Haus der Geister von Christopher G. Moore

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1992 unter dem Titel Spirit House, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Unionsverlag.
Ort & Zeit der Handlung: Thailand / Bangkok, 1990 - 2009.
Folge 1 der Vincent-Calvino-Serie.

  • Bangkok: White Lotus, 1992 unter dem Titel Spirit House. 332 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2000. Übersetzt von Götz Burghardt. ISBN: 3293201687. 320 Seiten.
  • [Hörbuch] Frechen: Delta Music, 2006. Gesprochen von Hans-Detlev Hüpgen. ISBN: 3865384935. 4 CDs.

'Haus der Geister' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Vincent Calvino stammt eigentlich aus Brooklyn. Er war ein Anwalt auf dem steilen Weg nach oben, bis er sich mit den falschen Leuten anlegte. Deswegen ist er jetzt Privatdetektiv in Bangkok. Zusammen mit seinem thailändischen Freund Pratt, dem hohen Polizeibeamten, mischt er Bangkoks Unter-, Ober- und Halbwelten auf. Nicht immer zur Freude derjenigen, die in Südostasien die ganz großen Räder zwischen Hongkong, Tokio und Phnom Phen drehen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Zu viel denken schadet« 80°

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Kit mak mai dee. Zu viel Denken schadet. Würde sich Vincent Calvino, Ex-Rechtsanwalt aus Brooklyn, jetzt Privatdetektiv in Bangkok an diese thailändische Redensart halten, lebte er wahrscheinlich gesünder (Mekhong-Whisky) zum anderen sicherer. Er müsste nicht ausgebüchsten, schnüffelnden Straßenjungs aus den Slums von Klong Toey hinterherjagen, sich mit durchgedrehten Katoeys (sogenannte »Lady Boys«) herumschlagen und ihnen Kugelschreiber in die Augen donnern, er müsste nicht vor der burmesischen Drogen-Mafia fliehen.

Doch Calvino denkt zu viel – vor allem für einen »Farang«, einen westlichen Fremden in Thailand – und nimmt sich des Falls des erschossenen Ben Hoadly an. Zum einen, weil die Japanerin Kiko, mit der er auf eine bestimmte Art verbandelt ist, verzweifelt, dass einer ihrer Straßenjungs den Mord gestanden haben soll und sie davon kein Wort glauben will. Zum anderen, weil Calvino auch noch den Auftrag von Bens Vater aus Großbritannien annimt, den Mord komplett aufzuklären. Schon bald kämpft Vinee Calvino gegen eine Mafia, deren Einfluss sich in höchste Kreise ausbreitet und wobei ihm auch Lieutenant Colonel Prachai Chongwatana (kurz »Pratt«), Calvinos Freund und hochrangiger Polizist, nicht mehr weiterhelfen kann.

Thailand in all seinen Facetten – aus drei verschiedenen Perspektiven

Christopher G. Moore ist mit Haus der Geister ein starker Auftakt zur Calvino-Reihe gelungen, der leider an einigen Stellen noch so seine Macken hat. Die Figur des »Khun Vinee« kommt dem Leser natürlich sehr bekannt vor, ziemlich stringent nach dem Motto »harte Schale, weicher Kern«, kämpft sich der Exil-Brooklyner durchs Leben, kann dabei aber durchaus an Sympathie punkten. Eigentlich besser gelungen sind Moores Antagonisten, die weitaus mehr Tiefenschärfe aufzeigen: Calvinos thailändischer Freund Lieutenant Pratt macht erst richtig deutlich, wie fremd dem westlichen Leser die asiatische Mentalität ist und dass einfach Recht zu haben nicht immer das Nonplusultra sein kann. Schließlich am besten gefallen in diesen Multi-Kulti-Charakteren hat mir die Japanerin Kiko, für die Thailand aus ganz anderen Gründen fremd erscheint als für »Farang« wie Calvino. Thailand (eigentlich Bangkok) in all seinen Facetten geschildert aus drei verschiedenen Perspektiven – das macht Haus der Geister aus und erweitert den Horizont.

