Dr. Siri und seine Toten von Colin Cotterill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel The Coroner´s Lunch, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Manhattan.
Ort & Zeit der Handlung: Laos, 1970 - 1989.
Folge 1 der Dr.-Siri-Paiboun-Serie.

  • New York: Soho Press, 2004 unter dem Titel The Coroner´s Lunch. 320 Seiten.
  • London: Quercus, 2007. 320 Seiten.
  • München: Manhattan, 2008. Übersetzt von Thomas Mohr. ISBN: 978-3-442-54642-8. 320 Seiten.
  • München: Goldmann, 2010. Übersetzt von Thomas Mohr. ISBN: 978-3-442-46679-5. 317 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2008. Gesprochen von Jan Josef Liefers. ISBN: 3837100057. 4 CDs.
  • [Hörbuch] Köln: Random House Audio, 2009. Gesprochen von Jan Josef Liefers. ISBN: 3837100901. 4 CDs.

'Dr. Siri und seine Toten' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Dr. Siri Paiboun hatte bislang eigentlich nur mit lebenden Patienten zu tun. Doch nun wird er mit seinen 72 Jahren noch zum einzigen Leichenbeschauer von ganz Laos ernannt – als letzter verbliebener Genosse mit medizinischem Hintergrund. Es bleibt ihm keine Wahl, als sich ohne jedes Fachwissen, aber mit der Unterstützung zweier ebenso unqualifizierter Assistenten, an seinem ersten Fall zu versuchen: Frau Nitnoy, die Gemahlin eines Parteibonzen, ist bei einem Essen des Frauenverbands plötzlich verstorben, und Dr. Siri argwöhnt, dass es dabei nicht mit rechten Dingen zuging. Mit Hilfe eines alten französischen Lehrbuchs, vor allem aber mit viel Witz und Intuition macht er sich daran, die Sache unter die Lupe zu nehmen. Prompt gerät Dr. Siri selbst in Gefahr, doch zum Glück kann er auf zahlreiche Helfer zählen wie seinen alten Freund und Parteigenossen Civilai, die Chemielehrerin Oum und die Sandwichverkäuferin Tante Lah, die Dr. Siri jeden Mittag mit ihren Köstlichkeiten versorgt – und ein Auge auf ihn geworfen hat …

Das meint Krimi-Couch.de: »Siris real existierender Humorismus« 87°Treffer

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Auf genau diese Bücher wartet man. Auf diese, die so skurril klingen, dass man mindestens hineinlesen möchte. Wenn sich dann schon nach wenigen Seiten herausstellt, dass der Roman vielleicht sogar noch besser sein könnte als erhofft, sollte man sich die nächsten Stunden nichts vornehmen. Dr. Siri und seine Toten ist eines der Bücher, das den Leser erfolgreich von allem Wichtigen abhält, wenn er ins kommunistische Laos der späten 70er eintaucht.

Laos? Ja, da sollten wir mal schnell im Atlas nachschlagen. Südostasien ist schonmal warm, heiß wird´s, wenn wir das kleine Land mit seinen seinerzeit gut drei Millionen Einwohnern zwischen Thailand und Vietnam suchen. Die Hauptstadt heißt Vientiane und genau dort arbeitet Dr. Siri Paiboun. Siri blickt auf stolze 72 Jahre zurück und hätte mit Sicherheit nicht geträumt, dass er in hohem Alter noch einen neuen Job vom Politbüro aufs Auge gedrückt bekommen: Er soll – muss – Laos´ einziger Pathologe werden. Medizinische Kenntnisse hat Siri zwar, pocht aber darauf, dass es einen Unterschied mache, ob er einen Menschen zersäge oder ihn zusammenflicke. Doch als gar nicht mal unkommunistischer Fachmann bleibt ihm kaum eine Wahl. Mit Notenständer und französischen Lehrbüchern bewaffnet beginnt er seine neue Tätigkeit, die ihm nach zehn Monaten die erste richtige Bescherung liefert. Frau Nitnoy, verheiratet mit dem Genossen Kham, landet in Siris Tiefkühlhaus. Beim Essen sei sie einfach tot vom Stuhl gefallen. Scharfsinnig folgert Siri:

Sie war nicht vom Zug überfahren worden (denn in Laos gab es keine Züge). Auch war sie weder erschossen, erstochen oder erstickt worden, noch hatte eine Militärbarkasse ihr die Beine abgetrennt. Aber da sie sich zum Zeitpunkt ihres Todes in einem geschlossenen Raum aufgehalten hatte, waren das keine weltbewegenden Erkenntnisse.

