Jagdzeit von David Osborn

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1974 unter dem Titel Open season, deutsche Ausgabe erstmals 1975 bei Dial Press.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1970 - 1989.

  • New York: Dial Press, 1974 unter dem Titel Open season. 243 Seiten.
  • : Dial Press, . Übersetzt von Erica Fischer. 324 Seiten.
  • Wien; Hamburg: Zsolnay, 1975. Übersetzt von Erica Fischer. ISBN: 3-552-02732-7. 324 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 1978. Übersetzt von Erica Fischer. ISBN: 3-426-00507-7. 191 Seiten.
  • München: dtv, 1995. Übersetzt von Erica Fischer. ISBN: 3423120258. 293 Seiten.

'Jagdzeit' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Die Jagdsaison ist eröffnet. Greg, Ken und Art, erfolgreiche amerikanische Geschäftsmänner und brave Ehemänner, machen sich jedes Jahr auf zur Jagd: Doch Tiere haben sie nicht im Visier. Es ist vielmehr die Jagd nach Sex und Gewalt. Ein Pärchen wird gekidnappt und in ihre abgelegene Hütte in den Wäldern Nordamerikas verschleppt. Für Martin und Nancy beginnt ein Alptraum. Für die drei Freunde ist es Spaß. Unter ihrer zivilisierten Oberfläche brodelt der Killerinstinkt. Sie geben Martin und Nancy einen kleinen Zeitvorsprung, ehe die Jagd beginnt. Das Paar ist zum Abschuss freigegeben. Doch die Schatten der Vergangenheit sind lang. Plötzlich werden die Jäger zu Gejagten. Und wer kommt lebend raus aus diesem Horrortrip?

Das meint Krimi-Couch.de: »Blattschuss« 91°Treffer

Krimi-Rezension von Jochen König

David Osborns Roman Jagdzeit (Open Season) erschien erstmalig 1974. Kaum ein Jahr später sorgte die Verfilmung für einen kleinen medialen Skandal. Drei Vietnamveteranen als kaltblütige Killer in einem Actionfilm mit Tendenz zu Selbstjustiz, machte sowohl liberalen wie konservativen Kinogängern zu schaffen. Dass einer der psychopathischen Menschenjäger von der ehemaligen Love & Peace-Ikone, dem »Easy Rider« Peter Fonda gespielt wurde, setzte dem kontroversen Unterfangen noch ein i-Tüpfelchen obenauf.

2011 veröffentlicht der Pendragon-Verlag das Buch neu übersetzt wieder und das Blätterrauschen des Medienwaldes wird sich vermutlich in Grenzen halten. Leider.

David Osborn, Jahrgang 1923 und ziemlich rüstig wie es scheint, schreibt im Dezember 2010: »In Jagdzeit geht es […] um die dunkle Seite der Menschen allgemein, die immer und überall zutage tritt. Seit Erscheinen meines Buches hat sich die Menschheit diesbezüglich bedauerlicherweise nicht verändert.«

Den Vietnambezug gibt es im Roman nicht, einige Stellen weisen darauf hin, dass Ken Frazer, Greg Anderson und Art Wallace wohl gemeinsam im Koreakrieg waren. Aber diese Tatsache hat ihren soziopathischen Jagdtrieb bestenfalls angeheizt, aber nicht ausgelöst.

Denn alles begann viel eher. Mit der gemeinsamen Vergewaltigung Alicia Rennicks, die die drei Vorzeigeschüler zusammenschweißte und jenen Part in ihnen zum Vorschein brachte, der Sex, Macht und Gewalt so sehr genoss und liebte, dass er zu regelmäßigen Freizeitbeschäftigung wurde.

Später im Berufsleben erfolgreich, verheiratet, Kinder – so sehen (amerikanische) Bilderbuchkarrieren aus. Doch einmal im Jahr nehmen sich Ken, Greg und Art eine Auszeit. Legen ihre sozial angepassten Masken ab und gehen auf die Jagd. Tiere werden sie zwar auch erlegen, doch ihr Hauptziel ist ein anderes. Die unheiligen Drei entführen Pärchen, die zufällig ihren Weg kreuzen, missbrauchen und demütigen sie auf jede erdenkliche Weise, bis sie ihnen die Freiheit schenken. Die aus einem zehn- bis zwanzigminütigen Vorsprung besteht, ehe das schwerbewaffnete Trio die Verfolgung aufnimmt.

