Meteor von Dan Brown

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Deception Point, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Bastei Lübbe.

  • New York: Pocket Books, 2001 unter dem Titel Deception Point. 372 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2003. Übersetzt von Peter A. Schmidt. ISBN: 3-404-15055-4. 635 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2004. Übersetzt von Peter A. Schmidt. ISBN: 3828974600. 622 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2005. Übersetzt von Peter A. Schmidt. ISBN: 3-404-77057-9. 621 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe, 2005. Gesprochen von Anne Moll. gekürzt. ISBN: 3-404-77056-0. 6 CDs.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe, 2009. Gesprochen von Anne Moll. ungekürzt. ISBN: 978-3-7857-3728-6. 14 CDs.

'Leseprobe' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

ISBN 3-404-15055-4, 635 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Lübbe

Leseprobe

Aus dem Amerikanischen von Peter A. Schmidt

Kapitel 15

Die U.S. Delta Force ist eine Einzelkämpfereinheit, deren Einsätze eine vom Präsidenten garantierte absolute Immunität vor dem Gesetz genießen.

Die »Presidential Decision Direktive 25«, eine Ausführungsdirektive des Präsidenten, garantiert den Kämpfern der Delta Force »Freiheit vor jeglicher Verfolgung durch das Gesetz«. Sie sind handverlesene Mitglieder der Sondereinheit »Combat Applications Group« (CAG), einer geheimen Organisation innerhalb des Kommandos für Spezialoperationen, das in Fort Bragg in North Carolina stationiert ist. Die Kämpfer der Delta Force sind ausgebildete Killer, Experten für verdeckte Operationen, Geiselbefreiungen, Überraschungsschläge und die Ausschaltung geheimer gegnerischer Kräfte.

Da die Einsätze der Delta Force gewöhnlich unter strengster Geheimhaltung stattfinden, wird die übliche aufgefächerte Kommandostruktur meist zu Gunsten einer »Mannführung« umgangen, bei der ein einzelner Kommandoführer – in der Regel ranghohe militärische oder regierungsamtliche Persönlichkeiten – die Operation der Einheit nach eigenem Ermessen leitet. Unabhängig von der Identität des Einsatzleiters unterliegen die Operationen der Delta Force der strengsten Geheimhaltung. Nach ihrer Beendigung wird der Delta-Force-Einsatz von keinem der beteiligten Kämpfer je wieder erwähnt – weder gegenüber einem Kameraden noch gegenüber einem Vorgesetzten des Kommandos für Spezialoperationen.
Einfliegen, zuschlagen, vergessen.

Für das Delta-Force-Team, das zurzeit oberhalb des zweiundachtzigsten Breitengrades stationiert war, gab es nichts zu fliegen oder zuzuschlagen. Es befand sich schlicht auf Beobachtungsposten.

Delta-1 musste zugeben, dass es sein bislang ungewöhnlichster Einsatz war, aber er hatte schon vor langer Zeit gelernt, sich nie darüber zu wundern, was von ihm verlangt wurde. In den letzten fünf Jahren hatte er bei Geiselbefreiungen im Mittleren Osten mitgewirkt, in den usa tätige terroristische Zellen aufgespürt und eliminiert, und sogar an der diskreten Beseitigung einiger besonders gefährlicher Männer und Frauen auf dem gesamten Erdball teilgenommen.

Erst letzten Monat hatte sein Delta-Team einen fliegenden Mikroboter dazu benutzt, bei einem südamerikanischen Drogenbaron einen Herzinfarkt auszulösen. Delta-2 hatte den mit einer Titanhohlnadel und einem hochwirksamen gefäßverengenden Gift ausgerüsteten Mikroboter durch ein offenes Fenster im zweiten Stock des Hauses dieses Mannes manövriert und den Schlafenden in die bloße Schulter stechen lassen. Als der Mann mit Schmerzen in der Brust aufwachte, war der Mikroboter längst wieder zum Fenster hinausgeflogen und jede Spur verwischt. Als die Frau des Opfers den Notarzt rief, saß das Delta-Team schon im Flugzeug auf dem Weg nach Hause.
Kein Einbruch, keine Gewaltanwendung.
Natürliche Todesursache.
Ein schöner Einsatz.
Delta-1 war inzwischen schon zehn Tage auf seinem Beobachtungsposten in diesem Zelt gefangen. Wäre es nach ihm gegangen, hätte der Einsatz allmählich zu Ende sein können.
Verlassen Sie nicht das Versteck.
Überwachen Sie das Gebäude – innerhalb und außerhalb.
Melden Sie Ihrem Einsatzleiter sämtliche außergewöhnlichen Vorkommnisse.

Delta-1 hatte in seiner Ausbildung gelernt, die Einsätze völlig emotionslos abzuwickeln. Diesmal allerdings hatte seine Pulsfrequenz sich bei der ersten Einsatzbesprechung beträchtlich beschleunigt. Die Besprechung und die Einweisung in die einzelnen Phasen hatten anonym und abhörsicher über elektronische Kanäle stattgefunden. Delta-1 hatte keine Ahnung, wer sein Einsatzleiter bei diesem Auftrag war.

Er war mit der Zubereitung einer Mahlzeit aus Astronautenkost beschäftigt, als die Chronometer der drei Männer gleichzeitig zu piepsen anfingen. Fast im selben Moment begann auch das neben ihm abgestellte Gerät zur verschlüsselten Kommunikationsübermittlung, das CrypTalk, zu blinken. Delta-1 nahm das telefonhörergroße Gerät. Stumm schauten die beiden anderen Männer ihm zu.
»Hier Delta-1«, meldete er sich.