Zum Glück hat unser Dr. Genosse einen spitzfindigen Helfer, den Herrn Geung. Der hat das Down-Syndrom – und eine exzellente Nase. Und meint, Genosse Khams tote Gattin rieche nach Nüssen – Zyanid? Komisch nur, dass Kham recht vergnügt seine Frau mir nichts dir nichts aus der Pathologe wegschaffen lässt, bevor Siri eine Todesursache feststellen kann. Und bei der einen Leiche aus hohen politischen Kreisen soll es auch nicht bleiben …

Colin Cotterill, Exil-Brite mit derzeitigem Wohnsitz in Thailand, ist mit Dr. Siri und seine Toten ein rundum vergnüglicher, mit intelligentem Humor gespickter Erstling gelungen. Exotischer können die Rahmenbedingungen (Laos, Kommunismus, 70er-Jahre, 72-jähriger Detektiv) eigentlich kaum sein, und trotzdem gelingt Cotterill eine vom ersten Kapitel an flüssige Story, die gar nicht mal in erster Linie von ihrer Exotik lebt. Sondern von ihren Figuren.

An vorderster Front natürlich Dr. Siri, der »passiv-rebellisch verrückte« Pathologe wider Willen, der in Frankreich nur wegen Brüsten zum Kommunismus kam (»Männer sind zweidimensionale Wesen mit spezifischen dreidimensionalen Vorlieben«), dem in seinen Träumen seine Toten quicklebendig über den Weg laufen und der es auf dem Fahrrad bergab mit »120 Stundenkilometern« vorzieht, in den »weicheren« Besenverkäufer als in die Mauer des Präsidentenpalastes zu brettern. Mit der Weisheit des Alters und einer gewissen asiatischen Nonchalance erträgt er die vielen kleinen Katastrophen des Alltags und ältere Nachbarinnen, die ihm nachstellen.

Aber auch Cotterills übriges Personal besteht aus spritzig lebhaften Zeitgenossen, die das beste aus ihren teils doch sehr kärglichen Lebensumständen machen und auf eine äußerst charmante Art Dr. Siri und seine Toten zu einem munteren Lesevergnügen machen. Ein Übriges tun die Dialoge, deren trockener Sarkasmus dem Leser sicherlich nicht selten ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubert. Zum Beispiel ein Gespräch wie dieses zwischen Siri und seinem Freund Civilai vom Parteibüro:

»Wie war dein Wochenende?«
»Sensationell. Ich habe mir bei einem politischen Seminar in Vang Vieng den Hintern wundgesessen. Und du?«
»Ich habe einen Graben ausgehoben.«
»Und? Wie war’s?«
»Sensationell. Mein Block hat den Preis für das ´fröhlichste Arbeitslied´ bekommen.«
»Gratuliere. Was gab´s denn zu gewinnen?«
»Eine Spitzhacke.«
»Nur eine?«
»Jeder darf sie reihum eine Woche benutzen, in alphabetischer Reihenfolge.«

Colin Cotterill schafft so mit Dr. Siri und seine Toten ein nicht nur erfrischend humorvolles Debüt, sondern schildert auch auf eine sehr angenehm entspannte Weise den Alltag eines fremden Landes unter einem fast ausgestorbenen politischen System, dabei mit scharfem Blick auf die Menschen, immer irgendwo zwischen Kommunismus und Buddhismus, zwischen Realität und Idealismus. Nicht zu vergessen: Dr. Siri hat ja auch noch einen Fall zu lösen – den Cotterill dazu noch äußerst clever gestrickt hat.

