Die Galgenfrist von Bernard Cornwell

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Gallows Thief, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Ullstein.
Ort & Zeit der Handlung: , 1800 - 1869.

  • London: HarperCollins, 2001 unter dem Titel Gallows Thief. 280 Seiten.
  • München: Ullstein, 2003. Übersetzt von Ulrike Bischoff. ISBN: 3-550-08428-5. 349 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2005. Übersetzt von Ulrike Bischoff. ISBN: 3-548-25995-2. 349 Seiten.
  • Berlin: Ullstein, 2011. Übersetzt von Ulrike Bischoff. ISBN: 978-3-548-28387-6. 349 Seiten.

'Die Galgenfrist' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Im Jahre 1817 beauftragt der englische Innenminister einen ehemaligen Offizier, ein wegen Mordes verhängtes Todesurteil zu überprüfen. Zum Unwillen der Justiz entdeckt dieser, dass die "Beweise” gefälscht wurden und der angebliche Täter unschuldig ist. Sieben Tage bleiben dem Ermittler, dies zu beweisen, sonst wird der Unglückliche am Galgen baumeln. Die Frist wird weiter verkürzt durch massive Attacken korrupter Kräfte, denen eine Revision des Urteils politisch und gesellschaftlich schaden könnte. – Gelungener möglicher Auftakt einer neuen historischen Krimiserie, der sich geschickt der zeitgenössischen Rechtsprechung bedient, um schon zeitgenössische Zweifel in eine meist anspruchslose, aber spannende Handlung zu verwandeln. Das alte London und seine pittoresken Bewohner nehmen vor dem Leser Gestalt an, ohne um der Unterhaltung willen in historische Zerrbilder verwandelt zu werden.

Das meint Krimi-Couch.de: »Ein durchweg empfehlenswertes Lektürevergnügen« 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Rider Sandman ist in diesem Jahre des Herrn 1817 ein vom Schicksal gebeutelter Mann. Noch vor einem Jahr war er ein Offizier und Gentleman aus gutem Londoner Haus, verlobt mit der schönen Eleonor, ein Liebling der Gesellschaft wegen seines Mutes auf den französischen Schlachtfeldern und seines Geschicks auf dem Kricketfeld. Doch dann machte sein Vater betrügerischen Bankrott und schoss sich eine Kugel durch den Kopf. Um der Ehre willen übernahm Sohn Rider die Schulden; die Schande bekam er gratis. Seitdem ist er persona non grata in den feinen Kreisen. Seine Verlobung wurde gelöst, er haust in einer billigen Absteige und verdient sich seinen kargen Lebensunterhalt als Kricketspieler.

Geblieben sind ihm nur sein Stolz und seine Redlichkeit, die ihm freilich nur Ärger bringen im Umgang mit der von Korruption zerfressenen Oberschicht. Trotz aller moralischen Bauchschmerzen schlägt Sandman aber ein, als ihn Innenminister Lord Sidmouth um einen Dienst »bittet«. Der junge Maler Charles Corday hat angeblich die Gattin des Earl of Avebury vergewaltigt und erstochen. Dafür wurde er, der die Tat heftig abstreitet, zum Tode verurteilt und wartet nun im berüchtigten Newgate-Gefängnis auf seine Hinrichtung. Seine Mutter hat das Ohr der Königin gefunden und ein Gnadengesuch aufgesetzt, in dem sie die Unschuld des Sohnes beteuert. Königin Charlotte hat die Angelegenheit an den wenig erfreuten Innenminister weitergereicht. Dieser übergibt sie nun dem trotz der Ächtung seiner Familie gut beleumundeten Rider Sandman, der gegen gutes Geld dem Verurteilten, der sich der Justiz und seinem Schicksal zu fügen weigert, ein eindeutiges Geständnis abpressen soll.

Warum zieht sich der Earl of Avebury so verdächtig eilig zurück?

