Interview mit Isabella Archan

Wenn Isabella Archan zu einer »Mordstheater-Lesung« lädt, dann ist das nicht einfach eine Buchvorstellung, in der die Autorin aus ihren Romanen liest, sondern tatsächlich, was der Name verspricht: Ein Mordstheater. Denn Archan ist ausgebildete Schauspielerin, hat viele Jahre in diesem Beruf gearbeitet, sowohl am Theater wie fürs Fernsehen, und so ist nur logisch, dass sie ihre Fähigkeiten auf diesem Gebiet in eine Lesung mit einbringt.

Isabella Archan

Isabella Archan in Fahrt bei ihrer Mordstheater-Lesung

So auch, am Freitag den 29.09.2017 im Hoch2werk in Sürth (Köln), im Rahmen der Crime Cologne. Im Mittelpunkt des Abends vor ausverkauftem Lesesaal steht der zweite Roman um die Zahnärztin Leocardia Kardiff. Die Bücher um die Doktorin mit Spritzenphobie besitzen einen komödiantischeren Tonfall als die eher düsteren Kriminalromane um die Kommissarin Willa Stark oder der Psycho-Thriller »Schere 9«. Trotzdem wird auch im Umfeld der Ärztin gemordet. Sogar recht brutal.

Gerahmt wird die Lesung von zwei Spielszenen, in denen Isabella Archan einen Mord in einer (anderen) fiktiven Zahnarztpraxis geschehen lässt. Die Vorstellung der Verdächtigen und die Tatausführung geschehen vor der Beschäftigung mit »Auch Killer haben Karies«, nach dem Lesepart erfolgt die Auflösung. Die Zugabe gehört der aufgeregten Mitzi, die auf selbstverschuldete und rabiate Weise einen Zahn verliert.

Archan wird zum Derwisch, nimmt Tonfall und Haltung ihrer Figuren an, wirbelt sich durchs Programm. Auch die Lesung profitiert von ihrem zweiten beruflichen Standbein. Gekonnt und höchst unterhaltsam füllt die Autorin rund zwei Stunden Programm, ohne zu langweilen. Das Publikum nimmt es dankend an.

Im Interview kommt Dr. Kardiff zwar auch vor, doch verstärktes Augenmerk liegt auf Isabella Archans Werdegang und der lohnenden Willa Stark-Reihe. Nach einer kurzen Plauderei über die aktuelle Twin Peaks Staffel, Donald Trump und cholerische Wutbürger startete das Interview.

Isabella Archan und Krimi-Couch.de Redakteur Jochen König

Isabella Archan und Krimi-Couch.de Redakteur Jochen König

KC: Ich freue mich sehr, dass Sie vor ihrer Mordstheater-Lesung Zeit für ein Interview haben.

Isabella Archan: Sehr gerne. Und von Twin Peaks zu Isabella Archan, das ist ja ein schöner Einstieg. Gefällt mir.

KC: Bietet sich ja an. Denn Sie waren ja selbst Schauspielerin, bevor das Schreiben so viel Raum einnahm?

Isabella Archan: Ich war fast dreißig Jahre lang Schauspielerin, an verschiedenen Theatern, unter anderem auch in Saarbrücken, am Staatstheater, dort kennt man mich noch von der Bühne. Ich habe erst recht spät mit dem Schreiben begonnen. Das erste Buch »Helene geht baden« ist tatsächlich erst vor drei Jahren erschienen, im Herbst 2014. Ich dachte zuerst, das Schreiben wird ein zweites, kleines Standbein, doch mittlerweile hat es das Theaterspielen überholt. Was aber auch toll ist.

KC: Wenn ich richtig gezählt habe, sind in den letzten vier Jahren sechs Bücher entstanden?

Isabella Archan: Eigentlich sogar sieben, wenn man den dritten Zahnarztkrimi, dessen Deadline gerade abgelaufen ist, und den ich in zwei Wochen abgeben muss, mitzählt. Also ich bin schon flott, weil es mir Spaß macht, und ich mich tierisch reinknie in die einzelnen Bücher.

KC: Zusätzlich haben Sie auch Kurzgeschichten verfasst.

Isabella Archan: Ja, für Anthologien. Da kommt Willa Stark für die SoKo Graz-Steiermark auch vor. Dann gibt es noch Weihnachtskurzkrimis, aber das geht schnell, die Geschichten kann ich nebenbei erledigen.

KC: Zwei Theaterstücke gibt es außerdem. Aber die sind vor Ihren Romanen entstanden?

