Das Walmesser von C. R. Neilson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2014 deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Heyne.

  • London: Simon & Schuster, 2014. 512 Seiten.
  • München: Heyne, 2016. Übersetzt von Ulrich Thiele. ISBN: 978-3-453-41967-4. 512 Seiten.
  • [Hörbuch] Köln: RandomHouse Audio, 2016. Gesprochen von Martin Bross. gekürzte Ausgabe. 2 CDs.

'Das Walmesser' ist erschienen als TaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Eine kleine Inselgruppe im Nordatlantik. Dreihundert Tage im Jahr Regen. Die Menschen leben von Fischfang, Schafzucht und der Jagd auf Grindwale. Wer freiwillig hierherkommt, ist anderswo vor etwas geflohen. Dass er seine Vergangenheit nicht einfach hinter sich lassen kann, erkennt John Callum erst, als er eines Morgens auf einem Steinklotz im Hafen erwacht – ohne Erinnerung an den letzten Abend, aber mit einem blutigen Messer in seiner Tasche. Und in der färöischen Hauptstadt Tórshavn gibt es an diesem Tag nur ein Gesprächsthema: den Mord.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Mord am Ende der Welt« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Jörg Kijanski

John Callum wacht auf einem jener vier großen Steinblöcke im Westhafen von Torshavn auf, auf denen die Fischer ihren Fang ausbreiten. Sein Kopf dröhnt, die Erinnerung an die letzte Nacht ist mehr als vage und als er in seine Manteltasche packt, schneidet er sich an einem Messer. Es ist ein Grindaknivur, ein kleines Walmesser, wie es auf der Insel in jedem Haus vorkommt. Callum schaut sich das Messer an, welches blutbesudelt ist. Doch es ist nicht sein eigenes Blut. Er wankt nach Hause in seine Hütte, um noch ein bisschen Schlaf zu gewinnen. Bald geht es zur Arbeit, wo es nur ein Thema gibt: Der Mord der vergangenen Nacht.

»In Glasgow konnte es an einem ruhigen Wochenende locker ein paar Morde geben. Auf den Färöer-Inseln war in den letzten fünfundzwanzig Jahren ein einziger Mensch ermordet worden. Bis jetzt.«

Drei Monate zuvor kam John Callum aus Glasgow auf die Färöer-Inseln, um ein neues Leben zu beginnen. Er findet schnell Anschluss an die freundlichen Insulaner, vor allem die junge Karis erweckt seine Aufmerksamkeit. Doch es gibt auch weniger freundliche Menschen, wie Aron, der Ex von Karis, der Callum schon bald klar macht, dass er sich am besten wieder auf die Heimreise begibt. Auch Toki, ein streitsüchtiger Arbeitskollege auf der Lachsfarm bereitet Probleme. Es kommt zu ersten Streitigkeiten, aber ein Neuanfang scheint für Callum möglich. Dann geschieht der Mord …

Ungewöhnlicher Plot und eine Liebeserklärung an ein unbekanntes Inselarchipel

C. R. Neilson legt mit Das Walmesser einen guten Start in das Krimijahr 2017 hin, denn der Plot ist ähnlich außergewöhnlich wie der karge Inselarchipel, auf dem die Handlung spielt. Gerade einmal tausendvierhundert Quadratkilometer groß, rund fünfzigtausend Einwohner auf achtzehn Inseln und an sechs von sieben Tagen regnet es. Jeder kennt jeden, die Inselpolizisten regeln den Verkehr und gelegentlich eine Ruhestörung. Die Insulaner leben vom Fischen und vom Grindadrap, dem umstrittenen Walfang, bei dem sich eine ganze Bucht blutrot färbt. Doch nun erschüttert ein Mord die Insel. Ermittler aus Kopenhagen reisen an und nehmen die Ermittlungen auf, wobei sie nur gegen einen Mann ermitteln, den Hauptverdächtigen John Callum.

»Die Wale haben wenigstens ihr ganzes Leben in Freiheit gelebt und nicht in Käfigen wie die Hühner in diesen Fabriken.«
»Okay, das ist bei euch Tradition. Aber ist das nicht eine etwas merkwürdige Tradition? Tiere abzuschlachten?«
»Sag das den Amerikanern, die jedes Jahr wegen ihrem Thanksgiving fünfundvierzig Millionen Truthähne abschlachten.«

Anfangs ist die Geschichte ein bisschen zäh, entpuppt sich mitunter mehr als Reiseführer und stellt vor allem »Land und Leute« sowie die Geschichten und Legenden der Färöer-Inseln vor. Der Autor lässt sich Zeit, denn genau davon haben die Färinger mehr als genug. Sechs Seiten vergehen bis Callum nach seinem Erwachen von dem Mord erfährt. Dann folgt eine knapp hundertneunzig Seiten lange Rückblende. Sie zeigt Callums Ankunft und seine Anfänge auf der Insel. Erster Job, erste Kontakte, erste Beziehung, erster handfester Ärger.

