Briefe an einen Blinden von Colin Cotterill

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2008 unter dem Titel Anarchy and old dogs, deutsche Ausgabe erstmals 2011 bei Manhattan.
Ort & Zeit der Handlung: Laos, 1970 - 1989.
Folge 4 der Dr.-Siri-Paiboun-Serie.

  • London: Quercus, 2008 unter dem Titel Anarchy and old dogs. 258 Seiten.
  • München: Manhattan, 2011. Übersetzt von Thomas Mohr. 320 Seiten.

'Briefe an einen Blinden' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Das unglückselige Zusammentreffen mit einem Holzlaster in Laos’ Hauptstadt Vientiane hat einen blinden Zahnarzt zu Dr. Siri geführt. Der Leichenbeschauer staunt nicht nur über die seltene Todesursache – in Laos sind Autos rar, und zwei Fahrzeuge auf einer Straße gelten bereits als Verkehrschaos – sondern auch über einen eigenartigen Fund: Der Tote hat einen Brief bei sich, der eine mit unsichtbarer Tinte geschriebene, verschlüsselte Botschaft enthält. Dr. Siri geht der Sache nach und kommt einem brisanten Geheimnis auf die Spur. Bei seinen Ermittlungen konsultiert er den Kartenleger und Transvestiten Tante Bpoo, sieht Bruce Lee beim Sieg über den Kapitalismus zu, schwimmt mit einem Delphin und verliert sein Herz an eine bezaubernde Frau.

Das meint Krimi-Couch.de: »Farbenfroher Gegenentwurf zum Krimi-Mainstream« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Lutz Vogelsang

Dr. Siri Paiboun hat sein halbes Leben als Feldarzt für die Ziele der Kommunistischen Partei und ein freies Laos gekämpft, in Dschungelcamps Widerstandskämpfer zusammengeflickt und Sanitätspersonal ausgebildet. Als die Kommunisten 1975 schließlich die Macht übernehmen, freut sich der Doktor auf einen ruhigen Lebensabend in der Hauptstadt Vientiane. Doch der soll ihm so schnell nicht vergönnt sein. Stattdessen wird er zum ersten und einzigen staatlichen Leichenbeschauer ernannt; eine `Ehre`, für die er sich nur mäßig erwärmen kann. Trotzdem stellt er sich zusammen mit dem an Down-Syndrom leidenden Pathologie-Assistenten Geung und seiner Assistentin Dtui widerwillig seiner neuen Aufgabe.

Gerichtsmedizin mal anders

Wer beim Wort `Gerichtsmedizin` unwillkürlich an Patricia Cornwell oder CSI denkt, könnte in diesem Fall kaum weiter daneben liegen. An ausgefeilte forensische Ermittlungen ist nicht zu denken. Allen voran, weil Dr. Siri keinerlei Erfahrungen auf dem Gebiet der Pathologie hat. Abgesehen davon zwingen ihn die mehr als einfachen Umstände, eher an den kleinen Problemen des Alltag zu arbeiten. Um die für einfachste Tests notwendigen Chemikalien muss er eine örtliche Chemielehrerin bitten und gleich noch ein Holzgerüst bauen, mit dem man zur Not auch zwei Leichen im Kühlschacht lagern kann. Dennoch kann sich der staatliche Leichenbeschauer nicht über zu viel Arbeit beschweren, denn Verbrechen wurden durch ein staatliches Dekret abgeschafft.

Als eines Tages ein Blinder eingeliefert wird, der vor der Hauptpost von einem chinesischen Laster überfahren wurde, wird Dr. Siris Neugier geweckt. Bei der Handvoll Kraftfahrzeuge auf laotischen Straßen sind Verkehrsunfälle nicht gerade an der Tagesordnung. Als bei dem Toten dann noch eine chiffrierte Liste gefunden wird, die auf einen geplanten Putschversuch hindeutet, weckt das nicht nur Dr. Siris Interesse, sondern auch das seines alten Parteigenossen Civilai. Gemeinsam begeben sie sich nach Pakxe, in die Nähe der thailändischen Grenze, wo die Fäden der geplanten Verschwörung zusammenzulaufen scheinen. Mit im Gepäck hat Siri auch den Geist eines Schamanen, der sich in Siris Körper breit gemacht hat und der es ihm ermöglicht, über bildgewaltige Träume Nachrichten aus der Geisterwelt zu empfangen.

Man misst seinen Erfolg nicht daran, ob man die Welt verändert hat, sondern an dem, was man in seinem unmittelbaren Umfeld hat bewirken können.

