Bird lives! von Bill Moody

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1999 unter dem Titel Bird lives, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Unionsverlag.
Folge 4 der Evan-Horne-Serie.

  • New York: Walker, 1999 unter dem Titel Bird lives. ISBN: 0802733271. 248 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2006. Übersetzt von Anke Caroline Burger . ISBN: 978-3293003569. 262 Seiten.
  • Zürich: Unionsverlag, 2007. Übersetzt von Anke Caroline Burger. ISBN: 978-3293203921. 253 Seiten.

'Bird lives!' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Der Jazzpianist Evan Horne ist wieder zurück in der Musikszene. Nach einer einjährigen Zwangspause aufgrund seiner verletzten Hand wird ihm direkt nach seinem Comeback-Auftritt in L.A. ein Plattenvertrag angeboten. Doch sein Glück ist nur von kurzer Dauer, denn das FBI bittet ihn um Mithilfe bei der Aufklärung einer Mordserie an bekannten Musikern.
Ist es ein besessener Fan oder ein eifersüchtiger erfolgloser Musiker, der am Tatort Aufnahmen mit der Jazz-Legende Charlie Parker, eine Vogelfeder und die Botschaft »Bird lives!« hinterlässt? Soll Evan Horne seinen Plattenvertrag und somit seine Karriere gefährden, indem er dem FBI bei den Ermittlungen hilft? Dass eine Agentin beim FBI, Andie Lawrence, ebenso intelligent wie attraktiv ist, macht ihm die Entscheidung nicht leichter. Da erhält er einen anonymen Anruf, und ihm wird ein unheimlicher Deal vorgeschlagen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine Hommage auf den Bebop
Oder: Mainstream-Jazz bringt einen um!« 88°Treffer

Krimi-Rezension von Bernd Neumann

Die Berufung von Bill Moody ist der Jazz. Er nutzt die weltweite Popularität der Kriminalliteratur geschickt als Mittel zum Zweck: Von Buch zu Buch einem lesebedürftigen Publikum unermüdlich den Jazz vom Swing bis Bebop nahe zubringen und Neugierde bei potentiellen Seiteneinsteigern zu wecken.

Die wohl bedeutendste und neben dem Blues amerikanischste aller stilbildenden Musikrichtungen droht im heute angesiedelten Brei des Mainstream von Smooth bis Lounge zu verdümpeln.
Dagegen kämpft Moody auf hohem literarischen Niveau, höchst unterhaltsame Weise und mit brillanter Sach- und Fachkenntnis an wie ein Don Quichotte des Modern Jazz. Danke für dieses bewundernswerte Engagement, Mr. Moody!

Auch Evan Horne, der positive Hauptakteur im Kriminalroman »Bird lives!«, ist Jazzmusiker mit Leib und Seele. Auch er hat den Jazz aufgesogen wie ein Schwamm: Erfolgreiches Pianostudium, eine umfangreiche Tonträgersammlung seiner großen Vorbilder und erstklassige Hintergrundinformationen machen ihn zu einem sympathischen Vollblutmusiker und Jazz-Guru.

Dann der Alptraum: Ein schwerer Unfall zertrümmert dem Pianisten die rechte Hand. Django Reinhardt entwickelte nach vergleichbarem Fiasko seinen eigenen Gitarrenstil, für Evan sind eiserner Wille und Training der lädierten Muskeln, Sehnen und Gelenke der Weg zum Come-back. Nachdem er -zigtausendmal den Tennisball malträtiert hat, steht er nach einem Jahr wieder auf den Brettern, die für ihn die Welt bedeuten. Nicht in irgendeinem überdachten Einkaustempel als unauffällig vor sich hin klimpernder Backgroundmusiker, sondern im rauchfreien kalifornischen Club der »Jazz Bakery«:
»Manche Leute schwören, dass sie immer noch den Duft von frisch gebackenem Brot riechen.«
Ein Eldorado für Jazzmusik interessierte Leute:
»Keine Bar, keine Kellnerinnen, kein Jaulen von Mixern, mit denen Margaritas gemischt werden«.

