Der rote Sonntag von Carlo Lucarelli

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1996 unter dem Titel La Via delle oche, deutsche Ausgabe erstmals 2001 bei Piper.
Ort & Zeit der Handlung: Norditalien, 1930 - 1949.
Folge 3 der Commissario-De-Luca-Serie.

  • Palermo: Sellerio, 1996 unter dem Titel La Via delle oche. 150 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2001. Übersetzt von Monika Lustig. ISBN: 3-492-27010-7. 197 Seiten.
  • München; Zürich: Piper, 2002. Übersetzt von Monika Lustig. 197 Seiten.

'Der rote Sonntag' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Commissario De Luca schlägt den Mantelkragen hoch. Ein kühler Wind weht durch das regennasse Bologna. Es ist der April des Jahres 1948. Nervosität und die lähmende Spannung der ersten demokratischen Wahlen liegen über der Stadt, als De Luca sich auf den Weg macht in die Via delle Oche, dem berüchtigten Rotlichtviertel. Dort soll sich der kommunistische Bordellhandlanger Ermes Ricciotti erhängt haben. Die Indizien am Tatort sprechen eine andere Sprache, doch von oberster Stelle werden De Lucas Ermittlungen im Keim erstickt. Bis er der »Tripolina«, der verschlossenen, dunkelhaarigen Bordellbesitzerin, näherkommt. Mit seinem eigenen festen Moralkodex bewegt sich Commissario De Luca in einem Netz aus Lügen, Betrug und politischer Machtgier. Aber auch ihm droht eine dunkle Vergangenheit zum Verhängnis zu werden.

Das meint Krimi-Couch.de: »Authentisch, lebendig, denkwürdig« 80°

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

Bologna, Mittwoch, der 14. April 1948.

Vicecommissario De Luca tritt strafversetzt seinen neuen Dienst als Leiter der Sitte an, als ihm sein alter Bekannter Pugliese, Mitarbeiter der Mordkommission, in die Arme läuft. In der berühmt-berüchtigten Via delle Oche, dem Rotlichtviertel Bolognas, wurde Ermes Ricciotti erhangen in seinem Zimmer aufgefunden. Dass sich der für das Wohl seiner Prostituierten zuständige ehemalige Amateurboxer jedoch selbst richtete, erscheint De Luca unmöglich, denn dafür hängt die Schlinge des Stricks zu hoch.

»Ist Ricciotti etwa auf den Hocker gestiegen und hat dann gemerkt, dass er die Schlinge zu weit oben angebracht hat? Und deshalb hat er einen Sprung gemacht, um mit dem Kopf mitten in der Schling zu landen...« ereifert sich De Luca, nachdem der Leiter der Mordkommission Bonaga den Fall kurzerhand als Selbstmord einstuft und die Ermittlungen damit praktisch für beendet erklärt.

Wenige Stunden später werden De Luca und Pugliese zu einem zweiten Fall gerufen, doch diesmal ist der Sachverhalt eindeutig. Dem Fotografen Piras Osvaldo, dessen Leiche in einem Park gefunden wird, wurde nämlich die Kehle durchgeschnitten. Als die beiden Polizisten kurz darauf dessen Wohnung durchsuchen wollen, überraschen sie den Mörder, der offensichtlich auf der Suche nach bestimmten Fotos war. Der Mörder, Matteucci Silvano, will über das Dach des benachbarten Hauses fliehen, stürzt dabei jedoch zu Tode. Matteucci war Mitarbeiter des sogenannten Bürgerkomitees, welches dem wenige Tage zuvor an Herzversagen verstorbenen Abgeordneten Orlandelli als Wahlkampfbüro diente. Haben die Morde an Ricciotti und Osvaldo also einen politischen Hintergrund? Schließlich befindet sich Italien nur vier Tage vor seiner ersten demokratischen Wahl und die Polizei benötigt nahezu alle Kräfte, um für Ruhe und Ordnung auf den Straßen zu sorgen. Kommunisten, Christen, Demokraten und andere Gruppierungen kämpfen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln um die Gunst des Volkes.

Vielleicht kann De Luca aber auch die Bordellbesitzerin »Tripolina« weiter helfen, für die Ricciotti zuletzt gearbeitet hat. Unmittelbar nach dessen Tod erhält Tripolina eine Gewerbelizenz für ein Bordell der zweiten Kategorie (zuvor leitete sie ein Bordell der fünften Kategorie), welche ihr vom stellvertretenden Polizeipräsidenten erteilt wurde. Seltsam auch, dass die von Ricciotti betreuten Prostituierten allesamt das Bordell verlassen haben...

»Der rote Sonntag« ist eine spannende und durchweg gelungene Mischung aus Krimiplot, polizeiinternen Kompetenzgerangel und einer ordentlichen Prise Zeitgeschichte rund um die ersten demokratischen Wahlen nach Kriegsende. So hat denn auch der leitende Polizeipräsident von Bologna nur ein Ziel: Nach den Wahlen noch im Amt zu sein. Folglich gilt es, die ohnehin schon durch den Wahlkampf aufgebrachte Bevölkerung nicht noch zusätzlich zu provozieren, beispielsweise durch die Beerdigung Orlandellis bei der Padre Lombardi, »das Mikrofon Gottes«, die Trauerrede halten will. Die Reaktion der Kommunisten will sich der Polizeipräsident gar nicht erst vorstellen, die Beerdigung muss also warten. Und wie verhält es sich mit dem Tod des Fotografen Piras Osvaldo? Genauso wie bei Ermes Ricciotti, denn man weis ja nicht, was am Ende der Ermittlungen heraus kommen könnte.

