Mord am Rondell von Dan Turell

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1983 unter dem Titel Mord ved Runddelen, deutsche Ausgabe erstmals 2004 bei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Dänemark / Kopenhagen, 1970 - 1989.

  • Valby: Borgen, 1983 unter dem Titel Mord ved Runddelen. 194 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2004. Übersetzt von Christel Hildebrandt. ISBN: 3-404-15177-1. 269 Seiten.

'Leseprobe' ist erschienen als Taschenbuch

ISBN 3-404-15177-1, 269 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Lübbe

Leseprobe

Ins Deutsche übertragen von Christel Hildebrandt

1

Es war ein verfluchter Abend, einer dieser Abende, an denen man unwillkürlich erwartet, dass die schlimmsten und verkehrtesten Dinge geschehen. Dabei weiß natürlich jeder, dass sie sowieso zu jeder Zeit überall auf der Welt (und vermutlich auch auf möglichen anderen bewohnten Planeten) geschehen können, aber es gibt gewisse Tage, an denen ist die Stimmung, der Ton einfach so, als wären sie (genau wie bestimmte Menschen, denen man begegnet) von Anfang an verloren, hätten nie eine wirklich faire Chance gehabt, würden unwiderruflich auf einen Abgrund zutreiben.

Es war ein kalter, windiger, regnerischer Abend. Es war ein Montag, und es war Anfang Januar. Die Menschen auf den Kopenhagener Straßen versteckten sich hinter ihren Regenschirmen, oder sie gingen vornüber gebeugt, die Köpfe wie wütende Stiere vorgereckt, während sie sich ihren Weg durch den Regen bahnten. Die meisten sahen aus, als dächten sie an ihre Steuererklärung oder daran, wie sie die nächste Miete bezahlen sollten. In den Straßen stand das Wasser, und das jetzt schon am dritten Abend hintereinander.

Es war ein Abend, an dem jeder, der noch einen Funken Verstand besaß, sich in den gemütlichsten Sessel setzen würde, den er auftreiben konnte, um ein gutes Buch zu lesen, mit seinem Lieblingsdrink in Reichweite.
Und natürlich war es der Abend, ausgerechnet dieser Abend, an dem ich eines dieser fünfundzwanzig bis dreißig verrückten Individuen war, die sich auf den Straßen der Stadt herumtrieben.

Ich lief nachdenklich herum. Ich hatte so einiges, worüber ich nachdenken musste. Ich hatte Probleme genug, um mindestens drei Spalten im Zeitungskummerkasten zu füllen.

Ich hatte eine Frau geschwängert. Eine alte Geschichte, und glaubt bloß nicht, dass ich stolz darauf bin: Das hätte jeder erstbeste Fahrradbote fertig bringen können, und vielleicht besser als ich. Aber nun war ich es. Hatte es nun einmal fertig gebracht, und damit war es auch mein Problem.

Aber im Hinblick auf die Naturgesetze war es natürlich noch mehr ihr Problem als meines.
Und sie – Gitte Bristol, die schwarz funkelnde Rechtsanwältin, mit der ich »ging«, seit wir uns vor einem halben Jahr im Flugzeug nach Rodby kennen gelernt hatten, ohne ihr eigentlich in dieser ganzen Zeit sehr viel näher gekommen zu sein – sie hatte so ihre Zweifel. Sie wusste nicht, ob sie ein Kind mit mir haben wollte. Sie wusste überhaupt nicht so recht, ob sie mit mir zusammen sein wollte.
Schwierige Aussichten.

Folglich empfand sie ihre Situation als bedrückend und war zeitweise auf dem besten Weg in die Depression, dann wieder war sie wütend und aggressiv, oft auf die ganze Welt, meistens besonders auf mich, da ich ein ziemlich aufdringlicher Teil dieser Welt war. Sicher, ich war nur das zweitaufdringlichste Wesen, aber dabei einfacher anzugreifen als das unbekannte Wesen, das zusammengekauert in ihrem Körper abwartete.

