Die Tote im Sund von
Buchvorstellung
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 2001
unter dem Titel Torpeden,
deutsche Ausgabe erstmals 2004
bei btb.
Ort & Zeit der Handlung: Schweden / Helsingborg, 1990 - 2009.
- Stockholm: Prisma, 2001 unter dem Titel Torpeden. 261 Seiten.
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München: btb, 2004.
Übersetzt von Nike Karen Müller.
ISBN:
3-442-72895-9. 336 Seiten. -
München: btb, 2005.
Übersetzt von Nike Karen Müller.
ISBN:
3-442-73443-6. 333 Seiten.
'Leseprobe' ist erschienen als
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ISBN 3-442-73443-6, 336 Seiten. Copyright © Verlagsgruppe Random House
Leseprobe
Aus dem Schwedischen von Nike Karen Müller
Der kleine Zettel, aus geklebter Wellpappe und wie ein Katzenjunges geformt, war mit Bindfaden um den großen Zeh der Leiche geknotet und enthielt zweifelsohne eine Mitteilung.
Ein >tag<, wie man das in den Zeiten des ausklingenden Graffiti-Booms nannte. Es war üblich, seine Werke zu kennzeichnen. Außerdem sollte dieser Anhänger als höhnisch spottender Hinweis auf den Urheber des Werkes fungieren.
Das Bild zeigte eine Sturzwelle.
Eine üppig schäumende Brandung, die sich unbezähmbar über die glatte Wasserfläche wölbte und alles, was ihr in den Weg geriet, mitzureißen drohte, hinab in die unendliche Meerestiefe.
So weit war die Symbolik sonnenklar.
Schwieriger zu erklären waren die fünf schwarzen Punkte direkt unterhalb der Welle.
Kommissar Joakim Hill und seine Kollegen von der Kripo in Helsingborg hatten nicht die geringste Ahnung, was das zu bedeuten hatte, geschweige denn, wer sich hinter dem Absender verbarg.
Der Mörder war offenbar jemand, der sich gezwungen sah, eine Säuberungsaktion oder eine reinigende Mission auszuführen. Jemand, der sich mit den unbezwingbaren Gewalten der Natur identifizierte und nicht im Traum daran dachte, sich in seinem Anliegen durch irgendwelche armseligen menschlichen Machenschaften stoppen zu lassen.
Insofern, dachte Hill, konnte jeder x-beliebige aus einer kompletten Mannschaft von Spinnern, die in dieser Sumpflandschaft der heimischen Unterwelt mit ihren schmutzigen Geschäften herumkrochen, in Frage kommen. Jemand, der sich für genauso unverwundbar hielt wie Satan höchstpersönlich und genauso unsichtbar wie der Heilige Geist.
Hier endete die Spur abrupt.
Der Anhänger war mittels einer sorgfältig gebundenen Schleife aus gewöhnlichem, grobem Haushaltsbindfaden am rechten Fuß des blutarmen Körpers befestigt. Eine Sorte, die es in den meisten Drogeriemärkten zu kaufen gab und demnach nie zurückverfolgt werden konnte. Als die Beamten am Fundort bei einer der unzähligen Biegungen des Trimm-dich-Pfades draußen im Pålsjö-Wald eintrafen, flatterte der Bindfaden vorlaut hin und her. Als wäre der Tote ein Paket, sorgsam für den Postversand verschnürt, oder nur ein Frachtstück mit eindeutiger Adresse an die Leichenhalle.
Der Pålsjö-Wald schließt in nördlicher Richtung an das Zentrum Helsingborgs bei Sofiero an und zählt zu den beliebtesten Freizeitgebieten der Anwohner. Im Sommer gleicht er einem herrlichen Naturtempel mit grün schimmerndem, durch gigantische Baumkronen gefiltertem Licht, mit regem Treiben und gut besuchten Parkcafés. Es duftet nach Buchenlaub und frisch gebackenen Waffeln, der Klang von Drehorgelmusik und Kindergelächter schwebt bis unter die hohen Blätterdächer der Bäume hinauf.
