Small Crimes von Dave Zeltserman

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel Small crimes, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Pulp Master.

  • London: Serpent's Tail, 2008 unter dem Titel Small crimes. 263 Seiten.
  • Berlin: Pulp Master, 2017. Übersetzt von ?. 270 Seiten.

'Small Crimes' ist erschienen als

In Kürze:

Cop Joe Denton wird auf Bewährung entlassen. Sieben Jahre zuvor verletzte er den Bezirksstaatsanwalt der Kleinstadt Bradley schwer und verübte einen Brandanschlag auf dessen Büro. Damals nahm Joe alle Schuld auf sich und deckte den korrupten Polizeiapparat. Inzwischen jedoch liegt der örtliche Mafiaboss Manny Vassey mit Krebs im Endstadium auf Intensiv und der einst attackierte Staatsanwalt versucht seit Wochen, Vassey ins Gewissen zu reden und ihn zu einem umfassenden Geständnis zu bewegen. Das würde weitere zehn bis zwanzig Jahre Knast für Denton bedeuten, etliche andere Beamte ebenfalls belasten und die Cops mit dem Rotlichtmilieu in Verbindung bringen

Das meint Krimi-Couch.de: Rattenrennen in einer kleinen Stadt 82°

Krimi-Rezension von Jochen König

»Small Crimes«, kleine Verbrechen, sind es nicht, die den Kleinstadt-Cop Joe Denton hinter Gitter bringen. Der korrupte Denton legt das Büro des Staatsanwaltes Phil Coakley in Schutt und Asche und sticht auf den Mann ein. Dreizehnmal ins Gesicht. Coakley überlebt entstellt, Denton wandert für sieben Jahre in den Bau. Dabei ist Joe Denton nur einer von vielen Polizisten in Bradley, die in krumme Geschäfte verwickelt sind. Doch ihm wurde gesteckt, dass der Staatsanwalt eine Akte über ihn anlegt. Joe beschließt die Beweise zu vernichten, doch in der Nacht des Einbruchs geht alles schief.

Knast und Pensionsanspruch

Der Roman beginnt mit Joe Dentons Entlassung aus dem Gefängnis. Außer Phil Coakley wartet niemand auf den abgebrannten Ex-Cop. Seine Frau hat ihn mit den Töchtern verlassen, weder sie noch seine Eltern, geschweige denn Freunde, haben Joe im Knast besucht. Trotz des Kontaktabbruchs quartiert sich Denton bei seinen Eltern ein, und beginnt sich in der Kleinstadt zu zeigen. Was niemandem gefällt. Und so dauert es nicht lange, bis sich Denton dem aggressiven Missmut seiner Umgebung ausgeliefert sieht, und zudem von Ex-Chef Dan Pleasant die klare Aufforderung erhält, entweder den Staatsanwalt oder den sterbenskranken Gangster Manny Vassey zu meucheln, dem Coakley eine Beichte vorm Tod entlocken will, die Denton und das ganze Polizei-Department schwer belasten würde. Langzeitaufenthalt hinter Gittern garantiert.

Immerhin lockt Dan hinterher mit einer monatlichen Pensionszahlung, die Joe Denton ein neues Leben ermöglichen würde. Doch über 335 Seiten erweckt Joe den Eindruck, dass er daran wenig Interesse hat. Die gleichen Plätze, die gleichen Menschen, die gleichen Fehler und Laster, die an allen Ecken und Enden lauern. Warum also etwas ändern?

Narziss und wie er die Welt sah

»Small Crimes« ist das Porträt eines hemmungslosen Egomanen, von ihm selbst erzählt. Beinahe eine klinische Studie, die tatsächlich nach hundertdreißig Seiten etwas plakativ Selbstreflexion betreibt. Joe wird von seinem Vater, einem ehemaligen Feuerwehrmann, mit dessen Heimstudien in Psychologie konfrontiert. Die auf eine »narzisstische Persönlichkeitsstörung« hinauslaufen. Denton weiß das natürlich, blockiert diese Erkenntnis aber. Wie er alles vermeidet, was ihn aus seinem persönlichen Jammertal herausführen könnte. Er ist kein sympathischer, angenehmer Erzähler, sondern ein veritabler Kotzbrocken. Zwar intelligent und smart, wenn es ihm passt und zu Nutze ist, doch immer bereit, seine Mitmenschen für seine Belange zu missbrauchen. Skrupel entwickelt er nur, wenn er selbst handgreiflich werden muss, explizit, wenn er bereits im Vorfeld erfasst, dass es ihm selbst zu Schaden gereichen könnte.

Zeltserman schickt seinen Antihelden auf eine Tour de Force in den Abgrund. Er lässt ihn Vermeidungs- und Verteidigungsstrukturen entwickeln, die weit komplizierter sind als ein kurzer, tödlicher Gewaltausbruch. Dabei schreckt Denton auch vor Mord nicht zurück. Solange er ihn nicht selbst begehen muss. Aber wie die meisten Narzissten hält er sich für einen begnadeten Manipulator. Könnte sein, dass es andere gibt, die besser darin sind.