Doch das Unerwartete geschieht: Sandman beginnt den Unschuldsbeteuerungen des Malers Glauben zu schenken. Er beschließt echte Ermittlungen aufzunehmen. Wie sich zeigt, hätte der Gatte der ermordeten Lady guten Grund gehabt, sich ihrer zu entledigen: Sie hat ihm ständig Hörner aufgesetzt. Zudem hat sich der Earl of Avebury mit verdächtiger Eile auf seinen Landsitz zurückgezogen. Spuren weisen außerdem in den geheimen Seraphim-Club, in dem dekadente Adlige ungestraft ihrem Hang zum Verbotenen frönen. Mehr als genug Verdächtige – und einige werden offenbar nervös, denn es mehren sich die Mordanschläge auf den hartnäckig weiter bohrenden Sandman …

Ein Mann womöglich unschuldig in der Todeszelle, ein zweiter zwar frei, aber immer wieder Opfer widriger Umstände in seinem verzweifelten Versuch, den anderen zu retten, bevor ihn sein Schicksal ereilt: eine höchst altmodische, aber bewährte Ausgangssituation wählt Schriftsteller-Routinier Bernard Cornwell für sein historisches Krimi-Garn.

Keine Breitwand-Attacke auf den Leser

Aber wieder einmal zählt, was aus einem solchen Plot gemacht wird. Hier hat der Verfasser zweifellos gute Arbeit geleistet. »Die Galgenfrist« ist keine Breitwand-Attacke auf seine Leser, die unter brachialem Einsatz von Ergebnissen ausgiebiger historischer Recherchen quasi überwältigt werden sollen. Es gefällt die Beschränkung aufs Wesentliche – die Story – während das zeitgenössische Umfeld dieser untergeordnet bleibt.

Immer geschieht etwas Interessantes, die Handlung schreitet flott voran, die Figuren treten uns sofort vor das geistige Auge. Noch besser: Cornwell verzerrt sie nicht à la Anne Perry zu Stereotypen der Vergangenheit. Die Seiten blättern sich wie von selbst um, während man wissen möchte, welche Schlangengrube Sandman nun wieder aufdeckt.

Der Tod am Galgen und das Körnchen historische Realität

Dass »Die Galgenfrist« so gefallen kann, liegt vor allem an Cornwells Bestreben, der Unterhaltung ein Körnchen historische Realität beizumischen. Die Idee für dieses Buch gab ihm laut Nachwort die Entdeckung ein, dass im England des frühen 19. Jahrhunderts Kriminelle praktisch wie am Fließband gehenkt wurden. Der Tod am Galgen galt nach Ansicht der Obrigkeit als lehrreiche Abschreckung für alle Schurken, die man noch nicht erwischt hatte – und das waren eigentlich alle Bürger, die nicht der vornehmen Oberschicht angehörten.

Gleichzeitig steckte die Justiz noch immer tief im Mittelalter. Es wurde weniger gerichtet als gerächt. Einen Verteidiger bekamen Angeklagte nur, wenn sie sich einen leisten konnten. Ansonsten standen sie voreingenommenen, gelangweilten oder offen feindseligen Richtern gegenüber, die sie ohne Federlesens dem Henker überantworteten – Abschaum allesamt, soll Gott sie später sortieren!

»Die Galgenfrist« beginnt mit einem eindringlichen Prolog, der die Konsequenz solchen Unrechts verdeutlich. An Brutalität ist die Schilderung einer Mehrfach-Hinrichtung kaum zu übertreffen. Fast noch erschreckender ist die offensichtliche Alltäglichkeit des Geschehens: Der Tod am Galgen ist nicht Mahnung und vollzogenes Recht, sondern ein Volksfest für gierige Voyeure. Die Intensität dieser wenigen Seiten erreicht Cornwell später nicht mehr. Tot ist tot und bleibt tot; Fehler der Rechtsprechung lassen sich nicht wieder korrigieren. Diese Erkenntnis beginnt sich nur sehr langsam durchzusetzen. Rider Sandman begreift die Fehlbarkeit des Systems, und das lässt ihn zum überzeugten "Galgendieb” des Originaltitels werden: Er stiehlt dem gleichgültigen Henker sein womöglich unschuldiges Opfer aus der Schlinge.

Zu gut für diese Welt

Dieser Rider Sandman ist ohnehin fast ein bisschen zu gut für diese Welt: Ehrenhaft bis auf die Knochen ist er, kämpft für die Gerechtigkeit und lässt sich auch durch ständige Nackenschläge nicht vom rechten Weg ablenken. Sein eigenes Leben hat er der Sisyphusaufgabe geweiht, den Namen der Familie reinzuwaschen. Sogar die geliebte Verlobte musste er verlassen. Darüber hinaus ist er ein gestandener Kriegsheld, dessen ruhmreiche Taten zumindest in Soldatenkreisen Legende sind. Selbst zu den gesellschaftlich Geächteten – vor allem wenn weiblich – ist er zuvorkommend und rücksichtsvoll.

