine Welt hineinentwickeln, die wir nicht kommen sehen, obwohl wir dazu in der Lage wären. Die dunklen Anwendungsbereiche neuer Technologien sind in ihrer Qualität, soweit antizipierbar, etwas, das mit erheblichem Aufwand verharmlost wird. Angesichts der in diesen Büchern verhandelten Themen bietet es sich an, einmal intensiver über den Begriff der digital natives nachzudenken.

Während Neuralink als ein Projekt des Posthumanismus die üblichen Kategorien bedient, darunter die technologische Verbesserung des Menschen und, natürlich, die Heilung schwerer Hirnerkrankungen, sieht die Sache bei Dean Koontz, man möchte sagen naturgemäß, ganz anders aus. Suizid endet mit einem Cliffhanger, weil in diesem Jahr eine Fortsetzung erscheinen soll. Die Produzenten der Amazon Serie Mr. Robot wollen den Stoff für Paramount verfilmen.

Almut Oetjen, Februar 2018

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Krimisofa.com zu »Dean Koontz: Suizid« 22.03.2018
Einzelbewertung:

Plot: 4/5
Atmosphäre: 5/5
Charaktere: 3/5
Spannung: 5/5
Showdown: 4/5

Dean Koontz‘ Bücher sind einzigartig. Kaum fängt man an, sie zu lesen, will man nicht mehr aufhören. Mein erster Koontz war „Irrsinn“ und ab dann habe ich diesen rasanten Schreibstil geliebt; es folgten etliche andere, die meisten davon mit einem Insekt am Cover. Mein letztes war „Frankenstein – Das Gesicht“, welches mich gar nicht begeistert hat, weshalb ich danach eine Koontz-Pause eingelegt habe, die nach sechs Jahren nun mit „Suizid“ sein Ende gefunden hat - und ich bereue nichts.

Jane Hawk ist Ende 20, bildhübsch, und toughe FBI-Agentin. Sie liebt ihren Sohn Trevor über alles; bevor er stirbt, würde lieber sie sterben wollen. Während sie quer durch die USA tingelt, passen gute Freunde von ihr auf Trevor auf, denn sie kann ihn nicht auf ihre Mission mitnehmen, auch wenn sie das am liebsten tun würde. Jane schläft in Motels, am besten alle zwei Tage in einem anderen, weil die Gefahr besteht, dass ihre Widersacher sie ausfindig machen könnten. Wobei schlafen bei ihr ohnehin ein relativer Begriff ist, denn sie schläft nicht viel, auch wenn sie das zu Fehlern verleitet, weshalb sie sich zeitweise mit Alkohol zum schlafen zwingen muss. Der Charakter von Jane ist unnahbar, nicht wirklich greifbar und weder sympathisch, noch unsympathisch. Fast wirkt Jane wie ein seelen- und gefühlloser Android, was perfekt zur Atmosphäre passt.

„Suizid“ ist der erste Teil der Jane-Hawk-Reihe und ab der ersten Seite ist man in der Geschichte drin. Den Selbstmord von Nick bekommt man als Leser nicht mit, da die Geschichte einige Monate danach beginnt; man bekommt ihn aber nacherzählt. Ab der ersten Seite umgibt einem eine Atmosphäre, an die man sich erst gewöhnen muss, denn sie ist nicht nur dicht, sondern auch verdammt düster, sodass sie einen bedrückt. Die Atmosphäre würde eher zu einem männlichen Protagonisten passen, aber Jane steht sie mindestens genau so gut, denn sie agiert nicht wirklich weiblich – fast hat man das Gefühl, Koontz hatte beim Schreiben einen Mann vor den Augen gehabt, dem er einen Frauennamen gegeben hat. Trotz der düsteren Atmosphäre wird nicht nur Jane durch die USA gejagt, sondern auch der Leser durchs Buch.

Am Rande der Geschichte bekommt man mit, dass in Philadelphia ein Terroranschlag verübt wurde, bei dem - analog zu 9/11 - ein Flugzeug auf einem Highway zum Absturz gebracht wurde und etliche Menschenleben gekostet hat. Obwohl er nichts mit der eigentlichen Geschichte zu tun hat, nimmt der Terroranschlag zumindest am Anfang eine relativ große Rolle ein. Später schlägt die Handlung eine Richtung ein, die an Marc Elsbergs „HELIX“ erinnern, was überaus interessant ist.

Im Prinzip hat „Suizid“ nur einen Erzählstrang, nämlich der um Jane Hawk. Aber zwischendurch nimmt der Leser immer wieder andere Perspektiven ein, etwa die des mutmaßlichen Antagonisten. Erst recht spät gesellt sich dann doch ein zweiter Strang dazu. Etwaige Liebes- oder gar Sexszenen erspart uns Koontz zum Glück - sie würden auch weder zur Atmosphäre, noch in den Kontext passen.

Den einzigen Kritikpunkt ist kein wirklicher, weil es Koontz‘ Stil ist, dass abgesehen vom Hauptcharakter nahezu alle Charaktere in seinen Büchern blass sind. Das trifft auch auf „Suizid“ zu. Das kann allerdings problematisch werden, wenn sie später doch noch eine größere Rolle einnehmen.

Tl;dr: „Suizid“ von Dean Koontz ist ein rasanter Thriller, der eine äußerst düstere Atmosphäre hat, an die man sich erst gewöhnen muss. Der erste Teil der Jane-Hawk-Reihe hat eine irrsinnig toughe Protagonistin, die ihre Rolle voll und ganz auszufüllen weiß, und die weder sympathisch noch unsympathisch ist. Später schlägt „Suizid“ eine Richtung ein, die an „HELIX“ von Marc Elsberg erinnern.
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