Die drei Worte wurden augenblicklich von der im Gerät eingebauten Stimmerkennungs-Software analysiert, das nach der Freigabe jedem Wort eine Ziffer zuordnete, die verschlüsselt via Satellit an den Anrufer weitergeleitet wurde. Der Anrufer benutzte seinerseits das entsprechende Gerät, das die übermittelten Ziffern dechiffrierte und in einem vorab abgespeicherten Lexikon wieder die zugehörigen Worte aufsuchte, die von der synthetischen Stimme eines Sprachcomputers in gesprochene Worte zurückübersetzt wurden. Der gesamte Vorgang dauerte acht Millisekunden.
»Hier spricht der Einsatzleiter.« Die synthetische Stimme aus dem CrypTalk hatte etwas gespenstisch Körperloses und Androgynes. »Wie ist Ihr Status?«
»Alles läuft nach Plan«, antwortete Delta-1.
»Ausgezeichnet. Ich habe ein Update für den Zeitrahmen. Die Information wird heute Abend zwanzig Uhr New Yorker Ortszeit an die Öffentlichkeit gegeben.«
Delta-1 blickte auf seinen Chronometer. Nur noch acht Stunden. Sein Job hier würde bald vorbei sein. Eine ermutigende Aussicht.
»Es gibt eine neue Entwicklung«, sagte der Einsatzleiter. »Ein neuer Spieler ist ins Einsatzgebiet gekommen.«
»Was für ein neuer Spieler?«
Delta-1 lauschte aufmerksam der Antwort. Ein interessantes Spiel. »Glauben Sie, man kann ihr vertrauen?«, fragte er schließlich.
»Man muss ihr genauestens auf die Finger sehen.«
»Und wenn es Schwierigkeiten gibt?«
Die Antwort kam postwendend. »Sie kennen Ihre Befehle.«

Kapitel 16

Rachel Sexton war nun schon eine Stunde lang nach Norden geflogen. Außer einem Zipfel Neufundlands hatte sie auf der ganzen Reise nur das Meer gesehen.

Wieso muss es ausgerechnet diese Wasserwüste sein?, dachte sie und verzog das Gesicht. Als Siebenjährige war Rachel beim Schlittschuhlaufen ins Eis eines zugefrorenen Teichs eingebrochen. Unter dem Eis gefangen, sah sie dem sicheren Tod entgegen, doch ihre Mutter hatte sie im letzten Moment aus der Falle befreit. Seit diesem schrecklichen Erlebnis hatte Rachel sich mit Hydrophobie herumgeschlagen, einer unüberwindbaren Angst vor offenen Gewässern. Heute kamen Rachels alte Ängste wieder hervor.

Erst als der Pilot seine Position mit dem Luftstützpunkt Thule in Nordgrönland abglich, wurde Rachel klar, wie weit nach Norden sie inzwischen geflogen waren. Wir sind schon jenseits des Polarkreises? Ihr Unbehagen verstärkte sich. Wo bringen die mich hin? Was hat die nasa entdeckt?
Bald überzog sich die graue Weite unter ihr mit Tausenden strahlend weißer Punkte.
Treibeis.

Rachel hatte erst ein einziges Mal in ihrem Leben Treibeis gesehen, vor sechs Jahren, als ihre Mutter sie zu einer gemeinsamen Kreuzfahrt nach Alaska überredet hatte. Rachel hatte zahllose Urlaubsalternativen auf dem Festland vorgeschlagen, doch ihre Mutter wollte nichts davon wissen. »Rachel, Liebes«, hatte sie gesagt, »zwei Drittel unseres Planeten sind von Wasser bedeckt. Früher oder später wirst du dich deinen Ängsten stellen müssen.« Mrs Sexton war eine drahtige Neuengländerin, die sich vorgenommen hatte, ihrer Tochter Stärke zu vermitteln.

Die Kreuzfahrt war Rachels letzte gemeinsame Reise mit ihrer Mutter gewesen.
Katherine Wentworth Sexton. Rachel spürte, wie die Einsamkeit an ihr nagte. Die Erinnerungen waren zurückgekommen wie der Wind, der heulend draußen am Flugzeug vorbeijagte. Das letzte Gespräch mit der Mutter war ein Telefonat am Morgen des Thanksgiving Day gewesen.

»Es tut mir Leid, Mom«, hatte Rachel gesagt. Sie rief aus Chicago an, vom Flughafen O’Hare, der wegen Schneesturms geschlossen worden war. »Ich weiß, es ist noch nie vorgekommen, dass unsere Familie an Thanksgiving nicht zusammen war, aber wie es aussieht, wird es heute wohl zum ersten Mal der Fall sein.«
»O nein, dann bin ich ganz allein. Dein Vater hat so viel zu tun, dass er es dieses Jahr auch nicht schafft, zu kommen. Er bleibt über das verlängerte Wochenende in seiner Suite in Washington.«
»Was?« Rachels Überraschung schlug augenblicklich in Zorn um. »Aber an Thanksgiving gibt es keine Senatssitzungen. Es sind nur zwei Stunden Fahrt!«
»Ich weiß. Er sagt, er sei völlig erschöpft und viel zu müde zum Fahren. Er will sich mit seinen liegen gebliebenen Akten ein ruhiges Wochenende machen.«

Liegen gebliebene Akten? Rachel war skeptisch. Viel eher dürfte es sich um ein liegen gebliebenes Frauenzimmer handeln. Senator Sexton hatte seine Seitensprünge zwar diskret, aber schon jahrelang betrieben. Mrs Sexton war keine Närrin, doch sobald sie ihrem Gatten gegenüber eine Affäre auch nur andeutete, erging er sich in beleidigtem Unmut und plausiblen Alibis. Schließlich wusste Mrs Sexton keinen anderen Ausweg, als ihren Ärger herunterzuschlucken.

