Neue Hoffnung für die Toten von Charles Willeford

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1985 unter dem Titel New Hope for the Dead, deutsche Ausgabe erstmals 1988 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: USA / Florida, 1970 - 1989.
Folge 2 der Hoke-Mosley-Serie.

  • New York: St. Martin’s, 1985 unter dem Titel New Hope for the Dead. 223 Seiten.
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1988 Auch die Toten dürfen hoffen. Übersetzt von Rainer Schmidt. ISBN: 3-548-10504-1. 223 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1994 Auch die Toten dürfen hoffen. Übersetzt von Rainer Schmidt. ISBN: 3-499-43114-9. 251 Seiten.
  • Berlin: Alexander, 2002. Übersetzt von Rainer Schmidt. ISBN: 3895810819. 304 Seiten.

'Neue Hoffnung für die Toten' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Hokes jüngster Fall ist ein Drogentoter aus einer der feineren Gegenden Miamis, dessen schöne Stiefmutter einige von Hokes Problemen lösen könnte. Seine minderjährigen Töchter stehen eines Abends bei ihm vor der Tür und wollen bei ihm wohnen. Seine Kollegin ist schwanger und von ihrem Vater aus dem Haus geworfen worden. Und sein Chef, der ihm 50 ungelöste Mordfälle auf den Tisch gelegt hat, verlangt von ihm, dass er seinen Wohnsitz nach Miami verlegt …

Das meint Krimi-Couch.de: »Meisterhaft!« 94°Treffer

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Hat der 19-jährige Junkie Jerry Hickey, der in einem der schöneren Vororte Miamis mit der Ex-Frau seines Stiefvaters zusammen wohnte, sich selbst den goldenen Schuss verpasst? Oder war es doch ein perfider Mord an einem kleinen Dealer, der sich ein bisschen zu viel in die eigene Tasche gewirtschaftet hat? Eigentlich egal. Es kräht eh kein Hahn danach und Sergeant Hoke Moseley hat ganz andere Probleme, als sich auf die Ermittlungen in diesem uninteressanten Fall zu stürzen. »Neue Hoffnung für die Toten« unterscheidet sich da von seinem Vorgänger »Miami Blues«, der noch deutliche Ansätze eines klassischen Hard Boiled hatte: Es ist eine ungewöhnlich kraftvolle Abrechnung mit einer Gesellschaft auf Abwegen.

Charles Willeford wurde von seinem Verleger aufgefordert, nach dem unerwarteten Erfolg von »Miami Blues« einen weiteren Roman um den verschrobenen Ermittler vom Miami PD zu schreiben. Es entstand ein Roman mit dem Arbeitstitel »Grimhaven«, der in den Augen seines Agenten von einer übertriebenen Brutalität geprägt war (Moseley sollte darin seine beiden pubertierenden Töchter umbringen) und deshalb nie einem Verlag zur Veröffentlichung vorgelegt wurde. Willeford erinnerte sich daraufhin an einen ersten Entwurf eines älteren Romans mit Hoke Moseley und verknüpfte die besten Elemente beider Erzählungen. Heraus kam mit »Neue Hoffnung für die Toten« ein ganz großer Roman der amerikanischen Gegenwartsliteratur.

Wie das Leben so spielt.

Moseley hat Arrangements getroffen, die ihm ein relativ sorgloses Leben ermöglichen. Zwar muss er seiner Ex-Frau seit 10 Jahren jeden zweiten Gehaltsscheck für deren Unterhalt aushändigen, aber er wohnt mietfrei in einem heruntergekommenen Hotel draußen in Miami Beach, das von Kubanern und Rentnern dauerhaft bewohnt wird. So kann er mit dem wenigen ihm verbleibenden Geld halbwegs über die Runden kommen. Doch dann passieren mehrere Ereignisse, die seinen Alltag komplett aus der Bahn werfen:

