Totenengel von Claus Cornelius Fischer

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2009 bei Ehrenwirth.
Ort & Zeit der Handlung: Niederlande / Amsterdam, 1990 - 2009.
Folge 3 der Commissaris-Bruno-van-Leeuwen-Serie.

  • Bergisch Gladbach: Ehrenwirth, 2009. ISBN: 978-3-431-03777-7. 400 Seiten.
  • Köln: Bastei Lübbe, 2010. ISBN: 978-3-404-16512-4. 400 Seiten.

'Totenengel' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Bei einem nächtlichen Kontrollgang durch das Rotlichtviertel von Amsterdam entdeckt Commissaris Bruno van Leeuwen die Leiche eines jungen Mannes. Obwohl nichts auf einen gewaltsamen Tod hindeutet, ordnet der Commissaris eine Autopsie an. Die Obduktion bestätigt seinen Verdacht: Der Tote wurde ermordet, erstickt mit einer Plastiktüte. Eine Woche später wird in Haarlem eine Frau leblos aufgefunden. Auch in diesem Fall ergibt die Autopsie Tod durch Ersticken. Die Ermittlungen führen Van Leeuwen zu einer ganzen Serie von unentdeckten Todesfällen, die vor einem halben Jahrhundert begann, als in einem kleinen Dorf im Norden Hollands ein grauenhaftes Verbrechen verübt wurde. Doch in der Sterbeklinik des zwielichtigen Arztes Klaas van der Meer nimmt die Untersuchung eine überraschende Wendung …

Das meint Krimi-Couch.de: »Schlaflos in Amsterdam« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Wenn deutsche Autoren ihre Kriminalromane im Ausland ansiedeln, ist bei mir eher Skepsis angebracht. Ich hege einen Grundzweifel, dass der Fremde eine Stadt mit all ihren Facetten ebenso abbilden kann, wie es der Einheimische könnte. Der Ortsfremde muss mehr recherchieren, er muss genauer beobachten, besser verstehen. Das kann klappen, oftmals geht der Versuch aber auch daneben. Nicht so beim Wahlmünchener Claus Cornelius Fischer, dessen dritter Kriminalroman Totenengel schon wie seine Vorgänger in Amsterdam spielt. Eine äußerst positive Überraschung.

Es klingt absonderlich: ein Mörder, der aus edlem Motiv umbringt. Doch ist dies die einzige wirklich einleuchtende Erklärung, die dem Amsterdamer Commissaris Bruno Van Leuuwen einfällt. Nachts im Rotlichtviertel, Van Leeuwen ist mal wieder schlaflos in Amsterdam. Seit seine Frau an Alzheimer gestorben ist, hat es ihn ziemlich aus der Bahn geworfen. Er übernachtet gar auf dem Bahnhof, weil er es im gemeinsamen Haus nicht mehr aushält. Auf einem dieser Streifzüge entdeckt er die Leiche von Gerrit Zuiker, einem Lehrer. Merkmale von Gewaltanwendung sind eigentlich nicht zu erkennen, jedoch vertraut der Commisaris seinem Gefühl und lässt die Leiche obduzieren. Der Umstand, dass Zuiker eine Waffe bei sich trug, tut ein Übrigens.

Und tatsächlich: Der Lehrer wurde umgebracht, mit einer Plastiktüte über dem Kopf erstickt. Ein »angenehmer« Tod, wie der Pathologe erwähnt. Die Nachforschungen im Umkreis Zuikers ergeben ein ernüchterndes Bild, bereits seit einiger Zeit litt er unter Nachstellungen seiner Schüler, war depressiv, röchelte vor seiner Frau immerfort »"ch ersticke« und dudelte tagein, tagaus, Help! von den Beatles. Ob man ihm mit seinem Tod entgegen aller Moralvorstellungen einen Gefallen tun wollte? Als kurz darauf eine Krebskranke auf ähnliche Weise in Haarlem ums Leben kommt, wittert Bruno Van Leeuwen einen Serienkiller und gräbt die Geschichte um. Er stößt dabei auf ein lange zurückliegendes, abscheuliches Verbrechen, und einen Arzt, den er schon wegen unangemessener Sterbehilfe vor Gericht gebracht hatte …

Claus Cornelius Fischer zerschlägt alle Vorbehalte schon recht früh: Sein Amsterdam schillert in düsteren Farben und eignet sich beileibe nicht als Reiseführer, wie manch Regiokrimi. Die Stadt nimmt allerdings auch nicht die Hauptrolle in Totenengel ein. Die steht seinem eigentümlichen Commissaris zu, der gnädigerweise wenig an einen Kurt Wallander erinnert. Natürlich gibt es Szenen, die den Ermittler zum Menschen machen, beispielsweise wenn Van Leeuwen am Grab seiner Frau einen ihm arg auf die Nerven fallenden Jogger rüpelhaft fortjagt. Dennoch lässt er sich nicht vom Leben ins Boxhorn jagen, sondern tritt als instinktsicherer, gebildeter Motivator seines Teams auf, das er – teils fast in väterlicher Fürsorge – tiefer und tiefer in den Fall führt.

Auch stilistisch verbietet sich ein Vergleich zu Henning Mankell, den manche Kritiker und Leser aus irgendeinem Grund zu ziehen pflegen. In seiner Schreibe erinnert Fischer – will man schon unbedingt Parallelen in Skandinavien suchen – eher an die Nüchternheit eines Ake Edwardson, wenngleich der Deutsche in der Struktur klarer vorgeht und auf allzu harte Schnitte verzichtet. Fischer schreibt unprätentiös wie gekonnt, er braucht keine Vergleiche.