Es gibt kein Entkommen. Bis zu dem Jahr, als Nancy & Martin aufgegabelt werden. Als die beiden auf freien Fuß gesetzt werden, ahnen Ken und seine Kumpel noch nicht, dass sie selbst ins Visier eines Jägers geraten sind. Eines gnadenlosen noch dazu, der seinen von Rachegelüsten motivierten Feldzug strategisch und akribisch über lange Zeit vorbereitet hat. Und auch Nancy und Martin ergeben sich nicht kampflos ihrem Schicksal.

Wer jetzt glaubt, bei Jagdzeit handele es sich um ein konservatives Selbstjustiz-Drama, das sich weidlich des Themas Menschenjagd im finsteren Wald, mit einer gehörigen Portion »Rape & Revenge«, annimmt, der irrt gewaltig. Der Roman geht viel weiter, ist so etwas wie die Essenz all der oben genannten Motive und noch mehr. Denn Osborn nimmt sein Thema ernst, er produziert keine atemlose Spannungsliteratur, die bevorzugt die niederen Instinkte anspricht, sondern öffnet einen Höllenschlund, in dem sich alle Protagonisten auf Gedeih und Verderb wiederfinden. Mit einer Ausnahme vielleicht.

Alicia Rennick, der der Prolog gehört. Ein Akt der reinen Verzweiflung. Denn sie, das mehrfache Vergewaltigungsopfer, steht am Ende als Düpierte dar. Vor einem Bezirksstaatsanwalt, der Alicia und ihren Eltern, vielleicht sogar mit echtem Bedauern, auf den Kopf zusagt, dass ein Prozess keine Aussicht auf Erfolg hat. Zu gut der Leumund der mutmaßlichen Vergewaltiger, zu perfide ihre Taktik, Alicia als leichtes Mädchen dastehen zu lassen, das Sex gegen Geld eintauscht. Am Ende glauben nicht mal mehr die Eltern ihrer Tochter. Und Alicia ist völlig allein. Einziger Ausweg: weg aus der Stadt, kein Studium, kein Erfolg im Beruf, stattdessen in der Heimat die Heirat mit einem Mann, den sie nicht liebt. Und so wird sie zum zweiten Mal missbraucht: aufgegeben von den Menschen, die sie eigentlich beschützen sollten. Gleichzeitig wird die Tür weit geöffnet für die tödlichen Jagden, die noch folgen werden. Keine zehn Seiten. Die Hölle und viel zu oft bittere Realität.

Was darauf folgt ist tatsächlich eine rigorose Reise in die Finsternis: die drei smarten Jungs, die ihre Fassade der ehrbaren Erfolgsmenschen ebenso mühelos aufrechterhalten, wie sie während ihrer »Ferien« mit Lust und guter Laune vergewaltigen und töten; ihr zürnender Verfolger, dessen Motivation für seine Rache man nur allzu gern akzeptiert, der aber keine Scheu hat, im Dienste seiner Vergeltung auch Unbeteiligte über die Klinge springen zu lassen. Das Liebespaar, das sich nicht mit Zuneigung und Respekt begegnet, sondern auf der Flucht ist, aus verlebten und verlogenen Beziehungen. Zu schwach, abzuschließen mit einer verhassten Vergangenheit, und sich so der Chance auf Veränderungen beraubt. Dass ausgerechnet diese beiden in die Hände gewissenloser Killer fallen, und sich selbst in Lebensgefahr nicht solidarisieren, sondern verraten und gegenseitig Gewalt antun, ist von radikaler Konsequenz. Wenn hinter jedem Täter ein mögliches Opfer steckt, so besitzen auch die Opfer das Potenzial zum Täter. Was im Endeffekt alle zu Opfern werden lässt. Eine Erkenntnis die die mitleidlosen Hedonisten Ken, Greg und Art spät, dafür aber am nachhaltigsten trifft. Den anderen ist es mehr (Martin, Nancy, vor allem aber Alicia), bzw. weniger (der Verfolger) bewusst.