Der Fall interessiert keinen mehr, Commissario De Luca. Wir wissen nicht, wohin er führen könnte. So hat man sich darauf geeinigt, dass es ein politischer Fehler wäre, ausgerechnet jetzt einen Riesenwirbel zu verursachen. Ich bin zwar nicht einverstanden, aber ich füge mich. Es tut mir leid.

Aber De Luca ist Polizist mit Leib und Seele und so ermittelt er eigenmächtig weiter, wenngleich ein dunkler Schatten seiner Vergangenheit immer wie ein Damoklesschwert über ihm hängt. Was wenn seine neuen Vorgesetzten erfahren, dass er damals auf der Todesliste der Partisanen recht weit oben stand, weil er zuvor Mussolinis Faschisten unterstützte (näheres hierzu in der Rezension zu Freie Hand für De Luca). Dort war er einer der fähigsten Polizisten, aber im Jahr 1948 prahlt man mit allem, nur nicht damit. Dann paktiert man schon eher mit den Kommunisten, um einen unliebsamen Vorgesetzten kurzerhand nach Rom versetzen zu lassen.

Was Carlo Lucarelli hier an Zeitgeschichte (die Ereignisse werden jeweils zu Beginn eines Kapitels als Kurznachrichten zusammen getragen) rund um die Wahlen aufweist ist äußerst lebendig und wirkt ständig in die laufenden Ermittlungen herein. Ebenfalls authentisch erscheint das polizei-interne Gerangel um Posten und Zuständigkeiten und selbst De Luca kommt trotz seiner mehr als denkwürdigen Vergangenheit sympathisch herüber, vielleicht aber auch nur deswegen, weil lediglich er und – eingeschränkt – Pugliese an der Aufklärung der Mordfälle interessiert sind. Hier hat sich der Autor übrigens eine nette Auflösung einfallen lassen, welche nicht leicht voraussehbar ist.

Ein kurzer, gut lesbarer Krimiplot mit einem kleinen Hauch Geschichtsstunde für den der Autor mit dem »Premio Mystery« ausgezeichnet wurde

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Darix zu »Carlo Lucarelli: Der rote Sonntag« 26.08.2013
Lucarelli versteht es seinen Commissario De Luca in der jüngeren italienischen Nachkriegsgeschichte in politische und kriminalistische Verwicklungen einzubinden. De Luca wirkt als nach Bologna strafversetzter "Kriminalpolitiker". Immer vom politischen Schatten seiner Vergangenheit umgeben, zeigt er seine Ermittlungsstärken gleich zu Beginn, bei einem angeblichen Selbstmord.
Lucarelli ist ein Künstler beim Beschreiben einer stimmigen, dichten Atmosphäre der bürgerkriegsähnlichen Zuständen im Nachkriegs
italien. Kommunisten gegen versprengte Faschisten welche die Demokratia Christiana unterstützen, manche suchen einfach ihren persönlichen Vorteil oder wollen Überleben.
Spannend geschrieben, mit einem überaschenden Ende.
mylo zu »Carlo Lucarelli: Der rote Sonntag« 20.08.2012
Es ist eine angenehmen Schreibstil der ein angenehmes Lesen garantiert.
Vor dem geschichtlichen Hintergrund Italiens auf dem Weg zur Demokratie nach dem Kriege spielt sich der dritte Fall des De Luga und er ermittelt in seiner im eigen Art und Weise.
Sicher nicht so reißerisch und hochspannend wie andere Krimis, dennoch super zu lesen, interessante Unterhaltung.

75 Punkte
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
heyfisch zu »Carlo Lucarelli: Der rote Sonntag« 16.07.2006
Nach "Der Kampfhund" mein zweiter Roman von Lucarelli. Leider hat er nicht dessen rasante und fesselnde Story. Spaß macht dagegen die gute und informative Einbindung in das Italien des Jahres 1948. Insgesamt lesenswert, aber ich empfehle zum besseren Verständnis mit dem ersten Roman der de Luca-Serie zu beginnen, um die Person des commisario besser zu verstehen.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
milla zu »Carlo Lucarelli: Der rote Sonntag« 14.01.2006
Die Handlung des dritten und bislang letzten De Luca-Krimis wird durch die anstehenden Parlamentswahlen in Italien 1948 bestimmt. Auch sämtliche Polizisten sind in Alarmbereitschaft bzw. im Sondereinsatz bei Angriffen und Konflikten der Anhänger rivalisierender Parteien, so dass die Aufklärung von anderen Straftaten in den Hintergrund rückt. Betont wird dieser Umstand noch dadurch, dass vor jedem längeren Absatz im Buch die Pressemitteilungen des Tages stehen, die zwar meist politischen Inhalt haben, aber z.B. auch das aktuelle Kinoprogramm. Der Leser befindet sich so zusammen mit dem strafversetzten De Luca in einer seltsamen Welt zwischen großen Veränderungen und den Routinen des Alltags, was mir - vermittelt durch die besondere Sprache Lucarellis - sehr gut gefallen hat. Leider ist der Fall selbst ein wenig zu sehr ins Abseits geraten, so dass er an manchen Stellen schon fast störend und De Luca selbst fehl am Platze wirkt. Vielleicht wollte Lucarelli jedoch genau das vermitteln: De Luca passt nicht in diese Welt.
Daniel Lienhard zu »Carlo Lucarelli: Der rote Sonntag« 01.05.2003
Dieser "Krimi" (??) hat mich von Anfang an gelangweilt; wie übrigens schon "Der trübe Sommer". Wo bleibt da die Spannung, welche zu einem "normalen" Krimi einfach dazu- gehört? Ich werde kaum mehr einen Lucarelli lesen.
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