Isabella Archan: Stimmt, das war vorher. Ich habe mit den Theaterstücken angefangen, weil ich eben aus der Theaterwelt komme. Mein Einstieg, der zu Kurzgeschichten führte. Die bereits mit einem Toten endeten. Es wurde also kriminell. Und Freunde meinten, ich sollte doch mal einen längeren Text versuchen. So kam es zu »Helene geht baden«. Das Thema interessierte mich, wie geht eine Frau damit um, die Attacke eines Serienmörders überlebt zu haben. Das faszinierte mich, alleine schon aus psychologischer Sicht. Zudem hatte ich eine Idee zu Willa Stark, der Inspektorin, die aus meiner Heimatstadt stammt und jetzt in Köln lebt und arbeitet. Das lief fast von selbst.

Im Anschluss, quasi zum Auslüften der dunklen Kammern, die ich mit Willa Stark und Helene betreten hatte, begann ich mit dem ersten Zahnarztkrimi. So hat sich das ergeben und aus beiden Grundlagen sind Reihen geworden.

KC: Die beiden Willa Stark-Romane »Helene geht baden« und »Marie spiegelt sich« sind aber vor dem Erstling mit Dr. Leocardia Kardiff veröffentlicht worden?

Isabella Archan: Richtig. Das hängt damit zusammen, dass die Willa Stark-Reihe bei Conte erschienen ist und die Zahnarztkrimis beim Emons-Verlag. Dort gab es eine längere Vorlaufzeit.

KC: Sie veröffentlichen ihre Bücher in zwei verschiedenen Verlagen; ist das nicht ungewöhnlich?

Isabella Archan: Nein, eigentlich nicht. Ich kenne etliche Autor*innen, deren Bücher in zwei oder mehr Verlagen erscheinen. Es ist halt meist eine thematische Frage. Emons war schon an »Helene geht baden« interessiert, zögerte aber noch, und dann kam die Zusammenarbeit mit Conte zustande. Mit Emons blieb ich aber in Kontakt, deshalb habe ich dort den Zahnarzt-Krimi angeboten und der Verlag hat ihn genommen. Ich wollte aber nicht bei Conte aufhören, weil ich es großartig fand, dass sie meinen Erstling veröffentlicht haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

KC: Stefan Wirtz, der Conte-Verleger, hat mir »Helene geht baden« auch sehr ans Herz gelegt. Und Recht damit behalten. Was mir an der Willa Stark-Reihe sehr gut gefällt, ist die Erdung. Konflikte werden nicht künstlich aufgebauscht, auch familiäre Traumata (Willa Starks geliebter Onkel tötet seine Gattin im Affekt) werden nachvollziehbar geschildert und aufbereitet. Das überlagert nicht alles andere. Außerdem lösen Sie gerade diese Konfliktsituation nicht durch einen dramatischen Knalleffekt auf, sondern dadurch, dass die Menschen miteinander reden. Scheint einfach, ist aber – wie man überall derzeit sieht – eines der schwersten Dinge überhaupt.

Isabella Archan: Die meisten dieser tragischen Erlebnisse kenne ich durch mein Umfeld oder auch durch mich selbst. Das Leben bietet genügend Stoff, da braucht man eigentlich gar nichts drauflegen. Im Gegenteil, oft bietet die Realität Wendungen, die man einer Autorin als unglaubwürdige Übertreibungen anlasten würde.

KC: Ist die Auflösung von Familien ein Hauptaspekt Ihrer Romane?

Isabella Archan: Hmm, Hauptaspekt würde ich nicht sagen, aber schon ein wichtiges Thema. Gerade was Willa Starks eigene Geschichte angeht, die ja durch ein innerfamiliäres Verbrechen geprägt wurde. Es muss sich ja fast zwangsläufig auflösen. Das haben mir auch ehemals selbst betroffene Frauen bestätigt, als ich sie wegen Helenes Geschichte befragte. Gewohnte Strukturen brechen auf, manchmal lässt es sich wieder kitten, aber oft gehen die betroffenen Personen auch verloren. Das interessiert mich besonders: Der Nachklang eines Verbrechens, was passiert mit den Beteiligten? Vor allem jenen, die zu Opfern einer Straftat wurden. Und ich denke, dass Willa einen besonderen Bezug dazu hat, weil sie diese dramatische Zäsur am eigenen Leib erfahren hat, die zur Auflösung einer Familie beitragen kann. Sie war zwar nur am Rande beteiligt, was den Totschlag ihres Onkels betrifft, aber es hat sie doch zutiefst getroffen. Und sie weiß, dass jeder Mensch unterschiedlich mit der Erfahrung von Kriminalität umgeht.