Im Abstand von nur wenigen Tagen wechselte sie immer wieder ihre Meinung, wie eine Art menstrueller Zyklus. Mal wollte sie »ihr« Kind haben, dann wollte sie versuchen »unser« Kind zu bekommen, und dann wollte sie es wieder abtreiben.
Die Wut einer Frau, die Hysterie einer Frau ist in der Regel – wie die Amerikaner sagen – right as rain.

Aber ihre Arbeit verrichtete sie wie immer: zuverlässig, effektiv, genau und mit dieser unmenschlich hohen Arbeitsmoral, die fast nur äußerst selbstbewusste Frauen aufbringen können.

An diesem Abend war sie außergewöhnlich schwachsinnig gewesen, natürlich. Ich konnte ihr das in ihrer Situation nicht vorwerfen. Und als sie »gern allein sein wollte«, wie sich eine Frau mit ihrer Erziehung so selbstverständlich ausdrückt, machte ich mich auf in den Regen, mehr oder weniger automatisch auf den Weg »nach Hause«, zu dem »Zuhause«, das ich noch mein eigen nannte, während ich bereits halbwegs bei ihr wohnte, oder zumindest übernachtete. Ich ging also und »dachte«, wenn das kein zu großes Wort dafür ist.

Ich dachte an den Moment, als ich sie das erste Mal sah, bei meinem chinesischen Freund Ho Ling Fung, in seinem Restaurant, wo sie allein aß und so eine Wirkung auf mich ausübte, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Ich dachte an damals, als ich auf dem Flughafen von Rodby das erste Mal mit ihr sprach, dem beklagenswerten Mangel an Mietwagen auf diesem provinziellen Flugplatz sei Dank. Ich dachte – leicht zitternd vom Regen und den Erinnerungen – an die Nacht, als sie mich im Hotel Rodby »hereinließ«.

Ich dachte an ihr Leben, die französische Schule, ihre Kindheit im Richterhaus, an ihren pompösen Amtsrichter-Vater und den unterdrückten Schatten einer ewig mit den Kaffeetassen klappernden Mutter, um die Chesterfield Garnitur voller Zigarrenrauch herumhuschend. Ich dachte an ihre missglückte erste Ehe, und als ich daran als ihre »erste« dachte, sah ich mich gleichzeitig als Kandidaten für die zweite.

Wirklich, ich liebte sie, mehr als ich jemals jemanden geliebt habe.
Es ist gelogen, was die meisten trivialen Festredner behaupten, dass Liebe blind macht. Die Wahrheit ist genau das Gegenteil: Liebe macht sehend. Leute, die lieben, sehen Dinge, für die sonst niemand Augen hat, und oft handeln sie klarer und konsequenter als die so genannten »coolen Typen«.

Deshalb war ich auch nicht blind gegenüber der einleuchtenden Tatsache, nicht gerade eine gute Partie für sie zu sein. Wenn es stimmt, dass gleich und gleich sich gern gesellt, dann hätten wir nicht einmal zusammen Fangen spielen können.
Und trotzdem hatten wir das, und die Ergebnisse waren jetzt offensichtlich.

Es gab also genug Stoff zum Nachdenken, und die Gedanken liefen in ihren planmäßigen, gewohnten, sinnlosen, vogelpfeifenartigen, bewährten Bahnen, während ich straßauf, straßab in dem strömenden Regen wanderte, der an diesem späten Abend langsam alle Mauern und Häuser der Stadt sauber zu waschen schien und sie mit seinen Tropfen märchenhaft zum Glänzen brachte.

Plötzlich erwachte ich wie aus einem Traum und stellte fest, dass meine dienstwilligen Beine mich die altvertrauten Kopenhagener Straßen entlanggeführt hatten: die Istedgade hinunter, über den Vorplatz des Hauptbahnhofs, über die Strøget und die Købmagergade nach Nørreport und bis auf die Nørrebrogade – eine Route, die meine Beine in den letzten zwanzig Jahren mehrere tausend Mal gegangen oder gefahren waren. Kein Wunder, dass sie sie kannten, wie ein Pferd, das seinen Weg kennt.