Aber auch in den deutlich kühleren Jahreszeiten hat der Wald einiges zu bieten. Zwar ragen dann die Zweige kahl in den wintergrauen Himmel, und das Krächzen der Krähen klingt hohl wie das Gebell der Hunde, die sie aufscheuchen. Doch die Winterflaute ist nur eine Illusion, denn die Vegetation beginnt schon Anfang Dezember wieder trotzig zu sprießen, säumt üppig die Spazierwege, und es scheint, als würde das Grün hier nie ganz verschwinden. Im Sommer klettert es in die Höhe, im Winter gibt es sich damit zufrieden, den Bodenbereich zu bedecken.
Das dunkle Blut, das die Erde nun verfärbte, hatte in dieser Idylle definitiv nichts zu suchen.
Hill wurde davon ausgesprochen schlecht. Wie jedes Mal, wenn er mit einem gewaltsamen, jähen Tod konfrontiert wurde; doch inzwischen hatte er sich mit dem Gedanken abgefunden, dass das vermutlich auch so bleiben würde. Besonders in seinem Beruf war dies eine ebenso lächerliche wie unerwünschte Tatsache, die jedoch widerspiegelte, wie Joakim Hill in seinem tiefsten Innern beschaffen war.
Er hatte einen hartnäckigen Charakter und weigerte sich kategorisch, Gewalt als etwas Naturgegebenes zu akzeptieren, von dem man nicht einmal mehr Notiz nahm. Er war jemand, der es ablehnte, auf die Verteidigung der Normen des menschlichen Zusammenlebens zu verzichten, die seiner Meinung nach für eine gut funktionierende Gesellschaft sowohl notwendig als auch angemessen waren.
Zu diesen Normen zählte in keinem Fall ein Mord.
Was ihn zur Weißglut brachte, war das Fehlen jeglicher Spur des höhnischen Absenders, zumal diese Mitteilung bei weitem nicht die erste war, die der Täter verschickt hatte.
Drei weitere Opfer konnten bereits anhand der Anhänger mit diesem Verbrecher in Verbindung gebracht werden, und dennoch ließ sich nicht das Geringste über das Täterprofil sagen. Es gab zwar Theorien und Verdachtsmomente, aber keine stichhaltigen Beweise. Nicht einmal nennenswerte Indizien.
Keine einzige kriminaltechnische Spur führte zu dem jüngsten Opfer oder den drei früheren. Lediglich den sozialen Status hatten die Toten gemein. Schon von Kindheit an waren sie kriminell gewesen und hatten ihren Beitrag zur Gesellschaft konsequent auf der dunkleren Seite des Lebens geleistet.
Es ging also nicht in erster Linie darum herauszufinden, wer das jüngste Opfer war, denn das hatte man ohne größere Mühe umgehend feststellen können. Er hieß Roger Kander und war 42 Jahre alt. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr gingen diverse Fälle von Drogenkonsum, Misshandlung, Einbruch und Erpressung auf sein Konto.
Tommy »Kakan« Nilsson und Mia Fransén hatten einen zum Verwechseln ähnlichen Lebenslauf, abgesehen davon, dass Nilsson bei seinem Ableben etwas älter war als Kander, während Fransén – die unter anderem durch Prostitution ihren Drogenkonsum finanzierte – schon nach 36 Lebensjahren durch die schäumende Sturzwelle in einer Sommernacht aus dem Leben schied. Man hatte sie vor eineinhalb Jahren auf einer entlegenen Hundewiese im Norden der Stadt gefunden, doch sobald die Schlagzeilen verschwunden waren und die Fahndung nach dem Täter hoffnungslos in eine Sackgasse geraten war, wurde ihr Fall mit der Bemerkung »Bearbeitung nur bei freier Kapazität« ins Archiv verbannt. Mit »Kakans« Fall wurde später genauso verfahren.
Opfer Nummer drei war es nicht viel besser ergangen. Ken Gima aus Gambia, mit zweifelhaftem Lebenswandel. Sein Schicksal hat ihn nicht wie die anderen in Helsingborg ereilt, sondern in einer benachbarten Gemeinde. Trotzdem war der Mord in den Zuständigkeitsbereich der Helsingborger Polizei gefallen, die sich schon bald in der altbekannten Sackgasse wiedergefunden hatte.
»Freie Kapazität« war schnell kaum vorhanden, denn Joakim Hill und seine Kollegen waren in der letzten Zeit mit einigen aufreibenden Angelegenheiten beschäftigt gewesen, die besondere Maßnahmen erfordert hatten.