Lars Schafft, Juli 2008

Ihre Meinung zu »Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten«

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Torsten zu »Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten« 24.09.2011
Es ist sicher sehr aussergewöhnlich, einen Krimi im frisch kommunistischen Laos der 70er Jahre anzusiedeln.
Der Autor beschreibt die Zustände - die er offensichtlich aus erster Hand und sehr gut kennt - sehr humoristisch und zynisch zugleich. Das ist sprachlich sehr schön und macht anfangs auch viel Spass, auch wenn eine profunde Kenntnis der Zustände und Entwicklungen damals in dieser Weltgegend das Verständnis allzuvieler Andeutungen noch fördern würden.
Leider werden die Beschreibungen der Verwaltung und Verklärung des kommunistischen Mangels recht schnell zum Selbstzweck der auf Dauer etwas wiederholend und ermüdend ist und vor allem aber nicht durch die Geschichte an sich aufgewogen wird. Als Krimi jedenfalls ist die Story sehr sehr dürftig. Die Andeutungen des Übersinnlichen kann man gerade noch als landestypische Folklore akzeptieren, wenn nicht der mehr als 50seitige Abstecher in den Dschungel wäre, der wohl nur den Sinn hatte, dieses Übersinnliche noch weiter zu verdeutlichen.
Das Ende übrigens ist ähnlich - ebenso "übersinnlich" wie überflüssig.
Ich fand das Buch nach all den Lorbeeren hier sehr enttäuschend. Wer eine sehr schön geschriebene, zynische und humorvolle Abrechnung mit dem Beginn des laotischen Kommunismus sucht, der hat vielleicht Spass, aber als Krimi ist das leider eher ein Blindgänger.
mylo zu »Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten« 17.07.2011
Durch reinen Zufall bin ich auf diesen skurrilen Krimi gestoßen und ich war begeistert. Ich habe private Verbindungen nach Vietnam und war deshalb an diesem Krimi aus dem Nachbarland interessiert. Und siehe da ein wahrer Glücksgriff. Dieser skurrile Dr. Siri mit seinen ach so sympathischen Mitarbeitern nimmt das kommunistische System von Laos so richtig auf die Schippe. Das ganze wird in seiner so erfrischenden Art erzählt, dass es Spaß macht und ständig ein Schmunzeln hervorruft. Gute Geschichte, sehr interessante und gut herausgearbeitete Personen, Tolle Dialoge und etwas sonderbare Geister die man aber bei dem Ort der Handlung in Kauf nehmen muß und sie klären ja auch letztlich die kompliziert erscheinenden Fälle.
85 Punkte und Lust auf mehr
Klatt Hildegard zu »Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten« 08.06.2011
Hallo, nicht nur das eine Buch ist einfach fantastisch, ich habe alle anderen auch.
Wie Dr. Siri seine Latschen verteidigt, will man meine Füße küssen, bitte nicht in Chinaschuhen sondern da, man man die Zehen sieht.
Die Geister die bei ihm sind, der Baum am Fluss wo die beiden Herren dinieren, neben sich den Mann der immer seine Sachen auszieht.
Es ist einfach köstlich, ob in der Pathologie, bei den Ämtern oder der Kampf um das Dasein.
Ich bin total von allem eingenommen.
Meinen Dank an Herrn Cotterill.
Erich Mixner zu »Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten« 30.01.2011
Laoskrimis! Ganz was neeues denkt man und wird überrascht mit einem Buch, welches den Kommunismus in seiner heitersten und schönsten Form zeigt.
Ich bin viel in Asien, war aber noch nie in Laos, Visa- und Verbindungsprobleme, aber jetzt muß ich hin und den Dr. Siri und Genossen suchen!
Leider gibt es bisher nur zwei Bände, jedoch der Autor lebt in Thailand und das ist sehr teuer geworden, also bitte den Dr. Siri leben und Wirken lassen
Schrodo zu »Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten« 31.12.2010
Ein wirklich skurriler Krimi der anderen Art. Amüsant und kurzweilig von Deutschlands bekanntestem Tatort-TV-Pathologen, Jan Josef Liefers, wunderbar bildhaft erzählt. Liefers mit seiner wohl angeborenen subtilen Spöttelei passt zu diesem Cotterill Hörbuch wirklich wie die Faust aufs Auge!
Dr. Siri und seine Toten, ist ein schönes Krimi Hörbuch. Nicht besonders blutrünstig oder megaspannend, aber durch seine humorvollen Dialoge und die Besonderheiten der Ermittlungen in einem Kommunistischen Staat, durchaus hörenswert!
Dr. Siri Paiboun ist 72 Jahre alt, ein einfacher Arzt – und wird wider Willen befördert: Die kommunistische Partei von Laos bestellt ihn zum einzigen Leichenbeschauer des Landes. Diese Aufgabe erledigt der kauzige Arzt mit übersinnlicher Intuition und einem französischen Pathologie- Handbuch von 1948. Hört sich komisch an? Ist es auch. Vergnüglich und skurril löst er seinen ersten Fall, den Tod der Gattin eines hohen Parteikaders
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
puppi7899 zu »Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten« 29.11.2010
Ich bin begeistert. Habe sofort die beiden nachfolgenden Bücher erstanden.
Die Erscheinungen, na ja. Wenn man sie selbst nicht hat, kann man ja nicht wissen, daß ein anderer sie hat.
Die Charaktere sind ganz liebenswürdig geschildert und die Dialoge spritzig.

