Treffpunkt Tanger von Carter Dickson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1952 unter dem Titel Behind the crimson blind, deutsche Ausgabe erstmals 1954 bei Scherz.
Ort & Zeit der Handlung: Marokko, Tanger, 1950 - 1969.
Folge 21 der Sir-Henri-Merrivale-Serie.

  • New York: Morrow, 1952 unter dem Titel Behind the crimson blind. 249 Seiten.
  • Bern: Scherz, 1954. Übersetzt von Renate Hertenstein. 191 Seiten.
  • Klagenfurt: Kaiser, 1972. Übersetzt von Renate Hertenstein. 191 Seiten.

'Treffpunkt Tanger' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

»Keine Seele ahnt, daß ich in Tanger bin«, meint der große alte Herr, Sir henry Merrivale. Doch statt seinen Urlaub in Ruhe und unerkannt genießen zu können, wird Sir Henry schon am Flugplatz vom Polizeikommandanten Alvarez abgeholt, muß sein Inkognito ablegen und landet schließlich im Haus »Der wilden Oliven«, wo Oberst Duroc seine Hilfe erbittet. Und so beginnt die Jagd nach einem Verbrecher, der wie ein Geist auftaucht und wieder verschwindet, die Jagd nach »dem Mann mit der eisernen Truhe«.

Das meint Krimi-Couch.de: »Dolchstöße, Schüsse & Geschrei in der Kasbah« 55°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Im April des Jahres 1950 zieht es Sir Henry Merrivale, den berühmten britischen Privatermittler, an die nordafrikanische Mittelmeerküste. In Tanger, der marokkanischen Hafenstadt, möchte er einen ruhigen und vor allem kriminalfallfreien Urlaub verbringen. Zu seinem Missfallen eilt ihm sein Ruf als Detektiv voraus: Schon am Flughafen wird Merrivale auf Befehl von Oberst Duroc, dem Direktor der städtischen Polizei, abgefangen und um Mithilfe gebeten.

In Tanger erwartet man die Ankunft eines ebenso berüchtigten wie anonymen Einbrechers, der überall in Europa Banken und Juwelierläden ausgeraubt hat und der Polizei stets entkommen konnte. Bei seinen Beutezügen trägt der Mann, der sein Gesicht verborgen hält und keine Fingerabdrücke hinterlässt, seltsamerweise eine große, schön verzierte Kiste aus Eisen mit sich herum. Wird er vor Vollendung einer Raubtat gestellt, verschwinden Dieb und Kiste wie durch Zauberhand, selbst wenn der Ort des Verbrechens von Polizisten umstellt ist.

Zwar sträubt sich Sir Henry zunächst, doch sein Interesse ist geweckt: »Unmögliche« Verbrechen sind seine Spezialität! Tatsächlich schlägt der Meisterdieb kurz darauf genau dort zu, wo Merrivale es vorausgesagt hatte. Die deshalb gestellte Falle schnappt zu – und abermals kann der »Mann mit der Kiste« entkommen!

Sir Henry intensiviert seine Ermittlungen. Er schlüpft in diverse Verkleidungen und wagt sich in verrufene Viertel der alten Stadt. Entweder an seiner Seite oder solo versuchen auch Polizeikommandant Juan Alvarez und der britische Konsulatsmitarbeiter William Bentley den Dieb zu fassen. Der schlägt den Verfolgern jedoch weitere Schnippchen und bereitet seinen nächsten Coup vor. Dieses Mal erwartet ihn eine besonders raffinierte Falle, doch auch der Meisterdieb hat sich auf die finale Konfrontation vorbereitet …

Mechanisches Rätselraten in exotischer Kulisse

In den 1950er Jahren begann der allmähliche Niedergang des Schriftstellers John Dickson Carr. Nicht immer aber immer öfter wiederholte er sich in seinen weiterhin regelmäßig veröffentlichten Krimis. Die Plots wurden abstruser, die Auflösungen stellten das Publikum vor arge logische Probleme. Carr gingen die Ideen aus; zu erfolgreich hatte er seine deshalb verwöhnten und anspruchsvollen Leser in früheren Jahren mit außergewöhnlichen Krimi-Rätseln verwöhnt.

Außerdem verlor er das Gespür für die korrekte Rezeptur eines gelungenen Thrillers. Schon in seinen frühen Werken hatte Carr gern eine (publikumswirksame) Liebesgeschichte ins Geschehen einfließen lassen. In dieser Hinsicht hielt sich sein Talent in Grenzen; grundsätzlich lief es darauf hinaus, dass eine junge Frau in die Ereignisse verwickelt wurde, eventuell zwischenzeitig in Gefahr geriet aber auf jeden Fall nach dem Krimi-Finale verheiratet wurde. Diese Klischees verzieh man dem Verfasser, solange er sie durch Rätsel-Substanz ausglich.

Nach diesem Maßstab beurteilt, ist Treffpunkt Tanger ein recht missratener Roman. Lässt man die vielen, vielen Nebensächlichkeiten beiseite, bleibt die reichlich altmodische und nicht wirklich spannende Story eines Meisterdiebes, der angesichts seines Rufes erstaunlich oft ertappt wird; bemerkenswert ist höchstens sein Talent zur beutelosen Flucht. Dass er eine Eisenkiste mit sich herumschleppt, ist ein allzu offensichtlicher Trick, der die Leser zu der Frage zwingen soll, was der Sinn dieses sperrigen Möbels sein könnte. Die Antwort ist gelinde gesagt enttäuschend simpel; da hatte Carr früher deutlich mehr zu bieten!

Andere Länder, identische Sitten

Für Abwechslung möchte Carr sorgen, indem er seinen Serienhelden Sir Henry Merrivale dieses Mal ins Ausland reisen lässt. Da dieser bereits seinen 21. Fall löst, ist ein frischer Ansatz besonders wichtig. Der Schauplatz Tanger lässt den Leser hoffen: Zum Zeitpunkt des Geschehens war die Stadt Zentrum einer internationalen Zone und gehörte nur nominell zu Marokko. Acht Nationen verwalteten Tanger, wobei die einheimische Bevölkerung ohne Mitspracherecht blieb. In Tanger zahlte man keine Steuern oder andere Abgaben, es gab keine Devisenbeschränkungen und keine Militärpflicht. Auf diese Weise wurde die Zone zu einem Mekka für Schmuggler, Schieber und Gesetzesflüchtlinge.

Damit war Tanger ein idealer Ort für eine spannende Geschichte. Der deutsche Schriftsteller Frank Arnau (1894-1976) belegte es 1957 mit seinem Kriminalroman Tanger – Nach Mitternacht. Doch Carr sind die Besonderheiten von Tanger nur einige nebensächliche Erwähnungen wert. Ansonsten erzählt er eine Geschichte, die sich so in jeder beliebigen Stadt ereignen könnte. Nordafrika bleibt malerische Kulisse: schönes Wetter, Sonnenschein, laue Winde. Tanger wird auf eine vage Mischung aus europäischer Moderne und Pseudo-Vergangenheit à la 1001 Nacht reduziert, die einheimische Bevölkerung in entsprechende Statistenrolle abgedrängt. Vor allem bedienen sie die koloniale Herrenschicht, die sich völlig selbstverständlich als solche fühlt und benimmt.

Die Entstehungszeit ermöglicht Szenen, die heute der »political correctness« zum Opfer fielen. So verkleidet sich Sir Henry einmal als muslimischer Pilger, der mit aufgeschnappten arabischen Satzfetzen die marokkanischen Bürger foppt, obwohl ihn Carr eher als Faschingspopanz darstellt: Dies ist als ‚humorvolle’ Einlage gedacht. Dann gibt es (natürlich) einen »Ali«, der als lokaler Krimineller über seine eigenen Ränken stolpert und von der gütigen Polizei statt einer Strafe nur einen Klapps auf die Finger bekommt.

