Von unbekannter Hand von Bruce Alexander

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1997 unter dem Titel Person or Persons Unknown, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: , 1701 - 1800.

  • New York: Putnam, 1997 unter dem Titel Person or Persons Unknown. 279 Seiten.
  • München: btb, 2000. Übersetzt von Elke vom Scheidt. ISBN: 3-442-72704-9. 414 Seiten.

'Von unbekannter Hand' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

London im 18. Jahrhundert – Prostituierte werden brutal ermordet …teilweise regelrecht ausgeweidet …Ein blinder Richter und sein Gehilfe wollen das Knäuel grausiger Ereignisse entwirren …

Das meint Krimi-Couch.de: »Auch dies ist er nicht, der sogenannte ´gute´ historische (Kriminal-)Roman« 50°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

London im Jahre 1770: Jeremy Proctor, ein vom Leben nicht verwöhntes Waisenkind, steht nun seit zwei Jahren im Dienste Sir John Fieldings, Richter am Gericht in der Bow Street und Chef der Bow Street Runners, der ersten regulären Polizeitruppe der Stadt. Der Fünfzehnjährige hat ein Glückslos gezogen, denn Fielding ist ein gütiger Mann, der sich darüber hinaus vorgenommen hat, seinem Mündel eine ordentliche Erziehung und Ausbildung angedeihen zu lassen. Mehr noch: Jeremy wird zum Vertrauten des Richters, zu seiner rechten Hand: Sir John Fielding ist blind.

Mit seiner Behinderung hat Fielding sich arrangiert. Sein Scharfsinn und seine Energie haben ihn in seine hohe Stellung gebracht, wo er sich eines ausgezeichneten Rufes und eines Ansehens erfreut, das alle gesellschaftlichen Schichten einschließt. Bahnbrechend sind für die noch junge Polizeibehörde Londons Fieldings ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden. Sammle aufmerksam alle Spuren und Indizien und schließe dann – und nur dann – auf den Hergang eines Verbrechens und womöglich auf den Täter: Das ist die Maxime des blinden Richters, der gern auch persönlich einen Tatort in Augenschein nimmt bzw. nehmen lässt, denn der junge Jeremy ist es, der seinem Mentor Augen und manchmal auch Ohren ersetzt und sich dabei fast unmerklich selbst zu einem gewieften Kriminalisten entwickelt.

London ist im ausgehenden 18. Jahrhundert eine Stadt, in der enormer Reichtum und unsägliche Verwahrlosung nebeneinander existieren. Die Armen haben keine Lobby; ein soziales Netz im heutigen Sinne existiert nur in kümmerlichen Anfängen. Ganze Stadtviertel haben sich in elende Slums verwandelt, in die sich selbst die Polizei nach Anbruch der Dunkelheit nur schwer bewaffnet und in Gruppen traut. Grausame Verbrechen sind hier an der Tagesordnung, doch was sich im späten Herbst des Jahres 1770 rund um Convent Garden ereignet, sprengt dennoch den Rahmen des Üblichen: Binnen weniger Tage werden mehrere Prostituierte überfallen, erstochen und zum Teil bestialisch verstümmelt. Von Mord zu Mord steigert sich die Grausamkeit des Täters, der schließlich seine Opfer in ein bizarres Puzzle aus Fleisch, Knochen und Innereien verwandelt.

Ratlosigkeit macht sich unter den Bow Street Runners breit, deren kriminalistische »Ausbildung« sich darin erschöpft, Räuber und Einbrecher auf frischer Tat zu ertappen oder Schlägereien unter Zuhilfenahme ihrer Schlagstöcke zu beenden. Der Täter schlägt zu und verschwindet spurlos in den verwinkelten Gassen der Slums, wo niemand etwas sieht oder hört oder gar mit der Polizei zusammenarbeitet. Unruhe macht sich in der Bevölkerung breit. Überall meint man den »Ripper« zu sehen; Sündenböcke werden gesucht. Bedrohlich wird die Situation für die stets beargwöhnten Juden des Viertels, zumal skrupellose Journalisten die Situation mit reißerischen Flugblättern anheizen.

In diesem Durcheinander bemüht sich Sir John Fielding, einen klaren Kopf zu behalten. Er sammelt die kargen Indizien und hofft, auf diese Weise dem Unhold auf die Spur zu kommen. Aber erst als der Täter unvorsichtig wird, gelingt dies. Doch der Ripper ist nicht wahnsinnig, sondern durchaus bei Verstand und fest entschlossen, sich seiner Verfolger zu entledigen – und das im buchstäblichen Sinne, falls nötig …

Soviel schon einmal vorweg: Auch dies ist er nicht, der sogenannte »gute« historische (Kriminal-)Roman. Obwohl sichtlich bemüht, durch sorgfältige Recherche das London des ausgehenden 18. Jahrhunderts in Beschreibung und Atmosphäre wieder aufleben zu lassen, wirkt es an vielen Stellen doch wie die Disneyland-Version einer frühneuzeitlichen Großstadt. Alexander schreibt unterhaltsame Krimis, die in der Vergangenheit angesiedelt sind. So weit, so gut, doch immer wieder scheint das Gerüst unter der Handlung hervor, was einem wirklich guten Autoren eigentlich nicht unterlaufen dürfte. Die Fielding/Proctor-Reihe setzt Alexander aus bewährten, aber bekannten Elementen zusammen wie Ford oder VW seine Autos: Obwohl sie sich äußerlich mehr oder weniger unterscheiden, stecken unter dem Blech doch immer dieselben Teile.

Nichts macht dies deutlicher als Alexanders unseliger Einfall, seine Geschichte an den historischen Jack the Ripper-Morden des Jahres 1888 auszurichten. Er datiert diese klassische Episode der Kriminalgeschichte einfach um 120 Jahre zurück – und kopiert sie anschließend bis ins kleinste Detail. Wer mit den Fakten der wahren Ripper-Morde auch nur oberflächlich vertraut ist, erkennt die Vorlage und ist verstimmt, da der Autor gar zu plump und einfallslos vorgeht.

Immerhin kann Alexander in der Figurenzeichnung viel Boden wettmachen. Natürlich ist John Fielding das Substrat unzähliger gescheiter Detektive der Kriminalliteratur, aber das traf bekanntlich schon auf Sherlock Holmes zu. Ansonsten gibt sich der Autor erfolgreich Mühe, echte Charaktere zu schaffen. Alexanders Ausflüge in die Londoner Unterschicht gelingen ihm wesentlich besser als beispielsweise seiner prominenten Kollegin Anne Perry. Wo diese höchstens mit schwatzhaften, trinkfreudigen, dummschlau-treuherzigen Zerrbildern aufwarten kann, weiß Alexander angenehm deutlich zu machen, dass mangelhafte Bildung und Intelligenzarmut auch vor 1800 nicht zwangsläufig in einem ursächlichen Zusammenhang stehen müssen. Hier können wir uns voll und ganz dem Urteil des Verfassers anschließen: »I may not be the world’s cleverest writer, but I knew a great character when he leaped off the pages at me.« Sein Pech, dass im Fall »Von unbekannter Hand« vor allem der erste Teil dieser Aussage unsere Zustimmung findet …

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Joel Zauner zu »Bruce Alexander: Von unbekannter Hand« 05.02.2004
Das Buch find ich klasse!!! Die fahigkeit zu kombinieren ist gut beschrieben.Man kann sich gut hineinversetzen.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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