Der Nachtmensch von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1941
unter dem Titel Nattmennesket,
deutsche Ausgabe erstmals 1950
bei Dulk.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen, 1930 - 1949.
- Oslo: ?, 1941 unter dem Titel Nattmennesket. 178 Seiten.
- Hamburg: Dulk, 1950. Übersetzt von Karl Christiansen. 207 Seiten.
- Frankfurt am Main: Ullstein, 1958. Übersetzt von Karl Christiansen. 154 Seiten.
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In Kürze:
In einem einsamen Haus am Fjord haben sich junge Leute zu einem fröhlichen Wochenende getroffen. Sie ahnen nicht, dass unter ihnen ein wahnsinniger Mörder auf das nächste Opfer lauert …
Das meint Krimi-Couch.de: »Nimmt sich selbst nicht so ernst, unterhält mit Scherzen über das eigene Genre und präsentiert eine Gruppe recht lockerer Vögel«
Krimi-Rezension von Michael Drewniok überspringen
Seit jeher lieben sie einen guten Streit: Bernhard Borge, Autor erfolgreicher, jedoch nach Meinung seines Freundes, des prominenten Psychoanalytikers Kai Bugge, allzu naiver, weil die Seele des Verbrechers aussparende Kriminalromane, und Inspektor Hammer von der Kriminalpolizei der norwegischen Hauptstadt Oslo, für den nur Fakten und Indizien zählen.
Das Trio beschließt eine Wette: Bugge und Hammer sollen den nächsten Kriminalfall gemeinsam aufklären, und Borge wird quasi als Sekundant festhalten, wer den Sieg davonträgt: der moderne Seelenforscher oder der traditionelle Spürhund. Die Gelegenheit ergibt sich rascher als gedacht. Borge wird von seinem Vetter in die Sommerfrische eingeladen, Bugge begleitet ihn. Helge Gårholm hat in seiner an einem einsamen Fjord gelegenen Villa »Seewind« wie so oft eine illustre Gesellschaft um sich geschart, die ihm zur Belustigung seiner leicht sadistischen Triebe dient. Gårholm ist ein Frauenheld, der seine Gefährtinnen betrügt und gegeneinander ausspielt. Kann er gleichzeitig einen oder gar mehrere Rivalen vor den Kopf stoßen, ist ihm das um so lieber.
Dieses Mal tändelt Gårholm mit der Theaterschauspielerin Saisa Sjöström, hält es aber auch mit deren Kollegin Sonja Lundmo. Diese ist zusammen mit ihrer älteren Schwester Eva – die bald dem erfreuten Neuankömmling Borge schöne Augen macht – und dem Bruder Dr. Arne Lundmo zu Gast in der Villa. Der Journalist Arnold Kvam ist unsterblich in Saisa verliebt und ertränkt den Kummer über sein Abblitzen im Alkohol. Vesla Kramer ist eine Pfarrerstochter, die sich dem allgemeinen Liebes- und Leidenskarussell fernzuhalten sucht. Der Athlet Storm-Jensen, ein Fechtmeister, sucht dagegen die Konfrontation mit dem Gastgeber, während Kåve, Helges jüngerer Bruder, ein erfolgloser Maler, der vom Älteren seit jeher unterdrückt und gedemütigt wird, wie immer von den Anwesenden kaum wahrgenommen wird.
In einer dunklen Sommernacht wird Helge Gårholm in seinem Bett ermordet; man hat ihm mit einem gezähnten Messer die Kehle förmlich durchgesägt. Inspektor Hammer kommt aus Oslo in die Villa »Seewind« und beginnt mit seinen Ermittlungen, die von Kai Bugge auf psychoanalytischem Wege begleitet werden. Eines ist klar: Unter den Anwesenden ist der Täter zu suchen!
Der Mord im Landhaus als Psycho-Drama – so ließe sich die Geschichte vom »Nachtmenschen« knapp charakterisieren. Wieder einmal (nach »Tod im Blausee« und »Tote Männer gehen an Land«, Ullstein-Krimi Nr. 731 bzw. 788; beide a. a. O. bereits besprochen) sperrt Autor Borge eine Gruppe emotional mehr oder weniger instabiler Protagonisten in eine von der Außenwelt abgeschlossene Kulisse und wartet ab was geschieht. In der Regel ereignet sich ein Mord, dem bald weitere Untaten folgen. Auch die finale Konfrontation Detektiv : Verdächtige bleibt nicht aus, aber sie entpuppt sich nicht als Aufdröselung eines kunstvoll verschlungenen Krimi-Knotens.
