1977 von David Peace

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Nineteen Seventy-Seven, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Liebeskind.
Ort & Zeit der Handlung: , 1970 - 1989.
Folge 2 der Red-Riding-Serie.

  • London: Serpent's Tail, 2001 unter dem Titel Nineteen Seventy-Seven. 341 Seiten.
  • München: Liebeskind, 2006. Übersetzt von Peter Torberg. ISBN: 978-3935890366. 396 Seiten.
  • München: Heyne, 2007. Übersetzt von Peter Torberg. ISBN: 978-3-453-67509-4. 400 Seiten.

'1977' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Yorkshire, 1977. Polizeisergeant Robert Fraser wird zu einer Sondereinheit abgestellt, die den grausamen Mord an einer Prostituierten aufklären soll. Bald schon werden Parallelen zu anderen Mordfällen aufgedeckt und die ersten Verdächtigen festgenommen. Noch bevor ein weiterer Prostituiertenmord die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken versetzt, schaltet sich Jack Whitehead, Starreporter der Evening Post, in die Ermittlungen ein und versucht, auf eigene Faust den »Yorkshire Ripper« zu stellen. Doch Fraser und Whitehead verstricken sich in ein Geflecht aus Intrigen, Korruption und tödlicher Gewalt. Denn die beiden teilen ein Laster, das ihnen zum Verhängnis werden kann: die Huren von Chapeltown.

Der Autor über sein Buch:

"Ich wollte etwas komplett anderes machen als Thomas Harris. Das Schweigen der Lämmer ist ein sehr gutes Buch, aber der Trend hin zu immer blutrünstigeren Serienkiller-Figuren, den es ausgelöst hat, ist mir suspekt. Mir war in '1977’ nicht so sehr die Figur des Yorkshire Ripper wichtig, sondern die gesellschaftlichen Umstände, in denen die Morde stattfanden. Ich wollte herausfinden, warum und unter welchen Umständen diese Morde ausgerechnet im Yorkshire der siebziger Jahre passiert sind und nicht in Hamburg oder in Schottland. [...] Ich wollte zeigen, wie schnell ein Journalist an den Schrecken seiner Geschichte zu Grunde gehen kann."

David Peace im Interview mit dem SPIEGEL, März 2006.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Meilenstein« 93°Treffer

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Krimi-Couch-Volltreffer März 2006

Leichen pflastern den Weg des »Yorkshire Rippers« zum Ende der Siebziger. Auch jetzt wieder, als Bob Fraser in die Mordkommission berufen wird, um einen weiteren Mord an einer Prostituierten zu untersuchen. Schnell finden sich Zeugen, fast ebenso schnell ein potentieller Täter – den die Polizei dringend braucht. Denn im Rotlichtviertel von Leeds geht die Angst um. Und die Stimmung brodelt. Fraser kennt sich dort aus. Seit längerem hat er eine Affäre mit einer Prostituierten, die ihn so verzaubert hat, dass er kurz davor steht, seine junge Frau mit kleinem Kind für sie zu verlassen. Dass auch sie in Gefahr schwebt, wird ihm nur allzu deutlich, als der wahre Täter ein weiteres Mal zuschlägt. Und der Druck auf die Ermittler steigt.

»1977.
Das Jahr in dem die Welt zerbrach.«

Für Jack Whitehead, Zeitungsreporter und ehemaliger Star-Journalist (bekannt aus 1974, jetzt: »Ich habe die letzten 40 Jahre nur gesoffen«), bekommt der Fall auch eine persönliche Note. Denn nicht nur wie Bob Fraser steckt er schon zu tief in den Ermittlungen, um sich davon zu befreien. Und ebenso wie der Cop unterhält Whitehead eine Beziehung zu einer Prostituierten. Die Verpflechtungen und Verknüpfungen, die die beiden unabhängig voneinander nur erahnen, bergen puren Sprengstoff für diese äußerst fragile Gesellschafts-Melange …