KC: Das erlebt man auch bei Einbrüchen öfter. Es gibt Leute, die stecken das locker weg, für andere ist es eine erschreckende Angsterfahrung. Bekannte von uns waren zutiefst geschockt, nicht weil sie bestohlen wurden, sondern weil sie mitbekommen haben, dass der oder die Einbrecher in ihrem und im Schlafzimmer der Kinder waren, während sie dort schliefen.

Isabella Archan: Stimmt. Und ein bloßer Einbruch wäre für einen Krimi fast zu banal. Dabei ist genau das das Spannende – was muss passieren, damit Menschen auf andere Wege kommen, abseits dessen, was sie einmal für ihr Leben geplant haben. Wie sich plötzlich alle Wertigkeiten und mögliche Optionen angesichts eines erzwungenen Verlustes verändern.

KC: Bei »Anton zaubert wieder« ist es ja ähnlich, wobei Anton sogar doppelt gestraft wird, weil zweimal in seiner unmittelbaren Nähe ein Mord geschieht.

Isabella Archan: Ich habe lange überlegt, ob ich das machen kann, habe aber dann gedacht, wieso nicht, es gibt solche Unglücksmagneten, denen dieselben Ungeschicke mehrmals zustoßen, quasi eine Art self fullfilling prophecy. Als würde der Blitz doch noch einmal an derselben Stelle einschlagen. Genau das fand ich interessant an der Figur Anton. Was wäre wohl aus ihm geworden, wenn er nicht zum wiederholten Male in diese verzweifelte Situation geraten wäre. Er hätte sein Leben gelebt, möglicherweise als beziehungsunfähiger Rumtreiber, aber das wäre es auch schon gewesen. Unter anderen Umständen hätte es sogar mit ihm und Willa klappen können, denn die beiden passen in ihrer Verkorkstheit ganz gut zusammen.

KC: Mit den Büchern um Willa Stark und die neugierige Zahnärztin Leocardia Kardiff haben Sie bereits zwei Reihen am Start. Beide mit Hauptfiguren, die einen »klingenden Namen« besitzen. Wie sind Sie darauf gekommen? Gerade bei der Kommissarin kann man jetzt unmöglich schreiben, dass sie eine Frau mit starkem Willen ist...

Isabella Archan: [lacht] Ich habe mir beim Schreiben tatsächlich keinen Gedanken darüber gemacht. Das ist mir später erst aufgegangen, als mich mehrere Personen drauf angesprochen, beziehungsweise darüber geschrieben haben. Meine Überlegung war, dass sie nach Onkel Willi benannt wird. Da gab es Wilhelmina als Möglichkeit, das hat mir nicht gefallen und so kam ich auf Willa. Den Nachnamen habe ich unter anderen meinen Patensöhnen zu verdanken. Denn zu der Zeit als »Helene geht baden« entstand, war ich ein Riesenfan von Iron Man. Der heißt nun mal Tony Stark. So entstand Willa Stark.

Leocardia Kardiff ist ein wenig an meine eigene Zahnärztin angelehnt. Sie sagt zwar, dass sie nicht so wäre. Aber unsere Freunde meinen, dass es einen großen Wiedererkennungswert gibt. Nur eine Spritzenphobie hat sie nicht, die habe ich von mir selbst übernommen. Und Leocardia, ein alter Name, den es schon lange gibt, der aber sehr selten ist, gefiel mir einfach unheimlich gut. Außerdem wollte ich gerne einen ungewöhnlichen Namen, den man gut abkürzen kann. So entstand die »Leo«.

KC.: Neben diesen Reihen haben Sie den Psycho-Thriller »Schere 9« verfasst. Mit Hauptkommissar Heinz Baldur als Hauptfigur. Soll es davon auch eine Serie geben?

Isabella Archan: Nein. Der soll ein Stand-Alone bleiben. Es wurde zwar schon angefragt, ob man daraus nicht auch eine Reihe machen könnte, den viele Leser lieben es anscheinend, wiederkehrenden Figuren zu begegnen, aber Heinz Baldur wird als Hauptfigur ein Solist bleiben. Ich habe allerdings die Idee, ihn in einem anderen Krimi nochmal auftauchen zu lassen. So was mag ich.

KC: Mit Staatsanwalt Theo Prunk und dem Rechtsmediziner Harro de Närtens existieren bereits zwei Charaktere, die in all Ihren Büchern auftauchen.

