Der silberne Schwan von Benjamin Black

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel The Silver Swan, deutsche Ausgabe erstmals 2009 bei Kiepenheuer & Witsch.
Ort & Zeit der Handlung: Irland / Dublin, 1950 - 1969.
Folge 2 der Quirke-Serie.

  • London: Picador, 2007 unter dem Titel The Silver Swan. 415 Seiten.
  • Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2009. Übersetzt von Christa Schuenke. ISBN: 978-3-462-04014-2. 415 Seiten.
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2010. Übersetzt von Christa Schuenke. ISBN: 978-3-499-24818-4. 415 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2009. Gesprochen von Dietmar Bär. ISBN: 978-3-7857-3797-2. 6 CDs.

'Der silberne Schwan' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Der unnachahmliche Quirke kehrt zurück – in einem neuen Roman von John Banville alias Benjamin Black, in dem der Pathologe durch einen dubiosen Selbstmord in einen Strudel von Gefahren und Täuschungen gerät. »Von einer Qualität, die in diesem Genre selten ist.« The Herald Dublin, 50er-Jahre. Als Billy Hunt, ein Freund aus Collegetagen, sich bei Quirke meldet, weil sich seine junge und hübsche Frau Deirdre angeblich das Leben genommen hat, kann Quirke den Ärger schon von Weitem riechen. Quirke, Pathologe und ehemaliger Trinker, ist jedoch kein Mann, der Problemen gerne aus dem Weg geht, und so ermittelt er auf eigene Faust. Deirdre, Besitzerin des Schönheitssalons »Der silberne Schwan« ist ermordet worden, und in Betracht kommen vor allem ihr Geliebter und Partner Leslie White, ein schmieriger Friseur, der es nach Deirdres Tod auf Quirkes Tochter abgesehen hat, sowie der seltsame Geistheiler Dr. Kreutz, den vor allem Frauen aufsuchen. Angetrieben von der eigenen Einsamkeit, dem schlechten Verhältnis zu seiner Tochter und von einer unstillbaren Neugier wird Quirke in einen Skandal hineingezogen, in dem sexuelle Obsessionen, Prüderie und Erpressung eine Rolle spielen. »Ein fesselnder, atmosphärisch dichter Roman, wunderschön geschrieben.« Guardian

Das meint Krimi-Couch.de: »Gepflegter Schmöker, verschwendetes Potenzial« 70°

Krimi-Rezension von Jochen König

Damit auch jeder zufällige Betrachter des Buchdeckels genau weiß, um wen es sich bei Benjamin Black handelt, prangt auf dem Cover des zweiten Romans um den Pathologen Gerriet Quirke ein verschämtes »John Banville alias...«. So erledigt sich das Pseudonym, das Banville für seine Ausflüge in die Genre-Literatur wählte, von selbst.

Der Silberne Schwan spielt zwei Jahre nach den Ereignissen um Christine Falls (Nicht frei von Sünde). Quirkes Schwägerin und große Liebe Sarah ist gestorben, sein Stiefvater, der patriarchalische Ex-Richter Garret Griffin dämmert nach einem Schlaganfall seinem Tod entgegen. Das Verhältnis zu seiner Tochter Phoebe, zu der er sich viel zu spät bekannte, ist gespannt und komplexbeladen. Dass Quirke versucht vom Alkohol loszukommen, hebt seine Stimmung auch nicht gerade. So ist er voller schlechter Vorahnungen, als ein ehemaliger Mitschüler ihn um eine berufliche Gefälligkeit bittet. Billy Hunt möchte, dass sich Quirke der Leiche seiner Frau Deirdre annimmt, die augenscheinlich Selbstmord begangen hat. Den Gedanken an eine Autopsie kann Hunt nicht ertragen und Quirke soll Deirdre die Obduktion ersparen. Trotz eines mulmigen Gefühls verspricht Quirke zu helfen. Obduziert natürlich trotzdem, als ihm an den Todesumständen Deirdre Hunts Zweifel kommen.

Dabei findet er heraus, dass sie keineswegs ertrunken ist, sondern höchstwahrscheinlich ermordet wurde. Anstatt dieses Ergebnis seinem alten Weggenossen Inspektor Hackett mitzuteilen, ermittelt Quirke selbst und stößt auf den Schönheitssalon Silver Swan, den Deirdre unter dem Namen Laura Swan mit ihrem Kompagnon Leslie White betrieb. Zu allem Ungemach bandelt Phoebe gerade mit jenem windigen Leslie an, getrieben von Neugier und der Sehnsucht endlich ein eigenes Leben führen zu können. Quirke selbst lässt sich mit Whites Ehefrau ein und glaubt, bald dem Geheimnis um Deirdre Hunts Tod auf die Spur gekommen zu sein. Am Ende wird es weitere Tote geben und Quirke wird Inspektor Hackett seine schlüssigen Theorien unterbreiten. Doch er hat seine Rechnung ohne Benjamin Black gemacht, der noch einen bösen Clou in petto hat.

