Ein Fremder in Brockton von Brett Halliday

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1955 unter dem Titel Stranger in town, deutsche Ausgabe erstmals 1963 bei Siegbert Mohn Verlag.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1950 - 1969.

  • New York: Dodd, Mead, 1955 unter dem Titel Stranger in town. 180 Seiten.
  • London: Jarrolds, 1956. 159 Seiten.
  • Gütersloh: Siegbert Mohn Verlag, 1963. Übersetzt von Gerhard Stoyer. 186 Seiten.
  • München; Wollerau: Goldmann, 1968. Übersetzt von Gerhard Stoyer. 170 Seiten.

'Ein Fremder in Brockton' ist erschienen als

In Kürze:

Zufällig gerät Privatdetektiv Mike Shayne in eine missglückte Entführung; sie entpuppt sich als Höhepunkt einer Serie von Verbrechen, die eine scheinbar idyllische Kleinstadt als Spielball des Verbrechens offenbaren, dessen Nutznießer für Schnüffler und Spielverderber nur eine Kugel übrig haben … – Ein »Whodunit« im Gewand des zeitgenössisch ´modernen´ Detektiv-Thrillers: Action, Tempo und (vorgebliche) Freizügigkeiten wirken heute altmodisch, während der Plot weiterhin funktioniert.

Das meint Krimi-Couch.de: »Kleine Stadt mit großem, bösem Geheimnis« 70°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Nach einigen Urlaubstagen will Privatdetektiv Mike Shayne in seine Heimatstadt Miami zurückkehren. Die Fahrt dorthin ist lang, und Shayne kehrt in einer Bar der Kleinstadt Brockton ein, um auszuruhen. Als er seinen Drink nimmt, platzt eine junge Frau herein und bittet Shayne um Hilfe. Bevor er reagieren kann, betreten zwei Männer die Bar, schlagen den Detektiv nieder und entführen ihn, während die Frau flüchtet.

Als Shayne zu sich kommt, soll er umgebracht werden. Dass die Frau ihn völlig zufällig angesprochen hat, glauben seine Peiniger nicht. Die Killer haben die Rechnung jedoch ohne den agilen Detektiv gemacht, der sich nicht nur befreien kann, sondern auch beschließt, in Brockton zu bleiben, um Licht in die rätselhaften Ereignisse zu bringen.

Allerdings ist Shayne nicht willkommen. Er hat mit seinen Ermittlungen kaum bekommen, da wirft ihn die örtliche Polizei ins Gefängnis. Als er freikommt, rät ihm Polizeichef Ollie Hanger, Brockton umgehend zu verlassen. Dickkopf Shayne mietet sich stattdessen in ein Hotel ein und setzt seine Nachforschungen fort.

Er stößt auf eine Kette seltsamer ´Unfälle´, denen u. a. eine junge Frau und ein Assistent des Bezirksstaatsanwaltes von Orlando zum Opfer fielen. Was hatte der Jurist in Brockton zu tun, das zum Gerichtsbezirk von Orlando gehört? Der Staatsanwalt ist ratlos. Mike Shayne bringt in Erfahrung, dass: auch die Frau, die ihn in der Bar in Schwierigkeiten brachte, aus Orlando stammt! Allerdings ist ihr Name nicht Amy Butrell, wie die örtliche Zeitung behauptet. Wahr ist dagegen, dass die Frau aufgrund einer Kopfverletzung ohne Erinnerung an ihre Identität irgendwo in Brockton umherirrt. Nun wird sich herausstellen, wer sie schneller findet: Mike Shayne oder die kopfstarke Gaunerschar, die ebenfalls fieberhaft nach ihr fahndet, sich aber trotzdem die Zeit nimmt, den lästigen Schnüffler endgültig zum Schweigen zu bringen …

Rätsel-Krimi mit Action-Einlagen

Auf der einen Seite haben wir Krimi-Autoren, die auf Rätsel und Raffinesse setzen, auf der anderen Seite Schreiber, die weniger subtil vorgehen und dafür mit dem Element Geschwindigkeit arbeiten. Beides hat seine Vor- und Nachteile, wobei erstere bei geschickter Anwendung überwiegen. Es konnte somit nicht lange dauern, bis jemand auf die Idee kam, das Beste beider Welten miteinander zu kombinieren.