An diesem Punkt teilt sich die Geschichte in verschiedene, einander nur lose beeinflussende, Erzählstränge. Siris Assistentin Dtui und sein Vertrauter Phosy stellen auf eigene Faust Ermittlungen in einem Flüchtlingslager an, während Civilai, ganz Parteisoldat, sich zurückzieht, um unauffällig Erkundigungen über den geplanten Staatsstreich einzuholen. Dr. Siri hat sich derweil schon eines anderen Falles angenommen und versucht, den mysteriösen Tod eines armen Fischerjungens aufzuklären. Ein Gegensatz, der ganz Siris Wesen entspricht, der sich auch angesichts eines drohenden politischen Umsturzes eher dem kleinem Mann als der großen Sache verpflichtet fühlt.

Beten? Wofür soll man in einem Land ohne Religion und ohne Geld schon beten?

Hier spielt das Buch seine großen Stärken aus. Colin Cotterill verwebt geschickt die Geschichte und die Folklore der Region mit der Biographie des Doktors, der immer wieder Abstecher in seine Vergangenheit macht. Land und Leute werden so humorvoll, bildhaft und farbenfroh dargestellt, dass es als Leser schwer schwerfällt, sich nicht von dem Reiz anstecken zu lassen, den die Region offenbar auf den Autor ausübt. Auf bildliche Gewalt wird fast vollständig verzichtet; auf Schießereien, Explosionen etc. wartet der Leser vergebens. Dass das Ganze nicht ins Kitschige abrutscht, dafür sorgt Cotterill mit seinem klaren, pointiertem Stil, sowie mit seinen ausgewogenen Figuren. Kaum jemand ist nur das, als was er auf den ersten Blick erscheint. Es schimmert eine gehörige Portion Verzweiflung und Wehmut durch die lebensfrohen Fassaden.

Tipps aus dem Jenseits

Dem ein oder anderen Leser wird sicher aufstoßen, dass Cotterill bei der Entwicklung seines Plots ein wenig trickst. Stellenweise wirkt die Handlung deutlich konstruiert, und wenn sie in einer Sackgasse zu enden scheint, bedarf es des öfteren übersinnlicher Tipps aus dem Jenseits, um Siri wieder auf Kurs zu bringen. Auf der anderen Seite bringt dieser Diskurs mit der Geisterwelt dem Buch eine Ebene, die man in den meisten Krimis wohl nicht finden wird.

Briefe an einen Blinden ist ein tolles Buch, dass vor allem durch seinen menschlichen Humor und die schön gezeichneten Charaktere überzeugt. Ein gelungener und absolut lesenswerter Gegenentwurf zum Krimi-Mainstream.

Lutz Vogelsang, Juni 2011

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Krimibis zu »Colin Cotterill: Briefe an einen Blinden« 25.08.2013
Wieder ein guter Dr. Siri-Band, etwas schlechter als die Vorgänger, aber immer noch absolut empfehlenswert! Vor allem das Privatleben entwickelt sich deutlich weiter bei Dr. Siri, Dtui und Phosy. Interessant fand ich auch die Hintergründe zur kommunistischen Revolution - ich gehe mal davon aus, dass das vom Autor gut recherchiert war.
tedesca zu »Colin Cotterill: Briefe an einen Blinden« 26.07.2011
Auch der vierte Teil der Reihe hält an Qualität, was die ersten drei versprochen haben. Dr. Siri und seine Freunde sind schwer damit beschäftigt, einen Putschversuch der Royalisten zu verhindern, die Hilfe der Geister wird für derlei irdische Angelegenheiten nur selten notwendig. Gleichzeitig klärt Siri den Mord an einem kleinen Buben auf, und DAS geht einem durch Mark und Bein, da sind mir fast die Tränen gekommen. Aber genau diese Kombination aus berührenden Beschreibungen und humorigen Schilderungen macht ja den ganz besonderen Reiz dieser Serie aus.
Sarah Grinda zu »Colin Cotterill: Briefe an einen Blinden« 04.07.2011
Ich habe alle Krimis mit Dr. Siri gelesen, die bis jetzt auf Deutsch erschienen sind.Die ersten 3 finde ich super! Ich war froh, dass ich ihn entdeckt hatte, weil das Lesen richtig Spaß macht.Leider bin ich von Teil 4 enttäuscht. Er ist viel schlechter als seine Vorgänger.
Sehr schade!!Trotzdem werde ich auch Teil 5 und 6 usw lesen :-)
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