Einer meiner Lieblinge mit Civilai: Sprichst Du französisch?"Wie Napoleon" Mit korsischem Akzent? "Nein elegant"
D. M. zu »Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten« 25.10.2010
Nein, wie herrlich! Laos in den 70ern, das klang nicht verlockend. Aber eben weil es so weit weg ist von Deutschland 2010 offenbart sich die ganze Abartigkeit des Kommunismus im Zwinkern von Sr. Siri. Ein großer Spaß und ein echter Grund, sich mal mit der wechselvollen Geschichte der Region zu beschäftigen.
Dr. K. zu »Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten« 14.09.2010
Einfach nur herrlich. Ich hab das Buch geschenkt bekommen und dachte nur: ja, klar, denkt mal nur, ich bin ja eh völlig durch.
Und ich war auch durch. Die ganze Nacht hab ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Ein absolut erfrischender ironischer Humor gepaart mit dem freien Blick auf die asiatische Gelassenheit und die alte Geisterwelt.
Allein der unfreiwillige Leichenbeschauer, der auf die kommunistisch verordneten Plastikschuhe pfeifft mit seinen hervorragenden Mitarbeitern, der seine Kenntnisse aus alten französischen Lehrbuchkopien zieht bis hin zum verrückten Inder, der trotzdem seinen Platz in der Welt hat.
Mehr davon. Den zweiten Band hab ich schon gelesen und warte sehnsüchtig auf mehr.
PS: die Reise nach Laos ist übrigens auch schon gebucht ;-)
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Addicted-to-read zu »Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten« 22.08.2010
Dieses Buch hat einen ganz eigenen Charme. Ich hatte in dieser Art vorher noch nichts gelesen und es hat mich von Anfang an verzückt.

Der Schauplatz Laos ist ja schon eher ungewöhnlich, so wie auch der Protagonist Dr. Siri, der zu seinem Job als Pathologe kommt wie die Jungfrau zum Kind und das im Alter von 72 Jahren! Allein diese Tatsache macht dieses Buch schon lesenswert.
Die Hauptfigur hat einen leisen, aber scharfzüngigen Humor und meistert mit Bravour seinen Job. So ganz nebenbei löst er auch noch die Kriminalfälle, die eigentlich eher im Hintergrund eine Rolle spielen. Doch das tut dem Buch keinen Abbruch.
Es ist in einer wundervollen Art und Weise geschrieben und die Charaktere sind sehr liebevoll herausgearbeitet.
Dieses Buch ist ein sehr unterhaltsames Leseerlebnis und ich freue mich schon sehr auf die Nachfolger!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
muprl zu »Colin Cotterill: Dr. Siri und seine Toten« 22.07.2010
Das Buch ist angenehm erzählt, die Personen sympathisch und skurill, aber die Situationen nicht schreiend komisch sondern eher "schmunzelig". Dass Dr. Siri kein Superpathologe is, sondern sich eher so durchwurschtelt hat mir sehr gut gefallen.
Die Kriminalfälle haben bei mir nicht besonders viel Interesse geweckt, umso mehr die politische und alltägliche Situation im Laos der 70er. Davon wusste ich bisher so gut wie gar nichts.

Es ist tatsächlich ein federleichtes Buch. Mir war es aber dann doch irgendwie ZU leicht. Es plätschert und springt fröhlich voran und dann springt man als Leser am Ende aus der Geschichte heraus und kann irgendwie nur noch "nett" sagen. Aber nett reicht nicht ganz. Von mir daher 79°.

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