Eine brutale Bande aus den Oststaaten hatte in den südlichen Landesteilen ihr Unwesen getrieben und einen Lotteriebetrug sowie mehrere Opfer blutiger Morde hinterlassen. Anschließend folgte auf einen Zyanidmord auf Råå im Laufe eines Tages ein zweiter, so dass höchste Eile geboten war, um einen dritten zu verhindern. Glücklicherweise hatte die Spurensuche ausgezeichnet funktioniert und die richtige Richtung für die Fahndung konnte unmittelbar eingeschlagen werden.
Nur dieser aktuelle Fall gab nichts her. Nada, niente – nicht die geringste Spur von einem Indiz. Aber der modus operandi war im Großen und Ganzen identisch.
Ganz offensichtlich war hier ein Profi am Werk.
Keine der Leichen war nackt, wurde mehr Gewalt ausgesetzt als erforderlich oder auf andere Weise misshandelt.
Aber sie wurden alle erdrosselt.
Wahrscheinlich mit einem dünnen Metalldraht, der – nach Aussage der bisherigen Analyse – durch geschicktes Applizieren die Kehle effektiv durchtrennt hatte.
Kriminaltechniker Johan Anderberg hatte bei diesem Anblick lautstark geflucht.
»Diese Methode macht mich noch wahnsinnig! Sie hinterlässt weder Pulverspuren, Patronenhülsen noch den geringsten Blutspritzer des Täters! Die einzig nahe liegende Vermutung ist die, dass es keine Frau ist, aber selbst das ist eigentlich völlig vage!«
»Trotzdem – dass es sich um einen Mann handelt, ist noch die vernünftigste Hypothese«, entgegnete Hill.
»Okay, nehmen wir an, es ist ein Mann, der sich die ganze Zeit hinter seinem Opfer befindet. Durch den anhaltenden Blutstrom kann er dem Kampf zuvorkommen, denn innerhalb weniger Sekunden wird das Opfer durch den Blutmangel im Hirn bewusstlos – wenn es nicht schon durch den Schock ohnmächtig wird -, und es gibt kein langwieriges Gerangel. Viel zu kurz, um uns mit dem Material zu versehen, das wir brauchen. Nein, beim besten Willen, gib mir verdammt noch mal eine normale Schusswunde, an der ich arbeiten kann!«
Und dann war da noch die Sache mit dem rechten Schuh und der Socke. Beide waren sorgfältig entfernt und neben die Leichen gestellt worden, an deren großem Zeh der Anhänger prangte. Festgeknotet von Händen, die vermutlich Latexhandschuhe getragen und auch keine Spur hinterlassen hatten.
Außerdem wurden alle drei Morde in häufig frequentierten Naherholungsgebieten verübt, an Orten, die täglich von verschwitzten Joggern, Schulklassen, die etwas über die Bäume und Sträucher lernen sollten, und von vielen anderen Leuten aufgesucht wurden. Eine riskante Dreistigkeit, die dem professionellen Mörder einen großen Vorteil verschaffte. Wer sollte in diesem Nebel von falschen und richtigen Fährten noch eine wirkliche Spur finden?
Und der Anhänger, das einzig Fassbare in dem ganzen Elend, hatte zu gar nichts geführt. Keine DNA, RNA oder andere brauchbare Indizien wurden im Laufe der Untersuchungen hervorgezaubert. Obwohl sich schon öfter ein Erfolg hatte verbuchen lassen, konnte man das geklebte Pappstück nicht genauer identifizieren – nur, dass es wohl aus dem Ausland stammte, Gott weiß, woher!
Jetzt hatten sie auch noch den Kander-Fall am Hals. Für die Presse, die in ihren Archiven grub und sich SERIENMÖRDER IN SKÅNE UNTER VERDACHT! auf die Fahnen schrieb, ein gefundenes Fressen. Einige Kolumnisten warfen spitz die Frage auf, die bei solchen Gelegenheiten immer im Raum stand: Was tut eigentlich die Polizei?
Um die Wahrheit zu sagen, gab es genügend Momente, in denen sich sogar Joakim Hill selbst fragte, wie dieses Rätsel um die regelrechten Hinrichtungen jemals gelöst werden könnte. Und mindestens genauso viele Augenblicke, in denen er hoffte, dass seine und Catharinas Hochzeitspläne in der nächsten Woche nicht beeinträchtigt werden würden.