»Wissen Sie, dass es heißt, die Färöer-Inseln hätten die niedrigste Kriminalitätsrate auf der Welt? Das stimmt wirklich. Auf hunderttausend Leute in den Vereinigten Staaten kommen siebenhundertsechzig im Gefängnis. und auf den Färöer-Inseln? Die Rate ist fünfzehn auf hunderttausend.«

Schnell wird klar, dass Callum kein Sympathieträger ist, sondern dass er ein dunkles Geheimnis mit sich trägt. Wer möchte schon auf diesem abgeschiedenen Eiland leben, wenn er nicht vor irgendetwas davon rennt? Und so will Callum, der Protagonist und Ich-Erzähler, auch gar nicht erst ausschließen, dass er tatsächlich selbst der Mörder war. Schließlich weiß er ja, was in Glasgow vorgefallen und wozu er fähig ist. Der Leser wird lange Zeit im Dunkeln gelassen und muss zahlreiche Biere und Whiskys erdulden, bis sich ihm das ganze Drama aus Callums Vergangenheit erschließt. Doch auch der aktuelle Handlungsstrang und die Suche nach dem wahren Mörder, bei dem Callum Hilfe von unerwarteter Seite erhält, sind spannend und entfalten ihre eigene Sogkraft. Ähnlich wie die brutale Jagd nach den Walen.

Wer auf außergewöhnliche Plots und Handlungsorte steht, greift hier zu. Allerdings gibt es zumindest am Anfang einige Längen, welche aber von der beeindruckenden Kulisse aufgefangen werden.

Jörg Kijanski, Februar 2017

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harimau zu »C. R. Neilson: Das Walmesser« 24.02.2017
„Das Walmesser“ ist, wie auf dem Titel vermerkt, „ein Färöer Krimi“. Damit man nicht zu lange nachdenken muß, wo die Färöer-Inseln liegen, bekommt man es gleich auf den ersten Seiten des Romans gesagt. Überhaupt erhält man auf den ersten 197 Seiten viele Informationen über den Helden, seine Arbeit und die sonstigen Personen des Romans. Das muß so sein, schließlich sollte einer der Erwähnten am Ende der Täter sein. Man lernt auch viel über die Färöer-Inseln, das muß in dieser Fülle und Intensität vielleicht nicht sein. Die ausführlichen Schilderungen der Inseln sind so bildhaft, dass ich genau weiß: Dort werde ich nie Urlaub machen. Und in einem Krimi dem Leser erst auf Seite 198 zu verraten, wer überhaupt umgebracht wurde, das strapazierte meine Geduld ziemlich.
Auf den weiteren rund 300 Seiten entwickelt sich der Roman nach dem Muster „Irgendwie vorbelasteter Verdächtigter sucht und findet den wahren Täter“. Dass dies nicht ohne
Verrenkungen bei Logik und Plausibilität abgeht, ist klar und genretypisch. Wenn man über Lücken in der Geschichte, den etwas mürben Anfang und vereinzelte etwas zu dick
aufgetragene philosophisch-moralische Statements über Umwelt und Walfang hinwegsieht, bleibt eine recht gekonnt und ab der Mitte des Buches meist spannend erzählte Geschichte.
Wohl nicht gerade etwas für den Literatur-Nobelpreis, eher brauchbare Unterhaltung für Fans des Nordatlantiks.
Aber Vorsicht: Ich las den Roman als Vorab-Leseexemplar unter einer Palme bei wolkenlosem Himmel und angenehmer Wärme. Wer ihn im Herbst / Winter zu Hause liest, sollte
die Heizung etwas höher einstellen und eine Kanne heißen Tee bereithalten, dazu Rum oder ähnlich Hochprozentiges nach belieben. Die ausführlichen Schilderungen des auf
unterschiedlichen Arten naßkalten Wetters auf den Färöer-Inseln lassen manchmal frösteln.
Carsten N. zu »C. R. Neilson: Das Walmesser« 14.02.2017
Für mich ist dieser Krimi nahezu perfekt. Ein guter Krimi muss nicht nur aus Action bestehen, er darf gerne auch von der Gegend erzählen, in der er spielt, besonders wenn alleine diese so spannend, so interessant und den meisten so unbekannt ist. Neilsons Beschreibung der Färöer Inseln ist extrem gut, realistisch und kurzweilig und gibt dem Krimi somit eine großartige Bühne, die man im Laufe der gut 500 Seiten trotz sämtlicher Aktivitäten mit dem Walmesser ziemlich lieb gewinnt. Auch die Charaktere selbst sind authentisch und werden so fast zu Leuten, die man zu kennen glaubt. Durch deren lange unbekannt bleibenden Vorgeschichten wird ein zusätzlicher Spannungsstrang aufgebaut, der sich teilweise erst gegen Ende löst und den Leser so auf wunderbare Art nach und nach erfahren lässt, was sich denn wirklich zugetragen hat und wie das alles zusammenhängt. Und dann ist man ein wenig traurig, dass man alle wieder verlassen muss, die 18 Färöer Inseln, ihre Bewohner, deren Geschichten und deren Lebensgewohnheiten.
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