Es ist nicht einmal der Detektiv, der das Rätsel löst. Ein Psychologe ersetzt ihn, erläutert aber mindestens genauso weitschweifig die seelischen Irrungen und Wirrungen, die dem zuvor beschriebenen kriminellen Tun zu Grunde liegen. Das war vor mehr als sechs Jahrzehnten noch neu und womöglich faszinierend. Heute ist es freilich ein alter Hut. Auf Borges/Bugges pseudo-psychologischen Grundseminare könnte der Leser deshalb unbedingt verzichten. Glücklicherweise nehmen sie nur einen Teil des ersten Kapitels und das Schlusswort ein; dazwischen entspinnt sich eine interessante Handlung – auch diese nicht neu, aber im Duktus ungewöhnlich: Dass Borge ein flüssiger Erzähler war, scheint auch in der Übersetzung durch.
Darüber hinaus nimmt sich »Der Nachtmensch« selbst nicht so ernst (wenn Bugge sich im Hintergrund hält jedenfalls), unterhält mit Scherzen über das eigene Genre und präsentiert eine Gruppe recht lockerer Vögel, die sich in Worten und Handeln recht unterschiedlich geben als die höchstens zwischen den Zeilen gegen Recht, Sitte und Anstand sündigenden Angelsachsen.
Kai Bugge = Sherlock Holmes, Bernhard Borge = Dr. Watson; dieser Vergleich liegt nahe, und Bugge zieht ihn selbst. (Inspektor Hammer dürfte dann wohl Inspektor Lestrade sein.) Es gibt freilich einen gewichtigen Unterschied: Bugge verschmäht genau die Indizien, die Holmes für seine Fälle unter großen Schwierigkeiten zusammentrug, um daraus die Lösung zu destillieren. Statt dessen geht Bugge davon aus, dass »materielle Indizien …von geringem oder gar keinem Interesse [sind]«.
Er wird damit noch oft Recht behalten in diesem ungewöhnlichen Kriminalroman. Viele offensichtliche Spuren, auf die Inspektor Hammer sogleich anbeißt, entpuppen sich als falsch oder gefälscht. Nur Bugge erkennt die psychologischen Hintergründe der Untat. Allerdings kommt ihm sein Wesen dabei mehrfach in die Quere. Auch hier ist Bugge ganz Holmes: ein sehr von sich eingenommener Mann, der davon überzeugt ist, die Welt besser als seine Mitmenschen zu verstehen. Das lässt er diese ständig deutlich spüren, und so ist es oft schwer für ihn, die nötige Unterstützung zu erfahren; freilich legt er es auch nicht darauf an und stößt sogar seinen alten Freunde Borge dauernd vor den Kopf.
Da ist es wenig hilfreich, dass Bugge Vertreter einer Wissenschaft ist, die zum Zeitpunkt der Niederschrift des »Nachtmenschen« noch vergleichsweise jung und längst nicht etabliert war. Die Psychoanalyse erschien vielen Skeptikern als fauler Zauber und Geschwätz. Strolch war Strolch, Punktum, und der Versuch, seelische Störungen für kriminelles Tun geltend zu machen, nur durchsichtige Ausrede. Bugge akzeptiert diese Haltung nicht, aber er ist auch nicht der Mann, der seine Gegner zu überzeugen versucht. Statt dessen sucht und liebt er die Konfrontation, sonnt sich gern in seinen Erfolgen und straft die eigene Gleichgültigkeit dadurch Lügen.
Bernhard Borge fehlt anders als dem »realen« Watson die medizinische Ausbildung. Als Schriftsteller kennt er sich theoretisch in der Kriminalistik aus. Tatsächlich schreibt er Romane à la Agatha Christie oder John Dickson Carr – sorgfältig konstruierte Thriller, in denen die Figuren Rollen spielen, die dem Publikum längst bekannt sind. Die Bewohner von »Seeblick« scheinen zunächst auch zu ihnen zu gehören. Doch in der Realität ist der Mörder eben nicht immer der Butler, trifft es nicht ausschließlich den alten Erbonkel. Diese Lektion muss Borge nicht nur dieses Mal lernen. (Wir treffen ihn, Bugge und Sonja in Tod im Blausee, einem noch vertrackteren Mordrätsel, wieder.)
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| Reinhard Nolte zu »Bernhard Borge: Der Nachtmensch« | 21.04.2004 |
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| Zerwas zu »Bernhard Borge: Der Nachtmensch« | 22.04.2003 |
| Michael Waldhauser zu »Bernhard Borge: Der Nachtmensch« | 30.11.2002 |