Sympathiepunkte zählen nicht

Die Kunst des Romans besteht darin, dass man dem Schicksal Dentons gespannt folgt, obwohl man ihm eigentlich die Pest an den Hals wünschen möchte. Denton ist wie Charlie Chaplins Tramp, dunkel gewandet als Soziopath. Ein Mann, den es an einen Ort verschlägt, den er wie eine Ratte im Käfig nicht verlassen kann, und der sich gegen die Ungeschicke wehren muss, die von außen auf ihn einprasseln. Dabei taumelt, stolpert, fällt und wieder aufsteht. Bis zum Finale, an dem er zum ersten Mal Verantwortung übernimmt. Was zwangsläufig in Gelächter endet. Chaplinesk eben.

Joe Denton ist wahrlich kein angenehmer Protagonist, aber einer, der in diese Zeit passt. Jemand, der sein Leben so einfach wie möglich gestalten möchte. Mit wachsender Verzweiflung, als dies nicht sofort gelingt. Schuld daran sind die anderen, das Leben an sich. Denn das führt zu Drogen- und Glücksspielsucht, die durch immer heftigere Verbrechen finanziert werden muss. Eine Spirale, die beständig nach unten führt. Zwischenstation: Der missglückte Einbruch und Brandanschlag, der mit Phil Coakleys Verstümmelung sein vorläufiges Ende findet. Ob Gewissensbisse oder Panik Denton daran hindern, den Staatsanwalt umzubringen, bleibt offen. Nach seiner Entlassung stellt er irgendwann resümierend fest, dass alles besser gelaufen wäre, hätte er Coakley getötet.

Zeltserman schickt seinen Protagonisten mit einer Mischung aus Selbstmitleid, Ausflüchten und verquerer Moral in ein Labyrinth, das über die Grenzen Bradley Countys kaum hinausreicht. Der Besuch bei seiner Ex-Frau wird zum Desaster, eine weitere Begegnung von vielen, in denen Joe Denton zu verstehen gegeben wird, dass die Welt ein besserer Platz wäre ohne ihn. Der Leser kann dem nur zustimmen, und Joe letztlich auch. Denn er weiß genau, dass sein Handeln Konsequenzen zeitigt, die ihn einholen werden. Es kümmert ihn schlichtweg nicht. Stattdessen benutzt er seinen Verstand lieber, um verzwickte Pläne auszuhecken, die die Bedrohung durch eine mögliche Beichte des Gangsters Manny Vassey ausschließen. Ohne dass Joe sich selbst die Finger schmutzig machen müsste.

Experiment: Auch das was nicht aufsteigt, fällt irgendwann

Das wird von Zeltserman gnadenlos durchexerziert. Der schwarze Humor dieser absurden Fahrt auf einem Karussell, das gen Hölle rotiert, bleibt einem im Hals stecken, wenn Joes Pläne das Leben der Menschen bedroht oder gar kostet, die er ausnutzt. Zwar sind kaum Sympathieträger darunter (der gesamte Roman ist ziemlich frei davon), doch das Schicksal, das ihnen dank Joe Dentons tätiger Mithilfe blüht, haben sie nicht verdient. So verdankt »Small Crimes« einen Teil seiner Spannung der Frage, wer die finsteren Umtriebe in Bradley überleben wird. Denn nur darum geht es ab einem bestimmten Punkt: Zu überleben, während um einen herum alles zusammenbricht. Aber selbst das relativiert sich mit dem Fortschreiten der Handlung.

Bei »Small Crimes« treffen sich psychologische Studie und Noir zu einem gelungenen Stelldichein. Abzüge gibt es für den Umstand, dass Zeltserman seinem Protagonisten zwar einen wachen Verstand spendiert, ihm aber dessen Entfaltungsmöglichkeiten zugunsten eines stringenten Ablaufs verweigert. Wieso sonst lässt sich ein skrupelloser, hochintelligenter Egomane von einem Kleinstadtsheriff vorführen? Während ihm gleichzeitig eine abgefeimte, gutaussehende Journalistin fast auf Zuruf verfällt. Joe sich ihr aber verweigert. Gut, Feigheit wäre in beiden Fällen ein Argument …

Nächster Halt: Hölle

Zeltsermans Versuchsanordnung aus einem selbst geschaffenen Kreis der Hölle funktioniert trotz kleinerer Mankos und des Verzichts auf mögliche Identifikationsfiguren verdammt gut. Immerhin bekommt die Hauptfigur Kontrahenten gegenübergestellt, deren soziale und mentale Defizite das eigene verkorkste Wesen in freundlichem Licht erscheinen lassen. Richtig hell wird es zu keiner Zeit. Zeltserman schildert Bradley als einen desolaten Ort, in dem Kosten- und Nutzenfaktoren als Wertmaßstäbe gelten, Hass längst über die Liebe gesiegt hat und Gewalt ein amtliches Kommunikationsmittel ist, das selbst mitfühlende Wesen als Ausweg sehen. Hier wird ein andauernder Kampf ausgefochten, der nur Verlierer kennt.

Die »Small Crimes« sind nicht eben vielschichtig, in der Darstellung aber konsequent, sarkastisch und spannend ausformuliert.

Jochen König, November 2017

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