So auch jetzt, als er leicht nervös mit einem goldversiegelten Einladungsschreiben in der Tasche vor dem Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik von Lund auf Dozent Bengt Månsson wartete.
Etwas ängstlich, weil er einerseits hoffte, dass der andere so stilvoll wäre und die Einladung dankend ablehnen würde, andererseits, weil er entgegen jeder Vernunft wünschte, dass der Dozent ihm einen kleinen Hinweis in Sachen Roger Kander geben könnte.
Hill hoffte, dass die Obduktion wenigstens irgendeine brauchbare Information hergab. Aber die Chance war nur gering, denn bei den anderen Fällen hatte sich dabei auch nichts ergeben.
Die Tür zum Obduktionssaal öffnete sich, und Månsson trat heraus. Er wusste, dass Hill nicht gerne bei der Obduktion zugegen war, während sich andere geradezu darum rissen. Månsson vermutete, dass sich ein fehlgeleitetes Machogehabe dahinter verbarg. Hill wollte lieber das Resultat im Anschluss mündlich geliefert bekommen, und Månsson war das mehr als recht. Es gab genügend sture Typen, die wie überhebliche Besserwisser hereinstolzierten und hinterher ganz klein mit Hut und Mappe wieder herauskamen.
Månsson war es lieber, wenn die Leute ablehnten; sie konnten ja doch nichts zur Analyse beisteuern. In diesem Fall war es reine Zeitverschwendung gewesen, denn er konnte Hill kaum etwas mitteilen, was dieser nicht schon selbst wusste.
»Tja«, sagte er und trocknete sich die frisch gewaschenen Hände an einem Papierhandtuch ab. »Der Mann starb eindeutig einen Tod durch Erdrosseln. Wie bei den anderen auch deutet die Schnittfläche darauf hin, dass ein Metalldraht verwendet wurde. Die Einschnitte wurden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in großer Eile ausgeführt, und die Spektralanalyse der Wundfläche ergibt eine derart glatte Schicht, dass ich eher auf einen feinen Metalldraht als auf Plastik schließe, denn Plastik hinterlässt viel ausgefranstere Kanten.«
Hill seufzte, denn er hatte nichts anderes erwartet.
»Ich habe allerdings noch Proben in die Analyse geschickt«, fuhr Månsson fort, »um zu klären, ob an dem fraglichen Draht Reste eines bestimmten Deckmetalls haften. Wenn ja, könnt ihr eventuell herausfinden, wo er hergestellt wurde.«
»Und sonst?«, fragte Hill abwesend.
»Na ja, das Übliche eben. Er war sofort tot, das sieht man an der Hypostase, also wie das Blut koaguliert ist ...«
»Verstehe. Und wie lange . . .?«
»Als er gefunden wurde, war er bereits zwischen sechs und acht Stunden tot.«
Hill hatte während der kurzen Rekapitulation sein Gegenüber gemustert. Månsson hatte in den Augen vieler einen grauenhaften Job, doch man konnte ihm das nicht ansehen. Er sah eigentlich sogar gut aus, musste Joakim sich eingestehen. Spitzbübischen Charme hatte er auch, das war das größte Problem.
Er kannte nämlich Hills zukünftige Ehefrau Catharina Elgh um einiges länger als Hill selbst.
Seine gut gebaute, durchtrainierte, geschmeidige Catharina, die, obwohl im vierten Monat schwanger und 35 Jahre alt, wie ein junges Mädel aussah. Nicht besonders groß, sie maß knapp ein Meter sechzig in Socken. Die in ihrer Kurzhaarfrisur mit den blonden Strähnchen und ihren graublau glänzenden Augen so herrlich selbstbewusst aussah.
Sie und dieser Bengt hatten mehrere Jahre hier in Lund zusammen Medizin studiert!
Während Bengt Månsson schneller vorangekommen war und sich früh für eine Karriere in der Gerichtsmedizin entschieden hatte, hatte Catharina einen anderen Schwerpunkt gewählt, so dass sich ihre Wege unweigerlich getrennt hatten. Catharina hatte auf Ethikkurse und wissenschaftstheoretische Orientierung gesetzt, was ihrer späteren Laufbahn als Allgemeinmedizinerin sehr zu Gute kam. Dass sie nun Joakim heiraten und zu ihm nach Helsingborg ziehen würde, um ihr gemeinsames Kind zur Welt zu bringen, versetzte sie sowohl gefühlsmäßig wie auch geografisch eindeutig außer Reichweite von Månssons enervierender Ausstrahlung.
Was hatte Hill also zu befürchten?
Er selbst war ebenfalls ein Mann in den allerbesten Jahren. Noch 39 Jahre alt, doch Mitte März schon bereit, die magische Vierzigergrenze zu überschreiten. Er erwartete keine größere Krise, denn für die hätte er sowieso keine Zeit. Er war normal gebaut, vielleicht etwas größer als der Durchschnitt, und hatte kastanienbraunes Haar. Eventuell sah er dem Schauspieler Thommy Berggren in jüngeren Jahren ähnlich, denn manche Frauen behaupteten, er habe dieselben sinnlichen dunklen Augen wie jener. Tatsächlich hatten ein paar Spaßvögel im Präsidium ihn in Anlehnung an Berggrens Rolle »Joe Hill« getauft, doch während der Schauspieler charismatisch strahlte, war der Kommissar eher zurückhaltend freundlich. Catharina gab sich damit gottlob zufrieden!
Dennoch ließ sich nicht völlig ausschließen, auch wenn Joakim Hill es gerne so gewollt hätte, dass sich die beiden ehemaligen Kommilitonen auf die eine oder andere Weise auch heute noch sehr mochten. Wahrscheinlich war das einfach unbegründete Eifersucht, Hill war sich dessen manchmal selbst bewusst. Doch er hatte so viele lange Jahre darauf gewartet, dass Catharina in sein Leben treten würde, dass er es jetzt, wo es tatsächlich passiert war, kaum fassen konnte. Eine innere Unsicherheit blieb.
Er ging lieber etwas auf Distanz zu dem Dozenten. Trotzdem blieb ihm keine Wahl; er musste das tun, worum sie ihn gebeten hatte, als sie gestern Abend erfuhr, dass er im Institut für Rechtsmedizin etwas zu erledigen hatte. Umständlich nestelte er an seiner Jackentasche, blieb mit dem Daumen in dem offenen Taschenschlitz hängen und benahm sich so, als würde er schon vor dem Altar stehen und verzweifelt nach dem goldenen Ring suchen. Schließlich förderte er das leicht geknickte Kuvert mit Golddruck zu Tage und überreichte es Månsson mit innerlich gekreuzten Fingern.
»Nun ja«, murmelte er angestrengt, »wir würden dir gerne diese Einladung zu unserer Hochzeit überreichen. Sie kommt vielleicht etwas spät, aber es wird ohnehin keine großen Feierlichkeiten geben, und wir haben vollstes Verständnis dafür, wenn du keine Möglichkeit siehst . . . besonders bei so kurzfristiger ...«
Neugierig riss Bengt Månsson den Umschlag auf. Die meisten, die er öffnete, trugen Universitäts- oder Institutswappen in tristschwarzer Typografie, da stellte dieser hier eine willkommene Abwechslung dar. Schnell überflog er den Inhalt, während sich Hills Finger so fest ineinander krampften, dass man es bis zu den Kieferknochen sah.
Doch es half kein bisschen.
Das Gesicht des Dozenten hellte sich freudig auf, und er lachte eines seiner vielen ekelhaften, unwiderstehlichen Lachen.
»Diesen Samstag, der dreißigste?«, versicherte er sich. »Das passt mir außerordentlich gut! Sag Catharina, dass ich sehr gerne komme!«
»Ah«, räusperte sich Hill, »äh . . . ja, sehr schön.«
Der Dozent, ein viel beschäftigter Mann, war schon wieder auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz. Aufmunternd winkte er Hill mit der Einladung zu, bevor die Schwingtüren hinter ihm zuschlugen.
»Absolut, klar! Tausend Dank für die Einladung – dann bis Samstag!« Und bis auf die Hinweise, die sich Hill selbst schon ausgerechnet hatte, hatte der Rechtsmediziner nichts zu bieten gehabt.