Michael Shayne ist durchaus ein klassischer Detektiv, d. h. jemand, der offene Fragen zu beantworten sucht, indem er Indizien sammelt, Spuren sichert und dabei einer Fährte folgt, die zur Klärung der Tat sowie zum Entlarvung des Täters führt. Das Verbrechen blüht in Brockton im Verborgenen; in der Tat bedarf es eines kriminologischen Fachmanns, um überhaupt zu entdecken, dass an sich unverdächtige Ereignisse in einen üblen Zusammenhang zu bringen sind.

Doch wir schreiben das Jahr 1955: Die Ära des »armchair detective« ist vorüber, Mike Shayne ein moderner Detektiv. Er fährt ein schnelles Auto und recherchiert mit Hilfe des Telefons. Auch das Verbrechen schläft nicht, es nutzt stets alle sich ihm bietenden Möglichkeiten. Zwischen Gut & Böse läuft ein ewiges Wettrüsten. Technik und Tempo sind dabei einigende Faktoren.

Die Welt ist schlecht, Mike Shayne aber nicht

Hinzu kommt ein rauer Ton in einer härter gewordenen Welt Dashiell Hammett und Raymond Chandler sind – auch qualitativ – die Großmeister derjenigen Schriftsteller, die ab den späten 1920er Jahren den »hard boiled detective« auf Gaunerjagd schickten. Sie verachteten und ignorierten die gemütliche Welt der altmodischen Spürnasen, sondern gaben sich nicht nur stilistisch, sondern vor allem in der Erkenntnis modern, dass zwischen dem Establishment und dem Verbrechen keine tiefe, unüberbrückbare Schlucht klafft, sondern zwischen beiden Seiten zwar geleugnete aber enge Verbindungen bestehen.

Freilich mochten nicht alle Leser diesen Weg konsequent mitgehen. Zumindest zum Feierabend schätzten sie die Illusion einer heilen Welt, in der Verbrechen sich nur so lange lohnt, bis ein Mann wie Mike Shayne ihm in die Parade fährt. Das Verbrechen wird eigentlich verharmlost: In Brockton treibt eine kleine, isolierte, böse Gruppe ihr Unwesen. Sie schadet den braven Bürgern ebenso wie den Pechvögeln, die ihr in die Quere kommen. Die Betroffenen sind keine profitierenden Verbündeten, sondern ahnungslos oder schwach. Mike Shayne übernimmt es, die Gerechtigkeit wiederherzustellen. Dazu benötigt er keinen Auftrag. Er, ein »Fremder in Brockton« ist Detektiv in eigenen Diensten. Jemand benötigt Hilfe – Mike Shayne ist zur Stelle!

Zimperlich ist er dabei nicht: »Jetzt hielt er Gene wie eine Stoffpuppe hoch, während seine rechte Faust – eintönig wie ein Kolben – in das das blutige und zerschmetterte Gesicht schlug, das nicht mehr als menschlich zu erkennen war. Er hörte erst auf, als zwei muskulöse Bundespolizisten die Tür einschlugen … Dann warf er den blutverschmierten Fleischklumpen vor ihren Füßen auf den Boden …« (S. 183) Zur Jagd auf den Verbrecher gehört in diesen modernen, für die möglichst breite Masse der Leserschaft geschriebenen Krimis das Element der Selbstjustiz: Während das Gesetz sich an festgeschriebene Regeln halten muss und deshalb ´schwach´ ist, kann der Detektiv die Methoden des Feindes übernehmen und ihm das Fell gerben, wie es der Leser insgeheim für richtig hält.

Ein Ritter in Florida

Ohnehin ist Mike Shayne nur scheinbar ein unkonventioneller Charakter. Auf den ersten Blick entspricht er dem Wunschbild – oder Klischee – eines Mannes, in dessen Rolle sich der männliche Leser projizieren konnte: groß, kräftig, gutaussehend, kein Befehlsempfänger, unverwüstlich. Shayne raucht Kette und trinkt Cognac aus Wassergläsern, was beides ohne Wirkung bleibt. Die Frauen fliegen selbstverständlich auf ihn, und Gangster können ihn verprügeln oder anschießen, ohne dass ihn dies langfristig aufhält.