Auch in seinem zweiten Roman unter Pseudonym gelingt John Banville wieder eine stilistisch überzeugende Darstellung der miefigen 50er. So lässt er Quirke durch die Straßen eines wolkenverhangenen Dublins streifen, wirft Blicke in verräucherte Pubs, unpersönliche Wohnräume und Hinterzimmer, in denen geistiger und sexueller Missbrauch betrieben wird. Er konfrontiert seine Protagonisten mit den dunklen Seiten der Erotik, und widmet dem Tod als ständigem Begleiter eine depressive Elegie.

Leider zeigt Der silberne Schwan in fast allen anderen Belangen unübersehbare Schwächen. Während der Anfang mit dem hadernden Quirke und einer stringenten Einführung der Charaktere neugierig macht, bietet das Ende einen wirklich überraschenden Kniff, der Quirkes gewonnene Erkenntnisse in denkbar ungünstigem Licht dastehen lässt.

Doch die abgeschmackte Handlung um Liebeswirren, verhuschten Sado-Maso Sex, Erpressung und der ständigen Doppelung der Eskapaden Phoebes und Gerriet Quirkes, ist ein zähes Hin und Her, das weder einen besonderen Spannungsbogen aufweist, noch mit Konventionen des Genres geistreich spielt.

Erster großer Lapsus ist die Weigerung Quirkes seine Autopsieergebnisse und den daraus resultierenden Mordverdacht Inspektor Hackett und vor Gericht darzulegen. Die vermeintliche Rücksichtnahme einem Mann gegenüber, den er kaum kennt und mit dem ihn nichts verbindet, ist nicht besonders glaubwürdig, alleine, da Quirke sich zu diesem Zeitpunkt über Hunts Wunsch keine Autopsie vorzunehmen bereits hinweggesetzt hat. Genau so wenig überzeugt die geäußerte Begründung, dass Quirke sich sehnlich wünscht, die Dinge würden ohne Zutun ein gutes Ende nehmen. Dabei ist allzu offensichtlich, dass es sich bei diesem naiven Wunsch, um ein stilles Wunschgebet handelt, das Quirkes Unfähigkeit persönliche Beziehungen und Bindungen unbelastet eingehen zu können, betrifft.

Die Hintergründe der Geschichte Deirdre Hunts, ihre Begegnung mit der Welt des Sadomasochismus, die Entwicklung ihrer Beziehung zu dem seltsamen Geistheiler Dr. Kreutz (»den nur Frauen konsultieren«) erfährt der Leser aus zahlreichen Rückblenden, während Quirke eher zufällig von einer Einsicht zur nächsten tapert.

So erhält man letztlich zwei Bücher: eines, das Deirdres Biographie beleuchtet und am Ende den wahren Täter offenbart, und eines, das Gerriet Quirke auf all seinen Irrwegen und dem Durchleben familiärer Dramen begleitet.

Black baut zu sehr auf seine sprachlichen Fähigkeiten und vernachlässigt darüber eine erzählenswerte Geschichte. Hier geschieht das, was Kritiker dem besseren Vorgänger bereits vorgeworfen haben: er nimmt das Genre Kriminalroman zu sehr auf die leichte Schulter, seine altbackene Story ist, neben dem stimmungsvollen Erzeugen von Zeitkolorit, ein Spiel mit Zufällen, das zwar kunstvoll betrieben wird, aber als Konstrukt auf wackeligen Beinen steht. Zu schematisch entwickelt sich die Handlung, zu blass bleiben vor allem die Nebenfiguren. Von denen besonders der fulminante Inspektor Hackett Potenzial für eine weiter gehende Beschäftigung besäße, doch meist zum bloßen Stichwortgeber degradiert wird.

Während der Beginn mit seiner geschickten Einführung der Figuren überzeugt, hängt der schleppende Mittelteil mit seinen selbstmitleidigen Protagonisten Quirke und Tochter Phoebe ziemlich durch. Erst der hinterlistige Schluss lässt auch die langwierigen Begebnisse um Deirdre Hunt/ Laura Swan, Dr. Kreutz, Leslie White, seiner Frau Kate und die sinnsuchenden Quirkes in anderem Licht erscheinen. Hätte Black diese Raffinesse dem kompletten Roman zugute kommen lassen, Der silberne Schwan wäre großartige (Kriminal)literatur geworden. So reicht es nur zu einem gepflegten Schmöker, dessen tiefgründige Ansätze allzu häufig im Morast egozentrischen Trübsinn-Blasens stecken bleiben.

Jochen König, Mai 2009

Ihre Meinung zu »Benjamin Black: Der silberne Schwan«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Ihr Kommentar zu Der silberne Schwan

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: