Die Schwarze Messe von Charles Willeford

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1958 unter dem Titel Honey Gal, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Maas.

  • New York: Beacon Publication Group, 1958 unter dem Titel Honey Gal. 283 Seiten.
  • Berkeley: Black Lizzard, 1989. 283 Seiten.
  • Berlin: Maas, 2005. Übersetzt von Ango Laina & Angelika Müller. ISBN: 3927734330. 283 Seiten.
  • Berlin: Maas, 2005. Übersetzt von Ango Laina & Angelika Müller. ISBN: 3937755012. 283 Seiten.
  • [Hörbuch] Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2006. Gesprochen von Wolfgang Berger. ISBN: 3866674783. 6 CDs.

'Die Schwarze Messe' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Charles Willefords brillante Pulp-Noir- Groteske erinnert an Klassiker wie »Elmer Gantry« oder »Die Nacht des Jägers«. Es ist die unglaubliche Geschichte eines ungläubigen Predigers, erzählt von einem unverwechselbaren Giganten. Merita war eine Göttin der Liebe, ein Luder, heilig und profan zugleich. Eine exotische Königin von goldbrauner Farbe, verführerisch wie ein Espresso macchiato aus edelsten Arabica Bohnen. Doch wer war ihr weißer Begleiter, der mit ihr im Anderson Hotel in Harlem eincheckte? War es wirklich Reverend Deuteronomy Springer? Der Pfarrer aus Jacksonville, Florida, der eigenartige Messen zelebrierte, sich in der Bürgerrechtsbewegung engagierte und seine schwarze Gemeinde zum Busboykott aufgerufen hatte? Wie auch immer, an der Rezeption trug sich Meritas Begleiter als William Johnson ein, und das wiederum war wohl eher eine Erfindung des erfolglosen Schriftstellers Sam Springer aus Miami. Aber Merita war keine Erfindung. Ihr war egal, wer er war, sie wollte ihn wirklich …

Das meint Krimi-Couch.de: »Pulp ist das Leben, das Leben ist Pulp« 87°Treffer

Krimi-Rezension von Bernd Neumann

»Honey Gal« wurde in der deutschen Erstauflage als »Die schwarze Messe« veröffentlicht und trägt somit einen viel versprechenden, weil mehrdeutigeren Buchtitel. »Die schwarze Messe« ist kein Kriminalroman im alt bekannten Sinne. Hier spritzt dem Leser nicht das Blut um die Ohren. Hier gibt es keinen meuchelnden Serienmörder – wohl aber bedauernswerte Opfer.

Zu ihnen zählt auch der ehemalige Buchhalter und Möchte-Gern-Schriftsteller Sam Springer alias Reverend Deuteronomius Springer, Hauptakteur und Enfant terrible des vorliegenden Romans.

Samuel Springer ist ein gelangweilter Buchhalter, dem die triste Büroarbeit schon seit Jahren so richtig zum Halse heraushängt. Eigentlich fühlt er sich zu Höherem berufen, nämlich Schriftsteller zu werden. Und tatsächlich gelingt ihm bei seinem beruflich bedingten Zeitüberschuß die Vollendung eines Romans mit dem Titel »Kein Bett zu hoch«. Ein schmales Bändchen, das von einem Verlag angenommen wird und Samuel Springer einen Vorschuß von 250 Dollar bringt. Nicht viel, aber immerhin ein Gründerkapital und das greifbare Gefühl, literarisch in den Schriftsteller-Olymp einzugehen. Samuel Springer am Anfang von Ruhm und ewiger Unvergeßlichkeit!

Leider ist das Geld für den tristen Alltag (verblühte Gattin, kinderlose Ehe und triste kleinbürgerliche Langeweile) RuckZuck verbraucht, da hilft ihm der Zufall weiter: In der Zeitung stößt er auf das Kloster der »Herde der Kirche Gottes«. Aber der vermutete Stoff für ein neues Buch wandelt sich im lockeren Gespräch mit dem Abt der Klosters in das verlo-ckende Angebot, als Pfarrer einer schwarzen Gemeinde in Florida tätig sein zu können und dadurch den Orden wieder mit Leben zu erfüllen.

Und welch’ herrliche Aussichten machen ihm das Maul wässrig: Die Verlesung von nur zwei Messen, und den Rest der Woche endlich Zeit, an literarischem Ruhm und Unvergänglichkeit zu arbeiten, und das bei freier Kost und Logis und allem sonstigen Entgegenkommen für einen geistlichen Würdenträger im schwarzen Talar!

Nun ja, Samuel Springer, gekürt zum neuen Reverend Deuteronimus Springer ist weißer Hautfarbe, quasi der Blassschnabel seiner neuen Gemeinde, ein Faulpelz erster Güte, der mit Gott nicht viel am Hut. Aber er fühlt sich als aufstrebender Schriftsteller mit profunden Literaturkenntnissen bei Kafka und ist sich – trotz piepsiger Stimme – seiner rhetorischen Fähigkeiten: nur zwei Predigten und die restliche Zeit für seine schriftstellerische Laufbahn, der Versuchung kann er nicht widerstehen! Selbst wenn die Gemeinde ausschließlich aus farbigen Mitgliedern besteht, auch wenn wir uns zeitlich im Harlem der fünfziger Apartheit-Jahre befinden, in denen Martin Luther King von Rassengleichheit träumte, auch bei der Sitzordnung in öffentlichen Verkehrseinrichtungen! Reverend G. Springer ist ein Paradebeispiel dafür, wie passende Kleider gepaart  mit wortgewandtem Auftreten zu ungeahnten Erfolgen führen können. Beispiele aus Gegenwart und Vergangenheit lassen grüßen.