  • Der Polizeichef verfügt, dass alle Beamte der Miami PD innerhalb der Stadtgrenzen von Miami zu wohnen haben, um kurzfristig einsatzbereit zu sein. Somit ist Hoke aufgefordert, sich nach einer neuen Bleibe umzusehen.
  • Hokes Töchter stehen auf einmal in der Lobby des Hotels in Miami Beach. Ihre Mutter ist zu einem Football-Star nach Kalifornien gezogen. Außerdem ist sie der Meinung, über 10 Jahre lang genug für die Erziehung der beiden Kinder getan zu haben und nun ist eben Hoke mal an der Reihe.
  • Hokes Partnerin bei der Polizei ist Ellita Sanchez. Die unverheiratete Kubanerin ist plötzlich schwanger geworden, weswegen ihr Vater sie kurzerhand aus dem elterlichen Haus geworfen hat.
  • Hokes Chef Captain Brownley ist scharf auf einen neuen Titel, weswegen er Hoke, Ellita und Hokes alten Partner Bill Henderson darauf ansetzt, von 50 »kalten« Fällen nach Jahren so viele wie möglich aufzuklären. Brownley erhofft sich dadurch, dass der Polizeichef dann nicht mehr an seiner Beförderung vorbei kann.

Wie man sich schon denken kann, hat Hoke Moseley seine ganz eigene Art, mit diesem Katastrophen umzugehen. Er ist ständig klamm, hat einen Hang zur Selbstjustiz und erhöhten Samenstau. So angetrieben macht er sich zunächst auf die Suche nach einem Nebenjob als »House-Sitter«, wo er die Häuser von Urlaubern und Ausgewanderten gegen Entgelt für ein paar Wochen bewohnen kann. Aber hier verscherzt er sich schnell die Sympathien. Eine neue Chance sieht er in der attraktiven Stiefmutter des toten Junkies, die offenbar hinter ihm her ist. Sie hat ja jetzt ein großes Haus, in dem auch noch Platz für seine Töchter wäre. So einfach können Lösungen sein – sind sie aber dann doch nicht.

Der amerikanischste Kriminalroman

Es ist einfach meisterhaft, wie Willeford diese Vielzahl von komplexen Handlungssträngen zusammen bringt. Er tut das mit einer spielerischen Leichtigkeit, dass anderen Autoren schwindelig davon werden kann. Stets tiefgründig, genau, detailliert und authentisch agieren seine Charaktere, er variiert dabei das Erzähltempo nach belieben und packt komplexe Gedankengänge in einfache Sätze. Sein absurder Humor ist dabei das Salz in der Suppe, womit er seinen Romanen und insbesondere »Neue Hoffnung für die Toten« den unverkennbaren Willeford-Stempel aufsetzt.

So ist Hoke Moseley stets auf einer Gratwanderung zwischen dem peniblen Erbsenzähler-Polizisten (»Wo ist ihre Dienstmütze?«) und dem zwielichtigen Machtmissbraucher, der das Gesetz nach eigenem Gutdünken dehnt. Der Autor hat den gesamten Charakter Moseleys so ausgelegt, dass er eigentlich zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Sympathiepunkte beim Leser gewinnen kann. Und dennoch ist man meilenweit davon entfernt, Hoke zu hassen oder ihn gar zu verabscheuen, weil Willeford seine Geschichte mit einem steten Augenzwinkern zu erzählen scheint. Andere Charaktere haben eher das Zeug zum Arschloch, aber auch hier schlachtet der Autor die Ansätze zu diversen Klischees nicht aus. Hoke ist Hoke – intelligent und naiv, einfühlsam und brutal zugleich. Und so wirken seine ersten Überlegungen, was er mit seinen Mädchen machen kann, auch ganz natürlich: die beiden Teenager müssen eine Arbeit finden, damit sie was zum Haushalt beisteuern können. Grandios auch, wie der spröde Hoke seine Töchter sexuell aufklären will. Es wirkt absurd und doch weiß man, dass es genau so in Tausenden von Familien passiert.