Der stützende, fingerlose Latexhandschuh an der rechten Hand gibt auch moralischen Halt. Das spontane Trio in klassischer Besetzung mit Schlagzeug, Kontrabass und Evans Klavier versteht sich (wie es sich für Jazzprofis gehört) blind, und der Auftritt wird ein schöner Publikumserfolg. Evan Horne ist wieder da.
Krönung des Abends ist die Anwesenheit des Managers eines kleinen, aber feinen Plattenlabels, der spontan einen Studiotermin anbietet. Der Neuanfang scheint mit dem sich anbahnenden Plattenvertrag geebnet: Endlich wieder Jazz, endlich wieder Swing und Bebop von und mit Evan Horne – das Leben kann so schön sein!

Jedoch nicht von allzu langer Dauer, denn Horne wird von seiner Vergangenheit eingeholt.

Danny »Coop« Cooper ist Lieutenant bei der Mordkommission und seit langer Zeit mit Horn befreundet. Schon mehrfach konnte er dessen Kenntnisse in der Jazz-Szene, diesem inspirativen und zugleich selbst zerstörerischen Gebräu aus »Sex and Drugs and Alcohol« zur Lösung schwieriger Fälle nutzen (nachzulesen im Unionsverlag in chronologischer Reihenfolge: »Solo Hand«, »Moulin Rouge, Las Vegas« sowie noch nicht ins Deutsche übersetzt »Sound of the Trumpet«.

Und prompt folgt Horne dem Ruf seines Freundes zum Tatort:

»Die Künstlergarderobe ist mit Klamotten und Bierflaschen übersät. Der Schminktisch vor einem großen Spiegel mit hellen Glühbirnen rundherum ist mit den Spuren eines weißen Pulvers bedeckt. Ich starre bereits hin, bevor Coop etwas sagen kann.
Die Buchstaben sehen aus, als ob sie noch nass wären, an einigen Stellen haben sie getropft. Es könnte Farbe oder Nagellack sein, aber ich weiß, dass es Blut ist.
Zwei Worte sind quer über den Spiegel geschmiert: Bird lives!
«Charlie Parker, richtig?», sagt Coop.«

 Offensichtlich: Am Tatort hat der Täter verklausulierte Tonaufnahmen der Altsaxofon-Legende, des Bebop-Genialisten Charlie »Bird« Parker hinterlassen, eine weiße Vogelfeder liegt versteckt im Saxofonkoffer. Und natürlich das Spiegelsignum, welches auch von seinen Fans an viele Häuserwände verewigt wurde, als Parker 1955 als »Bird of Paradise« endgültig abstürzte und – gezeichnet von seinem exzessiven Leben – im Alter von 34 Jahren elendig verreckte.
(»Bird of Paradise« wurde übrigens am 08.05. 1947 in New York City gemeinsam mit Miles Davis (tp), John Lewis (p), Bud Powell (p), Tommy Potter (b) und Max Roach (d) in Vinyl gepresst. Die Besetzung klingt wie das »Who is Who« des Bebop.

Ist der Täter ein Rächer des Bebop und Gegner des angesagten Smooth-Jazz, bei dem man weniger mit musikalischem Können als mit schwülstigem Glanz und Glamour die schnelle Kohle zu machen ist? Ist es ein abgewiesenes, enttäuschtes Groupie oder ein erfolgloser, neidischer Musiker?

Als dieser Mord sich zur Mordserie entwickelt, merkt der FBI schnell, dass die Klärung des Falles Insiderwissen voraussetzt, und schon hängt Evan Horne wieder mittendrin. Er wird um aktive Unterstützung bei strengster Geheimhaltung gebeten, obwohl er sich eigentlich nach erfolgreichem Live-Auftritt mit funktionierendem Trio und festem Studiotermin auf Plattenproduktion und eine Tournee vorbereiten wollte! Das Leben könnte so schön sein!