Noch schonungsloser, noch sprachlich versierter

1974, der Erstling des britischen Autors, schlug im letzten Jahr ein wie eine Bombe. Wochenlang wurde Teil 1 des »Red Riding Quartetts« in den Feuilletons gefeiert, der Deutsche Krimi Preis adelte den Roman schließlich endgültig. Gespannt durfte man also sein. Ist das noch zu toppen? Und wie. »1977« ist noch besser, noch schonungsloser, noch sprachlich versierter. So außergewöhnlich gut, dass die Messlatte für alle Neuerscheinungen in diesem noch recht jungen Jahr enorm hoch liegt.

Sätze präzise wie ein Messerstich fielen schon bei 1974 auf. Dieser kurze, knappe Stil, der auf alle Ausschmückung und jede Erklärung verzichtet. In 1977 fügt David Peace dazu eine düstere Poesie ein, die seinen Roman sprachlich abrundet, komplettiert. Und wo er in 1974 noch auf Songtexte als Kniff zurückgriff, um den Leser gute zwanzig Jahre in der Zeit zurück zu transportieren, müssen nun Fragmente aus der Call-In-Show eines John Shark, die Peace jedem Kapital voranstellt und die trotzdem nicht wie aus dem Zusammenhang gerissen wirken, ausreichen, um das Bild des Jahres 1977 in Nordengland zu vervollständigen. Zwei Erzählperspektiven mit zwei unterscheidlichen Ich-Erzählern unterstreichen Peace´ ungewöhnliche Art.

Ist Peace zu hart, bist Du zu weich?!

Nein, David Peace ist hart. Und man kann es keinem verübeln, dieses Buch, dieses auf 400 Seiten niedergeschriebene Konzentrat aus reiner Wut und kompromissloser Aufdeckung, nicht zu Ende zu lesen. Nicht, weil Peace Leichen in aller medizinischer Detailkenntnis beschreibt. Nicht, weil der Ekel über die Morde an sich überhand nimmt und der Würgreiz die Neugier über den Fortgang der Handlung um Längen schlägt. Nein. Es ist etwas anderes, was 1977 für so manchen Leser zu einem echten Prüfstein werden lässt.

»1977.
1977. Das Jahr als die Welt in Stücke zerfiel.«

Es ist die rücksichtlose Schilderung von menschlichen Schwächen, von unentschuldbaren, von unverständlichen, von nur schwer nachvollziehbaren. Peace lässt kein einziges gutes Haar an diesem nordenglischen Landstrich gegen Ende der Siebziger. Die Ausweglosigkeit, das schlichte »So ist es und nicht anders«, das gänzliche Fehlen eines Silberstreifs am Horizont – das betrübt nicht nur, das deprimiert. In Peace´ 1977 gibt es keine Freundschaft, keine Liebe, kein Vertrauen. Frustration, Gewalt, Aggression, Rassismus und Egoismus dominieren den Alltag. 

Eine persönliche Anmerkung

Als regelmäßiger Krimi-Couch-Leser wissen Sie, dass wir in der Regel auf allzu persönliche Eindrücke in der Besprechung verzichten. Von diesem Weg weiche ich jetzt in der Besprechung von 1977 bewusst ab. Denn so wie 1977 hat mich lange kein Buch mehr bewegt. Es kommt schon (leider) selten genug vor, dass ein Kriminalroman mich so fesseln kann, dass er mich an einem Tag von allem anderen abhält und ich vollkommen in die Welt eines Buches eintauche. Nicht so bei 1977 – es hat mich auch Tage nach der letzten Seite noch beschäftigt und meine Stimmung nachhaltig beeinflusst.

»1977.
Das Jahr, als die Welt ertrank.«

Ich muss gestehen: 1977 war dabei, meine Stimmung auf einen Tiefpunkt zu drücken. Zu schwer wog diese Last der persönlichen Schicksale, die Peace darstellt, wie er seine Figuren allesamt vernichtet. Und wie unbefriedigend es war, am Ende angekommen zu sein und nur im trüben Nebel schwebt, wer Täter und wer Opfer ist.

