Allmachtsdackel von Christine Lehmann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 bei Argument.
Ort & Zeit der Handlung: Deutschland / Stuttgart, 1990 - 2009.
Folge 6 der Lisa-Nerz-Serie.

  • Hamburg: Argument, 2007. ISBN: 978-3886198993. 316 Seiten.

'Allmachtsdackel' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Als Staatsanwalt Richard Webers alter Herr mit vierundachtzig stirbt, begleitet Lisa Nerz ihren Gefährten nach Balingen. Dort trifft sie auf höchst unterschiedliche Mitglieder der Familie Weber sowie auf eine Herde wilder
Rinder. Schwer zu sagen, wer gefährlicher ist.

Das meint Krimi-Couch.de: »Auf der Waage« 82°

Krimi-Rezension von Dieter Paul Rudolph

Es ist immer alles schön ausgewogen in Balingen. Kein Wunder, schmückt sich doch die schwäbische Gemeinde stolz mit dem Beinamen »die Waagenstadt«, denn in einer leider auch schon vergangenen Zeit hat man die nützlichen Gerätschaften entwickelt und verkauft. Aber mit Waagen ist es ähnlich wie mit Statistiken. Alles wirkt so beruhigend und ausgeglichen, weil sich das Gutbürgerliche und das Monströse auf den beiden Waagschalen zu eliminieren scheinen. Und so kommt Balingen auf den ersten Blick auch ein wenig idyllisch daher, langweilig zwar, aber gut schwäbisch-pietistisch. Was wohl auch so geblieben wäre, hätte es nicht Lisa Nerz, die notorische Journalistin, Privatdetektivin und Elefantin im Porzellanladen nach Balingen verschlagen.

Anlass ist ein Trauerfall. Der Vater von Lisas Lebensgefährten, dem Staatsanwalt Dr. Richard Weber, ist mehr oder weniger plötzlich verstorben. Doch da es dort, wo sich Lisa Nerz herumtreibt, keine natürlichen Todesfälle geben kann, entwickelt sich rasch eine ziemlich verschlungene Story mit zahlreichen Fragezeichen. Und Ausrufezeichen. Denn ein weiterer Toter, von einer Herde wildlebender Rinder bis zur Unkenntlichkeit zertrampelt, ist zu beklagen.

Aber noch mehr wird zertrampelt und gerät aus den Fugen. Lisas Beziehung zu Weber zerbröckelt, je penetranter die neugierige Journalistin in der Vergangenheit stochert. Der Vater ihres Lebensgefährten nämlich war ein Allmachtsdackel, einer, der über andere urteilte und sie verurteilte, der Terror ausübte, dabei die Bibel stets parat, die er nach Gutdünken auslegte. Mancher blieb dabei auf der Strecke, nicht zuletzt der traumatisierte Sohn selbst. Und da wäre noch Barbara, Webers Cousine, die mit ihren drei Töchtern und dem Sohn die bereits erwähnte Rinderherde hält und ihre Produkte auch am heiligen Sonntag im eigenen Bioladen verkauft. Auch sie hatte unter Weber Senior zu leiden, ein ruinöses Bußgeld droht ebenfalls. Lisa, immer maskulin im Anzug, verliebt sich in Barbara, was die Sache auch nicht einfacher macht.

Nein, einfach sind Christine Lehmanns Geschichten beileibe nicht. Auch im Allmachtsdackel wuchert die Autorin mit ihrer Belesenheit, wir erfahren eine Menge über Waagen, Rinder, Gifte und die Jungfrauengeburt. All das liegt ebenso auf der positiven Seite der Waagschale wie Lehmanns Stil, ein wie immer sehr elastisches Deutsch, mit dem sich gut wuchern lässt. Aber natürlich gibt es auch auf der anderen, der eher negativen Seite etliches an Gegengewicht. Der Plot nämlich. Lisa Nerz wird etwas zu sehr von ihren Ahnungen gelenkt, das Monströse, das sie während ihrer Recherchen aufdeckt, ist eine Spur zu monströs, mancher Haken wäre besser nicht geschlagen worden.

Dennoch: Wie Christine Lehmann hier hinter die Kulissen der Wohlhäbigkeit schaut, wie sie ihre Personen zeichnet und ihnen dabei manche Kante lässt, das macht auch Allmachtsdackel wieder zu einem lesenswerten Krimi, der weit über dem tristen Durchschnitt liegt. Es geht um Traumatisierungen, den alltäglichen Terror der moralisch verbrämten Borniertheit, das Anderssein, das Wegschauen auch. Das entschädigt allemal für das manchmal Abenteuerliche der speziellen Nerz-Methode.

Dieter Paul Rudolph, Mai 2010

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schnurz zu »Christine Lehmann: Allmachtsdackel« 08.01.2011
Oh dieser ewige Geschlechterkampf! Verknüpft mit großspurigem, vorlauten Besserwissen. Diese Lisa Nerz ist nicht mein Fall und dieses Buch mit Sicherheit das letzte, das ich von Christine Lehmann gelesen habe. 40 Punkte gib's für die Schaffung klischeefreier Charaktere - schade, dass dieses seltene Talent sich mit wirren Plots und geschwätziger Emanzenhaftigkeit verbindet.
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