Tomatenrot von Daniel Woodrell

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1998 unter dem Titel Tomato Red, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Liebeskind.

  • New York: Henry Holt, 1998 unter dem Titel Tomato Red. 224 Seiten.
  • München: Liebeskind, 2016. Übersetzt von Peter Torberg. Neuübersetzung. ISBN: 978-3954380602. 224 Seiten.

'Tomatenrot' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Sammy Barlach ist ein Verlierer, der sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Eigentlich will er nur irgendwo dazugehören – und stolpert so zielsicher ins Verderben. Bei einem Einbruch in eine Villa trifft er auf zwei andere, ebenso planlose Wohlstandsplünderer: die neunzehnjährige Jamalee mit ihren kurzen, tomatenroten Haaren und ihren bildschönen jüngeren Bruder Jason. Endlich hat Sammy, was er immer gesucht hat: Familienanschluss – und ein bisschen mehr. Mit der Mutter der beiden, Bev, die sich ihren Unterhalt als Escortdame und gelegentlich als Polizeispitzel verdient, beginnt er eine Affäre, aber auch von Jamalee kann er die Augen nicht lassen. Doch die hat andere Pläne und will hoch hinaus, zumindest raus aus dem Sumpf von Venus Holler. Aus der Tatsache, dass die Hälfte aller Frauen der Stadt hinter Jason her ist, will sie Profit schlagen. Doch dann wird eines Morgens Jasons Leiche gefunden, und erst jetzt offenbart sich, wie tief dieser Sumpf wirklich ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen« 75°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Sammy Barlach hat kaum einen Job in einer Hundefutterfabrik erhalten, da ist er diesen schon wieder los. Nach einer guten Dosis Drogen steigt er in eine vornehme Villa ein, wo er auf zwei weitere Einbrecher trifft. Die neunzehnjährige Jamalee und ihren zwei Jahre jüngeren Bruder Jason. Jason arbeitet eigentlich in einem Friseursalon, wo der besonders attraktiv aussehende Junge bei Frauen der große Renner ist. In Wahrheit dient der Salon lediglich dem Zweck herauszufinden, wo man gelegentlich mal einen Bruch riskieren könnte. Da das Trio von der Polizei gestört wird brechen sie überhastet auf. Zurück vor seiner Wohnung erfährt Sammy, dass er wegen ausstehender Mietzahlungen diese nicht mehr betreten dürfe und seinen Job ebenfalls los sei. So zieht er bei Jamalee und Jason ein und beginnt eine Affäre mit deren Mutter Bev, die sich als Prostituierte ihr bescheidenes Einkommen verdient. Jamalee hat hingegen andere Pläne, denn sie will Jason auf die vornehmen Damen der Stadt ansetzen und daraus Gewinn schlagen. Doch dann wird in einem Teich Jasons Leiche entdeckt …

Eine großartige, tragische Erzählung.

Der Begriff »Noir« steht für ein düsteres Sujet, in dem oft gesellschaftskritische Themen im Vordergrund stehen. So auch hier, denn Sammy, Jason und Jamalee werden ebenso wie Bev von anderen geschnitten; sie gelten als Abschaum. In dem kleinen Städtchen namens West Table, Missouri, gibt es die zwielichtige Gegend Venus Holler. Eine kleine Senke mit Bruchbuden durch die eine Bahntrasse direkt an den Häusern vorbei führt. Dort wohnt der Bodensatz von West Table, Leute die in den Tag hineinleben, immer auf der Suche nach Drogen und Sex. Ehrliche Arbeit ist hingegen nicht so angesagt. Die Polizei legt den »Unfall« umgehend zu den Akten. Dass Jason in einem Teich ertrunken sein soll, glauben Sammy, Jamalee und Bev jedoch keine Sekunde, denn Jason wäre nie dem Wasser zu nahe gekommen, geschweige denn hinein gegangen.