Dabei kann der konservative Leser sich darauf lassen, dass Shayne seine Position nie ausnutzt. Hinter der Fassade des Lebemanns steckt ein Patriot und Ehrenmann mit einer Gesinnung, die perfekt auf die bigotten, chauvinistischen und verdrucksten 1950er Jahre zugeschnitten ist. Als Shayne die verfolgte Heldin zum ersten Mal trifft, beschreibt er sie so: »Nicht mehr als neunzehn, mit der rosenblattzarten Farbe eines jungen Mädchens, das dem Erwachsenwerden entgegenbebt.« (S. 8)

Junge Frauen sind prinzipiell »Mädchen« und werden als solche behandelt. Kein Wunder, dass es Shayne die Sprache verschlägt, als er im Zuge seiner Ermittlungen vom »Mädchen« Jeanette erfährt, das den unerhörten Standpunkt vertritt, man solle mit einem Mann VOR der Heirat schlafen, um festzustellen, ob man zueinander passt. Der diesbezüglich befragten Freundin gibt er folgenden Rat: »´Versuchen Sie geduldig zu sein, wenn Sie sich mit einem Mann verloben. Es liegen lange, lange Jahre vor Ihnen, um … das zu erleben, worauf Jeanette nicht warten wollte.´« (S. 110; die Pünktchen stehen so im Originaltext, denn vermutlich trifft der Blitz die Vorwitzigen, die das Unwort »Sex« in den Mund zu nehmen wagen!)

Muss erwähnt werden, dass Jeanette tot ist? Zwar hat dieses Ende nichts mit ihrer Lebenslust zu tun, aber Halliday weiß es so darzustellen, dass genereller Vorwitz Jeanette dorthin führte, wo nur harte Männer etwas zu suchen haben. Nachdem Shaynes Gesprächspartnerin »mit einem wissenden Lächeln« auf seinen ´Rat´ reagierte, fühlt sich der Detektiv »ausgesperrt und altväterlich«. Damit hat er Recht, ohne jedoch jemals zu begreifen, dass er anmaßend und selbstgerecht ist.

Ein Mann erledigt einen Job

Am überzeugendsten wirkt Shayne, wenn er sich das Moralisieren verkneift und seinem Job nachgeht. Brett Halliday mag ein Faible für hässliche Tode und ein aus heutiger Sicht ungeschicktes Spiel mit der ´Unmoral´ haben. Seine turbulente Geschichte bettet er jedoch in einen sorgsam ausgeklügelten Plot ein. Dieser funktioniert freilich nur in seinem historischen Umfeld. In der von GPS, Handy und Internet dominierten Gegenwart ist es schwer nachzuvollziehen, dass noch in den 1950er Jahren eine abgelegene Kleinstadt ein von der Außenwelt isoliertes Dasein führen konnte. Einem Strafzettel kann man buchstäblich davonfahren. Brockton liegt nur drei Fahrstunden von Miami entfernt, aber niemand käme auf die Idee ihm sein Knöllchen dorthin nachzuschicken. Aus den Augen bedeutet in dieser Welt tatsächlich aus dem Sinn, was für Gauner verständlicherweise von Vorteil ist.

Shayne sucht, ermittelt, stochert und irrt dabei. In diesen Passagen ist Ein Fremder in Brockton ein Krimi mit echten »Whodunit«-Qualitäten. Auf seinem verschlungenen Pfad bleibt Halliday Shayne immer auf den Fersen. Dieser überzeugt als Profi mit Köpfchen, der in der Krise den Kopf nicht einzieht, sondern Oberwasser behält, ohne sich dabei als Großmaul und Schwätzer lächerlich zu machen.

Halliday vertieft seine Figur, indem er ihr Privatleben in die Geschichte einfließen lässt, ohne sie in eine Seifenoper zu verwandeln. Ein Fremder in Brockton bleibt schlank und schnell – eine Erinnerung und Mahnung noch oder gerade für die Krimi-Autoren der Gegenwart, die von Halliday lernen können, wie man sich auf das Wesentliche beschränkt!

Michael Drewniok, Juni 2011

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