Aber sie kommen eigentlich selten so weit in diese Richtung.
An diesem Abend waren sie bis zum Nørrebro Rondell gekommen, dort, wo der Jagtvej und die Nørrebrogade sich kreuzen mit Straßen nach Norden, Süden, Osten und Westen oder besser gesagt: in die Innenstadt, nach Bispebjerg, nach Lyngby oder nach Frederiksberg.

Das war eine Gegend, die ich kannte, oder genauer gesagt: eine, die ich gekannt hatte. Ein Teil meiner Familie lag hinter den grauen Mauern des Assistens Friedhofs zusammen mit Hans Christian Andersen und Søren Kierkegaard, ein Teil von ihnen hatte seit Generationen in den großen Mietskasernen von Nørrebro gelebt.

Ich blieb einen Moment lang direkt am Rondell stehen, um die Atmosphäre in mich aufzusaugen. Einen Augenblick lang war ich ein Fremder, der in ein unbekanntes Land eingedrungen war, aber dann tauchte nach und nach die Erinnerung wieder auf. Rechts stand wie immer die Zigeuner-Halle, der alte, volkstümliche Tanzsaal mit Blasmusik, Witwenball, Ein-Liter-Bier-Humpen und Tanz auf den Bänken zu gemeinsamen Liedern. Links, auf der anderen Seite des Jagtvej, lag immer noch das Colloseum, das Kino für die Jugend, als ich jung war. Allein der Anblick des Reklameschilds ließ die Erinnerung an die Zeiten mit Elvis Presley, James Dean und den inzwischen nicht mehr erhältlichen Marken von Lederjacken und Motorrädern wieder aufleben.
Und mittendrin lag heute wie früher das Central-Café, das Central-Café mit seinen abgewetzten Plüschsesseln und den heruntergekommenen gelblichen Bordelllampenschirmen hinter den alten Goldschildern zur Straße hin.

Das alles war unverändert, und die melancholische steinerne Trostlosigkeit der Friedhofsmauer sah auch aus wie eh und je.
Das war eine Gegend, die man in anderen Gegenden, in solchen, aus denen Gitte Bristol stammte, als »ein hartes Pflaster« bezeichnen würde. Ich glaube zwar nicht besonders an eine spezielle Härte, jede Gegend hat ihre eigene, aber es ist zumindest eine armselige Ecke, und niemand kommt von hier, ohne das erfahren zu haben. Es ist eine Gegend, die ihre Identität aus tausenden gleichförmiger Wohnungen schöpft, die alle gleich eingerichtet sind, weil sie gar nicht anders eingerichtet werden können, wenn ihre Bewohner darin schlafen, essen und scheißen sollen. Das ist eine Gegend, in der Kinder nur selten Stipendien oder Zuschüsse für die so genannte Weiterbildung bekommen. Das ist eine Gegend, in der es schon eine Herausforderung bedeuten kann, lange genug zu überleben, um überhaupt in die Schule zu kommen und gerade mal genug zu lernen, um seine Sozialhilfe quittieren und seinen Lottoschein ohne Hilfe anderer ausfüllen zu können.

Aber das ist auch eine Gegend mit äußerst akkuraten Topfpflanzen auf den Fensterbänken, mit Schifferklaviermusik, mit schwachem Essensduft aus den Hinterhofküchen, mit Gemüse, das im wahrsten Sinne des Wortes auf den Bürgersteig hinausquillt (so wie die Kopenhagener es so gern in den exotischen südeuropäischen Städten sehen), mit vielen Menschen, die alt und faltig geworden sind und trotzdem oft eine Art geheimnisvolles, wissendes Lächeln zeigen, während sie gebückt mit einem Einkaufsnetz in der Hand die gleichen engen Gassen hinuntertrotten, in denen sie ihr ganzes Leben verbracht haben.
Ein Ort, will ich damit sagen. Ein Ort, an dem man ein wenig stehen bleiben und ins Nachdenken kommen kann, sich umschaut, während man sich vielleicht einen Moment lang einbildet, etwas zu begreifen, nur einen Funken von dem Ganzen.
Wenn es einem überhaupt erlaubt sein sollte, an so einem verfluchten Abend irgendwo stehen zu bleiben und nachzudenken.
Das war es mir nicht. Eine Frau begann irgendwo in der Nähe zu schreien, laut zu schreien, durchdringend und wahnsinnig. Voller Angst, wie in einem Horrorfilm.
Ich verlor den Faden. Aber der war sicher auch nichts mehr wert.

