Die Drachen von Montesecco von Bernhard Jaumann

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 bei Aufbau.
Ort & Zeit der Handlung: Italien, 1990 - 2009.
Folge 2 der Montesecco-Serie.

  • Berlin: Aufbau, 2007. 278 Seiten.
  • Berlin: Aufbau, 2008. 278 Seiten.

'Die Drachen von Montesecco' ist erschienen als

In Kürze:

Das beschauliche Leben in Montesecco gerät durcheinander, als sich der alte Benito Sgreccia drei Huren aus Rom kommen lässt, drei Tage hemmungslos prasst, sich am vierten Tag in den Herbstwind setzt und stirbt. Nur Gianmaria Curzio, der den Tod seines besten Freundes schwer verkraftet, vermutet ein Verbrechen und forscht nach. Als bekannt wird, dass der Tote ein unbegreifliches Millionenvermögen hinterlassen hat, wittern die anderen Dorfbewohnern die Chance auf ein Leben in Luxus. Kurz darauf wird der achtjährige Sohn Catia Vannonis entführt, ein verschlossener Junge, der nur mit seinen Papierdrachen glücklich ist. Jeder im Dorf fragt sich, wer der Kidnapper ist, der Sgreccias Millionenerbe erpressen will. Einen Mord und viele Verdächtigungen später weist ein Papierdrachen am Himmel den Weg zum Entführer.

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Nachfahren von Don Camillo und Peppone« 90°Treffer

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Zum zweiten Mal führt uns Bernhard Jaumann in das kleine idyllische italienische Bergdorf Montesecco, das gerade einmal fünfundzwanzig Einwohner zählt. Mit zweiundachtzig Jahren ist Benito Sgreccia der Älteste unter ihnen. Natürlich kennt hier jeder jeden, und so glaubte man auch, Benito Sgreccia zu kennen. Doch staunte man nicht schlecht, als Benito eines Tages mittels einer großzügigen Spende das leerstehende Pfarrhaus mietete und dieses mit luxuriösen Möbeln, Wasserbett, Klavier, Billiardtisch und Großbildleinwand einrichtete. Dann lieferte ein Feinkostservice kistenweise Gaumenfreuden an und schließlich trafen noch drei langbeinige Schönheiten ein, die die staunenden Zuschauer zunächst für Filmstars oder Fotomodelle hielten, die aber – wie sich später herausstellte – Edelnutten aus Rom waren.

Drei Tage lang vergnügte sich der alte Herr, dann fand man ihn friedlich in seinem Liegstuhl liegend. Sein Leben war zu Ende. Man tat Benitos letzte Aktion als Spinnerei eines alten Mannes ab, der sein Leben noch einmal genießen wollte, bevor es zu Ende geht. Dann aber fand man im Nachlass des Toten einen Safe, in dem größere Mengen Bargeld und Sparbücher lagerten. Benitos Sohn Angelo und dessen Frau Elena durften sich auf ein Erbe von insgesamt fünfeinhalb Millionen Euro freuen. Eine Summe, von der sich keiner erklären konnte, wie Benito dazu kam.

Mißtrauen und Gier

Doch die Vorfreude des Paars währte nicht lange, denn dann taucht ein Testament auf, das Angelo praktisch enterbt und fast das gesamte Vermögen dem Barbesitzer Ivan Garzone – nicht unbedingt ein enger Vertrauter des Verstorbenen – zuspricht. Dieser kann sein Glück kaum fassen, träumt er doch bereits seit langem davon, ein Windkraftwerk zu errichten, das dem gesamten Ort Montesecco zugute käme. Aber so schnell lassen sich seine Illusionen nicht verwirklichen, denn Angelo will das Testament anfechten.

Natürlich wittern die anderen Dorfbewohner ihre Chance, daß auch für sie etwas von dem Millionensegen abfallen könnte. Als der achtjährige Minh, Sohn der Dorfbewohnerin Catia Vannoni und Meister im Bauen von Papierdrachen, plötzlich verschwindet, verdächtigen sich die Einwohner gegenseitig. Will da etwa jemand einen Teil der Millionen als Lösegeld erpressen? Lange Zeit tappt man im Dunklen, doch dann trifft wirklich eine Lösegeldforderung in Höhe von zwei Millionen Euro ein. Doch woher soll die Mutter soviel Geld nehmen, wenn nicht aus dem noch immer nicht zugeteilten Millionenerbe?

