Der Tag, an dem das Feuer fiel von Brendan DuBois

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1999 unter dem Titel Resurrection Day, deutsche Ausgabe erstmals 2000 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: USA, 1970 - 1989.

  • New York: G. P. Putnam's Sons, 1999 unter dem Titel Resurrection Day. 389 Seiten.
  • München: Goldmann, 2000. Übersetzt von Thomas Haufschild. ISBN: 3-442-41640-X. 567 Seiten.

'Der Tag, an dem das Feuer fiel' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Nach der Kuba-Krise gingen die USA in einem Atomkrieg unter. Zehn Jahre später führt in dem verheerten und von den Briten bedrängten Land eine mysteriöse Mordserie zurück in die Ruinen, in denen John F. Kennedy womöglich noch immer die Fackel der Freiheit schwingt ... – Alternativer’ Historienthriller, dessen immens spannende und hervorragend erzählte Geschichte durch plumpe USA-Hurra-Patriotismen beeinträchtigt wird: ein seltsames, zweischneidiges aber lohnendes Lese-Vergnügen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Vom (US-) König unter dem (Bunker-) Berg« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Der Tag, an dem das Feuer fiel liegt eigentlich bereits ein Jahrzehnt zurück. Nachdem die Kubakrise im Oktober 1962 in einem atomaren Schlagabtausch der Supermächte USA und UdSSR eskalierte, haben sich weite Teile der Vereinigten Staaten in eine strahlenverseuchte Wüste verwandelt. Das einst mächtigste Land der Welt hängt – historische Ironie des Schicksals – wirtschaftlich am Tropf des früheren kolonialen Mutterlandes Großbritannien. Es herrscht noch immer Kriegsrecht; obwohl ein demokratisch gewählter Präsident regiert, hat das Militär als graue Eminenz im Hintergrund und Königsmacher’ für den republikanisch-konservativen Präsidentschaftsanwärter Nelson Rockefeller in Gestalt des mysteriösen Ex Luftwaffengenerals und Kriegshelden Ramsey Curtis weitgehend die Macht übernommen. Die Medien werden zensiert, die bürgerlichen Grundrechte sind eingeschränkt.

Im Jahre 1972 geht Carl Landry, Journalist des Bostoner »Globe«, dem mysteriösen Mord an einem alten Soldaten nach. Dabei rührt er an Dingen, die gewisse Kreise innerhalb des Militärs und des Geheimdienstes offensichtlich gern tief unter dem Schutt der jüngeren Geschichte begraben wüssten. Rings um Landry sterben die letzten Zeugen eines Krieges, der noch schmutziger war als dies die Schuldigen jemals an die Öffentlichkeit dringen lassen möchten. Landry wird gewarnt, dann bedroht, und als er dennoch nicht aufgibt, lassen seine unsichtbaren Gegner lebensbedrohliche Taten folgen.

Dadurch erst recht angespornt setzt Landry seine Ermittlungen fort. Ihm zur Seite steht die britische Korrespondentin Sandy Page, angeblich im Dienst der Londoner »Times«, tatsächlich jedoch ein Rädchen in der Maschinerie des ungeheuerlichen Komplotts, das Landry aufzudecken beginnt. Die Spur führt ihn quer durch ein verwüstetes Land, in die Ruinen New Yorks und wieder zurück nach Boston, während ihm die Verfolger stets im Nacken sitzen …

Polit-Horror für brave US-Leser

Washington, New York, Miami zerstört durch das Reich des Bösen, die UdSSR! Als Auslöser der Katastrophe Fidel, der bärtige Beelzebub Castro! Die USA nicht mehr das reichste, mächtigste, schönste Land der Welt, sondern mühsam am Leben gehalten ausgerechnet vom morschen, sittenverderbten Europa! (Immerhin: Die roten Sowjet-Horden konnten zuvor noch in die Steinzeit zurückgebombt werden.) Ja, das ist der Stoff, aus dem man den Vereinigten Staaten Bestseller weben kann! Hier macht der Ton die Musik, bedeutet selbst die nur fiktive Bedrohung von »God’s Own Country« für einen gewitzten Schriftsteller schon die halbe Miete.

Brendan DuBois, ehemaliger Journalist und Autor einer in den USA recht erfolgreichen Thriller-Serie um den früher für das Verteidigungsministerium tätigen Privatermittler Lewis Cole, kennt die Knöpfe, auf die er drücken muss, um seinen Landsleuten einen tüchtigen Schrecken einzujagen. Diesseits des Großen Teichs ist dies naturgemäß nicht mehr ganz so einfach. Die Kubakrise des Jahres 1962 führte zwar die Welt an den Abgrund eines Dritten Weltkrieges, ist aber heute außerhalb von Historikerkreisen in Europa längst in Vergessenheit geraten. In den USA ist dies anders, denn dort weilt gleich um die Ecke und weiterhin lebendig einer der letzten Zeugen dieser vergangenen Epoche: eben jener eingangs erwähnte Fidel Castro, der viele Jahrzehnte nach der Machtübernahme auf Kuba offiziell zwar nicht mehr das Sagen hat, sich dem nicht gerade weltmännischen Durchschnittsamerikaner aber trotzdem weiterhin ausgezeichnet als Erzkommunist und Buhmann verkaufen lässt.

