Der trübe Sommer von Carlo Lucarelli

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1991 unter dem Titel L´estate torbida, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Piper.
Ort & Zeit der Handlung: Norditalien, 1930 - 1949.
Folge 3 der Commissario-De-Luca-Serie.

  • Palermo: Sellerio, 1991 unter dem Titel L´estate torbida. 122 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2000. Übersetzt von Barbara Krohn. ISBN: 3-492-27004-2. 146 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2002. Übersetzt von Barbara Krohn. ISBN: 3-492-23490-9. 146 Seiten.

'Der trübe Sommer' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

De Luca reist inkognito. Es ist der Sommer des Jahres 1945, und Commissario De Luca ist inkognito unterwegs nach Rom. In einem kleinen Dorf in der Emilia Romagna macht er eine schauerliche Entdeckung – sämtliche Mitglieder der Familie Guerras liegen erschlagen auf ihrem Grundstück. Weshalb mußten sie sterben? War es politischer Mord? Die Lösung des Falles wird für De Luca zu einer gefährlichen Gratwanderung, denn auch er hat ein dunkles Geheimnis.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein kleines Meisterwerk« 100°Treffer

Krimi-Rezension von Wolfgang Reuter

Nach »Freie Hand für De Luca«, dem chronologisch ersten De Luca-Krimi, welcher in den letzten Tagen des ital. Faschismus spielt, befinden wir uns jetzt im Sommer 1945. Der Faschismus ist besiegt, eine neue politische und gesellschaftliche Ordnung ist noch nicht hergestellt. Es herrscht ein gewisses Chaos, in dem verschiedene Gruppen des ehemaligen Widerstandes um Macht und Einfluss kämpfen, wie das Nationale Befreiungskomitee CLN oder die Partisanenpolizei. Blutige Racheakte und Lynchjustiz gegenüber Faschisten und Kollaborateuren, deren Vermögen meist a la Robin Hood an arme Leute oder politisch korrekte Kriegsopfer verteilt wird, stehen an der Tagesordnung.

Eine sehr gefährliche Situation auch für Commissario De Luca, der auf Grund seiner politischen Vergangenheit – er war für kurze Zeit Mitglied der berüchtigten Faschistischen Brigade Ettore Muti, ohne an Folterungen teilgenommen zu haben – von der CLN gesucht wird. Er befindet sich unter falschem Namen mit gefälschten Papieren auf dem Weg von Bologna nach Rom.

Unterwegs, auf der Landstrasse, hält ihn der junge Brigadiere Leonardi an, der Leiter der Polizeidienststelle im Dorf Sant´Alberto. Der Partisanenpolizist ist unerfahren und fürchtet, bald von den heranrückenden Carabinieri abgelöst zu werden, und er ist mit einem vierfachen Mordfall konfrontiert, dessen Aufklärung seiner Karriere dienen könnte.

Leonardi erkennt den Commissario – von einem Lehrgang 1943 in Mailand. Er weiß um seine politische Vergangenheit. Er ergreift sofort die Gelegenheit, De Lucas kriminalistische Fähigkeiten für sich auszunützen und nimmt ihm die Papiere ab. Der Commissario hat keine Wahl und erklärt sich bereit, inkognito als »Ingenere« an dem Fall mitzuarbeiten. Die Opfer waren die Mitglieder der Familie Guerra: Delmo, das Familienoberhaupt, sein Vater, seine Mutter, und seine Frau. Alle wurden erschlagen.

Für Leonardi ist der Fall klar – es war Raubmord, nichts Politisches. Doch De Luca hat erste Zweifel: Er sieht kein Motiv, die Guerras waren arm, Delmo wurde eindeutig gefoltert. Was wollte der Mörder aus ihm herausbekommen?

Im Kamin am Tatort ist eine wertvolle Brosche versteckt, diese Spur führt zum Haus des Grafen, von dem es heißt, er sei nach Amerika geflohen. Doch Leonardi gesteht zu wissen, dass der Graf, ein Spion für die Nazis, in einer Aktion von mehreren Dorfbewohnern – ehemaligen Partisanen – ermordet wurde. Anführer dabei war Carnera, ein Held und Mythos der Partisanenkriege. Das ist der Grund, warum sich Leonardi anfangs weigert, eine Verbindung der beiden Mordfälle zu akzeptieren, er müsste gegen seine Verbündeten vorgehen.

Für De Luca wird es zunehmend gefährlich. Carnera droht ihn zu durchschauen, seine Freundin Francesca, Wirtstochter der Osteria, in der De Luca einquartiert ist, inszeniert mit ihm ein Schäferstündchen, um Carnera zu ärgern.

Doch welches Geheimnis hindert diesen, den Commissario umzubringen? Was geschah wirklich bei der Ermordung des Grafen? Woher hat der Dorfbewohner Baroncini das Geld für zwei neue Lastwagen?

Francesca führt De Luca schließlich unbewusst auf die richtige Spur, er kann den Fall unter lebensgefährlichen Umständen lösen, doch anschließend droht ihn seine Vergangenheit einzuholen …

Wo findet man – auch am vielzitierten »verregneten Sonntag« – einen sonnigen Urlaub in Italien mit viel Atmosphäre, einheimischen Spezialitäten, erlesenen Weinen und geschmackvoll dosiertem Sex & Crime um nur 8 Euro? In vielen sogenannten »italienischen« Kriminalromanen.
Doch nicht bei Lucarelli. Der spielt da nicht mit.

Wer Atmosphäre will, der kann sie haben – und befindet sich mitten in einem Bürgerkrieg. Wer von einem gemütlichen verregneten Sonntag träumt, steht plötzlich ohne Schirm im Wolkenbruch auf der Landstrasse.