Der American Way of Life – oft hat man ihn beschworen. Willeford hat mit »Neue Hoffnung für die Toten« gnadenlos mit ihm abgerechnet. Er beleuchtet die Schieflagen in der Gesellschaft mit einer lockeren Gnadenlosigkeit, die wohl unnachahmlich bleiben wird. Rechtshüter leben am Existenzminimum, während ein Drogenanwalt in Saus und Braus lebt. Egoismus und Egozentrik bestimmen den Alltag der Menschen, Kinder werden herum geschoben wie Gegenstände und für den eigenen Vorteil scheint jedes Mittel recht. Der tiefe gesellschaftliche Riss zwischen den unterschiedlichen ethnischen Gruppen wird durch gegenseitige Vorbehalte, Isolation, Ghettoisierung, mangelnde Integration und fehlende kulturelle Einfühlbereitschaft zwar nur unterschwellig thematisiert, ist aber genauso ein Themenschwerpunkt in diesem Roman. Wenn ein Autor beinahe auf jeder Seite derartige Akzente setzen kann, diese aber vom Leser schon fast nicht mehr wahrgenommen werden können, lässt auch das auf die hohe schriftstellerische Qualität und erzählerische Dichte des Romans Rückschlüsse ziehen.

Und das große Kunststück Willefords: trotz seines hohen Niveaus ist »Neue Hoffnung für die Toten« ein Roman für den Mainstream. Er lässt sich als gut unterhaltende Abendlektüre ebenso locker lesen, wie man ihn auch als tiefgründige Gesellschaftskritik mit spitzem Bleistift studieren kann. Die ganz normale Gewalt in Florida, das ganz normale Zusammenleben in einem Vielvölkerstaat, ein angeborener Hang zum Egoismus, ein ganz normaler American Way of Life. Und ein ganz außergewöhnlich amerikanischer Roman der Spitzenklasse.

Ihre Meinung zu »Charles Willeford: Neue Hoffnung für die Toten«

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Bio-Fan zu »Charles Willeford: Neue Hoffnung für die Toten« 04.01.2009
Eine grundsolide Cop-Geschichte - nicht mehr und nicht weniger- nur eins hat mir gefehlt, das ist die Spannung.
Was Thomas Kürten in seiner Rezension oder auch Rolf P. in seinem Leserkommentar schreiben, ist völlig zutreffend, aber wenn ich einen Krimi oder Thriller lese, sollte sich meine Herzschlagfrequenz doch ab und zu erhöhen. Gesellschaftskritik und Lokalkolorit - gut und schön- wäre da nicht Willefords vorder-, hinter- und auch tiefgründiger Humor, mit dem er seine Charaktere zeichnet oder Handlungsstränge zu abstrusen Auflösungen bringt, dann wäre der 2. Hoke Moseley-Roman ein bisschen langweilig. Er ist unterhaltsam, ohne Frage, aber für einen Krimi kann ich ihm nicht mehr als 80 Grad geben.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Rolf.P zu »Charles Willeford: Neue Hoffnung für die Toten« 25.08.2008
Charles Willeford schreibt keine Polizeiromane nach klassischem Muster: Verbrechen - Ermittlung - Bestrafung des Täters. Willeford beschreibt einen Mikrokosmos in seiner ganzen Komplexität, ohne eine Spur Oberflächlichkeit.
Charles Willeford schafft es mit einer angenehm prägnanten Schreibweise seinen interessanten, weil nicht klischeehaften Protagonisten Hoke Moseley sehr lebendig werden zu lassen. Hoke Moseley ist kein sympathischer Charakter. Er ist voller Komplexe und Vorurteile. Seine Weltsicht ist manchmal erschreckend simpel und trotzdem verhelfen ihm Intuition und Antizipation zu durchschlagenden Erfolgen in den polizeilichen Ermittlungen.
Seltsamerweise ist Hoke, bei aller Abscheu, die man pflichtgemäß empfindet, auf seine Weise sehr sympathisch. Man reagiert auf die Eigenheiten und Schwächen der Charaktere bald genauso, als würde man sie bereits das ganze Leben kennen.
Charles Willeford nimmt sich die Zeit, Nebenfiguren und Randfiguren mit präzisen Schilderungen zu charakterisieren und auszuleuchten. Er beherrscht die große Kunst, viele Erzählstränge als ein homogenes Ganzes erscheinen zu lassen. Er wechselt Schauplätze und Perspektiven, beschleunigt und bremst das Tempo und man folgt gespannt und fasziniert seinen Geschichten. Und seinem gelassenen Stil ist es zu verdanken, dass die Figuren zu leben beginnen.
Seine kurzen Sätze, die so simpel daherkommen, sind voll kluger, geballter Weltbeobachtung. Seine Dialoge sind trotz mancher komischer Absurdität glaubwürdig und authentisch. Willeford hält dem American Way of Life einen Spiegel vor und demaskiert ihn.
Bei Willeford erfährt man in seinen Romanen mehr über Miami, als man je wissen wollte, seine Figuren sind lebensecht und die Handlung entspricht seinem alten Motto: "Schreib die Wahrheit, und man wird glauben, du hättest schwarzen Humor".