Dankbar war ich darüber nicht gerade. Aber es hat mich schwer beeindruckt, wie ein Kriminalroman – von denen ich nun nicht wenige lese – es geschafft hat, eine Kraft zu entwickeln, mich weit über die letzte Seite hinaus so in seinen Bann zu schlagen. Kein Klappe zu und Müll hinunterbringen, kein »Ausgelesen. Nächstes.«.

Und gerade deswegen, wenn ein Roman nicht nur unterhält sondern zum Nachdenken, zum Grübeln zwingt, ist 1977 ein großes Stück Literatur. Ein Meilenstein für den europäischen Krimi. Es gibt nur sehr wenige Autoren, die die Klasse von David Peace erreichen. Aber ich bin auch froh, noch einige Zeit auf den Nachfolgeband 1980 warten zu müssen. 1977 geht an die Grenzen des Verkraftbaren. Und zeigt andererseits auch auf, wieviel Potenzial hinter einem Kriminalroman stecken kann. Kein »schönes« Buch, aber ein ungemein gutes. Im wahrsten Sinne des Wortes: Wahnsinn.

Ihre Meinung zu »David Peace: 1977«

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Homicide187 zu »David Peace: 1977« 07.12.2010
Den zweiten Teil fand ich schwächer als den ersten. Zum einen musste man sich nun erstmal wieder erinnern wer neue Charaktere sind und zum anderen bei den alten auch wieder den Kontekt parat zu haben. Dadurch das mehrere Jahre vergangen waren, war das nicht immer einfach. Die Geschichte an sich wusste zu gefallen. Die beiden handlungsstränge die Anfangs nebeneinander laufen und später zusammenkommen haben mir auch gefallen. Das Ende ist wieder schwierig zu bewerten. Auf der einen Seite schließt es für die Hauptharaktere toll ab, zum anderen bleibt die Geschichte offen und man muss am besten gleich mit dem dritten Teil weitermachen, was ich auch morgen machen werde :-)
realsatiriker zu »David Peace: 1977« 27.12.2009
Der Stil von Peace ist in der Tat einzigartig und deshalb zu Beginn des Buches etwas gewöhnungsbedürftig. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, dass er zwei Roman"helden" aus der Ich-Perspektive erzählen lässt.

Wenn man sich allerdings einmal auf diese unverwecheselbare Schreibweise eingestellt hat, gibt es kein Zurück mehr. Dann heißt es anschnallen und in den Sitz pressen lassen, denn das Tempo mit dem Peace das knallharte Leben des Polizisten Fraser und des Journalisten Whitehead durchläuft ist atemberaubend. Ebenso verhielt es sich mit meinem Leseverhalten. Ab ca. Seite 150 lebte ich in der Welt des Yorkshire um 1977.

Ab und an fragt man sich unweigerlich, ob der Autor die Grenzen des guten Geschmacks wirklich so weit überschreiten muss, aber die Anwort ist simpel: ja er muss, denn ansonsten verwässert er seinen Stil und dieses fanszinierende, verstörende Werk verliert an Glaubwürdigkeit.

Heyne hat es nicht umsonst im Bereich "Hardcore" veröffentlicht und so bleiben die Obszönitäten und vulgären Gedankengänge letztendlich die einzigen Gründe, dieses Buch evtl. nicht zu lesen.

Ansonsten ein absolutes Muß.
Marcus zu »David Peace: 1977« 14.10.2009
Ich habe 1974 in einem Zug durchgelesen...
Unbeschreiblich wie ein Kriminalroman die Abgründe des Daseins ausloten kann...
Noch während ich lese bestellte ich mir 1977.
ich bin gespannt.
Warum mindestens 300 Zeilen? Mir fällt nichts mehr ein außer:
Kaufen!
Lesen!
Nachdenken!Nächstes Kaufen!
Lesen!
Nachdenken!
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Stefan83 zu »David Peace: 1977« 26.08.2009
In knapp drei Tagen habe ich dieses Buch nun durchgelesen und ich muss durchatmen. Tief durchatmen, denn "1977", der zweite Band des "Red Riding Quartetts" ist noch härter, schonungs- und gnadenloser als sein Vorgänger.

