Tote Männer gehen an Land von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1947
unter dem Titel Døde menn går i land,
deutsche Ausgabe erstmals 1959
bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen, 1930 - 1949.
- Oslo: Aschehoug, 1947 unter dem Titel Døde menn går i land. 247 Seiten.
- Frankfurt am Main: Ullstein, 1959. Übersetzt von Karl Christiansen. 190 Seiten.
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In Kürze:
Auf dem Haus liegt ein Fluch. Vier Menschen sind hier auf unerklärliche Weise umgekommen. Unheilvolle Vorzeichen verkünden, dass seine Macht noch nicht gebrochen ist.
Das meint Krimi-Couch.de: »Ein Kleinod der Unterhaltungsliteratur«
Krimi-Rezension von Michael Drewniok überspringen
Norwegen im Jahre 1938: Der Ölmagnat, Großspekulant und Multimillionär Arne Krag- Anderson ist der Ford oder Rockefeller seines Landes; eine quasi amerikanische, d. h. überlebensgroße Persönlichkeit, nicht nur erfolgreich, sondern auch ein Liebling der Medien, da jung, gut aussehend und mit einem ausgeprägten Hang zur Selbstdarstellung sowie einem seltsamen Hobby: Krag-Anderson sammelt Häuser. Auf der ganzen Welt kauft er sie in allen Größen, je älter und seltsamer, desto besser.
Seine aktuelle Neuerwerbung sichert ihm ganz bestimmt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Auf einer Halbinsel an der Vest-Agder-Küste im Sörland liegt einsam, aber mit Meeresblick der berüchtigte »Kaperhof« des Piraten Jonas Korp. Dieser erbaute ihn mit den Schätzen, die er als Kaperfahrer während des norwegisch-englischen Seekriegs von 1807 bis 1814 zusammengerafft hatte. Freilich war Korp nie besonders kleinlich beim Rauben und Plündern gewesen, hatte Feind wie Freund aufgebracht, dabei unliebsame Zeugen spurlos verschwinden lassen und – was schlimmer wog – die Krone nach Möglichkeit um ihren Anteil an der Beute betrogen.
Schlimmer noch: Als ihn die Engländer Anno 1812 in eine Falle locken konnten, befreite sich Korp, indem er mit Hilfe seines Kumpanen, des Magiers Jörgen Uhl, einen Pakt mit dem Teufel einging, dem er seither dienen muss. Untot und ruhelos befahren er und seine unglückliche Mannschaft seither auf der »Krebs« die Nordsee, munkeln die braven, doch recht abergläubischen Bürger und Fischer, die seit jeher sehr ungern in die Nähe des Kaperhofes kommen. Denn auch dort soll es umgehen, nachdem Korp das ansehnliche, mit Kunstschätzen voll gestopfte Anwesen mit einem Fluch belegte: Tod und Verderben drohen dem, der es wagt, auch nur ein Möbelstück zu verrücken!
Die ideale Herausforderung für den furchtlosen Krag-Anderson. Er stellt sich ihr trotzdem nicht allein, sondern gemeinsam mit seiner Verlobten Monika Winterfeldt und vier guten Freunden: Paul Rickert, seinem Vertrauten und Faktotum, dem Kriminalschriftsteller Karsten Järg, dem Millionärssohn und Ex-Polizisten Tancred Cappelen-Jensen und seiner Ehefrau Ebba. Mit großem Hallo und auf einen ungewöhnlichen Sommerspaß hoffend, reist die Gesellschaft an. Der Übermut erhält rasch einen Dämpfer, als sich die Zeichen mehren, dass es auf dem Kaperhof tatsächlich nicht mit rechten Dingen zugeht. Dazu kommt die Feindseligkeit der Bevölkerung, die sich an Krag-Andersons Plan stößt, das Gut zu einem Ferienhotel umzubauen. Man fürchtet die Invasion der sündhaften Außenweltler und natürlich die Rache des gefürchteten Jonas Karp und scheut nicht davor zurück, die Zugereisten recht handfest zum Verschwinden zu »überreden«. Unklar bleibt auch, welche Rolle in diesem merkwürdigen Spiel der zwielichtige Privatgelehrte Pahle spielt, ein abgefallener Priester, der sich sehr für die Schwarze Magie interessiert, über erstaunliche Suggestionskräfte verfügt und Umgang mit dem unheimlichen Fischer Rein pflegt, den Tier und Mensch fürchten wie den Leibhaftigen, und der geradezu gespenstisch viel über die Vergangenheit des Kaperhofes Bescheid zu wissen scheint …
Eine kleine, aber wunderbare Geschichte, ein Kleinod der Unterhaltungsliteratur, die von der Zeit völlig überrollt wurde. Zumindest in Deutschland trifft dies zu, während in Norwegen, dem Heimatland des Verfassers, »Tote Männer gehen an Land« glücklicherweise in hohen Ehren gehalten wird. Dort ist Bernhard Borge – Lyriker, Dichter, Essayist, Journalist oder einfach ein Multitalent des geschriebenen Wortes, auch zwei Jahrzehnte nach seinem Tod nicht vergessen.