2

Die Schreie klangen, als würden sie – vom Wind verstärkt – gegen die Friedhofsmauer geworfen. Also mussten sie von der anderen Seite des Jagtvej kommen, gegenüber dem Colosseum.

Nicht, dass ich darüber nachdachte – wir Kopenhagener kennen die Akustik unserer Straßen. Ich lief einfach hinüber wie ein dressierter Hund, der weiß, wann er loslaufen soll.

Ich lief hin, und das Gleiche taten zwei dunkle Gestalten, die in der Nacht auftauchten. Ich sah einen von ihnen vor einer Neonreklame, er trug eine Lederjacke mit Nieten. Beide Silhouetten liefen genau wie ich dem Schrei nach, der inzwischen bereits verstummt war.

Ein Taxi hupte aus Leibeskräften, und mit dem Instinkt eines Insekts sprang ich zurück und rettete mein so genanntes Leben für ein weiteres Vierteljahr.

Ich folgte den Gestalten auf der anderen Seite. Kam an einem Tätowierer vorbei, einem Zahntechniker, dem ehemaligen Kino, in das ich kurz schaute und dutzende von Videospiel- und Jackpotautomaten mit verschiedenen Früchten und Figuren verlockend in grellem Licht blinken sah. Viele von ihnen waren in Betrieb. Keiner der Spieler – falls man sie so nennen kann – hatte offensichtlich mitten in ihrem mechanischen Elektroniklärm etwas gehört.

Hinter dem Kino bogen die beiden Gestalten nach rechts ab, und ich folgte ihnen. Sie hatten kaum eine halbe Minute Vorsprung.
Eine lange, schmale Passage führte in einen Hinterhof. Auf der linken Seite waren Fahrräder an der Mauer aufgereiht, auf der rechten überfüllte Müllcontainer. Es herrschte ein schwerer, ekliger Geruch. Der Hinterhof sah aus, als führte er in einen weiteren Hinterhof.

Ein gelbliches Licht fiel von einer Hintertreppe, und dort standen die beiden Gestalten über etwas gebeugt.
Ich hatte schon so meine Ahnungen. Entweder man wird in meiner Branche paranoid, oder man entscheidet sich für die Branche, weil man es bereits ist.

Ich war bis auf die Haut durchnässt. Ich muss wie eine Parodie auf Boris Karloff geklungen haben, als ich keuchend mit gepresster, unfreiwillig in der Gasse widerhallender Stimme fragte: »Was ist passiert?«
»Guck doch selbst!«, antwortete einer der Typen und zog sich aus dem Hintertreppenlicht zurück.
Das gab mir Gelegenheit, seine Jacke erneut zu betrachten, das Funkeln der Nieten, aber nicht sein Gesicht, denn genau in dem Augenblick, haargenau in dem Moment, als ich auf die Treppe schaute und dort auf den Treppenstufen eine Frau liegen sah – da ging das Licht aus, und ich bekam einen Tritt, der mich auf die Treppe und direkt über die Frau warf.
Ich hörte, wie schnelle Schritte sich entfernten.

Ich erhob mich von dem Körper, auf den sie mich geworfen hatten – gut für mich, unfreundlich der Dame gegenüber. Sie war mindestens bewusstlos, hatte überhaupt nicht darauf reagiert, meine achtzig Kilo auf sich geworfen zu bekommen.
Ich schaltete die Treppenbeleuchtung wieder ein. Zündete außerdem noch mein Feuerzeug an und hockte mich hin, um die Frau richtig zu betrachten.