Damit es nicht gar zu arg gutmenschelt, hat Cornwell seinen Sandman mit einer guten Portion Jähzorn gesegnet. Der kommt ihm gut zupass, wenn ihm wieder einmal ein hochnäsiger Adelsspross oder ein mordlustiger Schurke ans Leder will. Rider Sandman hat nichts verlernt seit dem Krieg, wie seine Gegner zu ihrem Leidwesen immer wieder feststellen müssen. Anders ausgedrückt: Mr. Sandman ist eine leicht abgewandelte Version von Bernard Cornwells Sharp, seinem erfolgreichen Helden der gleichnamigen, seit vielen Jahren erfolgreich laufenden Serie.

Die Zeit bringt´s mit sich: Die Beschränkungen einer geistvollen Frau

Sandman zur Seite steht seine Ex-Verlobte Eleanor. Selbstverständlich ist sie nicht nur hübsch, sondern klug und unzufrieden mit den Beschränkungen, die ihre Zeit einer geistvollen Frauen auferlegt, und natürlich liebt sie ihren Rider immer noch. Nicht ihr Vater ist der Unmensch, der ihr dieses Glück versagt, sondern die verblendete Aufsteiger-Mutter.

Die zweite weibliche Hauptrolle spielt Sally Flood, die in gewisser Weise verwirklichen konnte – oder musste -, was Eleanor sich nur erträumen kann. Sie ist selbstständig und in der Lage, den Preis dafür zu zahlen. Der ist nicht gering im Jahre 1817, das beschönigt Cornwell mit keiner Silbe.

Soziale Gerechtigkeit eine Schwäche?

Das Sagen hat in England uneingeschränkt die zahlenschwache, aber einflussstarke Oberschicht. Dieses System ist verkrustet und primär auf den ängstlichen Erhalt der errafften Privilegien ausgerichtet. Soziale Gerechtigkeit gilt als Schwäche, ihre Vertreter gilt es rücksichtslos auszulöschen, auf dass sie dem Establishment nicht gefährlich werden. Bigotterie und Lüge verbrämen nur mühsam den status quo, an dessen Aufrechterhaltung sich auch die Kirche eifrig beteiligt.

So ist die Existenz einer perversen Institution wie des Seraphim-Clubs nur der konsequente Auswuchs einer Gesellschaft in Schieflage: Die unteren Schichten stellen für seine Mitglieder endgültig nur noch Menschenvieh dar, das man zu quälen und sogar zu töten das von Gott gegebene Recht hat.

Wer sich nicht offen an solchen Auswüchsen beteiligt, unterstützt das System auf eigene Weise. Lord Sidmouth betrachtet die Gnadenersuche der zum Tode Verurteilten hauptsächlich als Unverschämtheit und ärgerliche Belastung, die ihn von wichtigen Arbeiten fernhält. Die Gerichte Seiner Majestät irren nicht, und falls doch, dann ist es um das wertlose Pack nicht schade, das sich gefälligst den Regeln unterwerfen, d. h. klaglos hängen lassen soll.

Deftige Szenen illustrieren die Fremdheit

Ansonsten ist auch das England des frühen 19. Jahrhunderts ein für seine Bewohner alltäglicher Ort. Mit vielen deftigen Szenen illustriert Cornwell geschickt die Fremdheit für uns heutige Leser. Die bunte Beiläufigkeit der brutalen Newgate-Gefängniswelt kontrastiert mit der gar nicht weihevollen Theaterszene, die uns verrät, wieso selbst Künstlergenies wie Shakespeare tunlichst darauf achteten, dass es auf der Bühne möglichst laut vor sich ging …Das zur perfiden Perfektion entwickelte Kastensystem prägt jede Lebenssituation; wer sich allzu viele Gedanken darüber macht, verzweifelt daran und gilt den stets um ihre Privilegien besorgten Obrigkeit rasch als Aufrührer. So ist es feine Ironie des Verfassers, dass die klügste Kritik am herrschenden System ausgerechnet von einem Straßenräuber geäußert wird.

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