Dabei hat es einen Mann dieses Namens tatsächlich nie gegeben. Bernhard Borge war ein Pseudonym – nur eines von vielen, derer sich Jarl André Bjerke (1918-1985) bediente. Um die Dinge noch komplizierter zu machen sei erwähnt, dass dieser Bjerke »Tote Männer gehen an Land« nicht solo, sondern gemeinsam mit dem in der deutschen Ausgabe unerwähnt bleibenden Schriftsteller-Kollegen Bjørn Carling verfasste, der wiederum unter dem Namen Erik Vendel zu den großen Gestalten des klassischen norwegischen Kriminalromans gehört.
Gemeinsam schufen sie ein Werk, dass sich mühelos mit den Meistern des angelsächsischen Spannungs- und Schauerromans der klassisch gepflegen Art messen kann. Dabei drängt bei der Lektüre sofort ein Name in den Vordergrund: John Dickson Carr (1906-1977), der ein enzyklopädisches Wissen um die Mechanismen des Krimis mit einer lebenslange Vorliebe für das Unheimliche kombinierte. Seine Spezialität waren unglaublich komplizierte, weil rational unmögliche Morde in verschlossenen Räumen, die eigentlich nur Gespenster begangen haben konnten. Doch im großen Finale stellt dann ein allwissender Kriminalist (besonders bekannt geworden ist Carrs Dr. Gideon Fell) fest, dass alles mit rechten Dingen zugegangen ist.
Diese stets sehr logische, aber auf der anderen Seite recht unromantische Auflösung zerstört leider leicht die Wirkung der Geschichte und befriedigend in erster Linie wohl die nüchternen Zeitgenossen in unserer Mitte. Stets spielt dabei auch der fatale Irrglaube, dass nur die Armen im Geiste an Geister glauben, eine unheilige Rolle. Es gilt als unfein, die unheimliche Literatur zu schätzen; zumindest ein Feigenblatt wird deshalb gern in Anspruch genommen. Die Arroganz der Neunmalklugen ist heute nicht mehr so ausgeprägt wie einst. Als der Ullstein-Verlag vor mehr als vier Jahrzehnten seinen Lesern »Tote Männer gehen an Land« präsentierte, fühlte er sich noch verpflichtet, diesen vorab zu versichern, dass der Verfasser sich beeilen werde, »die seltsamsten Phänomene in einer Art zu erklären, die nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überläßt«.
Glücklicherweise kommt es anders. Borge hat keine Probleme damit, dem Leser die Entscheidung zu überlassen. Letztlich präsentiert er zwei Lösungen, die eine strikt rational, die andere wahrhaft übernatürlich. Das geschieht völlig ungezwungen, so dass der Zauber der Geschichte erhalten bleibt. Diese ist darüber hinaus nicht so simpel, wie der gestrenge Kritiker vielleicht meint. Borge weiß sehr genau, dass er keine große Literatur, sondern »nur« spannende Unterhaltung schreibt. Das ist eine gar nicht so einfache Aufgabe, wie jeder deutsche Leser mir bestätigen wird, der wieder einmal Zeit und Geld an eine von Wolfgang Hohlbein tot geborene Story verschwendet hat. Borge macht es jedenfalls richtig; der Plot bleibt ohne echte Überraschungen, funktioniert aber innerhalb der selbst gesteckten Grenzen vorzüglich, und die Figuren stehen mit beiden Beinen in ihrer imaginären Welt. Dass die toten Männer in Norwegen an Land gehen, fällt dagegen weniger ins Gewicht – dies könnte an jeder beliebigen Nordseeküste geschehen. Doch wo steht geschrieben, dass jeder Roman aus (exotischem) Ausland eine Lektion in Folklore bieten muss?
Ein Problem kann Ihnen freilich auch Ihr Rezensent nicht ersparen: Wie kommt der Leser heute an diesen oder einen anderen Borge-Roman? Mindestens zwei erschienen hierzulande noch: Tod im Blausee, Ullstein-Krimi Nr. 731, und Der Nachtmensch, UK Nr. 752, doch dies schon vor mehr als vierzig Jahren. Auch »Tote Männer gehen an Land« wurde anscheinend nie wieder neu aufgelegt. Da könnte die Suche zum spannenden, aber frustrierenden Erlebnis werden. Dem wahren Leser ist jedoch kein Weg zu schwer auf der Suche nach dem wirklich guten Stoff, und möglicherweise bietet das Internet die Möglichkeit zur Abkürzung – die Mühe lohnt sich auf jeden Fall!
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