Sie war nicht ohnmächtig, sie war schlicht und ergreifend tot. Wenn jemand so tot ist, dann muss man kein Arzt sein, um das festzustellen.
Sie lag so still und friedlich da, mit dem Kopf nach hinten gegen eine Treppenstufe gelehnt, als hätte sie darauf gewartet, dass jemand mit dem Schlüssel käme, und wäre mittlerweile eingeschlafen. Sie lag regungslos da, in einem beigefarbenen Mantel. Sie hatte blonde Haare, blaue Augen und war ziemlich mager. Ihre Augen waren immer noch geöffnet, und gerade als ich sie betrachtete – groß, aufgerissen, voller Angst – ging erneut das Licht aus, und die Augen verfolgten mich, funkelnd in der Dunkelheit, wie in einem Trickfilm.

Die nächste Phase des Treppenlichts zeigte, d ass sie keine sichtbaren Wunden aufwies. Sie lag einfach da und war anscheinend ganz friedlich zu Tode gekommen, aber mit einem Ausdruck in den Augen wie der eines Schlachtopfers, das das Messer auf sich zukommen sieht.
Sie sah nicht vermögend aus, aber auch nicht billig, nicht mehr ganz jung, noch nicht völlig durch. Sie konnte nicht viel älter als fünfundzwanzig sein.

Ein verfluchter Abend. Ein Abend dieser Sorte, an dem man sich plötzlich einer Frauenleiche gegenübersieht, auf die man in einem Winkel von Nørrebro aus lauter Hilfsbereitschaft geworfen wird.

Und dann auch noch eine Frauenleiche, die ganz unschuldig aussah. Um keinen Irrtum aufkommen zu lassen: Ich habe schon vorher tote Frauen gesehen, und einige von ihnen sahen aus, als hätten sie nichts anderes erwartet – da gibt es weder Angst noch Überraschung in ihrem Blick.

Aber diese hier, die sah so überrumpelt aus. Jemand war von hinten gekommen. Sie hatte nicht begriffen, warum es passierte, das sagte ihr Gesicht ganz deutlich.
Ich angelte eine Zigarette hervor und ließ das Licht wieder ausgehen.
Ich konnte nichts für sie tun. Ich konnte nur die Polizei anrufen – und zusehen, dass ich wegkam, bevor jemand vorbeilief und auf die prima Idee kam, dass es sich hier um mein gesegnetes Werk handelte.
Vielleicht hatten die beiden, die vor mir weggelaufen waren, exakt das Gleiche gedacht.
Draußen fuhr ein Wagen mit unanständig laut kreischenden Bremsen vorbei.
Niemand kam in die Gasse hinein, niemand ging hinaus. Fahrräder und Container standen ruhig und abwartend da. Das Mädchen lag tot da und erwartete nichts mehr.

Ich ließ sie liegen. Ich schlich mich an den Containern entlang hinaus, trat dabei hier und da nach einer infektiösen Slum-Ratte, mit dem verfluchten Gefühl, jeden Augenblick ein Messer zwischen die Rippen kriegen zu können.
Aber es kam kein Messer. Ich lief den Jagtvej entlang zur Telefonzelle am Rondell. Der Regen prasselte immer noch mit derselben Beharrlichkeit herab, als könnte er nicht mehr aufhören, wo er jetzt schon einmal so weit gegangen war, oder als wollte er einen neuen Guinness-Rekord eher in Ausdauer als in Tempo aufstellen.
Während meiner eiligen Wanderung zur Telefonzelle hin wurde ich an der Schulter gepackt. Ich drehte mich um und schaute auf ein Messer.