Historische Sachlichkeit sollte man daher von Der Tag, an dem das Feuer fiel lieber nicht erwarten. Der Leser begegnet einer langen Reihe lieb und teuer gewonnener Klischees aus diversen Hollywood Filmen. Das kriegsverheerte New York ist beispielsweise Eins zu Eins aus dem Science Fiction Thriller Der Omega Mann (1971) übernommen (die Mutanten sind hier allerdings freundlicher). Prominente Namen aus der Kennedy Chruschtschow Castro Ära tauchen auf oder werden an passender Stelle geschickt eingeflochten. Sie verleihen dem Science Fiction Ambiente gelungene Momente fiktiver Authentizität. Die Story ist schlicht, aber sie wird rasant erzählt: Der Tag, an dem das Feuer fiel ist ein Pageturner reinsten Wassers, den man nur schwer aus der Hand legen kann. DuBois glänzt mit der Darstellung »alternativer« und nur mehr nominell Vereinigter Staaten zehn Jahre nach einer Krise, die durchaus in einem Dritten Weltkrieg hätte münden können.

God bless America! – bis zum Erbrechen

Hier liegt allerdings auch die grundlegende Schwäche des Buches: Der Tag, an dem das Feuer fiel ist nicht nur eine spannende Geschichte, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den Themen Nationalstolz und nationales Selbstverständnis. Beide nehmen die Amerikaner schrecklich ernst. Hier merkt man DuBois deutlich den inneren Konflikt an, in den ihn schon die Vorstellung eines Krieges stürzt, für den die USA mit verantwortlich sind. Und so wird sogleich differenziert: Da gibt es einen kleinen – sehr kleinen – Kreis verblendeter »böser« Kriegstreiber auf der einen und viele, viele gute’ Amerikaner auf der anderen Seite ahnungslose, unschuldige Opfer, die vom Krieg überrascht wurden, aber sogleich wahren Pioniergeist zeigten, in die Hände spuckten und damit begannen, aus dem Nichts (bzw. unter der Erde) das »richtige« Amerika, das Land der Tüchtigen, Einmütigen, Gottesfürchtigen wieder aufzubauen.

DuBois schafft es nicht einmal, seinen obersten Bösewicht, General Curtis, gänzlich zu verdammen; den Krieg hat er zwar vom Zaun gebrochen aber als guter amerikanischer Soldat sogleich wieder nach Kräften eingedämmt und treu für die Überlebenden gesorgt. Damit hat er es sich wohl verdient, im Finale nicht umzukommen oder schmählich gefangen gesetzt zu werden, sondern nach Uruguay fliehen zu dürfen er kann ja seinen Patriotismus auch dort pflegen und z. B. Alt Nazis jagen, die es in diesem alternativen Südamerika (in dessen Norden die Deutschen übrigens 1972 versuchen, eine bemannte Rakete zum Mond zu schießen natürlich vergeblich, denn das schaffen halt nur Amerikaner!) ebenfalls geben müsste.

Böse Retter – tapfere Verlierer

Lachhaft ist in diesem Zusammenhang die Charakterisierung der Briten als kaltherzige Kriegsgewinnler, die darauf brennen, die am Boden liegenden Vereinigten Staaten endlich wieder ihrem Empire eingliedern zu können. Glaubt denn in den USA oder sonstwo ernsthaft jemand daran, dass solche Träume nach 200 Jahren noch akut sind? Aber es wird sogar noch besser (oder peinlicher): Da machen sich die britischen Invasionstruppen auf in die USA einzumarschieren und beten dabei inständig, dass ein Wunder geschieht und die Amerikaner (!) – ausgerechnet ihre Opfer also – einen Weg finden mögen sie davon abzuhalten …Aber Gott weiß, was er zu tun und an seinen auserwählten Volk hat, und so geht natürlich Alles gut aus: Der »Tag der (nationalen) Auferstehung«, so der Originaltitel, kann also kommen!.

So mehren sich mit dem Fortgang der Handlung die Szenen, in denen – bildlich gesprochen – amerikanische Helden mit zitternder Unterlippe stramm vor dem knatternden Sternenbanner stehen. Das ist bei der Lektüre bald nur noch schwer zu ertragen und lenkt ungebührlich von der weiterhin spannenden Geschichte ab. Mit einem schmalzigen Schlussgag sorgt DuBois noch in letzter Sekunde für einen weiteren Misston des ansonsten rundum empfehlenswerten Thrillers, der sacht eine mögliche Fortsetzung anklingen lässt, gibt es doch Hinweise darauf, dass ER noch lebt: St. JFK, der Präsidenten-König von Camelot, das selbstverständlich ebenfalls in Amerika steht; ein Erzählstrang, der nie richtig aufgelöst wird sowie (bisher & glücklicherweise) nicht fortgesetzt wurde.

Michael Drewniok, September 2016

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