Während Rachel nun im Flughafengebäude stand, kochte der Zorn in ihr hoch. »Du an Thanksgiving ganz allein?«
»Nun ja ...«, sagte Mrs Sexton. Ihre Stimme klang enttäuscht, aber unverdrossen. »Ich kann nicht das ganze Essen schlecht werden lassen. Ich werde zu Tante Ann fahren. Sie hat uns schon oft zu Thanksgiving eingeladen. Ich rufe sie gleich an.«
Für Rachel war das nur ein schwacher Trost. »Okay, ich komme, so schnell es geht. Ich liebe dich, Mom.«
Erst um halb elf Uhr abends fuhr Rachels Taxi die gewundene Zufahrt zum Anwesen der Sextons hinauf. Sie merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. In der Einfahrt standen drei Streifenwagen und mehrere Übertragungswagen vom Fernsehen. Im Haus brannten sämtliche Lichter. Plötzlich schlug Rachel das Herz bis zum Hals.

An der Tür trat ihr ein Polizeibeamter mit ernstem Gesicht entgegen. Er brauchte kein Wort zu sagen. Rachel wusste sofort, dass es einen Unfall gegeben hatte.

»Überfrierende Nässe«, sagte der Polizist. »Es war spiegelglatt. Der Wagen Ihrer Mutter ist von der Straße abgekommen und in eine bewaldete Schlucht gestürzt. Sie war sofort tot. Mein Beileid.«
Rachels Körper wurde gefühllos. Ihr Vater, der sofort herbeigeeilt war, nachdem man ihn verständigt hatte, stand im Wohnzimmer und hielt eine kleine Pressekonferenz ab. Stoisch verkündete er der Welt, seine Frau sei auf dem Rückweg vom Thanksgiving-Dinner im Familienkreis bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Rachel stand im Hintergrund und weinte sich während der makabren Darbietung die Augen aus.
»Ich wünschte nur, ich hätte an diesem Wochenende zu Hause bei meiner Frau sein können, dann wäre das nicht passiert«, sagte der Senator mit Tränen in den Augen in die Kameras.
Wenn du nur schon vor ein paar Jahren so klug gewesen wärst!, dachte Rachel zornbebend.
Von diesem Abend an zog Rachel sich immer mehr von ihrem Vater zurück. Der Senator schien es kaum zu bemerken. Stattdessen benutzte er das Vermögen seiner verstorbenen Frau dazu, von seiner Partei als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden. Der Sympathiegewinn durch den Todesfall kam ihm dabei zugute.
Grausamerweise trieb der Senator dadurch Rachel in die Vereinsamung, denn sein Ansturm auf das Weiße Haus hatte Rachels Traum von einer eigenen Familie in unabsehbare Ferne gerückt. Für Rachel war es einfacher, den vollständigen Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben anzutreten, als sich des endlosen Stroms machthungriger junger Washingtoner Bewerber zu erwehren, die sich Hoffnungen machten, eine trauernde potenzielle Präsidententochter zu erobern.

Vor der F-14 schwand das Tageslicht. In der Arktis herrschte Spätwinter – die Zeit der arktischen Nacht. Rachel wurde klar, dass ihr Flug sie in ein Gebiet konstanter Dunkelheit führte. Als die Minuten verstrichen, schwand das letzte Tageslicht. Die Sonne war hinter dem Horizont versunken. Sie flogen weiter nach Norden. Ein heller Dreiviertelmond ging auf und hing weiß in der kristallklaren arktischen Luft. Tief unten schimmerten die Wellenkämme des Ozeans. Die Eisschollen blinkten wie Brillanten auf einem dunklen Paillettengewebe.

Endlich erspähte Rachel den dunklen Umriss von Land. Aber es entsprach keineswegs dem, was sie erwartet hatte. Vor dem Flugzeug ragte eine riesige, schneebedeckte Gebirgskette aus dem Wasser.
»Berge?«, fragte Rachel. »Nördlich von Grönland gibt es Berge?«
»Offensichtlich«, sagte der Pilot. Er schien selbst überrascht zu sein.
Als die F-14 mit der Nase nach unten ging, empfand Rachel eine unheimliche Schwerelosigkeit. Ein wiederkehrendes elektronisches »Ping« drang durch das Klingeln in ihren Ohren. Der Pilot hatte die Maschine offenbar auf einen Leitstrahl gesetzt.

Sie waren nun unter neunhundert Meter gesunken. Rachel schaute auf das mondbeschienene Terrain hinunter. Vom Fuß der Berge fiel eine riesige, schneebedeckte Ebene ungefähr fünfzehn Kilometer weit bis zur Küste sanft ab, wo sie mit einem senkrechten Gletscherabbruch ins Meer abrupt endete.

Dann sah Rachel etwas, das sie noch nirgendwo auf Erden erblickt hatte. Anfangs dachte sie, das Mondlicht würde ihren Augen einen Streich spielen, doch je tiefer das Flugzeug ging, desto klarer konnte sie es erkennen.
Was ist das?

Die Ebene unter ihnen sah aus, als hätte jemand mit Silberfarbe drei riesige breite Streifen in den Schnee gemalt. Die glänzenden Streifen verliefen parallel zum Gletscherabbruch. Erst als die Maschine nur noch hundertfünfzig Meter hoch war, hatte das optische Verwirrspiel ein Ende. Die drei Silberstreifen waren Mulden von über dreißig Metern Breite. Sie hatten sich mit Wasser gefüllt, das gefroren war, sodass sich jetzt drei parallele silbrige Eisbahnen quer übers Plateau erstreckten. Hohe weiße Schneewälle füllten den Zwischenraum.