Und wenn sich zum Abschluss eine Art Happy End andeutet, so ist auch dies geprägt von kalter Berechnung, gepaart mit dem Staunen darüber, am Leben zu sein. So wird eine mögliche Liebe lediglich zum Lohn für den Tod eines anderen.

Der Mensch als der größte Feind des Menschen. Osborn führt das scharf, präzise und höchst eindrucksvoll vor. Kein Buch zum glücklich werden, aber eins, das die Sinne schärft, das skeptisch auf jene Spezies schaut, die so gerne vorne tätschelt und hinten das Messer für den tödlichen Stich bereithält.

267 Seiten große Literatur, die so tut, als wäre sie ein kleiner, dreckiger Bastard aus düsteren Wäldern, angesiedelt irgendwo im pechschwarzen Hinterland der Seele und des Geistes. Eine nur auf den ersten Blick zynische, vielmehr schonungslose, hochspannende und letztlich todtraurige Studie über die Abgründe der Menschlichkeit.

Jochen König, März 2011

Ihre Meinung zu »David Osborn: Jagdzeit«

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Sunniva1 zu »David Osborn: Jagdzeit« 14.08.2011
Das Buch habe ich regelrecht verschlungen. So tiefe menschliche Abgründe äußerst spannend beschrieben, habe ich noch kaum gelesen. Jagd auf Menschen als der alternative Kick für 3 Männer aus der Mittelschicht in Michigan, USA. Können Menschen so handeln? Wie weit gehen Menschen um ihre Bedürfnisse zu befriedigen? Auch wenn das Buch bereits 1975 erschienen ist, hat es nichts an Aktualität verloren. Der Schreibstil ist ebenfalls nicht verstaubt. Für mich ist das Buch ein Geheimtipp und als unbedingt lesenswert einzustufen. 95° von mir!
Hans Dampf zu »David Osborn: Jagdzeit« 10.04.2011
Ich habe das Buch schon 1975 gelesen schon damals hat mich die Story sehr begeistert.
Als ich jetzt las das daß Buch neu aufgelegt wurde habe ich es mir bei Booclooker als neu gekauft und war wieder sehr angetan und das nach 36 Jahren.
Dieses Buch kann ich nur jedem Krimifan empfehlen. Für mich wäre eine Empfehlung
von 98° nicht zu wenig.
jMUC zu »David Osborn: Jagdzeit« 07.04.2011
Ein schrecklich großartiges Buch. Man sollte es auf keinen Fall als einen üblichen Suspense-Thriller a la Deaver lesen, denn nach so einem in höchstem Grade "unmenschlichen" Vorspann mit dem jungen gruppenvergewaltigten Mädchen, dem nicht einmal ihre eigene Mutter zur Seite steht, obwohl die Verurteilung der Täter zumindest nach den heutigen Maßstäben ein Kinderspiel wäre (FrauenrechtlerInnen - Hut ab vor Euch für den Fortschritt im Vergleich mit den 70er Jahren!), erwartet man ja kein übliches detektivisches Happy-der-Fall-wäre-gelöst-End: Vielmehr ist es die Schilderung des "Königs der Natur" in seiner ganzen grauenvollen Nacktheit. Selbst eine Woche nach der Lektüre stehe ich immer noch unter dem Eindruck des Gelesenen und so plastisch Dargestellten - ein sehr ähnliches, bleiernes Gefühl hinterließ bei mir "The Road" von McCarthy. Das Wichtigste, was Bücher solcher Art bewirken, ist eben, dass einem die Augen daraufhin geöffnet werden, wie dünn eigentlich diese Make-Up-Schicht der Zivilisiertheit beim Menschen ist, wie schnell diese verschwindet und welche grausamen Formen dann das Dasein annehmen kann; und wie recht der alte liebe Goethe bei seiner Schilderung der Daseinsberechtigung des Menschen in dieser Welt gehabt hat: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.Gelesen auf Englisch, bin mir aber sicher, die neue deutsche Übersetzung hinterlässt bei jeder/m ähnliche Spuren.
Das Buch ist absolut lesenswert.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Banon zu »David Osborn: Jagdzeit« 31.03.2011
Na, das war mal ein Buch! Direkt, ungeschminkt, realistisch und auch ziemlich hart. Damit meine ich nicht nur die grauenhaften "Jagdspiele", sondern vorallem die zwischenmenschlichen Abgründe die David Osborn beschreibt. Und genau das macht dieses Buch für mich so lesenswert. Der Autor schildert das Innenleben seiner Protagonisten schonungslos offen. Am Ende bleibt die Frage: Wem kann man im Leben überhaupt (ver)trauen?
"Jagdzeit" ist ein extrem spannendes Buch. Wer es nicht nur einfach als Thriller liest, der hat eine ganze Menge mehr davon.
gast zu »David Osborn: Jagdzeit« 18.03.2011
Dieses Buch ist wirklich etwas ganz Besonderes. Die Abgründe, in die man blickt ... Einmal angefangen, kann man es - je nach Sichtweise - bis zum bitteren oder glücklichen Ende einfach nicht mehr aus der Hand legen.Ich habe diesen Schmöker über die Jahre mit Wonne und Kopfschütteln immer wieder gelesen.
Honki zu »David Osborn: Jagdzeit« 17.03.2011
Jagdzeit, von David Osborn, ich habe das Buch in den 80er Jahren schon gelesen. Ich war sehr beeindruckt. Ich nahm es damals mit nach Prag, wo ich mich des öfteren traf mit Bekannten der Ehemaligen DDR. Ich schenkte es einem Freund von mir(Dr.med.)
der es auch in einer Nacht las. Ich kann mich noch genau daran erinnern was er zu mir sagte, nach dem er das Buch gelesen hatte. "Meinst Du wirklich, das es sowas wirklich gibt in der USA ?" Was sollte ich darauf antworten.Ich,glaubte ja zu sagen, durchaus möglich.
MFG
Honki
Frank zu »David Osborn: Jagdzeit« 12.03.2011
Ganz großes Kino.
Auch ich habe den Roman schon vor vielen Jahren gelesen, auch ich habe ihn noch in Erinnerung. Qualitativ unerreicht (was das Folgewerk des Autoren betrifft).
Wer (tiefgründige) - harte - Thriller mag, kommt an diesem Buch nicht vorbei.
Wird mal wieder Zeit für mich, das Teil aus den Regalsümpfen zu ziehen.