Insofern möchte ich über die wenig originelle, dafür umso klischeehaftere Idee, einen abgebrannten Privatdetektiv durchs Rotlicht-Milieu ermitteln zu lassen, gerne hinwegsehen und dafür in eine exotische Welt eintauchen, die Moore besser veranschaulicht als jeder Reisebericht. Moores Bangkok-Krimi ist dermaßen intensiv, dass der Leser in die thailändische Hauptstadt für die Dauer von 300 Seiten förmlich eintaucht und die ihn gefangen nimmt. Betrachtet man die Aufgabe des Kriminalromans darin, größere Probleme im Kleinen zu verdeutlichen, ist ihm mit Haus der Geister ein klasse Krimi gelungen.

Filmreif und kultverdächtig

Trotzdem: Der Plot ist zwar ungemein spannend, Szenen wie die Schießerei am Menamfluss rasant, mitreissend, filmreif und kultverdächtig. Manchmal übertreibt es der gute Chris Moore aber auch einfach. Die Schnitte zwischen einzelnen Kapiteln sind für meinen Begriff manchmal zu viel Kino, also zu hart und zu schnell. Ein bißchen mehr Überleitung könnte der Orientierung in diesem verzwickten Fall nicht schaden, auch Nebenschauplätze wie der Tod des Jeff Logan könnten auf der einen Seite mehr mit dem Fall zu tun haben oder einfach weggelassen werden. So sind sie vor allem eins: verwirrend, der Handlung aber nicht wirklich förderlich.

Ein weiteres Manko: Haus der Geister wirkt uneinheitlich. Abstoßender kann ein Krimi kaum anfangen, dann plätschert der Plot in Marlowe-Romantik daher um wieder in einem Mord zu gipfeln, der wiederum von unglaublicher Brutalität und Menschenverachtung zeugt. Mittendrin der witzelnde, dann wieder grüblerische, sich prügelnde, umarmende, helfende, saufende und liebende Calvino. Im Kontrast zur (Unter)Welt Bangkoks wirkt Calvino fast schon zu weich.

Man könnte die Liste der »Macken« noch um fehlende Abwechslung in der Erzähltechnik (der Mittelteil zieht sich) und einen gelegentlichen Mangel an Logik (Calvino hat eine Haushälterin, doch bei Kikos Besuch in seiner Wohnung wimmelt es von Ungeziefer) erweitern, doch: Kit mak mai dee – zu viel Denken schadet. Nämlich dem Lesegenuss. Lassen wir die kleinen Mängel kleine Mängel sein und freuen uns über einen flotten, schwungvollen, harten Krimi, der dem Leser die Augen öffnet und ihn in eine fremde Welt entführt und ihn erst wieder loslässt, wenn er die ganze Problematik der aufstrebenden Tiger-Staaten verstanden hat. Christopher G. Moore ist ein Rohdiamant, der in folgenden Calvinos sicherlich richtig zu strahlen beginnt. Und darauf bin ich gespannt.

Die Übersetzung verfälscht den Eindruck

Natürlich muss man dem Unionsverlag dankbar dafür sein, dass er die Calvino-Reihe dem deutschsprachigen Publikum auch zugänglich macht. Aber: Ist mir schon bei Total Cheops von Jean-Claude Izzo, aufgefallen, dass der Klappentext – vornehm ausgedrückt – seine eigene »Kreativität« aufweist, ist er bei Haus der Geister schlichtweg falsch! »Auch wenn alles in einer üblen Bar anfängt, als wär´s ein schlechter Traum.« Nein, liebe Kollegen vom Unionsverlag. Es ist natürlich ein schlechter Traum, der der Handlung vorgeschoben wird. Die beginnt streng genommen nämlich mit einem klassischen Katerfrühstück. Und dann wäre da noch die Übersetzung, die sich flüssig und unaufdringlich liest – mit dem Original an manchen Stellen leider wenig zu tun hat und:

»I’m Vincent Calvino. This guy’s my client. What the fuck going on here? Touch him
and I’ll blow your fucking brains out.« He reached for his gun but his sweat-drenched hand kept slipping off.

»Ich bin Vincent Calvino. Dieser Mann ist mein Klient. Was zum Teufel geht hier vor?« Er griff nach seiner Waffe, rutschte aber mit seiner verschwitzten Hand ab.


