Gefühl ist unmodern von Ben Benson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1955 unter dem Titel The Silver Cobweb , deutsche Ausgabe erstmals 1959 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Amerika, Massachusetts, 1950 - 1969.
Folge 3 der Ralph-Lindsey-Serie.

  • New York: M. S. Mill & William Morrow, 1955 unter dem Titel The Silver Cobweb . 190 Seiten.
  • München: Goldmann, 1959. Übersetzt von Paul Baudisch. 184 Seiten.
  • München: Goldmann, 1961. Übersetzt von Paul Baudisch. 184 Seiten.

'Gefühl ist unmodern' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein junger Polizist gerät in das Zentrum einer Mordermittlung, wird das Opfer dienstlicher Intrigen und verliebt sich unglücklich in eine womöglich kriminelle Frau ... – Der dritte Roman der Ralph-Lindsey-Serie mischt routiniert Krimi und Drama, ohne letzterem allzu viel Raum zu gewähren. Zwar ist der Plot weder komplex noch originell, doch der nüchtern geschilderte Polizei-Alltag einer vergangenen Ära sorgt für gealterte aber gut lesbar gebliebene Unterhaltung.

Das meint Krimi-Couch.de: »Jung-Polizist im Dreifach-Dilemma« 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

In Dorset, einer Kleinstadt im US-Staat Massachusetts, hat man mit kapitaler Kriminalität keine Erfahrungen. Deshalb sind Entsetzen und Ratlosigkeit groß, als die Studentin Mary Ann Fedder in ihrem Elternhaus niedergeschossen wird. Kurz vor ihrem Tod hatte sie in Panik die Polizei alarmiert, weil sie verfolgt wurde.

Umgehend werden Straßensperren und Kontrollposten eingerichtet. An der Fahndung beteiligt sich auch die Staatspolizei. Der junge Beamte Ralph Lindsey ist noch in seiner Probezeit und schlägt sich mit den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln des Dienstalltags herum. An diesem Tag ist trotzdem er es, der zur rechten Zeit am richtigen Ort ist und den Mörder schnappen kann.

Kurt Swenke ist ein Mietkiller und Schläger, der sich kein Wort entlocken lässt. Es gibt keinerlei Verbindung zwischen ihm und seinem Opfer. Offenbar hat Mary Ann Feder etwas gesehen, das aus Gangstersicht nicht bekanntwerden soll. Doch die Polizei tappt im Dunkeln. Hat der Mord etwas mit einem Banküberfall zu tun, der vor einiger Zeit in einem Nachbarort verübt wurde?

Lindsey ist nur marginal an den Ermittlungen beteiligt. Meist muss er nach Zeugen suchen und Aussagen überprüfen. Ihm bleibt genug Privatleben, um sich in die schöne Sängerin Amy Bell zu verlieben. Sie tritt in einer Bar auf, die von Carl Podre geleitet wird. Lindsey kannte ihn als Kind und mochte ihn schon damals nicht. Tatsächlich soll Podre in zwielichtige Machenschaften verwickelt sein.

Die Bekanntschaft mit Amy Bell bringt Lindsey vor allem Ärger. Ein anonymer Briefeschreiber schwärzt ihn bei seinem moralfesten Chef an. Amy selbst ist launisch und ist womöglich selbst in kriminelle Umtriebe verstrickt. Lindsey drohen Versetzung oder Entlassung, als ihn seine Hartnäckigkeit auf eine neue Spur bringt …

Ernüchterung trotz Gerechtigkeitssieg

Lange herrschte zumindest im etablierten System die Ansicht, dass Verbrechen sich nicht lohnt, weil nach meist kurzer Erfolgszeit der lange Arm des Gesetzes jeden Strolch zu fassen bekommt und dieser im Gefängnis landet. Noch heute gibt es diese Auffassung, auch wenn sie oft von denen vertreten wird, die hinter diesem Tarnschild tatenlos Däumchen drehen. Da die Öffentlichkeit nicht annähernd mehr so obrigkeitstreu wie einst ist, hat sich diese Erkenntnis breit durchgesetzt.

Der Weg dorthin war lang, und Ben Benson beschreibt mit Gefühl ist unmodern eine Station dorthin. Er ist der Realität bereits ein gutes Stück nähergekommen, ohne sich vom letztlichen Alleinsieg des Gesetzes gänzlich abbringen zu lassen: Neu sind die Verletzungen, die seine Vertreter dabei erleiden. Damit sind nicht Streifschüsse oder faustschlagverlorene Zähne gemeint, die im »Crime-doesn’t-pay«-Krimi wundersamerweise bereits im Finale abzuheilen begannen und wie Ehrenmale zur Schau getragen wurden.

