Der Oligarch von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2009
unter dem Titel The defector,
deutsche Ausgabe erstmals 2011
bei Pendo.
Folge 9 der Gabriel-Allon-Serie.
- New York: G. P. Putnam’s Sons, 2009 unter dem Titel The defector. 469 Seiten.
-
München; Zürich: Pendo, 2011.
Übersetzt von Wulf Bergner.
ISBN:
978-3866122628. 416 Seiten.
'Der Oligarch' ist erschienen als
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In Kürze:
Wyschaja mera: das unbezeichnete Grab – für die Russen die höchste Form der Bestrafung von Verrätern. Das ist das Erste, woran Geheimagent Gabriel Allon denkt, als ihn die Nachricht vom Verschwinden des Überläufers und Dissidenten Grigorij Bulganow erreicht. »Versprechen Sie mir, dass ich nicht in einem unbezeichneten Grab enden werde!«, hatte dieser einst zu ihm gesagt. Der britische Geheimdienst geht davon aus, dass es sich bei Bulganow um einen Doppelagenten handelt. Doch Allon ahnt, dass hier etwas anderes als politische Interessen eine Rolle spielt, dass es um etwas viel Gefährlicheres, Unberechenbareres geht: um gnadenlose blutige Rache. Als wenig später Allons Frau Chiara entführt wird, sieht er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Ein atemloser Wettlauf gegen die Zeit beginnt.
Das meint Krimi-Couch.de: »Showdown im verschneiten Birkenwald«
Krimi-Rezension von Andreas Kurth überspringen
Der Fall Iwan Charkow schien für den israelischen Top-Agenten Gabriel Allon abgeschlossen. Doch dann wird ein russischer Überläufer, der sich den Medien in England offenbart hat, von den Schergen des Waffenhändlers aus London entführt. Und damit nicht genug. Als Allon zu Nachforschungen nach England fliegt, wird auch noch seine geliebten Frau Chiara gekidnappt, ihre Leibwächter gnadenlos erschossen. Allon ist außer sich – und doch kühl in seinem kalten Zorn. Mit Hilfe seines Mossad-Teams plant er die Befreiung seiner Frau und des Überläufers, der ihm einst das Leben rettete. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, denn Charkow will unter allen Umständen seine in die USA geflohenen Kinder zurück haben. Gegen jede Vernunft nimmt Allon an dem Einsatz teil, der ihn schließlich zum Showdown in die verschneiten Birkenwälder nord-östlich von Moskau führt.
Daniel Silva spielt für seine Fans in der Top-Liga der Autoren von Agenten-Thrillern. Seine Kritiker sehen das völlig anders. Zugegeben, er hat schon eine sehr zentrierte Sichtweise, aber immerhin sind seine Romane bei aller Glorifizierung des Mossad und damit des Staates Israel gut recherchiert. Es geht Silva immer wieder um das Trauma der Juden nach dem Vernichtungsfeldzug der Nazis gegen ihr Volk. Und die Hauptperson ist ein unverwundbar anmutender Agent – dem der Autor allerdings höchst menschliche und nachdenkliche Züge gibt. Gabriel Allon ist der Sohn einer Berliner Jüdin, hat wie viele seiner israelischen Mitbürger im Holocaust große Teile seiner Familie verloren – und gehört zu den Rächern, die die Feinde Israels gnadenlos verfolgen. Zugleich ist er ein hochtalentierter Restaurator. Darin drückt sich die ganze Widersprüchlichkeit dieser in meinen Augen überaus sympathischen Romanfigur aus. Zusammengefasst ist er ein gnadenloser Killer, der auch immensen Charme und einen messerscharfen Verstand besitzt. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, hat Daniel Silva seinem Protagonisten auch noch eine romantische Ader gegeben. Gabriel Allon hat nach dem Tod seines ersten Kindes wieder geheiratet, während seine erste Frau in der Psychiatrie dahin vegetiert. Er besucht sie regelmäßig – und will doch mit seiner zweiten Frau ein Kind bekommen. Zugleich ist Allon loyal bis zur Selbstaufgabe, gegenüber seinem Land, aber auch gegenüber Menschen, die etwas für ihn getan haben. Und so trifft ihn die Entführung des russischen Überläufer wirklich hart, schließlich hatte er dem Mann versprochen, dass dieser nie nach Art der russischen Mafia in einem namenlosen Grab enden würde.
Daniel Silva schreibt seine Agenten-Thriller, wie sie die Fans des Genres lieben. Die von Kritikern bemängelten Widersprüchlichkeiten gehören offenbar dazu. Es wird klar zwischen den Guten und den Bösen unterschieden, die Israelis und ihre Verbündeten dürfen Menschen töten, wo es nötig erscheint. Die meisten Teammitglieder werden eher oberflächlich geschildert. Und dann noch ein Held, der Killer und Künstler in einer Person ist. Publikum und Rezensenten dürften gespalten sein, in welchem Prozentverhältnis – das sei einmal dahin gestellt. Aber ist bei einem solchen Thriller der Realitätsgehalt wirklich auschlaggebend? Und müssen Agenten auch noch moralisch einwandfrei agieren? Doch wohl eher nicht. So ein Thriller muss spannend sein und den Leser unterhalten. Und das versteht Silva geradezu meisterhaft. Der Spannungsbogen setzt praktisch mit der ersten Seite ein, und wird an keiner Stelle unterbrochen. Die Dialoge sind mal witzig, mal angemessen ernst, mal durchaus dramatisch. Die teilweise Holzschnitt-artigen Figuren passen sich hervorragend in die Erzählung ein, auch wenn sie zahlreiche Klischees und Stereotypen bedienen.
Pluspunkte sammelt der Autor auf jeden Fall mit gut recherchierten Randdetails. Die Anschläge in London, der internationale Waffenhandel, die auch heute noch feststellbare Verehrung der Russen für den Massenmörder Stalin – all das verleiht der Geschichte eine enorme Authentizität.
Daniel Silva ist ein hervorragender Erzähler, dass hat er auch in Der Oligarch wieder bewiesen. Sicherlich besteht bei einer solchen Reihe wie der um Gabriel Allon und seinen Kampf gegen die Feinde Israels die Gefahr, dass es irgendwann des Guten zuviel wird. Immer wieder schlägt der »allmächtig« scheinende »Dienst« gnadenlos zu, besiegt seine Feinde, und sichert die Existenz des Staates Israel. Aber es ist wie mit vielen gut geschriebenen Roman-Reihen. Wenn es dem Leser gefällt, kann er zuweilen nicht genug davon bekommen. Silva versteht es jedenfalls perfekt, auch mit diesem Roman schon wieder Appetit auf den nächsten zu machen. Wenn man nach geradezu atemloser Lektüre das Buch zuschlägt und durchatmet, und sich dennoch schon fragt, was wohl in der nächsten Folge der Reihe auf den Helden und die Leser zukommen wird, kann der Autor nicht allzuviel falsch gemacht haben.
Andreas Kurth, August 2011
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