Meine Seele so kalt von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2014 unter dem Titel I Let You Go, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Bastei Lübbe.
- London: Sphere, 2014 unter dem Titel I Let You Go. 480 Seiten.
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Köln: Bastei Lübbe, 2016.
Übersetzt von Rainer Schumacher.
ISBN:
978-3-404-17292-4. 480 Seiten.
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[Hörbuch] Köln: Lübbe Audio, 2016.
Gesprochen von Philipp Schepmann Sabina Godec, Thomas Balou Martin.
ISBN:
3-7857-5153-2. 480 CDs.
'Meine Seele so kalt' ist erschienen als
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In Kürze:
Ein regnerischer Abend in Bristol. Der 5-jährige Jacob ist mit seiner Mutter auf dem Weg nach Hause, plötzlich reißt er sich los und stürmt auf die Straße. Das Auto, das wie aus dem Nichts erscheint und ihn erfasst, ist ebenso schnell wieder verschwunden. Für den kleinen Jungen kommt jede Hilfe zu spät. Jenna Gray flieht vor den Ereignissen in die Einsamkeit eines walisischen Dorfes. Aber die Trauer um ihr Kind und die Erinnerungen lassen sie selbst dort nicht los. Schon bald ist sie sich sicher, dass nicht nur die Vergangenheit sie erbarmungslos verfolgt …
Das meint Krimi-Couch.de: »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust«
Krimi-Rezension von Sabine Bongenberg überspringen
Es soll Menschen geben, die sich in die Einsamkeit zurückziehen, weil es ihnen so besser gefällt. Weil sie die Ruhe und den Frieden der Abgeschiedenheit schätzen. Es gibt aber auch diejenigen, die sich hierhin flüchten, weil sie etwas zu verbergen haben. Zu diesen Personen gehört Jenna Gray, die bei einem tragischen Verkehrsunfall in den Tod eines Kindes verwickelt war und sich vor den Auswirkungen dieses Unfalls in die Einöde der walisischen Küste flüchtet. Dieser Unfall lässt aber der ermittelnden Polizei keine Ruhe und so ist es die eine Frage, ob Jenna einerseits der Gerechtigkeit aber andererseits auch den Dämonen in ihrem Leben entgehen kann.
So zwiegespalten wie der Charakter Faust’s sich in Goethes berühmten Drama darstellt (aus dem der Bewertungsspruch entliehen ist), so gespalten ist auch die Handlung in Clare Mackintosh’s Debutroman, der folgerichtig in zwei Bücher aufgeteilt ist. Im ersten Teil lernt der Leser die Personen kennen, die nach dem Willen der Autorin zunächst im Focus der Betrachtung stehen. Vorgestellt werden die Hauptperson Jennifer – Jenna – Gray, die dem Schrecken ihres Lebens, das in einem tragischen Unfall gipfelte, zu entkommen sucht und auf der Gegenseite die ermittelnden Inspektoren Ray Stevens und seine Kollegen Kate und Stumpy. Jenna Gray beschreibt ihre Lebensumstände aus der Perspektive der Ich-Erzählerin und bindet so den Leser unmittelbar in die Handlung ein. Dieses Stilmittel reicht dazu aus, um ein besonderes und notwendiges Interesse für die Situation dieser Frau zu erschaffen, denn im ersten Buch muss sich der Leser immer wieder die Frage stellen, aus welchem Grund die Bezeichnung „Psychothriller» für diesen Roman gewählt wurde. Mackintosh konstruierte ihr Buch auf den ersten rund 200 Seiten durchaus lesenswert und interessant, dennoch ist in den ersten Kapiteln ein wie auch immer gearteter Bezug zu einem Thriller nicht erkennbar. Eine gewisse Grundspannung baut sich zwar mit fortlaufender Lektüre und besser Kenntnis der jeweiligen Lebenssituationen der Beteiligten auf, dennoch könnten selbst bei größter Mühe die Verwicklungen im Leben eines Polizeibeamten nicht als «Thrill" bezeichnet werden.
Diese Betrachtung ändert sich jedoch schlagartig, ab dem Auftreten des eigentlichen Unholdes in der Geschichte. Erzählte bisher nur die Heldin Jenna in der Ich-Form und ließ den Leser so als unmittelbar Beteiligten an ihrem Leben teilhaben, betritt nun eine weitere Person die Bühne dieses Romans. Auch dieser berichtet als Ich-Erzähler, doch werden hier nun Umstände geschildert, die der Leser lieber verborgen wissen und denen er sich als Mitwisser lieber entziehen würde. Ab diesem Teil nimmt die Handlung eine regelrecht rasante Fahrt auf, quälend und detailliert wird darüber berichtet, wie das Böse ein bisher fröhliches Leben langsam untergräbt, unterjocht und nicht zuletzt das Leben eines Kindes zerstört.
Wegen dieser Zweiteilung ist die Bewertung dieses Buches insgesamt nicht einfach. Im zweiten Teil hat Clare Mackintosh einen Thriller geschaffen, der es schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen. Dennoch braucht es einen langen Anlauf, um zu diesem Punkt zu gelangen. Möglicherweise wäre ein höheres Tempo zu diesem Punkt hin durch eine mutige Kürzung der Handlung zu erreichen gewesen. So ist zum Beispiel fraglich, aus welchem Grund die detaillierten Kenntnisse über die Verwicklungen von Ray Stevens’ Sohn in schulische Probleme für das Verständnis der Handlung notwendig sind. Dieser Nebenstrang wird zum Ende des Buches zwar erklärt, eine eigentliche Auflösung im Sinne einer Entwicklung oder Problemlösung fehlt aber. Als Meckern auf hohem Niveau sind dagegen einige kleinere Fragezeichen zu der Handlung zu bewerten: So fragt sich die Autorin dieser Zeilen, ob tatsächlich ein komplettes Mordermittler-Team für die Untersuchung eines Autounfalls mit Fahrerflucht herangezogen wird, oder ob ein Gericht tatsächlich anhand bloßer neuer Erkenntnisse seinen bisher eingeschlagenen Kurs komplett ändert. Dennoch muss dem zweiten Teil aber auch noch ein besonderer Applaus im Hinblick auf die Auflösung des Buches gezollt werden, die bis zuletzt zur zwiegespaltenen Stimmung beiträgt und auch hier wiederum verschiedene mögliche Endszenarien anbietet.
Zurück zur Frage der Bewertung erscheint es daher sinnvoll, die konsequente Zweiteilung des Buches fortzusetzen und die beiden Abschnitte getrennt zu betrachten. Dem ersten und behäbigen Abschnitt kann daher immerhin ein Wert von 65°, dem zweiten und rasanten Teil ein Wert von 85° zugeordnet werden, so dass ein Durchschnitt von 75° erreicht wird. Das ist für ein Erstlingswerk alles andere als durchschnittlich und verdient dasselbe Prädikat wie Mackintoshs Buch – nämlich das Prädikat: Beachtlich!
Sabine Bongenberg, März 2016
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