Der Einzige, der sich nicht am aufkommenden Geldrausch beteiligt, ist der »neue Dorfälteste« Gianmaria Curzio. Für ihn ist klar, dass sein Freund Benito ermordet wurde. Und wenn dies sonst keinen interessiert, dann klärt er es eben alleine auf.

Corporate Identity

Eigentlich wartet man die ganze Zeit darauf, dass Don Camillo oder Peppone auftauchen, aber das Fehlen eines Priesters und eines Bürgermeisters ist das wenige, das Montesecco von dem kleinen Dorf aus Giovanni Guareschis Romanen unterscheidet. Wenn auch die politische Komponente eines Guareschi bei Jaumann fehlt, so liegt den liebenswerten Bewohnern von Montesecco ebenso viel wie bei ihm daran, die sozialen Probleme ihrer Gemeinschaft zu lösen. So sucht man nach einer »Corporate Identity«, die das kleine Dorf weit über seine Grenzen hinaus bekannt machen soll. Die finanziellen Grundlagen für ein solches Unterfangen sind ja nun gegeben.

Sollte am Ende wirklich der Wind den Ort bekanntmachen? Die acht Kapitel des Buches hat der Autor sämtlich mit dem Namen von Mittelmeerwinden betitelt, dabei ist die Handlung alles andere als vom Winde verweht. Es ist viel eher so, daß nur ein zarter Hauch durch die Geschichte bläst. Mit viel Humor und Augenzwinkern erzählt der Wahl-Italiener Bernhard Jaumann eine Geschichte, die im Prinzip doch ziemlich ernst ist. Einfühlsam beschreibt er das Leben der Leute in Montesecco mitsamt ihren Problemen und zeigt, wie die Menschen mit diesen umgehen. Nur langsam bilden sich die Charaktere heraus, doch bis man am Ende des Romans – das man überhaupt nicht herbeisehnt – angelangt ist, glaubt man, sämtliche Bewohner des Dorfes persönlich zu kennen.

Kein Mikrokosmos

Es scheint fast so, als bliebe die Handlung in einem Mikrokosmos angesiedelt, doch dem ist nicht so. Es führen zahlreiche Handlungsstränge in diesen fast abgeschlossenen Ort hinein und auch wieder hinaus. Die Mafia spielt eine Rolle, ein Privatdetektiv, ein Börsenmakler und auch der Weg bis zu den Prostituierten in Rom ist nicht zu weit. Schließlich scheint auch noch ein Märchen in die Handlung eingeflochten zu sein, als dem Afrikaner Mamadou ein Wunder widerfährt.

Der Autor kommt in diesem Kriminalroman – dies ist nur eine der möglichen Bezeichnungen für dieses Buch – fast gänzlich ohne Polizisten aus und auch die Verbrechen – sofern denn überhaupt welche vorliegen – treten nicht gleich offen zutage. Jaumann setzt nicht auf Action und Paukenschläge, sondern auf subtile Spannung. In Zwischenintermezzi schildert er den Dialog zwischen dem Ich-Erzähler und einem kleinen Jungen. Zunächst scheint es so, als führe hier ein Kriminalbeamter ein Verhör mit einem entführten Kind nach dessen Befreiung, doch nach und nach kristallisiert sich hier eine völlig andere Situation heraus.

So bleibt nicht nur ein Whodunit-Krimi, sondern ein melancholischer und gefühlvoller Roman, in dem eine ganze Menge Fragen zu klären sind, und man darf gespannt sein, ob sich am Ende wirklich alles aufklären lässt.

Peter Kümmel, April 2007

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Gralman zu »Bernhard Jaumann: Die Drachen von Montesecco« 03.09.2008
Die überwältigenden Lobesworte zu diesem Roman kann ich nicht nachvollziehen.
Der erste Montesecco-Roman war wunderbar gefühlvoll, dieser zweite ist leider oft nur Pose. Wo man vielleicht noch drüber hinwegsehen könnte, weil die Personen des Dorfes einem trotzdem nahe gehen, auch wenn sie diesmal ein wenig flacher gezeichnet erscheinen als noch im ersten Buch.
Was aber wirklich zu ständigem Stirnrunzeln bei der Lektüre führt sind die allzu häufigen Zufälle, die die Handlung vorantreiben oder auch nur Details beleuchten sollen. Einmal, zweimal, ja - aber bei den Drachen ist es deutlich zu oft. Irgendwann verdirbt einem das den Spaß und die Lust auf die Auflösung. Ein Whodunnit ist das nirgends, da man nie eine ernsthafte Chance bekommt, mitzudenken. Man liest trotzdem weiter, abrr es ist nicht das große Erlebnis wie bei den Vipern.
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