»Calvino, sometimes you really look Italian,« said Lamont, looking up from the newspaper,
and smiling with pleasure at his own little joke.
»And sometimes you really sound like an asshole,« said Calvino. »But you know what makes us the same?«
Lamont shrugged his shoulders.
»Neither of us can ever change.«
The attendant who had sat quietly behind the bar was inside the squash court, practicing by himself, with graceful, effortless backhand and forehand shots. On the way out, Calvino paused for a moment to watch the demonstration of skill.
»Daeng’s not bad. Once he beat me eleven-nine,« said Lamone.
More than once, Calvino thought.

Lamont´s new black Benz [...]

»Calvino, mitunter sehen Sie richtig italienisch aus.« Er lachte vor Vergnügen über seinen kleinen Scherz.

Lamonts neuer schwarzer Benz [...]

Wenn eine Übersetzung eine gewisse Eigenständigkeit aufweist, ist das völlig in Ordnung. Wenn aber ganze Passagen und Dialoge nicht berücksichtigt werden, ist der Leseeindruck verfälscht und nicht mehr im Sinne des Autors. Natürlich sind Sätze wie »I´ll blow your fucking brains out« nicht für jedermann gut verdaulich, andererseits kommt in der deutschen Ausgabe der gute Calvino ein bisschen glatter daher, als von Christopher G. Moore offenbar gedacht. Die oben geäußerte Kritik, dass Haus der Geister bezüglich der »Härte« uneinheitlich daherkommt, bezieht sich deswegen ausschließlich auf die Ausgabe des Unionsverlags.

Und mal ehrlich: Wer die ersten Seiten übersteht, wo Barmädchen (im Original unverblümt »whores«, also »Huren«) sich mir nichts dir nichts arme Flussbewohner sonst wo hinschieben und Genitalien von Leichen an Flughunde verfüttert werden, sollte auch mit dem ein oder anderen drastischeren Ausspruch Calvinos klar kommen.

So hingegen fühle ich mich ein wenig bevormundet und tendiere dazu, die nächsten Calvinos direkt im Original lesen zu wollen als in einer fürs breite Publikum entschärften Version. Schade.

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mase zu »Christopher G. Moore: Haus der Geister« 20.05.2008
Schön, wenn deutlich erkennbar ist, dass der Autor seine Kenntnis nicht aus Büchern hat. Moore beschreibt Land und Leute trefflich mit einem Augenzwinkern. Und wenn ein Autor alleine Farben nutzt, um eine Umgebung zu beschreiben, dann hat das Hand und Fuss. Vor allem die Ansichten der Thai uns gegenüber sind köstlich und viel besser umgesetzt als beim Kollegen John Burdett.

Seinen 2. Roman „Stunde null in Phnom Penh“ hatte ich vor Jahren gelesen (war auch ein Couch-Volltreffer), aber leider ist der Autor trotz Gefallen durchs Gedächtnisraster geflogen.
Seltsam, dass trotz der positiven Bewertungen merkwürdig wenige Leser auf diese tollen Detektivromane aufmerksam geworden sind.

Die Methode Moores ist bekannt. Ein versoffener Privatdetektiv wacht verkatert auf und macht sich Sorgen, wie er finanziell über die Runden kommen soll, als ein unvermuteter Anruf einen rentablen Auftrag verspricht. Da die USA weit entfernt ist, muss mit buddhistischem Einfühlvermögen und Raffinesse an die Sache gegangen werden, denn es soll schliesslich niemand sein Gesicht verlieren. Selbstverständlich wenn möglich auch die Bösen nicht. Mai pen rai

Ein Spannungsroman ist dieses Buch in meinen Augen nicht, sondern lebt durch die Differenzen der Kulturen und das war völlig ausreichend, um mich in seinen Bann zu ziehen.
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Anja S. zu »Christopher G. Moore: Haus der Geister« 21.12.2003
Das bisher beste Buch dieses Autors. Sehr gut geschrieben, spannend, was will man/frau mehr?
barbara zu »Christopher G. Moore: Haus der Geister« 20.12.2003
kit mak mai dee----
nur eine kleine anmerkung zum thema mangel an logik:
wer laengere zeit in thailand lebt wird bald feststellen,dass der kampf gegen ungeziefer jeglicher art auf die dauer aussichtslos ist......
farrangs regen sich darueber auf,thai maids nehmen kakerlaken und co ziemlich gelassen hin
gruesse aus bangkok
barbara
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