Während der Lektüre wirft der Autor zudem immer wieder die selbe Frage auf: Ist Sterbehilfe legitim? Wann ist sie zu vertreten, wann nicht? Schon dann, wenn jemand psychisch angeschlagen ist wie das erste Opfer Gerrit Zuiker? Erst, wenn ein Mensch todkrank ist? Oder erst dann, wenn wie von Claus Cornelius Fischer beschrieben eine Extremsportlerin ans Bett gefesselt, ausgemergelt ist und die Fähigkeit verloren hat, sich zu artikulieren? Oder überhaupt nicht? Auf diese Fragen gibt der Autor im Buch keine klare Antwort, sondern betrachtet sie aus mehreren Perspektiven (im Gespräch mit der Krimi-Couch hat er übrigens eine sehr klare Meinung dazu).

Dies alles macht Totenengel zu einem Kriminalroman eines deutschsprachigen Autors, der völlig zu Recht bei einem großen Verlag die Wertschätzung einer Veröffentlichung im Hardcover erfährt. Dazu auch endlich ein passender Titel ohne zu starken biblischen Beiklang. Totenengel sticht hervor – und das zu meiner Freude nicht nur wegen des Schauplatzes im Ausland.

Lars Schafft, Juli 2009

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detektivin zu »Claus Cornelius Fischer: Totenengel« 12.11.2013
Der "Totenengel" hatte den Lehrer doch gegen seinen seinen Willen umgebracht. Wenn es bei dem Lehrer aber Mord war, wieso konnte man dann keine Spuren von Gewalt nachweisen. Das wurde jedenfalls im Gespräch zwischen dem Kommissar und der Psychologin durchgespielt. Liege ich da falsch oder ist das ein Regiefehler?
Schrodo zu »Claus Cornelius Fischer: Totenengel« 07.06.2010
Bei einem nächtlichen Kontrollgang durch das Rotlichtviertel von Amsterdam entdeckt Commissaris Bruno van Leeuwen die Leiche eines jungen Mannes. Obwohl nichts auf einen gewaltsamen Tod hindeutet, ordnet der Commissaris eine Autopsie an. Der Tote wurde ermordet, erstickt mit einer Plastiktüte. Eine Woche später wird eine Frau leblos aufgefunden. Auch in diesem Fall ergibt die Autopsie Tod durch Ersticken. Die Ermittlungen führen Van Leeuwen zu einer ganzen Serie von unentdeckten Todesfällen. Soweit der Klappentext.
Das Buch beschreibt von Beginn an zwei Handlungsstränge von Morden, schafft es aber leider nicht, so etwas wie Spannung zu erzeugen. Der kleinere Teil ist der Mord des China – Einwanderers Wu, der sein Verbrechen unumwunden zugibt. Die Hauptgeschichte handelt aber von dem Plastiktüten-Mörder, der seine des Lebens nicht mehr frohen Opfer mittels einer Plastiktüte erlöst. Es wimmelt in diesem Buch nur so von problembeladenen, trübsinnigen und suizidgefährdeten Menschen. Depressiv bis zum Selbstmord, selbst der Held der Story scheint über seinen seelischen Leiden zusammenzubrechen.
Insgesamt eine überaus depressive Beschreibung von Sterbehilfe an unheilbar kranken Menschen. Vielleicht hab ich den tieferen Sinn dieses Buches ja auch nicht verstanden, aber dieses Thema kann nicht der Hauptinhalt eines Krimis sein. Wenn ich mehrere solcher trübsinnigen „Krimis“ lesen müsste, würde ich mir wohl auch so ne Tüte über den Kopf ziehen!
Thomas H. zu »Claus Cornelius Fischer: Totenengel« 14.08.2009
Mir hat ehrlich gesagt der erste der Reihe am besten gefallen. Diese knietiefe Depression, so nachvollziehbar und stimmig sie für die Figur auch sein mag, mochte ich nicht. Hingegen das Thema Sterbehilfe fand ich gut umgesetzt.
Aber mal zum Thema Amsterdam und deutscher Autor: Elizabeth George ist keine Engländerin, und es funktionierte ganz hervorragend. Unter anderem, weil sie jemanden hatte, der die Amerikanismen aus den Büchern weitgehend herauspickte und sie bei den Recherchen unterstützte. Charlotte Link ist ebenfalls keine Engländerin, was ihre zahlreichen Leser nicht zu stören scheint. Hakan Nesser hat ein Land erfunden und entzieht sich somit dieser Diskussion. Noch bevor es Internet und Billigflieger gab, haben die Literaten fleißig aus Reiseführern abgeschrieben, wenn sie sich wo nicht auskannten. Störte niemanden. Und die Liste ist lang. Warum soll es denn so außergewöhnlich sein, dass es C. C. Fischer schafft, die Atmosphäre von Amsterdam einzufangen? Er kann gut schreiben, das ist doch mal viel wichtiger.
Dr. Marlowe zu »Claus Cornelius Fischer: Totenengel« 25.04.2009
Totenengel habe ich mir sofort zugelegt und jetzt schon ausgelesen - es ist toll, sicher das beste Van Leuwen bisher.

Ich liebe vor allem diese Figur, melancholisch, moralisch, wie eine Bulldogge, die nie loslässt, und auch menschlich entfaltet er sich immer mehr, nicht wie in den meisten Krimis.

Hut ab!
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