Und in dieser Atmosphäre nimmt die Geschichte der »schwarzen Messe« ih-ren Lauf: Reverend Springer verschafft sich Respekt und Anerkennung mit pfeffrigen Gottesdiensten, deren pathetisches Gemisch aus willkürlicher Anklage und Aufforderung zur Besserung die schwarzen Gläubigen gehörig verwirrt. Er wird zum Wortführer eines Busboykotts, der die Rassentrennung beseitigen soll, wird ungewollt zum Beichtvater und weiß daraus ebenso gehörigen persönlichen Vorteil zu schlagen wie aus seinen vorhandenen buchhalterischen Grundkenntnissen.

Natürlich ist es schon bedauerlich, dass seine Haushälterin eine unattraktive, verschrumpelt-schrullige Alte mit schlechten Zähnen und Voodoo-Ambitionen ist, aber schließlich ist da ja noch die Zahnarztgattin Merita: »Wie ein junges Rotkehlchen schien sie nur aus Beinen und Brust zu bestehen.«

Wer Lust auf mehr solch schöner, bildhafter Sätze hat, dem sei »Die schwarze Messe« wärmstens empfohlen. Als weitere Kostprobe der Roman-Einstiegssatz:

».. schob ich das Fenster so weit wie möglich nach oben und atmete die abgestandene Mischung aus Ammoniak, Küchen-dunst und getragenen Socken ein, die träge im Lichtschacht hing.«

Das erinnert sehr an einen anderen Meister des Pulp-Noir, Ross MacDonald:

»Der Raum roch nach Wein und kaltem Zigarettenrauch, alten Apfelsinen-schalen und dem Schlaf der Frau und einem Parfum, das ich nicht kannte, Erbsünde vielleicht.«

(aus: Der Fall Galton).

Pulp ist das Leben, das Leben ist Pulp.

Es geht in diesem Roman nicht – wie anfänglich nahe liegend vermutbar – um Teufelsanbeterei, sondern um Christentum in einer dunkelhäutigen, mehr oder weniger gläubigen Gemeinde mitten in New York, Stadtteil Harlem. Aber es geht auch um rabenschwarzen Humor und eine unterhaltsame Gesellschaftsstudie im Amerika der 50er-Jahre.

»Die schwarze Messe« ist ein tiefsinniger Schelmenroman, der spontane Assoziationen zu G. Kellers »Kleider machen Leute«, zum »Hauptmann von Köpenick« und »Rattenfänger von Hameln« weckt. Eine Eulenspiegelei und zugleich eine glaubhaft gezeichnete Milieustudie vom Harlem der 50er.

Mit Samuel Springer alias Referend Deuteronomius Springer hat uns Willeford eine Figur geschenkt, die als faules Schlitzohr ausschließlich auf sich fixiert und auf seinen persönlichen Vorteil bedacht ist und an diesem Vorhaben skrupellos, scheinheilig und langfristig planend arbeitet. Dabei verliert er sein Ziel, erfolgreicher Schriftsteller zu werden, manchmal einfach aus den Augen.

Und: »Die schwarze Messe« vermittelt auch einen Hauch von Autobiografie, schreibbar nur von einem, dem zeitlebens der Wind kräftig und aus unterschiedlichsten Richtungen um die Nase wehte (oder geweht worden ist).

Für Krimi-Freunde, für die nicht zwingend Anzahl und Perversität der Morde als Gradzahl maßgeblich sind offenbart sich hier ein herzhaftes Lesevergnügen, und das selbst fünfzig Jahre nach seiner amerikanischen Erstveröffentlichung.
Dank an Euch, Pulp-Masters, für den Mut zur Nr. 20!

 

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kue zu »Charles Willeford: Die Schwarze Messe« 30.05.2006
Wunderbar, wie Willeford seinen zweifelhaften Helden Sam Springer von einer Katastrophe in die nächste schickt. Springer, der immer den für ihn bequemsten Weg wählt, steigert sich dabei in einen Sog aus Betrug und Kriminalität, dem er nicht mehr entkommen kann.

Herrlich auch, wie Willeford das Motiv der Leichtgläubigkeit ausgerechnet in eine streng gläubige und gottesfürchtige Gemeinde einbringt, die in blindem Gehorsam einem ungläubigen Entertainer Folge leisten. Hier beweist Willeford, wie meisterhaft er mit dem Thema der verbalen und non-verbalen Kommunikation spielen kann. Eine grauenhaft gute Groteske, bei der Freunde des 08/15-Krimis wohl zu lange auf Blut warten und vielleicht enttäuscht das Buch wieder ins Regal stellen. Das darf aber nicht an der Extraklasse des Romans zweifeln lassen.
conninixekrimi zu »Charles Willeford: Die Schwarze Messe« 23.04.2006
Ich lese ja viel, besonders gerne Krimis, Ross McDonald war dabei vor vielen vielen Jahren für mich die "Einstiegsdroge". Trotzdem habe ich keine Ahnung,was bitte "Pulp" bedeutet?
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