Isabella Archan: Hach ja, Harro de Närtens finde ich als Mann so toll, obwohl er auch einen Knacks hat. Deshalb MUSS er in all meinen Büchern auftauchen, weil mir diese Figur so viel Spaß macht. Und ich versuche schon mein eigenes, kleines Universum zu erschaffen. So taucht beispielsweise die junge türkische Partnerin von Heinz Baldur bereits in »Helene geht baden« auf. Melek Arslan ist die Kölner Streifenpolizistin, die Helene, nachdem diese attackiert wurde, findet. Sie ist dort in Begleitung eines höchst unangenehmen Kollegen, der sie quasi zu erziehen versucht. Später bildet sie sich fort, in Wiesbaden, und landet danach in Frankfurt, wo sie mit Heinz Baldur zusammenarbeitet.

KC: Fast zum Schluss noch was ganz anderes. Sie sind eine Autorenpatin. Was ist darunter zu verstehen?

Isabella Archan: Stimmt, das bin ich seit kurzem. Das Programm bei »Tatort Schreibtisch« ist ganz neu. Wenn jemand eine fertige Kurzgeschichte hat, ein Roman-Manuskript, ein Theaterstück oder ein Drehbuch, das übernimmt der Markus Stromiedel, der ja viele hervorragende Drehbücher verfasst hat, dann kann man es einreichen und der gewünschte Autorenpate oder die -Patin schauen drüber. Das kostet etwas und man kann entscheiden wie tiefen Einblick man seinem Paten gewähren möchte. Angehende Autor*innen bekommen eine Hilfestellung, Ratschläge und ähnliches von tollen Schriftsteller*innen.

Man kann es sich natürlich aussuchen, wen man als Paten haben möchte. Das soll jetzt nicht so etwas sein wie ein Lektorat, das bleibt weiterhin in Verlagshand, sondern eine Art kritische Hilfestellung bei Fragen bezüglich der Figurenentwicklung oder des Spanungsbogens beispielsweise. Als Verfasser hat man ja oft einen Tunnelblick, das kenne ich auch von mir selbst, und der Autorenpate soll quasi Licht in diesen Tunnel bringen und ihn erweitern. Ich glaube, das ist eine gute Sache, und ich bin gespannt wie es angenommen wird. Ich freue mich jedenfalls riesig drauf.

KC: Zum Abschluss kommt die wichtigste Frage. Was können Sie mir zu Miranda de Jessalle erzählen?

Isabella Archan: Wie haben Sie DAS denn rausgefunden [lacht]. Das hat Stefan Wirtz erzählt, oder? Und der hat es auch nur durch Zufall erfahren, beziehungsweise weil es ihm mein Agent gesagt hat.

KC: Steht auf ihrer Homepage. Also der Titel des Werks. Den Namen der Autorin habe ich selbst eruiert.

BasteiIsabella Archan: Okay, okay. Also, Miranda de Jessalle ist eine Autorin, die in der Einsamkeit eines französischen Waldes lebt, dort ein Schloss geerbt hat [lacht], nein, das waren meine allerersten literarischen Versuche. Miranda de Jessalle war mein Pseudonym, das ich für eine Heftreihe mit Vampirromanen bei Bastei wählte. Für diese Serie namens »Vampire – Imperium der Finsternis« schrieben anonymisiert sogar einige namhafte Autoren.

Der Verlag suchte nach Texten, und da ein Freund wusste, dass ich neben meiner damals aktiven Schauspielerei gerne schrieb, sagte er, ich solle mich dort doch mal bewerben. Gesagt, getan. Zuerst erschien ein Kurzkrimi und dann verfasste ich einen Heftroman als Miranda de Jessalle. Tatsächlich.

Ich bekam von Holger Kappel, der damals als Lektor für die Reihe verantwortlich zeichnete, das Figurenarsenal zugeschickt, und sollte probieren, eine Geschichte drum herum zu bauen. Also schrieb ich ein Manuskript und sandte es ein. Die korrigierte Fassung, die ich zurückbekam, sah aus wie eine Schularbeit mit der Note ungenügend. Mit einem Minus dahinter. Ich schreibe ja gelegentlich recht gerne lange Sätze. Die waren ALLE zusammengestrichen, ausnahmslos jeder Nebensatz wurde gekillt. Aber das Heft wurde schließlich mit dem tollen Titel »Das Blut des heiligen Kindes« [oder auch nur als »Das heilige Kind«] veröffentlicht. Ich schrieb sogar noch ein zweites Heft, doch bevor es erschien, wurde die Reihe, Mitte der Neunziger, eingestellt. Somit war meine Karriere als Autorin romantischer Vampirstories ziemlich schnell passé.

KC: Ich danke Ihnen für dieses höchst unterhaltsame und informative Interview!

Isabella Archan: Ich bedanke mich ebenfalls. Es war sehr lustig …

Für Krimi-Couch.de: Jochen König

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