Starke Turbulenzen schüttelten die Maschine bei ihrem Anflug aufs Plateau. Rachel hörte, wie das Fahrwerk ausfuhr und mit einem dumpfen Knacken einrastete, doch sie konnte immer noch keine Landebahn entdecken. Während der Pilot die bockende Maschine unter Kontrolle zu halten versuchte, sah Rachel an den Rändern der mittleren Eismulde zwei Reihen von Blinklichtern aufblitzen. Zu ihrem Entsetzen erkannte sie das Vorhaben des Piloten.
»Wir landen doch nicht etwa auf dieser Bobbahn?«

Der Pilot gab keine Antwort. Mit äußerster Konzentration manövrierte er die Turbulenzen aus. Rachel spürte ein Ziehen in den Eingeweiden, als er Fahrt wegnahm und in den Eiskanal hineinsteuerte. Rechts und links schossen dem Flugzeug die hohen Schneewälle entgegen. Rachel hielt den Atem an. In diesem Eiskanal würde der kleinste Steuerungsfehler den sicheren Tod bedeuten. Die bockende Maschine tauchte tiefer zwischen die Wälle. Die Turbulenzen endeten schlagartig. Im Windschutz der Wälle legte der Pilot mit seiner Tomcat eine Bilderbuchlandung auf dem Eis hin.

Die Schubumkehr der Triebwerke brüllte auf. Das Flugzeug wurde rapide langsamer. Ein paar hundert Meter weiter rollte die Maschine an einer breiten roten Linie aus, die mit Sprühfarbe quer über das Eis gezogen war.
Rechts war nur eine mondbeschienene Schneewand zu sehen, links sah es ähnlich aus. Lediglich der Ausblick nach vorne war frei …auf ein endloses Eisfeld. Rachel kam sich nach der Landung wie auf einem toten Planeten vor. Von der roten Linie auf dem Eis abgesehen, fehlte jedes Anzeichen von Leben.

Dann hörte sie ein fernes Motorgeräusch näher kommen. Der hohe Heulton wurde lauter, und schließlich schwenkte das Gefährt ins Blickfeld. Es war ein großer Schneetraktor auf Raupen, der ihnen langsam durch den Eiskanal entgegengekrochen kam. Das hohe und staksige Fahrzeug sah aus wie ein futuristisches Insekt, das sich gefräßig auf emsigen Beinen näherte. Hoch über dem Fahrwerk schwebte eine kunststoffverglaste Kabine mit einem Scheinwerferrack, das den Weg ausleuchtete.
Wippend kam das Gerät direkt neben der F-14 zum Stehen. Die Tür der Plexiglaskabine schwang auf, und eine vermummte Gestalt kletterte eine Leiter aufs Eis hinunter. Der Mann steckte von Kopf bis Fuß in einem dicken weißen Overall, der aussah, als hätte man ihn aufgepumpt.

Mad Max und das Michelinmännchen, dachte Rachel. Sie war erleichtert, dass dieser merkwürdige Planet anscheinend doch gewisse Lebensformen hervorgebracht hatte.
Der Mann signalisierte dem Piloten, das Kabinendach zu öffnen.
Der Pilot folgte der Weisung. Ein eiskalter Lufthauch fuhr ins Cockpit. Rachel fror augenblicklich bis ins Mark.
Mach den verdammten Deckel wieder zu!
»Miss Sexton?«, rief die vermummte Gestalt mit amerikanischem Akzent zu ihr herauf. »Im Namen der nasa heiße ich Sie willkommen!«
Rachel zitterte. Allerherzlichsten Dank.
»Bitte lösen Sie die Gurte, legen Sie Ihren Helm ins Cockpit und steigen Sie aus. Benutzen Sie die Fußrasten in der Außenhaut der Maschine. Haben Sie noch Fragen?«
»Ja«, rief Rachel hinunter. »Wo bin ich?«

Kapitel 17

Marjorie Tench, Chefberaterin des Präsidenten, sah aus wie eine Magersüchtige. Sie war eins achtzig groß, mit gelblichem Gesicht, aus dem wie eingestanzte Löcher zwei gefühllose Augen blickten. Sie war einundfünfzig, sah aber zwanzig Jahre älter aus.

Doch Marjorie Tench wurde in Washington als Göttin der politischen Arena verehrt. Ihre Fähigkeit zur politischen Analyse grenzte angeblich ans Seherische. Die zehn Jahre, die sie im Außenministerium als Leiterin des Büros für Nachrichtenbeschaffung und Forschung verbracht hatte, hatten das ihre dazu beigetragen, einen geschliffenen Verstand von tödlicher Schärfe und Kritikfähigkeit hervorzubringen. Unglücklicherweise wurde Marjorie Tenchs politische Brillanz von einem eisigen Charakter begleitet, dem die wenigsten länger als ein paar Minuten gewachsen waren. Marjorie Tench war mit dem Geist eines Supercomputers gesegnet – leider auch mit dessen menschlicher Wärme. Dessen ungeachtet hatte Präsident Zach Herney keine Schwierigkeiten, die Eigenheiten seiner Mitarbeiterin zu ertragen, hatte er sein Amt doch in erster Linie ihrem Intellekt und Arbeitseinsatz zu verdanken.

»Marjorie!«, rief er aus und stand auf, um sie im Oval Office zu begrüßen. »Was führt Sie zu mir?« Er unterließ es, ihr einen Stuhl anzubieten. Die üblichen gesellschaftlichen Umgangsformen waren in Marjories Fall nicht angebracht. Wenn sie einen Stuhl wollte, nahm sie sich einen.
»Wie ich sehe, haben Sie für sechzehn Uhr eine Mitarbeiterversammlung angesetzt«, sagte sie mit ihrer Raucherstimme. »Sehr gut.«

Sie ging ein paar Schritte auf und ab. Herney spürte das komplizierte Räderwerk ihres Geistes auf Hochtouren laufen. Er war froh, dass Marjorie Tench als eine der wenigen auserwählten Eingeweihten aus seinem Stab über die Entdeckung der nasa in allen Einzelheiten im Bilde war. Sie hatte dem Präsidenten bei der Planung seiner Strategie wertvolle Hilfe geleistet.
»Dieses Streitgespräch auf cnn heute Mittag um eins ...«, sagte sie und hustete. »Wen werden wir gegen Sexton in den Ring schicken?«