Peace' Erstling wurde ja bereits als Zukunft des Kriminalromans bezeichnet und mit dem Deutschen Krimipreis gekürt. Ein völlig neuer Stil, eine andere Art des Erzählens, eine Wortwahl ohne moralische Grenzen. Unverdaulich und unzugänglich für viele Leser, die mit dieser Sorte von Brachial-Literatur nichts anfangen können, was absolut nachvollziehbar ist, denn diese Bücher kann man nicht mögen, nicht lieben, nicht feiern. Sympathieträger gibt es hier nicht. Helden, Hoffnung, Liebe. Das sucht man hier vergebens. Es ist eine Welt voll Hass, ein böser, zynischer Blick in die Fratze einer Gesellschaft, die sich selbst aufgegeben hat. Und war "1974" bereits ein Hardboiled-Machwerk voller Düsternis und Schmutz, so legt "1977" jetzt noch mal eine Schüppe Dreck obendrauf.

David Peace bezieht sich nun in aller Deutlichkeit auf die realen Hintergründe des Yorkshire Rippers, der Ende der 70er Jahre England mit den Mord an 13 Frauen in Aufruhr versetzte. Der Autor, selbst aus dieser Gegend, ist mit dem Medienrummel um den brutalen Killer aufgewachsen, von diesem Mann gleichermaßen abgestoßen und fasziniert. Eine Art von Kindheitstrauma möchte man also sagen, das er sich mit dieser Tetralogie von der Seele schreibt und aus einer Zeit entstammt, wo Peace selbst noch keine Familie gehabt hat. Sonst wären diese Bücher, so sagt er selbst, wohl nie entstanden.

"1977" ist nicht nur der erste Höhepunkt dieser Reihe, sondern lässt auch den Ripper erstmals in Aktion treten. Ihm auf der Spur ist unter anderem Bob Fraser. Ein raubeiniger Ermittler, der zur Mordkommission berufen wird, um die Morde an den Prostituierten zu untersuchen und sich an der großen Hetzjagd auf den unbekannten Täter zu beteiligen, denn die Stadt Leeds ist ein Hexenkessel voller Furcht und Zorn. Die Öffentlichkeit fordert Ergebnisse und die Polizisten prügeln sich die Wahrheit an hilflosen Strichern und Nutten so zurecht wie sie sie brauchen. Für Fraser eine denkbar ungünstige Situation, hat der Familienvater doch eine Affäre mit einer Prostituierten, die nun ihrerseits in Gefahr gerät. An anderer Stelle kehrt Jack Whitehead. Zeitungsreporter und ehemaliger Starjournalist, in den Dienst zurück und rollt den Fall auf seine Art auf. Und wie Fraser unterhält er eine Beziehung zu einem Freudenmädchen, so dass sich bald wie Wege der zwei Männer kreuzen...

Bis dahin ertrinkt der Leser erstmal in einem Cocktail brutalster Gewalt. Es wird gefoltert, vergewaltigt, gevögelt, auf bestialischste Weise getötet, ohne dass eine Verschnaufpause in Sicht ist. Leeds ist ein Moloch voll Korruption, eine Stadt, die langsam vor sich hinfault und auseinander bricht. Warum liest man weiter? Wo liegt die Faszination? Eine Frage, die sich jeder stellen und beantworten muss. Für mich liegt die Besonderheit, die hohe Qualität in Peace' Sprache. Jeder Satz, jeder Dialog ist ein Fausthieb. Konzentrierte Wut, triefender Hass und Verachtung. Und doch mitreißend, packend, Adrenalin geschwängert, schnell. Hier ist kein Wort zuviel, wird auf jegliche Ausschmückung oder Erklärung verzichtet. Man könnte von Poesie reden, wäre es nicht alles so düster und finster, so grauenvoll trostlos. Wer da nach einiger Zeit aufgibt, sich ergibt und das Buch weglegt, hat mein Verständnis. Ich habe mich festgebissen und es durchgelesen. Und nun sitze ich da und denke darüber nach. Wohl noch über den heutigen Tag hinaus, was wohl das ist, was das Buch so bemerkenswert macht.