Und jetzt nimmt die Dramatik dieses Krimis seinen unabwendbaren Lauf: Seine Freundin fühlt sich durch die angeordnete Geheimhaltung über den Ermittlungsstand ebenso hintergangen wie über den Einsatz der gut aussenden FBI-Agentin Andie Lawrence, die Horne zur Seite gestellt wird: »Ihre Finger fliegen im Oscar-Peterson-Tempo über die Tastatur« – s.S. 67. Horne selbst pendelt unablässig zwischen Aufnahmeproben, näher rückendem Studiotermin und Mithilfe zur Lösung der Mordserie zerrissen hin und her. Auch er lehnt den seichten Smooth-Jazz zutiefst ab, spürt jedoch, das diese brutale und ausgeklügelte Mordserie aufgeklärt werden muss, schnellstens.

Zusätzlich belastend für Horne ist auch die beklemmende Angst, zwischen 2 Frauen alles falsch zu machen und die Kontrolle über die Gesamtsituation zu verlieren, irgendwann bei diesem artistischen Spagat als totaler Verlierer von der Matte gehen zu müssen! Mitten aus dem Leben, jeder kennt vergleichbare Situationen.

In diesem ganzen Schlamassel erhält Horne einen anonymen Anruf des vermutlichen Täters und den Vorschlag zu einem befremdenden Deal: »Stillhalten«, d.h. Stand By – Status für zukünftige Morde, wenn Jazzspezialist Evan Horne sich um etwas kümmert, was nur ihm erfolgreich zugetraut wird.

FAZIT: »Bird lives!« ist nicht nur eine spannende und flüssige Krimi-Empfehlung, sondern ein MUSS für jeden Jazz-Fan und all’ diejenige, die es werden wollen.

Wir erfahren viel über die Altväter des Jazz, als Schellack noch ausreichend für Plattenproduktionen genutzt und nicht für die amerikanische Aufrüstung im 2. Weltkrieg zweckentfremdet wurde (was übrigens gleichbedeutend mit dem Ende der 16-köpfigen Big-Bands war).

Autor Bill Moody ist selbst studierter Jazzdrummer und ein Botschafter des Bebop, jener avantgardistischen Spielweise der 50er Jahre, die von hervorragenden Musiklegenden geprägt wurde und sich bei denen brav im Nachwort bedankt. Auch bei Charlie Parker.

Als krönendes Buchfinale setzt Moody in diesem Krimi dann noch Miles Davis mit Zitaten aus seinem phantastischen Album »Kind of Blue« (Columbia Studio New York, 02.03. und 22.04. 1959: Miles Davis/tr, Julian »Cannonball« Adderley/as, John Coltrane/ts, Wynton Kelly/p, Bill Evans/p, Paul Chambers/b, Jimmy Cobb/dr) ein Denkmal. Diese Platte wird übrigens lt. FOCUS in die Liste der 75 stilbildendsten CD’s der gesamten Rock- und Popmusik der vergangenen 50 Jahre eingeordnet!!

Vielen dieser Ikonen begegnet Kettenraucher Evan Horne auf der Spur zum Täter und dessen ständigem, überheblichen Katz-und-Maus-Spiel. Der gefesselte Leser kann bei so hintergründigen Informationen der Versuchung kaum widerstehen, ständig am Plattenregal rumzufummeln (oder bei eBay) zuzukaufen.