Herney lächelte. »Irgendein untergeordneter Sprecher aus dem Wahlkampfteam soll sich gegen Sexton ein paar Sporen verdienen.« Die politische Taktik, den Herausforderer bei politischen Streitgesprächen herabzusetzen, indem man ihm keinen ernst zu nehmenden Gegner gönnte, war so alt wie das politische Streitgespräch selbst.
»Ich habe einen besseren Vorschlag«, sagte Marjorie Tench. Ihre leeren Augen suchten Herneys Blick. »Lassen sie mich die Sache übernehmen.«
Zach Herneys Kopf schoss in die Höhe. »Sie?« Was denkt die sich? »Marjorie, Sie sind nicht unsere Frau für die Medien. Außerdem ist es eine Mittagsshow im Kabelnetz. Wie sieht es denn aus, wenn ich meine Chefberaterin schicke!? Jeder wird denken, bei uns herrscht Untergangsstimmung.«
»Eben.«

Herney musterte sie. Was immer in Marjorie Tenchs brillantem Kopf vorgegangen sein mochte, Herney würde sie nur über seine Leiche bei cnn auftreten lassen. Man brauchte Marjorie nur einmal gesehen zu haben, um sofort zu begreifen, warum sie hinter den Kulissen arbeitete. Diese Frau sah zum Fürchten aus. Als Präsident stellte man sich ein anderes Gesicht vor, wenn es galt, eine Botschaft des Weißen Hauses unter die Leute zu bringen.
»Die cnn-Debatte übernehme ich«, sagte sie. Es klang nach einer Feststellung.
Dem Präsidenten wurde mulmig zumute. »Marjorie«, sagte er, »Ihr Auftreten bei cnn würde von Sextons Mannschaft doch umgehend als Beleg dafür genommen, dass das Weiße Haus Schiss bekommen hat. Wenn wir zu früh schweres Geschütz auffahren, werden alle glauben, dass wir verzweifeln.«
Marjorie Tench nickte und zündete sich eine Zigarette an. »Je verzweifelter wir nach außen wirken, desto besser.«
In den folgenden sechzig Sekunden machte Marjorie Tench dem Präsidenten begreiflich, weshalb er sie und nicht einen untergeordneten Mitarbeiter aus dem Wahlkampfstab in die cnn-Debatte schicken sollte. Als sie geendet hatte, konnte Zach Herney wieder einmal nur staunen.
Marjorie Tench hatte sich abermals als politisches Genie erwiesen.

Kapitel 18

Der Milne-Eisschelf ist der größte Eisstrom auf der nördlichen Halbkugel. Er liegt hoch in der Arktis oberhalb des zweiundachtzigsten Breitengrades am nördlichsten Küstenrand von Ellesmere Island, ist sechseinhalb Kilometer breit und stellenweise über neunzig Meter dick.

Als Rachel in die Plexiglaskabine des Schneetraktors kletterte, war sie dankbar für den Parka und die Handschuhe, die auf dem Sitz auf sie warteten, und ganz besonders für die Warmluft, die aus den Heizungsschlitzen strömte. Draußen auf der Landebahn aus Eis brüllten die Triebwerke der Tomcat auf, während der Pilot die Maschine schon wieder an die Startmarkierung rollte.

Erschreckt blickte Rachel auf. »Er fliegt wieder ab?«
Rachels neuer Gastgeber kam in die Kabine geklettert. Er nickte. »Hier vor Ort dürfen sich nur wissenschaftliches Personal und die unmittelbar am Projekt beteiligten Techniker der nasa aufhalten.«
Die F-14 jagte donnernd in den Nachthimmel. Rachel fühlte sich wie auf einer einsamen Insel ausgesetzt.
»Wir fahren jetzt mit dem IceRover zurück«, sagte Rachels Begleiter. »Der Direktor der nasa erwartet Sie bereits.«
Rachel schaute hinaus auf die silbrige Eisbahn, die sich vor ihnen erstreckte, und versuchte sich vorzustellen, was der nasa-Chef hier zu suchen hatte.

»Festhalten«, rief der nasa-Techniker und betätigte mehrere Hebel. Wie ein Panzer drehte sich das Fahrzeug mit einem wütenden, mahlenden Geräusch um neunzig Grad auf der Stelle, bis es genau vor dem hohen steilen Schneewall stand.
Er wird doch nicht ...?, dachte Rachel mit einem mulmigen Gefühl.

»Auf geht’s!«, rief der Fahrer und ließ die Kupplung los. Das Fahrzeug rollte auf den Schneewall los. Mit einem unterdrückten Aufschrei klammerte Rachel sich fest. Die mit Spikes versehenen Raupen krallten sich in den Schnee. Das Gefährt begann seinen Aufstieg. Rachel war sicher, sie würden hintenüberfallen, doch die Kabine blieb überraschenderweise in der Waagerechten. Als sich das große Gerät oben über den Grat schwang, hielt der Fahrer und strahlte seine blass gewordene Beifahrerin an. »Versuchen Sie das mal mit einem normalen Motorschlitten! Wir haben die Aufhängung von unserem Marsmobil genommen und in diese Kiste eingebaut. Hat prima geklappt.«
Rachel nickte matt. »Ganz prima.«

Aus der Höhe bot sich Rachel eine unbeschreibliche Aussicht. Ein weiterer großer Schneewall lag noch vor ihnen, dann wurde das Terrain abrupt vollkommen eben. Das Eis bildete eine glitzernde, fast unmerklich zur Küste hin abfallende Fläche. Die mondbeschienene Eisebene erstreckte sich weit hin zum Gebirgsrand, wo sie allmählich schmaler wurde und sich schließlich zwischen den Bergen emporwand.

»Das ist der Milne-Gletscher«, sagte der Fahrer. »Er fängt dort oben an und kommt in das weite Delta heruntergeströmt, in dem wir uns jetzt befinden.«
Der Fahrer gab wieder Gas. Während Rachel sich festhielt, fuhr der IceRover die steile Flanke hinunter, überquerte die nächste Eisbahn und erkletterte behände den zweiten Wall. Nachdem auch dieser Grat und die anschließende Schneeflanke überwunden war, glitten sie hinaus auf die glatte Fläche und begannen die Fahrt über den Gletscher.
»Wie weit noch?« Rachel konnte voraus nichts als Eis erkennen.
»Noch knapp vier Kilometer.«
Der Wind drosch gnadenlos auf den IceRover ein und rüttelte an der Plexiglaskabine, als wollte er sie zum Meer zurückschleudern.
»Das ist der Gletscherfallwind«, rief der Fahrer in den Lärm, »daran müssen Sie sich gewöhnen.« Er erklärte, dass hier ein beständiger ablandiger Luftstrom wehte, ein so genannter katabatischer Wind – nach dem griechischen Wort für »herunterfließen«: Kaltluft strömte auf dem eisigen Rücken des Gletschers nach unten wie ein zu Tal rauschender Fluss.
Einige Minuten darauf sah Rachel in der Ferne eine verschwommene Struktur auftauchen – die Silhouette einer gewaltigen Kuppel wuchs wie ein riesiger Iglu aus dem Eis. Rachel rieb sich die Augen. Was, in aller Welt ...?
»Hier wohnen große Eskimos, was?«, witzelte der Mann.

Rachel versuchte sich vorzustellen, welchem Zweck das Gebilde dienen mochte. Es sah aus wie eine etwas kleinere Ausgabe des Astrodoms in Houston.
»Die nasa hat es vor anderthalb Wochen aufgestellt«, erklärte der Fahrer. »Mehrstufiges Plexipolysorbat. Man bläst die Segmente auf, verbindet sie miteinander, und dann wird das Ganze mit Klammern und Seilen im Eis verankert. Es sieht aus wie ein großes Jurtenzelt, aber es ist eigentlich ein nasa-Prototyp für ein transportables Habitat, das eines Tages auf dem Mars eingesetzt werden soll. Wir nennen es Habisphäre.«
Rachel betrachtete das bizarre Bauwerk, das aus der eisigen Wüste aufragte. »Und weil die nasa noch nicht bis zum Mars gekommen ist, macht ihr inzwischen mit dem Ding hier ein Ferienlager?«
Der Fahrer lachte. »Tahiti wäre mir eigentlich lieber gewesen, aber der Lagerplatz war mehr oder weniger eine Entscheidung des Schicksals.«

Rachels Blick glitt das Bauwerk hinauf. Die eierschalenfarbene Außenhaut bildete einen gespenstischen Kontrast zum dunklen Himmel. Der IceRover hielt vor einem kleinen Tor an der Seite der Kuppel, das sich nun öffnete. Licht fiel von drinnen heraus auf den Schnee. Eine hünenhafte Gestalt trat durchs Tor. Der Mann trug einen schwarzen Langflorpullover, der ihn noch wuchtiger erscheinen ließ. Er sah aus wie ein Bär. Er kam auf den IceRover zu.

Für Rachel bestand kein Zweifel, wer dieser Riese war: Lawrence Ekstrom, Direktor der nasa.
Der Fahrer schaute sie aufmunternd an. »Lassen Sie sich von seiner Größe nicht beeindrucken. Der Mann ist eine Miezekatze.«
Eher ein Tiger, dachte Rachel, die sehr wohl wusste, dass Ekstrom dafür bekannt war, jedem den Kopf abzureißen, der sich der Verwirklichung seiner Träume in den Weg stellte.
Rachel kletterte vom IceRover hinunter. Der Wind blies sie beinahe um. Sie schlang den Parka fest um sich und ging mit wankenden Schritten auf die Kuppel zu.
Der nasa-Direktor kam ihr auf halbem Weg entgegen und streckte zu Begrüßung eine große, behandschuhte Pranke aus. »Miss Sexton, vielen Dank, dass Sie gekommen sind.«
Rachel nickte zögerlich. »Ehrlich gesagt, Sir, ich glaube nicht, dass ich eine andere Wahl hatte.«

Tausend Meter weiter den Gletscher hinauf spähte Delta-1 durch seinen Infrarotfeldstecher. Er beobachtete, wie der Direktor der nasa Rachel Sexton in die Kuppel führte.

Kapitel 19

nasa-Chef Lawrence Ekstrom war ein Riese von einem Mann, rotwangig und rau wie ein norwegischer Waldgott. Sein borstiges blondes Haar war militärisch kurz geschnitten, seine Brauen gerunzelt, die Knollennase von einem Netz rötlicher Äderchen durchzogen. Seine eisblauen Augen waren von zahllosen Nächten ohne Schlaf blutunterlaufen. Bevor er zur nasa kam, war Ekstrom ein einflussreicher Luft- und Raumfahrtstratege und operativer Berater im Pentagon gewesen. Seine Bärbeißigkeit war legendär und wurde nur von dem Engagement für seine jeweilige Aufgabe übertroffen.

Rachel Sexton folgte Ekstrom durch ein gespenstisches, halb transparentes Netz von Gängen und Fluren durch die Habisphäre. Das Gängelabyrinth bestand offensichtlich aus Bahnen aus opakem Kunststoff, der an kreuz und quer verspannten Drahtseilen aufgehängt war. Einen eigentlichen Fußboden gab es nicht. Man bewegte sich auf schierem Eis, auf dem lange Gummiläufer ausgerollt waren. Sie kamen an einem primitiven Wohnbereich mit Reihen von Feldbetten und chemischen Toiletten vorbei.
Dankenswerterweise war es in der Kuppel warm, auch wenn die Luft von jenem undefinierbaren Geruchspotpourri erfüllt war, das jedes Mal entsteht, wenn sich viele Menschen auf engem Raum zusammendrängen. Irgendwo brummte ein Generator, offensichtlich die Energiequelle der nackten Birnen, die an langen Strippen über den Gängen baumelten.

Ekstrom führte Rachel im Eiltempo einem ihr unbekannten Ziel entgegen. »Miss Sexton«, brummte er, »ich möchte, dass zwischen uns von Anfang an Klarheit herrscht.« Sein Tonfall ließ vermuten, dass er alles andere als erfreut darüber war, für Rachel den Gastgeber spielen zu müssen. »Sie sind hier, weil der Präsident es so will. Zach Herney ist ein guter Freund und ein treuer Gefolgsmann der nasa. Ich respektiere ihn, bin ihm verpflichtet, und vertraue ihm. Ich erlaube mir keine Kritik an seinen persönlichen Anordnungen, auch wenn ich sie missbillige. Ich möchte nur klarstellen, dass ich im Gegensatz zum Präsidenten nicht begeistert bin, dass Sie auf einmal mitmischen.«

Rachel machte große Augen. Und für diese Begrüßung bist du über fünftausend Kilometer gereist?
»Bei allem Respekt«, sagte sie giftig, »auch ich unterstehe dem Befehl des Präsidenten. Bis jetzt hat niemand mir den Zweck meiner Anwesenheit erklärt. Ich habe mich bei dieser Reise darauf verlassen, dass mit offenen Karten gespielt wird.«
»Na schön«, sagte Ekstrom, »dann will ich kein Blatt vor den Mund nehmen.«
»Das ist Ihnen bereits hervorragend gelungen!«
Rachels Retourkutsche schien Wirkung zu zeigen. Der Direktor mäßigte seinen Schritt, um Rachel zu mustern. Sein Blick wurde weicher.

»Verstehen Sie bitte«, erklärte er, »Sie erhalten hier Kenntnis von einem geheimen nasa-Projekt, trotz meiner ausdrücklichen Missbilligung. Sie sind nicht nur Repräsentantin des nro, dessen Direktor sich darin gefällt, meine nasa-Mitarbeiter als kindische Plappermäuler zu diskreditieren – Sie sind auch noch die Tochter ausgerechnet jenes Mannes, der es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht hat, meine Behörde zu zerschlagen. Die nasa sollte die jetzige Situation eigentlich als ihre Sternstunde feiern dürfen. Meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben in der letzten Zeit viel Kritik über sich ergehen lassen müssen. Sie haben sich diesen Augenblick des Triumphs sauer verdient. Aber im Sturmwind einer Kritik, deren erklärter Exponent Ihr Vater ist, sind meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gezwungen, sich das Rampenlicht mit einem Haufen Eierköpfen und der Tochter jenes Mannes zu teilen, der uns niedermachen will.«

Ich bin nicht mein Vater!, hätte Rachel am liebsten geschrien, aber es war wohl kaum der geeignete Moment, mit Ekstrom über Politik zu diskutieren. »Sir, ich bin nicht hergekommen, um mich ins Rampenlicht zu stellen.«
Ekstrom schaute sie scharf an. »Es könnte dazu kommen, dass Sie es müssen.«
Rachel war überrascht. Präsident Herney hatte zwar nichts davon erwähnt, dass Rachel ihm auf irgendeine »öffentliche« Weise zur Hand gehen sollte, doch Pickering hatte kein Geheimnis aus der Befürchtung gemacht, Rachel könnte als politisches Faustpfand missbraucht werden.
»Ich würde gerne wissen, was ich hier eigentlich soll!«
»Da geht es Ihnen genauso wie mir. Ich habe keine entsprechenden Informationen.«
»Wie bitte?«
»Der Präsident hat mich aufgefordert, Sie sofort nach Ihrer Ankunft in unsere Entdeckung einzuweihen. Welche Rolle er Ihnen in diesem Zirkus zugedacht hat, müssten Sie selbst wissen.«
»Er hat mir gesagt, Ihr Erd-Observations-System hätte etwas entdeckt.«
»Sind Sie über das eos-Projekt im Bilde?«, erkundigte sich Ekstrom mit einem Seitenblick auf Rachel.
»eos besteht aus fünf vernetzten nasa-Satelliten, die eine Reihe von Erdbeobachtungen vornehmen – für die Ozeankartografie, für die Analyse geologischer Abweichungen, für die Beobachtung des Abschmelzens der Polareiskappen, für das Auffinden fossiler Brennstoffreserven ...«
»Gut«, sagte Ekstrom unbeeindruckt. »Dann wissen Sie wohl auch über die jüngste Erweiterung der eos-Satellitenkonstellation Bescheid?«
Rachel nickte. »pods. Der Polar-Orbit Dichtescanner. Er soll einen Beitrag zur Messung der globalen Erwärmung leisten. pods misst die Dichte und Härte der polaren Eiskappen, nicht wahr?«
»Letzten Endes, ja. pods macht mithilfe einer Spektralband-Technologie überlappende Dichtemessungen großer Gebiete und kann Härteabweichungen im Eis feststellen – tauende Stellen, innere Schmelzregionen, Spaltenbildungen -, alles Indikatoren einer globalen Erwärmung.«

Für Rachel war diese Technologie nicht neu. Man konnte sie mit einer unterirdischen Ultraschallmessung vergleichen. Satelliten des nro hatten mit einer ähnlichen Technologie in Osteuropa Dichteabweichungen unmittelbar unter der Erdoberfläche gesucht, um auf diese Weise Massengräber aufzuspüren, die eine Bestätigung der vermuteten »ethnischen Säuberungen« lieferten.