90% hat er definitiv sicher.
Daniel zu »David Osborn: Jagdzeit« 11.03.2011
das war eines meiner ersten Bücher,
die ich überhaupt gelesen habe vor ca.
10 Jahren und ich kann mich noch an fast
alles im Buch erinnern. Das ist erstaunlich
und passiert nur bei den aller wenigsten
Romanen. Hart, kurzweilig und schnörkellos. Von mir gibts für diesen Top-Titel satte 95 %.
PS: Ich hatte mich schon lange gefragt warum dieses Meisterwerk nicht auf der
Krimi-Couch vorkam.
Jochen zu »David Osborn: Jagdzeit« 11.03.2011
Ich habe beide Übersetzungen, zumindest partiell, verglichen. Wahnsinnig viel hat sich m.E. nicht geändert, Marcel Keller hat einige Stellen "eindeutiger" übersetzt, was den Ton des Buches insgesamt ruppiger macht. Was ja passt...

Das Buch ist erstaunlicherweise kaum gealtert. Was uns zu denken geben sollte.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
symons zu »David Osborn: Jagdzeit« 10.03.2011
Kaum zu glauben das dieses desillusionierende Meisterwerk noch mal von jemanden aus der Grube geholt und neu übersetzt wird. Über Jahre mehrfach verliehen und nicht immer zurückbekommen, waren sich zumindest alle der Leute einig die diesen Roman gelesen hatten - die Bemerkungen reichten von "Fantastisch" bis "Unglaublich", der absolute Hammer" usw.
Ich persönlich bin mal gespannt ob die Neuübersetzung dieses Romans an die alte Veröffentlichung, die durchaus Tiefe hatte, herankommt
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