Ralph Lindsey macht (fast) alles richtig und steht am Ende zumindest privat mit leeren Händen und beruflich ernüchtert dar. Er hat in kurzer Zeit die Gesamtpalette jener Unerfreulichkeiten kennengelernt, mit denen sich auch ein geradliniger Polizist auseinandersetzen muss und die in der Ausbildung nicht gelehrt werden. Die liegt in Lindseys Fall noch nicht lange zurück, weshalb ihn Autor Benson als recht grün schildert, dies allerdings später in Frage stellt, indem er uns Lindsey als Jung-Veteranen des Korea-Kriegs vorstellt, der im fernen Land Schlimmes erleben musste. Angesichts dessen ist Lindsey in der Tat erstaunlich naiv.

Stress im Job, Kummer daheim

Freilich fährt Benson wirklich alles auf, das dem jungen Mann den Tag (und die Nächte) versauen kann. So kommt er nicht nur als ehemaliger und belobigter Soldat zur Polizei, sondern ist auch der Sohn eines ehemaligen Beamten, der dort wie ein Held verehrt sowie im Dienst schwer verletzt wurde. Schon dadurch steht Lindsey unter Druck, denn während alle von ihm besondere Leistungen erwarten, wird er gleichzeitig besonders scharf kontrolliert, damit keine Bevorzugung vermutet wird. Daheim wartet derweil der moribunde Dad auf Positiv-Berichte, weil ihn jede Verfehlung seines Sohnes dem Grab ein Stück näherbringt.

»Lehrjahre sind keine Herrenjahre«: So muss Lindsey, der in einem Mordfall ermittelt, zwischendurch trotzdem die Dienstwagen der Kollegen waschen. Die »State Troopers« des US-Staates Massachusetts sind ohnehin eine militärähnlich organisierte Truppe. Die Angehörigen leben in Kasernen und unterliegen besonders scharfen Vorschriften. Es herrschen ein ausgeprägter Korpsgeist und ein – von Benson nicht thematisiertes aber angesprochenes – Gefühl der Überlegenheit gegenüber den örtlichen Gesetzeshütern, die von Bürgern gewählt werden, oft nur nebenberuflich kleine Gauner jagen sowie als bestechlich gelten.

In diesem Umfeld muss sich ein Frischling jeden Schritt überlegen. Das gilt erst recht in Liebesdingen. Immerhin ist Lindsey auf diesem Gebiet nicht der Trottel, der sich klischeetypisch in angeblich unterhaltsamen Lächerlichkeiten verstrickt. Hier sorgt Bensons eher nüchterne Betrachtungsweise für Realismus. Dabei verliebt sich Lindsey in eine ältere Frau, was zur Entstehungszeit dieses Romans nicht als Nebensache galt. Dass aus dieser Beziehung nichts wird, ist einer Handlungsdramatik geschuldet, die sich stark am zeitgenössischen Film orientiert.

Wo steckt das Böse?

Obwohl Lindsey tüchtig in die Zange genommen wird, bleibt ihm die Zeit für quasi private Ermittlungen. Wie der Zufall = Autor Benson es will, wird natürlich der Neuling dort fündig, wo das Gesetz bisher vergeblich fahndete. Das unterstreicht seine Tauglichkeit als Serienfigur, die über dem kriminalistischen Durchschnitt steht, obwohl Benson wiederum darauf bedacht ist, den Einsatzalltag der Polizei als Teamarbeit darzustellen.

In diesem Zusammenhang ist es ihm wichtig klarzustellen, dass hervorstehende Nagelköpfe von weisen Vorgesetzten entweder per Hammerschlag auf identische Höhe eingetrieben oder gänzlich aus dem Holz gezogen werden: Wer sich nicht eingliedern oder gar Karriere auf Kosten primär pflichtbewusster Kollegen machen will, hat keinen Platz in dieser Tafelrunde. In diesem Punkt ist Benson gänzlich zeittypisch: Faule Eier bleiben in der Polizei-Welt Einzelfälle, die zuverlässig aussortiert werden.

Auch das Verbrechen zahlt seinen Preis. Benson verzichtet nicht auf dramatische Zwischenfälle, d. h. Schießereien und Leichen, ohne diese als alltägliche Begleiterscheinungen des Polizeidienstes zu stilisieren. Folglich fällt ein großes Finale der gewaltreichen Art aus. Für Benson ist es wichtiger, den bisher so mächtig wirkenden Hauptschurken als jämmerlichen Feigling dar- und bloßzustellen, der nun bekommt, was er verdient – nicht den Tod, sondern eine harte Strafe. Auch das fügt sich vergleichsweise unaufdringlich in die Handlung ein, sodass Gefühl ist unmodern als »kleiner«, alter, nicht klassischer aber lesenswert gebliebener Kriminalromane im Lesergedächtnis bleibt.

Michael Drewniok, Februar 2017

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