Shirker von Chad Taylor

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Shirker, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei dtv.
Ort & Zeit der Handlung: Neuseeland / Auckland, 1990 - 2009.

  • Edinburgh: Canongate, 2000 unter dem Titel Shirker. 232 Seiten.
  • München: dtv, 2002. Übersetzt von Chris Hirte. ISBN: 3423242892. 271 Seiten.
  • München: dtv, 2003. Übersetzt von Chris Hirte. ISBN: 3423206322. 271 Seiten.

'Shirker' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein ausgebrannter Spekulant gerät im neuseeländischen Auckland zufällig auf die Spur eines womöglich unsterblichen Serienmörders. Die Faszination auf der Suche nach einem neuen Lebensinhalt lässt ihn diesem ein Stück zu nahe kommen, was sein Verderben zur Folge hat ... – Mit kühlen Worten und knappen Sätzen entworfene Mischung aus (phantastischem) Thriller und Schilderung eines sinnleeren Großstadtlebens: konsequent, düster, rätselhaft, dabei sehr spannend und mit unerwarteten Wendungen aufwartend.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein gar nicht alltägliches Lesevergnügen« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Im Beruf ziemlich erfolglos, privat einsam, vom Leben ziemlich gelangweilt: Der freiberufliche Anlageberater Ellerslie Penrose aus der neuseeländischen Großstadt Auckland ist der ideale Kandidat, der sich in ein mysteriöses Rätsel ziehen lässt. Eines ereignislosen Morgens kommt er am Schauplatz eines Mordes vorbei. Einem zwanghaften Impuls nachgebend schleicht er sich auf den Tatort, wird erwischt und macht sich durch seine zwar der Wahrheit entsprechenden, aber wenig überzeugenden Erklärung verdächtig.

Die Polizei – hier verkörpert vom misstrauischen Detective Tangiers – wäre noch weitaus unfreundlicher, wüsste sie, dass Penrose die Brieftasche des Opfers heimlich an sich genommen hat. Er ist zunehmend fasziniert von diesem fremden, so gewaltsam geendeten Leben des Antiquitätenhändlers Tad Ash, und beginnt seine letzten Tage zu rekonstruieren.

Dabei trifft er zu seinem anfänglichen Schrecken auf das exakte Ebenbild desselben: Dede Ash war der Geschäftspartner seines Zwillingsbruders und weiß von dessen letzter Neuerwerbung. Das Tagebuch des Engländers Parker ist ein verstörendes Werk, beschreibt es doch den Lebensgang eines Mannes, der von sich behauptet, vor mehr als einem Jahrhundert dem Tod ein Schnippchen geschlagen zu haben. Seither zieht er als ewig Achtzehnjähriger durch die Welt – und er bringt jene um, die ihm seiner Meinung nach Unrecht tun oder ihn verfolgen.

Penrose begreift nicht, dass ihn sein Eifer auf die Spur eines vielleicht wahnsinnigen, vor allem aber gefährlichen Mannes bringt, dem es gar nicht gefällt entlarvt zu werden. Während Parker ein Mysterium bleibt, ist seine Mordlust überaus real. Penrose erfährt, was das Objekt seines Interesses so lange leben ließ, aber dieses Wissen lässt ihn buchstäblich tief fallen …

Die Kombination zweier Genres – hier Krimi und Phantastik – sind in der Literatur gar nicht so selten wie man eventuell zunächst denkt. Shirker ist aber eindeutig mehr als reine Unterhaltung. Bereits der Titel verrät (siehe dazu etwas weiter unten), dass es hier weniger um den Serienmörder Parker als um den orientierungslosen Penrose geht.

Deutliche Hinweise auf »richtige« Literatur sind auch: die nonchalante Ignorierung einer »logischen« Erklärung für Parkers Unsterblichkeit – sie wird als Kraftakt eines in die Enge getriebenen Geistes interpretiert; die ausführliche Schilderung alltäglicher Verrichtungen; der (manchmal leicht holzhammerhafte) Einsatz symbolhafter Schauplätze und Ereignisse; der Verzicht auf eine Auflösung, die alle Handlungsfäden logisch bzw. »zufriedenstellend« zu einem Finalknoten schürzt. Penrose ist als Detektiv ein Dilettant, der mehr durch Zufall als durch Planung seinem Ziel entgegen taumelt. Auch die Polizei glänzt in Sachen kriminalistischer Aufklärungsarbeit durch Abwesenheit.