»Fair? Armes Kind. Hör mal, du willst damit doch nur sagen, dass das Leben deprimierend und grausam und gemein ist und du deswegen flennen willst, aber eigentlich finde ich: Wer hat dich nur auf den Holzweg gebracht, dass das Leben anders sein könnte, Süße? Welche Süßigkeitenfabrik hat dir so bescheuerte Zuckerwatte ums Maul geschmiert? Um Himmels willen. Ich verrate dir auf der Stelle noch ein paar Geheimnisse: Die Sonne spendet Leben, aber wenn du ihr zu nahe kommst, endest du als Ascheflöckchen, wenn die leben willst, musst du Wasser schlucken, aber manchmal ertrinkst du auch darin, Uncle Sam zählt dich nicht wirklich zur Verwandtschaft, und Gott fällt zu deinem Namen und deinem Gesicht nichts ein.«

Daniel Woodrell zeichnet das Leben von Menschen, die am Abgrund leben, von besseren Zeiten träumen und doch wissen, dass sie keine Chance bekommen. So wie die Redensart besagt, dass der Teufel immer auf den größten Haufen scheiße, gilt das Gegenteil erst recht. Es ist ein düsteres Bild, welches Woodrell zeichnet und dennoch gibt er seinen Figuren eine Stimme, zeigt mit großer Sprachgewalt deren Träume, Chancenlosigkeit und Resignation gleichermaßen auf.

Bereits der zweite Satz dieses Romans haut einen um, zieht sich über eine ganze Seite. Die Protagonisten haut hingegen nichts mehr um, tiefer können sie ohnehin nicht fallen. Was bleibt ist Fatalismus. Die Probleme einen Job zu finden skizziert der Autor genauso gekonnt wie ihre Ausgrenzung aus der Gesellschaft. So bleibt ihnen nur, den vermeintlichen Mord an Jason selber zu untersuchen. Das Ergebnis ist vorhersehbar. Kurz, brutal, der nächste Genickschlag.

»Dann bin ich mal mit vierzehn abgehauen, weil ich ein Abenteuer erleben wollte, wie das jeder macht, und bin in Oklahoma gelandet, in diesem kleinen rotstaubigen Kaff nicht weit von Tulsa. Ich hab mich dort umgesehen und gedacht: Das ist nicht die Richtung, in die man rennen sollte, hier ist es auch nicht anders als zu Hause. Da kannst du genauso gut in West Table sein, also bin ich ganz enttäuscht zurückgekommen.«
»Es gibt kleine Unterschiede. An jedem Ort gibt es immer kleine Unterschiede, von denen man nichts weiß.«
»Ich will nicht zu den >kleinen Unterschieden<, Sammy. Ich will, dass das ganze Bild übermalt wird, und eine Gruppe von dicken, strahlenden Kerlen in Smokings macht außerhalb des Blickfelds hinter den Palmen Musik.«
»Einen solchen Ort gibt es nicht auf der Landkarte.«
»Aber in der Nähe davon.«

Ob man als Krimileser zu diesem Roman, einem »Country Noir«, greifen sollte ist Geschmacksache, denn der sozialkritische Aspekt steht eindeutig im Vordergrund. Der Mordfall ist schnell erzählt und dennoch wird dieser und vor allem dessen Konsequenzen hervorragend umgesetzt. Einmal ins Straucheln geraten, glauben die Protagonisten den richtigen Weg gefunden zu haben, nur um sich noch tiefer in den großen braunen Haufen reinzureiten. Trotz nur knapp 220 Seiten hat Tomatenrot etwas Besonderes, nämlich eine große »Nachlaufzeit«. Nachdem man das Buch ausgelesen hat, beschäftigt einen die Chancenlosigkeit dieser Looser weiter; wenngleich das Ende zumindest für eine Person eine bessere Zukunft nicht ausschließt. Sollte es tatsächlich so etwas wie Hoffnung geben?

Jörg Kijanski, Mai 2016

Ihre Meinung zu »Daniel Woodrell: Tomatenrot«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Ihr Kommentar zu Tomatenrot

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: