Illuminati von Dan Brown

Buchvorstellung

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Angels & Demons, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Bastei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Italien / Rom, 1990 - 2009.
Folge 1 der Robert-Langdon-Serie.

  • New York: Pocket Books, 2000 unter dem Titel Angels & Demons. 701 Seiten.
  • London: Corgi, 2001. 619 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe Stars, 2003. Übersetzt von Axel Merz. ISBN: 3-404-77000-5. 800 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2003. Übersetzt von Axel Merz. ISBN: 3828971504. 638 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2003. Übersetzt von Axel Merz. 701 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2005. Übersetzt von Axel Merz. illustrierte Ausgabe. ISBN: 3-7857-2235-4. 511 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2009. Übersetzt von Axel Merz. ISBN: 978-3-404-16344-1. 715 Seiten.
  • Berlin: Springer, 2011. Übersetzt von Axel Merz. ISBN: 978-3942656023. 576 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe, 2004. Gesprochen von Wolfgang Pampel. gekürzt. ISBN: 3-404-77001-3. 6 CDs.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe, 2006. Gesprochen von Wolfgang Pampel. gekürzt. ISBN: 3-7857-3174-4. 6 CDs.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe, 2009. Gesprochen von Wolfgang Pampel. ungekürzt. ISBN: 3-7857-3802-1. 15 CDs.

'Leseprobe' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

ISBN 3-404-77000-5, 701 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Lübbe

Leseprobe

Aus dem Amerikanischen von Axel Merz

Kapitel 1

Die junge Frau hoch oben auf den Stufen der Großen Pyramide von Gizeh lachte. »Beeil dich, Robert!«, rief sie zu ihm hinunter. »Ich hätte wirklich einen jüngeren Mann heiraten sollen!« Ihr Lächeln war zauberhaft.
Er bemühte sich mitzuhalten, doch seine Beine fühlten sich an wie Blei. »Warte!«, flehte er. »Bitte ...«
Er mühte sich weiter, und seine Sicht begann zu verschwimmen. In seinen Ohren rauschte es. Ich muss zu ihr! Doch als er erneut nach oben sah, war die Frau verschwunden. An ihrer Stelle stand ein alter Mann mit faulen Zähnen. Der Mann starrte zu ihm hinunter und verzog das Gesicht zu einer sehnsüchtigen Grimasse. Dann stieß er einen gequälten Schrei aus, der weit über die Wüste hallte.

Robert Langdon schrak aus seinem Albtraum hoch. Das Telefon neben dem Bett klingelte. Benommen nahm er den Hörer ab.
»Hallo?«
»Ich suche Robert Langdon«, sagte eine Männerstimme.
Langdon richtete sich in seinem Bett auf und versuchte die Benommenheit abzuschütteln. »Hier …hier ist Robert Langdon.« Er schielte auf seine Digitaluhr. Es war fünf Uhr achtzehn.
»Ich muss Sie unbedingt treffen.«
»Wer ist denn da?«
»Mein Name ist Maximilian Kohler. Ich bin Teilchenphysiker.«
»Was?« Langdon konnte sich kaum auf das Gespräch konzentrieren. »Sind Sie sicher, dass Sie den richtigen Langdon gefunden haben?«
»Sie sind Professor für religiöse Symbolologie an der Harvard University. Sie haben drei Bücher über Symbolologie geschrieben und ...«
»Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?«
»Bitte entschuldigen Sie. Ich habe etwas, das Sie sich ansehen müssen. Ich kann am Telefon nicht darüber sprechen.«
Ein ahnungsvolles Stöhnen drang über Langdons Lippen. Es war nicht das erste Mal, dass so etwas geschah. Eine der Gefahren beim Schreiben von Büchern über religiöse Symbolologie waren die Anrufe von religiösen Eiferern, die ihre jüngsten Zeichen Gottes von ihm bestätigt haben wollten. Letzten Monat erst hatte eine Stripperin Langdon den besten Sex seines Lebens versprochen, wenn er nach Oklahoma fliegen und die Echtheit eines Kreuzes bestätigen würde, das auf magische Weise auf ihrem Bettlaken entstanden war. Das Leichentuch von Tulsa, hatte Langdon es genannt.
»Woher haben Sie meine Nummer?« Langdon bemühte sich, höflich zu bleiben, trotz der frühen Stunde.
»Aus dem Internet. Von der Webseite, auf der Ihr Buch vorgestellt wird.«
Langdon runzelte die Stirn. Er war verdammt sicher, dass seine Telefonnummer nicht auf der Seite zu finden war. Der Mann log offensichtlich.

»Ich muss Sie treffen!«, beharrte der Anrufer. »Ich werde Sie großzügig entlohnen!«
Allmählich verlor Langdon die Geduld. »Es tut mir Leid, aber ich habe wirklich ...«
»Wenn Sie auf der Stelle aufbrechen, könnten Sie gegen ...«
»Ich werde nirgendwohin aufbrechen! Es ist fünf Uhr morgens!« Langdon warf den Hörer auf die Gabel und fiel zurück ins Bett. Er schloss die Augen und versuchte wieder einzuschlafen – vergebens. Seine Gedanken kreisten immer wieder um den Traum. Schließlich schlüpfte er in seinen Morgenmantel und ging nach unten.

Barfuß wanderte Robert Langdon durch das leere viktorianische Haus in Massachusetts, in der Hand sein traditionelles Mittel gegen Schlaflosigkeit – einen Becher dampfenden Nesquik. Der Aprilmond schimmerte durch die Erkerfenster und spielte auf den Orientteppichen. Langdons Kollegen witzelten oft, dass sein Haus mehr nach einem anthropologischen Museum aussah als nach einem Heim. Die Regale waren voll gestopft mit religiösen Artefakten aus der ganzen Welt – einem ekuaba aus Ghana, einem goldenen Kreuz aus Spanien, einem kykladischen Idol aus der Ägäis; sogar ein seltener gewebter boccus aus Borneo war darunter, das Kriegersymbol ewiger Jugend.

Als Langdon auf seiner messingbeschlagenen Maharischi-Truhe saß und die warme Schokolade genoss, bemerkte er im Glas des Erkerfensters sein Spiegelbild. Es war verzerrt und bleich …wie ein Gespenst. Ein alterndes Gespenst, dachte Langdon und fühlte sich auf grausame Weise daran erinnert, dass sein jugendlicher Geist in einer sterblichen Hülle wohnte.
Obwohl im klassischen Sinn nicht ausgesprochen gut aussehend, besaß der fünfundvierzigjährige Langdon doch, was seine weiblichen Kolleginnen als die Anziehungskraft der »Weisheit« bezeichneten – graue Strähnen in dem dichten braunen Haar, durchdringend blaue Augen, eine fesselnde dunkle Stimme und das selbstbewusste, sorgenfreie Lächeln des Collegesportlers. Er war sowohl in der Vorbereitungsschule als auch am College als Turmspringer in der Schulmannschaft gewesen, und er besaß noch immer die Figur eines Schwimmers, kraftvoll und über einsachtzig groß, die er wachsam mit täglich fünfzig Bahnen im Becken der Universität trainierte.

Langdons Freunde waren nie ganz klug aus ihm geworden. Ein Mann, der zwischen den Jahrhunderten gefangen war. An Wochenenden konnte man ihn in Bluejeans im Viertel treffen, wo er mit Studenten über Computergrafik oder Religionsgeschichte diskutierte; dann wieder sah man ihn in seinem Jackett aus Harris-Tweed mitsamt Paisley-Weste, wenn er zu Museumseröffnungen eingeladen wurde, Vorträge hielt oder für die Titelseiten teurer Kunstmagazine fotografiert wurde.
Obwohl Langdon ein strenger Lehrer und Zuchtmeister war, gehörte er doch zu jenen, die der »verlorenen Kunst von gutem, harmlosem Spaß« anhingen. Er genoss seine Freizeit mit einem ansteckenden Fanatismus, der ihm unter seinen Studenten eine fast brüderliche Anerkennung eingebracht hatte. Sein Spitzname auf dem Campus – »der Delfin« – war eine Anspielung nicht nur auf seine umgängliche Art, sondern auch auf die Fähigkeit, in ein Becken zu springen und in einem Wasserballspiel eine ganze gegnerische Mannschaft zum Narren zu halten.

Während Langdon dasaß und geistesabwesend in die Dunkelheit starrte, wurde die Stille seines Hauses erneut gestört, diesmal vom Klingeln des Faxgeräts. Zu erschöpft, um sich zu ärgern, stieß Langdon ein müdes Kichern aus.
Gottes Volk, dachte er. Seit zweitausend Jahren warten sie auf ihren Messias, und sie sind immer noch hartnäckig wie die Pest.

Übernächtigt brachte er den leeren Becher in die Küche und tappte von dort aus langsam in sein mit Eichenpaneelen verkleidetes Arbeitszimmer. Das angekommene Fax lag im Ausgabebehälter. Seufzend nahm er das Blatt und warf einen Blick darauf.

Im gleichen Augenblick stieg eine Welle von Übelkeit in ihm hoch.
Es war das Bild eines menschlichen Leichnams. Der Körper war splitternackt und der Kopf so weit verdreht, dass das Gesicht ganz nach hinten zeigte. Auf der Brust des Toten war eine grässliche Brandwunde. Der Mann war gebrandmarkt worden …mit einem einzigen Wort. Es war ein Wort, das Langdon bestens kannte. Er starrte ungläubig auf die kunstvollen Buchstaben.
»Illuminati«, stammelte er, und das Herz schlug ihm bis zum Hals. Das kann nicht sein ...
Wie in Zeitlupe, als fürchtete er, was seine Augen sehen würden, drehte er das Blatt um hundertachtzig Grad und betrachtete das Wort auf dem Kopf.
Ihm stockte der Atem. Es war, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Er traute seinen Augen nicht, als er das Fax erneut drehte und das Brandmal einmal auf dem Kopf und einmal richtig herum las.
»Illuminati«, flüsterte er.
Wie betäubt sank er in einen Sessel, wo er für ein paar Augenblicke in völliger Bestürzung verharrte. Nach und nach wurde sein Blick vom blinkenden roten Licht des Faxgeräts angezogen. Wer auch immer dieses Fax geschickt hatte, er war noch in der Leitung …wartete darauf, mit ihm zu sprechen. Lange Zeit starrte Langdon reglos auf das blinkende Licht.
Dann, mit zitternden Fingern, nahm er den Hörer ab.

Kapitel 2

Schenken Sie mir jetzt Ihre Aufmerksamkeit?», fragte die Stimme des Anrufers.
«Jawohl, Sir, darauf können Sie Gift nehmen! Würden Sie sich erklären?»
«Das habe ich vorhin bereits versucht.» Die Stimme klang steif, mechanisch. «Ich bin Physiker. Ich leite eine Forschungseinrichtung. Dort wurde ein Mord begangen. Sie haben den Leichnam gesehen.»
«Wie haben Sie mich gefunden?» Langdon konnte sich kaum konzentrieren. Sein Verstand raste, kreiste um das Bild auf dem Fax.
«Das habe ich Ihnen bereits gesagt. Dank des World Wide Web. Ich meine die Webseite Ihres Buches, Die Kunst der Illuminati.»
Langdon versuchte seine Gedanken zu sammeln. Sein Buch war in literarischen Kreisen praktisch unbekannt, auch wenn es online eine beträchtliche Anhängerschaft gewonnen hatte. Nichtsdestotrotz ergab die Behauptung des Anrufers keinen Sinn. «Auf der Webseite finden sich keine Kontaktinformationen», widersprach Langdon herausfordernd. «Da bin ich ganz sicher.»
«Ich verfüge über eine Reihe von Mitarbeitern, die sehr geschickt sind, wenn es darum geht, Userinformationen aus dem Web zu beschaffen.»
Langdon blieb skeptisch. «Hört sich so an, als wüssten Sie und Ihre Leute eine ganze Menge über das Web.»
«Das sollten wir auch», schoss der andere zurück. «Wir haben es erfunden.»
Irgendetwas in der Stimme des anderen verriet Langdon, dass seine Behauptung ernst gemeint war.
«Ich muss Sie treffen», beharrte die Stimme. «Es geht um eine Angelegenheit, die wir nicht am Telefon besprechen können. Die Forschungseinrichtung liegt nur eine Flugstunde von Boston entfernt.»
Langdon stand im schwachen Licht seines Arbeitszimmers und betrachtete erneut das Fax in seiner Hand. Das Bild war überwältigend. Wahrscheinlich war es die epigrafische Entdeckung des Jahrhunderts. Dieses eine Symbol – falls es echt war – bestätigte ein ganzes Jahrzehnt seiner Forschungen.
«Es ist von äußerster Wichtigkeit!», drängte die Stimme.

Langdons Blick ruhte auf dem Brandmal. Illuminati, las er immer und immer wieder. Bis zum heutigen Tag hatte seine Arbeit auf dem symbolologischen Äquivalent von Fossilien beruht – alten Dokumenten und historischem Material -, doch dieses Bild hier stammte aus der Gegenwart. Präsens. Er fühlte sich wie ein Paläontologe, der unvermittelt einem lebenden Dinosaurier gegenübersteht.

«Ich war so frei, Ihnen ein Flugzeug zu schicken», sagte die Stimme. «Es wird in etwa zwanzig Minuten in Boston landen.»
Langdon spürte, wie sein Mund trocken wurde. Eine Flugstunde ...
«Bitte verzeihen Sie meine Vermessenheit», fuhr die Stimme fort, «aber ich brauche Sie hier.»
Langdon starrte erneut auf das Fax. Ein alter Mythos, der auf diesem Schwarzweißbild seine Bestätigung gefunden hatte. Die Schlussfolgerungen waren beängstigend. Abwesend starrte er durch das Erkerfenster nach draußen. Das erste Licht des heraufdämmernden Morgens schimmerte durch die Birken in seinem Garten, doch diesmal sah es irgendwie anders aus. Während eine eigenartige Mischung von Furcht und Aufregung in ihm aufstieg, wurde ihm bewusst, dass er überhaupt keine Wahl hatte.
«Sie haben gewonnen», sagte er schließlich. «Sagen Sie mir, wie ich zu diesem Flugzeug komme.»

Kapitel 3

Tausende von Meilen entfernt trafen sich zwei Männer. Das Zimmer war düster. Mittelalterlich. Nackter Stein.
«Benvenuto», sagte der Auftraggeber. Er saß im Schatten, fast unsichtbar. «Waren Sie erfolgreich?»
«Sì», antwortete die dunkle Gestalt. «Perfettamente.» Ihre Aussprache war so hart wie die Steinwände.
«Und es wird keinen Zweifel geben, wer verantwortlich ist?»
«Keinen.»
«Ausgezeichnet. Haben Sie, was ich wollte?»
Die Augen des Killers glitzerten schwarz wie Öl. Er nahm ein schweres elektronisches Gerät und stellte es auf den Tisch.
Der Mann im Schatten schien erfreut. «Sie haben Ihre Sache gut gemacht.»
«Es ist mir eine Ehre, der Bruderschaft zu dienen», erwiderte der Killer.
«Phase zwei beginnt in Kürze. Ruhen Sie sich aus. Heute Nacht verändern wir den Lauf der Welt.»

Kapitel 4

Robert Langdons Saab 900S schoss durch den Callahan Tunnel und kam auf der Ostseite des Boston Harbour ganz in der Nähe der Einfahrt zum Logan Airport wieder hervor. Nach kurzer Orientierung fand Langdon die Aviation Road und bog hinter den alten Gebäuden der Eastern Airlines links ab. Dreihundert Meter weiter ragte ein Hangar in der Dunkelheit auf. Er war mit einer großen «4» gekennzeichnet. Langdon steuerte auf den Parkplatz und stieg aus dem Wagen.

Ein rundgesichtiger Mann in einem blauen Fliegeranzug kam hinter dem Gebäude hervor. «Robert Langdon?», rief er. Die Stimme des Mannes klang freundlich. Er besaß einen Akzent, den Langdon nicht einzuordnen vermochte.
«Das bin ich», antwortete Langdon und verschloss seinen Wagen.
«Perfektes Timing», sagte der Mann. «Ich bin eben erst gelandet. Folgen Sie mir bitte.»
Sie umrundeten das Gebäude, und in Langdon wuchs die Anspannung. Er war nicht an rätselhafte Telefonanrufe und geheime Treffen mit Fremden gewöhnt. Da er nicht gewusst hatte, was ihn erwartete, hatte er seine übliche Vorlesungsgarderobe gewählt – eine strapazierfähige Baumwollhose, einen Rollkragenpullover und ein Jackett aus Harris-Tweed. Während er dem Piloten folgte, musste er erneut an das Fax in seiner Jackentasche denken – er konnte immer noch nicht glauben, was auf dem Bild zu sehen war.

Der Pilot schien Langdons Besorgnis zu spüren. «Fliegen bereitet Ihnen doch keine Probleme, Sir?»
«Überhaupt nicht», antwortete Langdon. Leichen mit Brandmalen sind ein Problem für mich, aber fliegen? Damit komme ich klar.
Der Mann führte Langdon um den gesamten Hangar herum. Sie erreichten die Ecke, und vor ihnen erstreckte sich das Rollfeld.
Als Langdon das auf dem Vorfeld parkende Flugzeug sah, blieb er wie angewurzelt stehen. «Wir fliegen mit dieser Maschine?»
Der Mann grinste. «Gefällt sie Ihnen?»
Langdon starrte das Flugzeug sprachlos an. «Ob es mir gefällt? Was zur Hölle ist das?»

Das Flugzeug war riesig. Es erinnerte vage an ein Space Shuttle, mit dem Unterschied, dass die Oberseite völlig flach war. Wie es dort auf dem Rollfeld stand, sah es wie ein gewaltiger Keil aus. Langdons erster Gedanke war, dass er träumen musste. Dieses Gebilde sah aus, als wäre es ungefähr so flugtauglich wie eine Buick-Limousine. Flügel gab es praktisch nicht, nur winzige Stummelfinnen am hinteren Ende des Rumpfs. Zwei Seitenruder ragten aus dem Heck. Der Rest der Maschine war Rumpf – ungefähr sechzig Meter Länge insgesamt -, fensterloser, nackter Rumpf.

«Zweihundertfünfzigtausend Kilo voll betankt», erklärte der Pilot wie ein Vater, der stolz von seinem Neugeborenen spricht. «Fliegt mit flüssigem Wasserstoff. Der Rumpf besteht aus einer Titan-Siliziumcarbid-Matrix. Die Lady besitzt ein Schub-Gewichtsverhältnis von zwanzig zu eins. Die meisten Jets schaffen höchstens sieben zu eins. Der Direktor muss es wirklich verflixt eilig haben, Sie zu sehen. Normalerweise schickt er nicht die große Lady hier.»
«Dieses Ding fliegt?», fragte Langdon.

Der Pilot lächelte. «O ja.» Er führte Langdon über den Beton zu dem Flugzeug. «Sieht ziemlich verblüffend aus, ich weiß, aber daran gewöhnen Sie sich besser. In fünf Jahren sehen Sie nur noch diese Babys. hscts, High Speed Civil Transports. Unsere Einrichtung gehört zu den ersten, die über so eine Hochgeschwindigkeitsmaschine verfügen.»
Muss ja eine wahnsinnig wichtige Einrichtung sein, dachte Langdon.

«Das hier ist ein Prototyp einer Boeing X-33», fuhr der Pilot fort. «Inzwischen gibt es Dutzende anderer Entwicklungen – das National Aero Space Plane, den Scramjet der Russen, das hotol der Engländer. Das dort ist die Zukunft; es dauert nur noch kurze Zeit, bis diese Flugzeuge zum Standard gehören. Konventionelle Jets sind jedenfalls Schnee von gestern.»
Misstrauisch starrte Langdon zu dem Flugzeug hoch. «Ich denke, ich ziehe konventionelle Jets vor.»
Der Pilot deutete auf die Gangway. «Hier entlang bitte, Mr. Langdon. Und passen Sie auf, wo Sie hintreten.»

Minuten später saß Langdon in einer leeren Kabine. Der Pilot schnallte ihn in der vordersten Reihe an und verschwand im Cockpit.

Die Kabine sah der Flugzeugkabine eines gewöhnlichen kommerziellen Passagierflugzeugs verblüffend ähnlich – mit der einzigen Ausnahme, dass es keine Fenster gab, sehr zu Langdons Beunruhigung. Er hatte sein Leben lang unter einer schwach ausgeprägten Klaustrophobie gelitten – die Folge eines Kindheitserlebnisses, das er niemals ganz überwunden hatte.
Langdons Aversion gegen geschlossene Räume war keineswegs so schlimm, dass sie ihn schwächte, doch es war eine frustrierende Angelegenheit. Sie manifestierte sich auf vielfache und subtile Weise. Er mied Sportarten, die in geschlossenen kleinen Hallen stattfanden – Badminton oder Squash, zum Beispiel -, und er hatte ohne mit der Wimper zu zucken ein kleines Vermögen für sein luftiges viktorianisches Haus mit den hohen Zimmern gezahlt, obwohl die Fakultät preiswerte Wohnungen und Häuser anbot. Langdon vermutete, dass auch sein aus der Jugend stammendes Interesse an der Kunst seiner Liebe für die weiten, offenen Räume von Museen entsprang.

Die Motoren des Flugzeugs erwachten brüllend zum Leben und sandten ein dumpfes Vibrieren durch den gesamten Rumpf. Langdon schluckte mühsam und wartete. Er spürte, wie das Flugzeug sich in Bewegung setzte. Aus den Deckenlautsprechern drang leise Country-Musik.

Ein Telefon an der Wand neben ihm summte zweimal. Langdon nahm den Hörer ab. «Hallo?»
«Haben Sie es sich bequem gemacht, Mr. Langdon?»
«Überhaupt nicht.»
«Entspannen Sie sich, Sir. Wir sind in einer Stunde da.»
«Und wo genau ist da?», fragte Langdon, als ihm bewusst wurde, dass er vollkommen ahnungslos war, wohin die Reise ging.
«Genève», antwortete der Pilot und erhöhte den Schub. «Die Anlage befindet sich in Genève.»
«Geneva also», sagte Langdon und entspannte sich ein wenig. «Im Norden von New York. Ich habe Verwandte in der Nähe von Seneca Lake. Ich wusste gar nicht, dass es in Geneva eine Forschungseinrichtung gibt.»
Der Pilot lachte. «Nicht Geneva, New York, Mr. Langdon. Genève, Schweiz.»
Langdon benötigte ein paar Sekunden, bis er die Worte des Piloten begriff. «Sie meinen Genf? In der Schweiz?» Langdons Puls begann zu rasen. «Ich dachte, es wäre nur eine Flugstunde entfernt!»
«Ist es auch, Mr. Langdon.» Der Pilot kicherte. «Dieser Vogel schafft locker Mach fünfzehn.»

Kapitel 5

Irgendwo in Europa schlängelte sich der Killer durch eine geschäftige Straße. Er war ein kraftvoller, dunkler Mann. Ausgesprochen beweglich. Seine Muskeln fühlten sich noch immer hart an vom Nervenkitzel der zurückliegenden Begegnung.
Alles ist gut gegangen, sagte er sich. Obwohl sein Auftraggeber zu keinem Zeitpunkt sein Gesicht gezeigt hatte, fühlte der Killer sich geehrt, weil er persönlich mit ihm gesprochen hatte. Waren es wirklich erst fünfzehn Tage, seit der Auftraggeber zum ersten Mal Kontakt zu ihm aufgenommen hatte? Der Killer erinnerte sich noch immer an jedes Wort dieses Anrufs.
«Mein Name ist Janus», hatte der Anrufer gesagt. «Wir sind in gewisser Weise verwandt. Wir haben einen gemeinsamen Feind. Wie ich hörte, kann man Ihre Dienste in Anspruch nehmen.»
«Das kommt ganz darauf an, wen Sie repräsentieren», hatte der Killer geantwortet.
Der Anrufer sagte es ihm.
«Soll das ein Witz sein?»
«Ich sehe, Sie haben schon von uns gehört», antwortete der Anrufer.
«Selbstverständlich. Die Bruderschaft ist legendär!»
«Und doch bezweifeln Sie, dass ich bin, wer ich zu sein behaupte?»
«Jedermann weiß, dass die Bruderschaft längst zu Staub zerfallen ist.»
«Eine listige Täuschung. Der gefährlichste Feind ist der, den niemand fürchtet.»
Der Killer war skeptisch. «Die Bruderschaft existiert also noch?»
«Tiefer im Untergrund als je zuvor. Unsere Wurzeln durchdringen alles, was Sie um sich herum sehen …sogar bis in die heilige Festung unserer erbittertsten Feinde.»
«Unmöglich! Sie sind unverwundbar!»
«Unser Arm reicht weit.»
«Niemand besitzt so viel Einfluss.»
«Sehr bald schon werden Sie mir glauben. Ich habe bereits eine unwiderlegbare Demonstration der Macht der Bruderschaft initiiert. Ein Akt des Verrats soll Ihnen als Beweis gelten.»
«Was haben Sie getan?»
Der Anrufer sagte es ihm. Der Killer riss die Augen auf. «Vollkommen unmöglich!»
Am nächsten Tag hatte auf sämtlichen Zeitungen der Welt die gleiche Schlagzeile geprangt, und der Killer war zum Gläubigen geworden.

Heute, fünfzehn Tage später, hatte sich der Glaube des Killers so verfestigt, dass nicht die Spur eines Zweifels geblieben war. Die Bruderschaft lebt, dachte er. Und heute Nacht wird sie hervortreten, um ihre wahre Macht zu demonstrieren.
Während er sich durch die belebten Straßen bewegte, funkelten seine schwarzen Augen voller Vorfreude. Eine der geheimsten und gefürchtetsten Bruderschaften in der Geschichte der Menschheit hatte ihn gerufen, um ihr zu dienen. Sie haben eine kluge Wahl getroffen, dachte er. Seine Diskretion wurde nur noch von seiner tödlichen Effizienz übertroffen.
Bisher hatte er zu ihrer vollsten Zufriedenheit gearbeitet. Er hatte das Zielobjekt ausgeschaltet und Janus den verlangten Gegenstand geliefert. Jetzt war es an Janus, seinen Einfluss zu nutzen, um für die richtige Platzierung des Gegenstands zu sorgen.
Die Platzierung …

Der Killer fragte sich, wie Janus eine derart schwierige Aufgabe vollbringen wollte. Der Mann hatte offensichtlich Verbindungen nach drinnen. Die Macht der Bruderschaft schien grenzenlos.
Janus, dachte der Killer. Ein Kodename, ohne Zweifel. War es, so fragte er sich, eine Anspielung auf jenen römischen Gott mit den zwei Gesichtern …oder den Mond des Saturn? Nicht, dass es einen Unterschied gemacht hätte. Janus verfügte über unvorstellbare Macht. Das hatte er über jeden Zweifel hinaus bewiesen.
Der Killer bewegte sich durch die Straßen, und er stellte sich vor, wie seine Vorfahren zu ihm herablächelten. Heute kämpfte er ihre Schlacht, kämpfte gegen den gleichen Feind, den sie seit Menschengedenken bekämpft hatten, seit dem elften christlichen Jahrhundert …als die Kreuzfahrerarmeen zum ersten Mal sein Land geplündert, sein Volk vergewaltigt und getötet, es für unrein erklärt und seine Tempel und Götter entweiht hatten.

Seine Ahnen hatten eine kleine, tödliche Armee aufgestellt, um sich zu verteidigen. Sie waren im ganzen Land als Beschützer berühmt geworden – erbarmungslose Vollstrecker, die umhergestreift waren und jeden Feind niedergemetzelt hatten, der ihnen begegnet war. Sie waren nicht nur für die brutalen Morde berüchtigt gewesen, sondern auch dafür, dass sie ihre Siege im Drogenrausch gefeiert hatten. Ihre Droge war ein starkes Gift, das sie hashish nannten.

Als ihr Ruf sich über das gesamte Land ausbreitete, erhielten die tödlichen Kämpfer einen Namen: Hashishin. Wörtlich bedeutete er «Anhänger des hashish". Das Wort Hashishin wurde in fast jedem Land der Erde zu einem Synonym für den Tod. Es war auch heute noch in Gebrauch …doch wie die Kunst des Tötens, so hatte auch das Wort eine Entwicklung durchlaufen.
Es lautete nun Assassine.

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