»Vor zwei Wochen registrierte pods hier in diesem Eisstrom eine Dichteanomalie, die in keiner Weise in unseren Erwartungsraster passte. Sechzig Meter unter der Oberfläche, ringsum in massives Eis eingebettet, entdeckte pods einen nichtkristallinen Klumpen von ungefähr drei Metern Durchmesser.«
»Einen Wassereinschluss?«
»Nein, der Klumpen war nicht flüssig. Die Dichteanomalie war seltsamerweise härter als das umgebende Eis.«
»Dann ist es ein Felsbrocken oder etwas Ähnliches?«
Ekstrom nickte. »Im Prinzip, ja.«
Rachel wartete auf die Pointe, aber sie kam nicht. Man hat dich hierher geschafft, weil die nasa einen Felsbrocken im Eis gefunden hat?
»Wir waren über die Entdeckung nicht besonders verwundert, bis pods die Dichte genauer berechnet hatte. Wir haben sofort ein Team eingeflogen, das den Brocken analysieren sollte. Wie sich herausgestellt hat, ist der Findling wesentlich dichter als jedes andere Gestein auf Ellesmere Island. Dichter sogar als irgendein Gestein im Umkreis von sechshundertfünfzig Kilometern.«
Rachel betrachtete das Eis zu ihren Füßen. Sie stellte sich den Felsbrocken bildlich vor, der irgendwo da unten steckte. »Wollen Sie damit sagen, dass jemand ihn dorthin geschafft hat?«
Ekstrom schaute sie belustigt an. »Der Stein wiegt mehr als acht Tonnen und steckt über sechzig Meter tief im Eis. Das bedeutet, dass er seit mindestens dreihundert Jahren unberührt dort unten liegen muss.«
Rachel folgte Ekstrom in einen langen und engen Gang. Sie war müde. Zwei bewaffnete Sicherheitskräfte der nasa standen zu beiden Seiten Wache. »Ich darf wohl annehmen, dass es für das Vorhandensein des Felsbrockens und für diese Geheimnistuerei eine logische Erklärung gibt«, sagte sie und schaute Ekstrom an.

»Selbstverständlich«, antwortete Ekstrom mit ausdruckslosem Gesicht. »pods hat einen Meteoriten entdeckt.«
Rachel blieb abrupt stehen und starrte Ekstrom an. »Einen Meteoriten!« Eine Welle der Enttäuschung rollte über sie hinweg. Nach dem Wirbel, den der Präsident um die Entdeckung veranstaltet hatte, hätte sie etwas Aufregenderes erwartet. Diese Entdeckung rechtfertigt angeblich alles, was die nasa in der Vergangenheit verschleudert und verbockt hat? Was ging in Herneys Kopf eigentlich vor? Zugegeben, Meteoriten waren sehr selten, doch die nasa entdeckte dauernd neue.
»Dieser Meteorit ist einer der größten, die je gefunden wurden«, sagte Ekstrom. »Wir halten ihn für das Bruchstück eines Riesenmeteoriten, der nach Berichten des achtzehnten Jahrhunderts im Eismeer niedergegangen ist. Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um ein Bruchstück, das beim Einschlag davongeschleudert wurde und auf dem Milne-Gletscher gelandet ist, wo es in den vergangenen dreihundert Jahren allmählich immer tiefer im Schnee begraben wurde.«

Rachel runzelte die Stirn. Diese Eröffnung änderte wenig. Sie bekam immer mehr den Eindruck, Zeugin eines überzogenen Manövers einer verzweifelten nasa und eines hoffnungslosen Präsidenten geworden zu sein, die in ihrem Kampf ums Überleben einen Fund der nasa zu einem weltbewegenden Ereignis aufzubauschen versuchten.
»Sie sehen nicht besonders beeindruckt aus«, bemerkte Ekstrom.
»Ich glaube, ich habe etwas …anderes erwartet.«
Ekstroms Augen wurden schmal. »Ein Meteorit von dieser Größe ist ein ausnehmend seltener Fund, Miss Sexton. Auf der ganzen Welt gibt es nur sehr wenige größere Exemplare.«
»Aber ich ...«
»Für uns liegt das Aufregende nicht in der Größe des Meteoriten.«
Rachel schaute Ekstrom überrascht an.
»Dieser Meteorit, Miss Sexton, weist Eigenschaften auf, die bisher noch bei keinem Meteoriten, ob groß oder klein, gefunden worden sind.« Er wies den Gang hinunter. »Wenn Sie mir jetzt bitte folgen würden. Ich möchte Sie jemand vorstellen, der qualifizierter ist als ich, um diesen Fund mit Ihnen zu diskutieren.«
»Qualifizierter als der Direktor der nasa?«, wunderte sich Rachel.
»Qualifizierter als ich, Miss Sexton, insofern dieser Mann kein Angestellter des Staates ist. Ich dachte mir, Sie als professionelle Datenanalystin würden es vorziehen, Ihre Informationen aus neutraler Quelle zu beziehen.«
Touché. Rachel folgte dem nasa-Direktor durch den engen Gang, der vor einem schweren schwarzen Vorhang endete. Auf der anderen Seite war vielstimmiges Gemurmel zu hören, das aus einem hallenden großen Raum zu kommen schien.
Ohne ein weiteres Wort zog Ekstrom den Vorhang beiseite. Rachel stand in blendender Helligkeit. Blinzelnd machte sie ein paar zögernde Schritte voran. Nachdem ihre Augen sich an die Helligkeit gewöhnt hatten, blickte sie in ein riesiges Rund. Beeindruckt hielt sie den Atem an.
»Mein Gott, wo bin ich?«, flüsterte sie.

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