Kurz gesagt: große Literatur, durchaus auf dem Niveau Elmore Leonards, gelegentlich darüber.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Thomas Jerschke zu »Charles Willeford: Neue Hoffnung für die Toten« 04.01.2008
Hard boiled vom Feinsten! Ein wunderbares Buch. Sehr witzig mit äusserst interessanten Parallelhandlungen, noch besser als Miami-Blues.
Hoke Moseley ist ein äusserst zynischer und praktisch denkender Polizist!
Also Leute, unbedingt lesen!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
detno zu »Charles Willeford: Neue Hoffnung für die Toten« 22.11.2007
Im Gegensatz zu "Jupp" fand ich, dass zwischen "Miami Blues" und "Neue Hoffnung." Welten liegen. Während das erste Werk genial geschrieben ist, wurde ich hier den Eindruck nicht los, das etliche Geschichten zu einem Roman zusammengebastelt wurden. Und das am Ende des Romans Hoke einen Mord unter den ermittlungstechnischen Teppich kehrt und dafür als Gegenleistung ein Haus für vier Jahre erhält, das fand ich nicht überzeugend. Schade.
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Jupp zu »Charles Willeford: Neue Hoffnung für die Toten« 04.07.2007
Holla, der Kommentar hier unten war ja für den dritten Teil "Seitenhieb" gedacht.
Hier muß der Kommentar lauten: Wunderbar was alles dazu führen kann, dass ein Mann sein "Leben vereinfachen" möchte.
Genau so große amerikanische Literatur, in der neuen Übersetzung kongenial lesbar. Noch besser als Miami Blues
0 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Jupp zu »Charles Willeford: Neue Hoffnung für die Toten« 03.07.2007
Wunderbar, was alles so passieren kann, wenn ein Mann versucht, "sein Leben zu vereinfachen". Nicht nur ein fantastischer Krimi, sondern große amerikanische Lliteratur.
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Thorsten Korsch zu »Charles Willeford: Neue Hoffnung für die Toten« 06.11.2004
Die Romane um Hoke Moseley sind vielleicht ganz gut als "Polizeiromane mit starker Ausprägung des Privatlebens der Hauptfigur" umrissen.

Das macht Willeford mit einer herrlich lakonischen Ironie, die *sehr vergnüglich* ist und dabei realitätsnah bleibt.

Das Buch ist allen zu empfehlen, die sich von trockenem bzw. schwarzem Humor angezogen fühlen und gleichzeitig spannend unterhalten werden möchten.

90%
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
thomas zu »Charles Willeford: Neue Hoffnung für die Toten« 31.07.2004
für mich der beste zeitgenössische krimiautor.habe seine werke verschlungen.sie sind eine realistische abrechnung mit dem"american way of life",ohne helden.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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