Lucarelli hat offensichtlich ein Anliegen. Er thematisiert ganz bewusst die Ereignisse in Italien vor und nach Kriegsende. Er ist dabei schonungslos, unerbittlich und konsequent in der realistischen Darstellung der Menschen.

Er weist keine Schuld zu, verurteilt oder richtet nicht, hält sich neutral im Hintergrund, lässt die Figuren durch sich selber sprechen. Commissario De Luca liegt ihm dabei besonders am Herzen. Mit wie viel Einfühlungsvermögen und psychologischer Detailgenauigkeit, ja, fast könnte ich sagen, mit wie viel Liebe er diese Figur in jeder Hinsicht zeichnet, ist allein schon für sich eine Meisterleistung.

»Ach, glauben Sie doch, was sie wollen. Ich war nicht deshalb bei der Squadra Politica, weil ich Faschist gewesen wäre, sondern ich war genauso ein Faschist wie viele andere auch, es war mir völlig egal...«
»Ja, sicher, Sie haben nur ihre Pflicht getan.«
»Nein, Leonardi, nicht meine Pflicht...meinen Beruf! Das ist etwas anderes...«
»Ja, das ist etwas anderes. Das ist sogar noch schlimmer.«

Dieser Roman ist vordergründig leicht und flott zu lesen, oft mit deftiger, direkter Sprache, spannend, abwechslungsreich, wenn man sich auf den Ablauf der Handlung beschränkt.
Doch wer ein Sensorium für die Dinge hat, die zwischen den Zeilen stehen, wird von Lucarelli noch reicher beschenkt.

Mich fasziniert, wie effizient dieser Autor arbeitet, mit welchen sparsamen Mittel er eine derart realistische Schilderung der damaligen Verhältnisse erreicht. So mancher Andere hätte aus diesem Stoff wahrscheinlich 600 Seiten gemacht, ohne allerdings mehr zu sagen.

Mit diesem Buch ist Carlo Lucarelli ein kleines Meisterwerk gelungen.

Das meinen andere:

»Commissario De Luca gerät italienischen Partisanen in die Hände. Er soll für sie einen grausigen Mord aufklären – als Preis für sein Leben. Doch am Ende klärt sich alles und nichts. Freunde werden zu Feinden, und aus Verrätern werden Retter. Es gibt nur eine Wahrheit: Das Leben ist eine Lüge. Vor allem auf einer staubigen Straße zwischen Minen und Maschinengewehren.« (Der SPIEGEL)

»Mit großer Kunstfertigkeit öffnet Lucarelli in diesem kleinen und ungemein spannenden Krimi den großen Resonanzraum von Schuld und moralischer Verstrickung.« (Abendzeitung)

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Darix zu »Carlo Lucarelli: Der trübe Sommer« 30.06.2013
Nachkriegs Italien, es regieren die Alliierten, die zukünftige italienische Nachkriegs Zivil Regierung findet sich und die roten Partisanen sind partiell noch mächtig. Die Wege sind unsicher, es besteht Mangel und fehlende Lebenslust. Morde, Abrechnungen mit ehemaligen Kollaborateuren sind noch üblich. Eine besondere Stimmung liegt über dem Land und diese wird vom Autor großartig eingefangen. Genauso wie er die unterschiedlichen Charakterbeschreibungen vornimmt, ein außerordentlich guter Krimiautor.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
mylo zu »Carlo Lucarelli: Der trübe Sommer« 19.06.2012
Wieder ein sprachliches Meisterwerk, da mit sehr sparsamen Sätzen in einem kleinen Buch eine große Geschichte, ohne viel Beiwerk erzählt wird. Die Geschichte handelt zwischen Krieg und Neuanfang in Italien, zwischen Opfern und Tätern wo die einen werden, was die anderen waen, nämlich ebenfalls Täter. Der eigentliche Kriminalfall ist nur Rahmen, Mittel zum Zweck. Wieder mal hervorragende Charaktere um den Kommissar De Luca, oder nein, was ist De Luco in diesem Roman eigentlich...

85 Punkte.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
milla zu »Carlo Lucarelli: Der trübe Sommer« 14.01.2006
De Luca ist auf der Flucht vor seiner eigenen Vergangenheit. In einem kleinen Dorf auf dem Weg nach Rom wird er aufgehalten und soll in einem Fall ermitteln, bei dem vier Personen in ihrem Haus umgebracht wurden. Zwischen Angst vor der eigenen Entdeckung und dem inneren und äußeren Zwang die Morde aufzuklären, versucht De Luca seinen eigenen Weg zu gehen.

„Der trübe Sommer“ ist wirklich trüb, denn obwohl der Krieg zu Ende ist, wird er überschattet von den unmittelbaren Nachwirkungen und „Aufräumarbeiten“. Die alten Strukturen leben immer noch, wenn auch mit anders verteilten Machtpositionen. De Luca ist ein untypischer Protagonist, krank, gezeichnet von der eigenen Angst und Vergangenheit, kann er seine Scharfsichtigkeit jedoch nicht verbergen. Der eigentliche Kriminalfall steht jedoch eher im Hintergrund, die politische und soziale Lage bestimmen das Buch. Gespannt verfolgt der Leser das Schicksal De Lucas, der trotz oder gerade wegen seiner Schwächen zutiefst menschlich wirkt. In seiner nüchternen und doch berührenden Sprache beschreibt Lucarelli mit dem Schwerpunkt auf Dialogen das Verhalten und die Einstellungen der Menschen der damaligen Zeit. Wer die Sympathien des Lesers erhält, überlässt er jedem Einzelnen, und egal wie man beim Lesen empfindet, zurück bleibt ein beklemmendes Gefühl.
4 von 4 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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