Davon sollte man sich von der Lektüre nicht ablenken lassen. »Shirker« entwickelt schon nach wenigen Seiten einen ganz eigenen Charme. Penroses Einsamkeit, seine Neugier, als sich eine Chance bietet, aus einem hohlen Leben auszubrechen, die fatalen Folgen seiner Jagd nach dem mysteriösen Parker, der nur einmal persönlich auftritt, durch seine kryptischen Tagebucheintragungen aber ständig über der Handlung schwebt und den Leser ebenso gespannt auf ihn warten lässt wie den armen Penrose – das wird in knappen Sätzen und kargen Worten eindringlich beschrieben.

Wobei Auckland als Schauplatz keine Rolle spielt; diese Geschichte könnte sich in jeder anderen größeren Stadt dieser Welt ereignen. Taylor kommt es primär auf den Aspekt der urbanen Entfremdung an, die sich auf dieser globalisierten Erde als überall bekanntes Phänomen erwiesen hat. Verloren zu sein unter unzähligen Menschen – das ist sicherlich ein Bild, das seine erschreckende Anziehungskraft nie verlieren wird.

Ellerslie Penrose ist der »shirker« – ein Mann, der sich Stück für Stück aus seinem alten Leben stiehlt, sich vor ihm verbirgt, weil er es nicht mehr ertragen kann. Seine Existenz als Vermittler gut bezahlten, aber eigentlich unwichtigen Wissens füllt ihn nicht aus, er haust in seinem Büro, das wiederum in einem fast verlassenen Hochhaus in einem abgelegenen Winkel von Auckland steht. Privat sieht es kaum besser aus; es gibt eine Gelegenheitsgeliebte namens Wilhelmina, die aber bereits signalisiert, dass sie das Land und Penrose zu verlassen gedenkt.

Eine Alternative zu dieser trüben Existenz kennt Penrose nicht. Das ist der Grund, wieso er sich fast erleichtert auf das Parker-Rätsel stürzt: Wieder einmal drückt er sich vor einer Entscheidung und lässt sich treiben. Dieses Mal hat er sich freilich einer Strömung anvertraut, die ihn direkt in den Abgrund werfen, doch immerhin wieder loslassen wird.

Parker, der unheimliche Verfasser des ominösen Tagebuchs, ist objektiv betrachtet mindestens ebenso Opfer wie Täter, von seiner verständnislosen und grausamen Umwelt zum Verbrecher quasi erzogen. Dass er sich als ausnehmend guter Schüler erweist, mindert nicht wirklich seine inneren Qualen. Das Ergebnis: ein monströser, wirklich Angst einjagender Charakter, den Verfasser Taylor vorzüglich zu vermitteln weiß, indem er Parker bis auf kurzen »Gastauftritt« persönlich auftreten, sondern nur durch sein Tagebuch sprechen lässt.

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Ninaki zu »Chad Taylor: Shirker« 02.12.2007
Skurilles liebe ich nicht, vorallem dann nicht, wenn ich einen "ganz normalen" Krimi erwarte.
Es trifft zu, dass es sich hier um ein nicht alltägliches Handelt. Lesevergnügen hat es mir nicht wirklich bereitet.
Christian zu »Chad Taylor: Shirker« 08.10.2005
Ohne Zweifel eines der ungewöhnlichsten und besten Thriller unserer Zeit. Man muß allerdings aufpassen, daß man nicht den Faden verliert, am besten in Eins Durchlesen. "Die Nachhilfestunde" von Andrew Pyper ist ebenso außergewöhnlich und das einzige ähnliche Werk. Ansonsten: Herrausragender Mysterie- Thriller
morus64 zu »Chad Taylor: Shirker« 16.09.2004
Voller Ideen & Phantasien - allein schon der Einstieg ist wahrlich verblüffend.
Ein Krimi, der sich flott wegliest & im Gedächtnis kleben bleibt (ist ja nicht bei jedem so).
Eine Empfehlung für Alle, die das Skuriele lieben & vom Eiheitsbrei gesättigt sind.
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