Hinter dem Messer standen zwei Rocker in schwarzem Leder mit schwarzen Gürteln und schwarzen Stiefeln. Sie musterten mich von oben bis unten, wie es seit meinem früheren Chef niemand mehr getan hatte.
»Hei. Gefällt dir mein Messer?«, fragte der eine.
»Oder magst du meins lieber?«, fragte der andere und zog auch sein Messer.
Die Messer waren gleich. Und die Typen offensichtlich auch. Ausdruckslos, glatt rasiert. Und nicht älter als zwanzig.
»Hei«, erwiderte ich. »Ich weiß verdammt wenig über Messer, aber da hinten in der Passage am Colosseum, da liegt eine Leiche, und ich will grade die Bullen anrufen, damit sie sie abholen, also lasst uns ein andermal weiterspielen, ja?«
»Eine Leiche?«, fragte der eine.
»Bullen?«, fragte der andere.
»Ja«, nickte ich müde. »Eine tote Lady. Darf ich jetzt also bitte telefonieren?«
Der Zweite war schneller als der Erste. Er sah aus, als wäre ihm eine Idee gekommen.
»Hör mal«, sagte er. »Woher sollen wir denn wissen, dass du sie nicht abgemurkst hast und jetzt einfach abhauen willst?«
»Ach, halt’s Maul. Ihr könnt ja mitkommen«, antwortete ich müde. »Und dann den Bullen das erzählen, was ihr mir sagen wolltet.«
»Wir gehen mit«, erklärte der eine.

Ich gab mir Mühe, nicht erleichtert Luft zu holen. Solche Typen wie diese hier, die bringen zwar niemanden mutwillig um, aber es gefällt ihnen ungemein, in Fleisch zu schneiden, und es ist viel Wahres dran an der Großwildjägerweisheit, dass das Blöken des Kitzes den Tiger reizt. So kaltblütig wie möglich, das ist die empfohlene Methode in so einer Situation.
Dennoch war mein Weg zur Telefonzelle zwischen zwei Rockern mit gezückten Messern bei weitem nicht so entspannt, wie ein erfahrener Musical-Choreograf es empfohlen hätte.
Messer sind widerliche, spitze Instrumente.
Vielleicht war an dem Gerücht von dem »harten Pflaster« doch etwas dran.

Die Telefonzelle funktionierte nicht. Telefonzellen funktionieren nie in Kopenhagen. Jedes Mal, wenn man alle Jubeljahre eine für eine wirklich lebenswichtige Nachricht braucht, hat irgend so ein versoffener Teenager im ersten Vollrausch seines Lebens es als Höhepunkt kosmischer Komik angesehen, das Kabel in der nächstgelegenen Zelle aus dem Apparat zu ziehen.
»Durchgeschnitten«, sagte der eine lakonisch.
»Ärgerlich, was? Oder?«, meinte der andere freundlich verständnisvoll.
Es sah aus, als wollten sie zum Tanz aufspielen, als wollten sie ihre kleine rituelle Late-Night-Gewaltshow zeigen.
Es war keine Menschenseele auf dem ganzen Rondell zu sehen. Nicht einmal ein vorbeifahrendes Taxi, kein einziger Gast, der aus dem Central-Café trottelte, nicht ein einziger spät heimkehrender Bewohner einer der tausenden von Wohnungen, die uns von allen Seiten umgaben.
Ärgerlich, oh ja. Sehr, sehr ärgerlich.
Aber was konnte man von so einem verfluchten Abend auch anderes erwarten.
Der eine, der unbegabtere von beiden, hob langsam sein Messer. Entweder glaubte er, ich wäre ein begnadeter Lügner, oder aber er glaubte, ich wäre der Mörder, und in beiden Fällen war ihm das scheißegal.
Ich bereitete mich darauf vor, die Beine in die Hand zu nehmen – ohne größere Chancen bei meinem Alter und meiner Kondition.

Aber irgendein Gott (vermutlich der Gott, der sich um die kümmert, die keinen Gott verdient haben) kam mir – wie die Kavallerie in einem Western – zu Hilfe. Eine Polizeisirene heulte in der Dunkelheit auf, sie kam näher und näher, Meter um Meter ertönte sie unbeherrschter, mit diesem Jaulen, das die dänische Polizei aus den amerikanischen Fernsehserien übernommen hat.

Und innerhalb einer Sekunde waren die Typen die Nørrebrogade hinunter verschwunden. Die beiden hatten offensichtlich auch zu viele amerikanische Fernsehfilme geguckt.

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