Insgesamt ist "1977" ein knallhartes Gesellschaftsporträt, ein Hardboiled-Meisterwerk, das an die Nieren und in die Magengrube geht und das man, ohne den vorherigen Band gelesen zu haben, gar nicht erst in die Hand zu nehmen braucht. Ein Buch, das deprimiert und durch das man sich kämpfen muss, stets in der Hoffnung, zwischen all den vielen schnellen Szenen- und Situationswechseln nicht irgendein wichtiges Detail übersehen zu haben.
21 von 29 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
sue82 zu »David Peace: 1977« 29.04.2008
Ich kann mich der überwiegend positiven Meinung zu 1977 nicht anschliessen.

Für mich ist das Buch zu verwirrend gewesen. Mal aus der Perspektive des Polizisten und mal aus der des Journalisten und das ganze in der Ich - Form. Da kam für mich keine Spannung auf und brachte mich eher raus.

Was mich auch störte waren die ständigen Wiederholungen von einem Satz. Mich hat das sehr genervt.

Ab und zu konnte ich der Geschichte nicht mehr folgen, da er von einem Extrem ins nächste wechselte. Sätze hatten für mich keinen Sinn mehr, mehrmals musste ich nachlesen, da ich der Geschichte nicht mehr folgen konnte.

Fazit: Kann ich nicht weiterempfehlen
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Angelo zu »David Peace: 1977« 10.04.2008
Herausforderung oder Zumutung? Kunst oder Porno? Literatur oder Sauerei? Anstoss oder Ablöscher? - Eher das jeweils Erstere.
Gestern hatte ich einen freien Tag, draussen Wind und Regen, sehr ungemütlich. Und ich habe dazu noch "1977" in einem Zug gelesen. Das passte.
Gelesen ist das Buch an einem Tag. Nachhallen, nachWIRKEN tut es noch heute, und weiter. Inhalt, Aufbau, Form, Sprache sind dermassen ausserordentlich: Du kannst nicht gleichgültig bleiben, du wirst durchgeschüttelt, angeekelt, fragst dich immer wieder: Muss ich mir das antun? Love it or leave it! Wegschmeissen nach ein, zwei Kapiteln, oder durchziehen.
Der Inhalt ist absolut trostlos, nichts bleibt einem erspart, Gewalt, Folter, Erniedrigung, Rassismus ... Wahnsinn wörtlich. keine Hoffnung, kein Silberstreif. Keine Nachttischlektüre, da tropfen die Körpersäfte jeder Art förmlich aus den Seiten, da kannst du nicht einschlafen.
Mich packt vor allem die sprachexperimentelle Seite. Und da wirds schwierig, aber auch interessant, weil ungewohnt. Zwei ständig wechselnde Ich-Erzähler, jedes Kapitel eingeleitet von einem genialen (authentischen?) Auszug aus einem Radio-Call-Talk, Stakkato-Passagen von ungeheurem Tempo (wie schon in "1974"), dann aufs Minimum reduzierte Sätze, Satzfragmente, Dialogruinen, Stilleben und Stimmungsbilder der krassen Art, Sprachschrott neben eingeschobener Poesie, manische Wiederholungen, dann atemloser Bandwurm-Text (Kapitel 20, 4 Seiten, kein Abschnitt, kein Punkt). Die Sprache ist gewaltig. das IST Literatur!
Ist es das? Was hilft da? Ein Vergleich? - Vergleiche sind doch meistens schief, fast immer untauglich. Mankell und Rankin? - sehr stark, auch Realos, auch dicht, aber viel konformer. Schenkel mit ihrem "Tannöd"? - soll ja auch sprachgewaltig und "düster, beklemmend" sein: stimmt! Aber Peace schreibt doch in einer andern Dimension. Hardboild James Ellroy? - obwohl Engländer zu amerikanisch! Am ehesten erinnern mich gewisse Situationen noch an die Sprache in den Poems und Stories des dirty old man Charles Bukowski.
Bin ich froh, dass meine Töchter erwachsen sind und nicht mehr in meinen Regalen stöbern. Was sollte ich ihnen zu David Peace sagen? Und da wäre ich bei der Frage, die mich noch interssiert: Wie finden wohl Frauen dieses Buch?
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Knetkobold zu »David Peace: 1977« 08.09.2007
Hart, härter, 1977 !!!
Selten habe ich einen so schonungslos realistischen, desillusionierenden Polizeiroman wie 1977 gelesen. Selbst der Vorgängerbabd 1974, welcher schon ziemlich deprimierend war hat mich nicht so "runtergezogen". Extrem harte Krimikost mit literarischem Niveau ! Ein Roman der sicher noch lange nachwirken wird.