Und noch eine Bemerkung: »guter Jazz« ist mehr als nur voluminöse Blechmusik, die jede künstliche, elektronische Verstärkung überflüssig macht, sondern auch eine Form bedenkenswerter Lebensart:
Da treffen sich exzellente Musiker, jeder ein Individualist auf seinem Spezialinstrument, um freiwillig und spontan mit viel Lust und Liebe in einer Session oder im Studio ein möglichst perfektes Produkt zu schaffen. Man einigt sich auf das machbare Repertoire. Dann wird bei den ausgewählten Stücken das jeweilige musikalische Grundthema gemeinsam und aus einem Guss zelebriert und beim Publikum verinnerlicht. Unauffällige Blickkontakte und Zeichensprache sind Auslöser der Soloauftritte. Diese gehen nahtlos ineinander über, der ehemalige Solist nimmt sich selbst zurück und wird wieder Bestandteil im unterstützenden Backgroundteam. Und nachdem jeder sein Können zeigen durfte, findet man sich zumeist beim anfangs gespielten Grundthema in einem gemeinsamen furiosen Finale wieder.
»Gemeinnutz geht vor Eigennutz«, Ferdinand Lassalle hätte seine Freude.

Eine Lehrstunde für angenehme Alltagssozialisierung im 21. Jahrhundert. Oder wie Paulchen Kuhn mal gesagt haben soll: »Das ganze Leben ist Swing«. Oder sollte es zumindest sein. Bill Moody hilft uns dabei, dieses Gefühl zu kapieren.

Und auch das Team der metro-Reihe im Unionsverlag muss einfach Erwähnung finden: Herausgeber Thomas Wörtche für die kriminalistische Spürnase, mit sensiblen und authentischen Werken aus fernen Welten immer wieder mutig unser eigenes Blickfeld zu erweitern; Anke Caroline Burger für die phantastisch swingende Übersetzung (wann wurde das vom Aussterben bedrohte Wort »zwirbeln« in den letzten Jahren jemals so treffend eingesetzt?), die sich damit zu Recht nicht nur eine lapidare namentliche Erwähnung, sondern kurze Darstellung ihres bisherigen Werdegangs echt verdient hat; der stimmungsvolle, kauflustig machende Einbandentwurf von Mosaic Images/Corbis. Und nicht ein einziger bemerkter Druckfehler!

Das ist Teamwork – so ist Jazz!

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henry zu »Bill Moody: Bird lives!« 24.01.2011
Der Bebop ist im Jazz seit geraumer Zeit nurmehr eine historische Zeiterscheinung, nur eben etwas jünger als seine Vorgänger Swing oder Oldtime. Ihn in Zusammenhang mit "Avantgarde" zu bringen läuft an der musikhistorischen Wirklichkeit vorbei; auch wenn Bebop etwa immer noch Grundlage der meisten Jazzsessions weltweit sein dürfte. Wer darüber jammert, dass (Jazz-) Standards, die einst Standards im Jazz setzten nunmehr zum standardisierten Kulturgut degeneriert sind, sollte sich darüber im klaren sein, dass dies für den Bebop genauso gilt wie für alle anderen Jazzspielarten, selbst die, welche nach ihm kamen.

Desungeachtet geben Moodys in ihren musikalischen Passagen ein durchaus interessantes, wenn auch zutiefst romantisierendes Bild dessen wider, was beim "Jazzen" eigentlich so passiert im Musiker und seinem Zusammenspiel mit den Kollegen.
kuerten zu »Bill Moody: Bird lives!« 01.05.2008
Neben einem überaus spannenden und kniffligen Kriminalfall nimmt Autor Moody hier die Vertreter des elektrisch aufgepeppelten, modernen Jazz, allen voran Kenny G. auf die Schippe. Immer wieder herrlich, mit wie viel Boshaftigkeit der Autor über die Vergewaltiger der hemdsärmeligen und einzig wahren Jazzmusik herzieht.
Es ist zwar nur schwer vorzustellen, dass das FBI einen Jazzmusiker zur Lösung eines Falles hinzuzieht, oder aber ein Serienmörder für guten Jazz töten kann, aber Bird lives! funktioniert trotzdem. Für mich ein Zufallstreffer, der mir Geschmack auf mehr von Moody gemacht hat.
3 von 3 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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