Verbrechen und Liebe im Ausland

Wichtige Entscheidungen werden ausschließlich von Auswärtigen getroffen. Oberst Duroc ist Belgier, Kommandant Alvarez Spanier, Bill Bentley Brite, Maureen Holmes – eine Angestellte, die in dieses Krimi-Abenteuer stolpert – US-Amerikanerin. Selbst der fiese Schläger-Strolch Collier stammt eigentlich aus der Sowjetunion. Sie alle gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass ihnen in Tanger dieselben Bequemlichkeiten geboten werden wie in ihren Heimatländern: Noch greifen die kolonialen Mechanismen, die solche Fremdsteuerung unter weitgehender Ignorierung einheimischer Rechte bzw. Forderungen gestattet.

Die fade Love-Story à la Carr kommt dieses Mal sogar doppelt auf den geplagten Leser nieder. Paula Bentley ist zwar schon verheiratet, muss aber mehrfach um ihren Gatten bangen und wird einmal als Köder eingesetzt. Die aufwendig in die Handlung eingeführte aber faktisch völlig unwichtige Maureen Holmes leugnet zeitgenössisch weiblich, also zaghaft und errötend, ihre Liebe zum schmucken Juan, die Carr auch deshalb gestattet:

»Obwohl er dunkel getönte Haut und schwarzes Haar hatte, machte er doch nicht den Eindruck, den man am besten mit ölig bezeichnet.«

Sir Henry Merrivale ist als Figur gänzlich aus der Zeit gefallen. Damals galt er als Lebemann, heute würde man ihn als Chauvinisten bezeichnen. Junge Frauen spricht er gern als »Mädchen« an und duzt sie, was diese sich – O tempora, o mores! – gefallen lassen. Genialität ermöglicht die Aussetzung ansonsten bindender Konventionen. Merrivale kultiviert seine faunische Aura und seine Verschrobenheit, hinter der sich viel Selbstgefälligkeit verbirgt. So entscheidet er allein über das Schicksal des schließlich entlarvten Meisterdiebes, den er nicht dem schnöden Gesetz ausliefert, sondern zur Flucht verhilft, nachdem der nicht wirklich »böse« Täter zuvor Buße getan und u. a. den schleimigen Russenteufel Collier – in seinen Schlupfwinkeln pflegt er Hammer & Sichel als Zeichen seiner wahren Gesinnung an die Wände zu hängen, und die Fensterläden pflegt er patriotisch kommunisten-rot zu streichen, was diesem Roman übrigens seinen Originaltitel gab – im fairen Boxkampf niedergerungen hat.

Man muss solche Absurditäten mit Humor nehmen und wird trotzdem zu dem Schluss kommen, hier einen der schwächeren Carr-Romane in der Hand zu halten. Natürlich kann der Autor immer noch schreiben, doch eine spannende, plotorientierte Story sieht anders aus. Dies mag mit Grund dafür sein, dass Treffpunkt Tanger anderes als viele andere Carr-Werke in Deutschland selten wieder aufgelegt wurde. Man sollte sich deshalb nicht grämen oder gar diesem Buch unter Zeit- und Geldaufwand hinterherjagen – es gibt lohnenswertere Krimi-Ziele!

Michael Drewniok, März 2016

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RolfWamers zu »Carter Dickson: Treffpunkt Tanger« 12.03.2012
Ein ganz schwacher Dickson/Carr. Einige unsinnige Versteckspiele, ein paar sinnlose Verfolgungsjagden, ein sittsames Techtelmechtel zwischen einem spanischen Polizisten und einer englischen Sekretärin - als Lektüre zum Halbdösen an einem Sommertag auf der Hollywoodschaukel mag das Buch durchgehen. Den Ansprüchen an einen Meister des Golden Age genügt es nicht. Nett halt, mehr nicht.
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