Meine Wertung : 85 °
Alexander_Engel zu »David Peace: 1977« 21.08.2007
Ich kann mich der "mitreißenden" Rezension von Lars nur anschließen. 1974 leitet eine Serie ein, die vom Thema schon atemberaubend, gewaltig, und...ja, "neu" ist. Ich bin immer auf der Suche nach "speziellen" Autoren, Schreiberlinge mit eigener Sprache, die sich auch an so ein brutales Thema "Yorkshire Ripper" mit ausgefallener Sprache heranwagen! Und so wird auch 1977, und mit Sicherheit auch 1980 die Atmosphäre beim Lesen verdichten. Peace Stärke, mit kurzen, aber genialen Sätzen den Leser sofort ins Geschehen zu ziehen, und ihn nicht mehr freizugeben.Peace ist neu, Peace ist genial, und überzeugt mich wie Paul Cleave oder auch Steward O`Nan "die Speedqueen"... Toll, das es immer wieder "Überraschungen" auf dem Krimimarkt gibt.
Liebe Grüße
Alex
kissace zu »David Peace: 1977« 18.08.2007
Tja.. wie schon bei 1974 habe ich auch bei diesem Werk meine Schwierigkeiten.. finde das Buch total überbewertet... nicht zu empfehlen.. werde den nächsten Teil eher nicht lesen
kue zu »David Peace: 1977« 13.06.2007
Man kann sich über diesen Roman streiten, eines aber muss man dem Autor jedoch zweifellos zugestehen: Es ist ein Roman, mit dem sich der Leser auseinander setzen muss. Man hat da eigentlich keine andere Wahl. 1977 wühlt auf, Peace findet eine ungewöhnlich kraftvolle, brutale Sprache, mit der uns über fast 400 Seiten malträtiert.

Wer hier erwartet, eine in sich abgeschlossene Geschichte präsentiert zu bekommen, geht mit der falschen Erwartungshaltung an den Roman. Es wird kein Fall präsentiert, sondern ein Teil einer Gesellschaft: Der Teil, der für Recht und Ordnung sorgen soll, und dabei selbst dem Strudel aus Verbrechen und Gewalt nicht entkommen kann. Nicht die Morde des Yorkshire Rippers stehen im Vordergrund, sondern zwei Protagonisten, deren Leben im Falle des Polizisten durch diese Morde aus den Fugen gerät, im Falle des Reporters wieder einen Sinn bekommt.

1974 hat mir ganz gut gefallen, 1977 war noch mal eine ganze Portion besser.

kue

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