Anhalten! von Ben Benson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1957 unter dem Titel The Running Man , deutsche Ausgabe erstmals 1960 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: USA, Massachusetts, 1950 - 1969.
Folge 5 der Ralph-Lindsey-Serie.

  • New York: M. S. Mill & William Morrow, 1957 unter dem Titel The Running Man . 190 Seiten.
  • München: Goldmann, 1960. Übersetzt von Paul Baudisch. 177 Seiten.
  • München: Goldmann, 1961. Übersetzt von Paul Baudisch. 156 Seiten.

'Anhalten!' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Ein Handelsvertreter wurde offensichtlich von einem Anhalter umgebracht. Viele Spuren enden in Sackgassen, bis ein junger Polizeibeamter die widersprüchlichen Indizien zu einem überraschenden Ergebnis bündeln kann ... – Früher Krimi des Subgenres »police procedural«. Der nüchtern und spannend geschilderten Ermittlung schadet ein simpel-konservatives Weltbild, das jegliches Abweichen von der gesellschaftlichen Norm zum Schritt ins Verderben stilisiert: trotzdem lesenswert.

Das meint Krimi-Couch.de: »Daumen gehoben, dann Finger am Abzug« 75°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Ralph Lindsey arbeitet für die Staatspolizei des US-Staates Massachusetts. Der junge Mann steht noch am Anfang seiner Karriere und wird vor allem für Routineaufgaben eingesetzt. Lindsey ist pflichtbewusst und aufmerksam aber auch ein wenig einsam, weshalb er sich mit dem jungen William Nesbitt anfreundet, obwohl dieser zur lokalen Oberschicht gehört. Nesbitt ist freundlich und protzt nicht mit seinem Reichtum oder seiner Herkunft; er plant sogar selbst zur Staatspolizei zu gehen.

Die junge Freundschaft wird auf die Probe gestellt, als Lindsey Nesbitts Freundin Karen kennenlernt. Zwischen ihnen sprühen Funken, und da Karen sich nicht von Nesbitt vereinnahmen lässt, hält sich auch Lindsey nicht zurück. Eine echte Beziehung will aber nicht zustande kommen, weil plötzlich der Dienst den Polizeibeamten fordert. Während einer Routinekontrolle hat er auf der verlassenen Runkle-Farm erst den Wagen und dann die Leiche des Tee-Abschmeckers Eugen Somers entdeckt. Der wurde offenbar von einem Anhalter entführt und an dieser einsamen Stelle niedergeschossen.

Die Staatspolizei arbeitet mit dem örtlichen Sheriff zusammen, aber die Ermittlungen sind schwierig. Es gibt keine Zeugen, und die Suche nach Anhaltern = potenziellen Tätern kommt in dem unübersichtlichen County nur langsam voran. Zeitweilig gerät der Dorfrebell Ernest Congdon in Verdacht, der jedoch ein Alibi nachweisen kann.

Wochen später kommt es zu einem weiteren Überfall. Dieses Mal gibt es Überlebende, und der Täter kann dingfest gemacht werden. Lindsey hegt allerdings Zweifel. Er hat eine besorgniserregende Theorie über die Identität des eigentlichen Mörders entwickelt, mit der er sich in der kleinen Stadt keine Freunde schafft. Die Staatspolizei ist über solche Rücksichten erhaben. Eine Falle wird gestellt, doch der schlaue Täter ahnt, dass man ihm auf die Schliche gekommen ist. Auf ein Entkommen darf er nicht hoffen, aber das will er gar nicht, sondern mit einem blutigen Paukenschlag untergehen …

Verbrechen um des Verbrechens willen

In seiner Entstehungsphase besaß das literarische Verbrechen einen »Sinn«. Selbst wenn gemordet wurde, gab es dafür handfeste Motive. Ganz klassisch fielen Opfer im Rahmen missglückter Überfälle an, weil sie sich gegen Räuber wehrten oder diese überraschten. Konkurrenten wurden aus dem Weg geräumt. Auch Rache war irgendwie verständlich, wenn ihr ein Geschehen zugrunde lag, das der Leser nachvollziehen konnte.

Lange außen vor weil generell unverständlich blieb die reine Mordlust. Zwar war durchaus bekannt, dass manche Menschen töten, weil sie es genießen; entsprechende Taten sind seit dem Mittelalter belegt. Solche Zeitgenossen blieben anscheinend Ausnahmen und galten als »Bestien«, die man relativ rasch erkennen und ausschalten konnte. Dem entsprach eine obrigkeitliche Praxis, der wenig daran lag, die öffentliche Ruhe gestört zu sehen.

Lust- und Serienmörder jagen Angst ein, und spätestens im 20. Jahrhundert ließ sich nicht von der Hand weisen, dass sie zahlreicher waren als angenommen. Die modernen Massenmedien sorgten dafür, dass ihre Taten Verbreitung fanden, wobei um der Auflagenstärke willen an gruseligen Details (und Fotos) nicht gespart wurde. Ungeachtet der Ablehnung, die solches Treiben in intellektuellen (oder intellektuelloiden) Kreisen hervorrief, konnten auch Politik, Justiz und Polizei nicht leugnen, dass es »Triebtäter« gab und dieses Phänomen womöglich auf dem Vormarsch war.

Der Krimi reagiert

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand diese Erkenntnis seinen Weg in die populäre Unterhaltung – drastisch in den allerdings allmählich an Bedeutung und Auflagenstärke verlierenden »Pulp«-Magazinen, gemäßigt in den sie ersetzenden Taschenbüchern: dies zumindest in jenen Bänden, die oberhalb der Ladentheke angeboten wurden.

Viele Jahre nach Hannibal Lecter und der Verklärung des Serienkillers zur mythischen Gestalt ist es schwierig, sich in diese Vergangenheit zurückzuversetzen. Als Ben Benson sich dem Thema 1957 in Anhalten! widmete, musste – und wollte – er dies mit quasi einem auf den Rücken gebunden Arm tun. Gerade er war nicht dafür bekannt, unschöne Wahrheiten als Kritik an politischen und sozialen Verhältnissen anklingen zu lassen. Benson war konservativ und lag mit dem zeitgenössischen US-Establishment auf einer Linie. Disziplin, Gehorsam, Anpassung: Dies war die Alltags-Trias der Eisenhower-Ära, und Benson gab sich in seinen Romanen nicht nur als Anhänger entsprechender Werte zu erkennen, sondern wollte diesbezüglich aufklären.

»Wehret den Anfängen«, war seine Devise: Noch war es möglich, bereits eingerissene Missstände zu beheben, wenn man hart genug durchgriff. Wen Benson damit im Auge hatte, blieb kein Geheimnis. Auch in Anhalten! findet man problemlos Passagen wie diese, in denen der Autor sich um die Jugend »sorgt«:

» …alle hatten sie hautenge, verschossene Blue Jean und Sporthemden an, alle trugen sie lange Bartkoteletten, alle hatten sie eine miserable Haltung …Verdrossene, faule Bengel, die nichts mit sich anzufangen wissen. Jeder einzelne hätte es nötig gehabt, sich die Haare schneiden zu lassen und sich ordentlich zu waschen. Ihre Eltern schienen sich überhaupt nicht um sie zu kümmern.« (S. 109)

Die Realität lässt sich nicht mehr verdrängen

Auf den ersten Blick scheint Benson diesem Schrecken recht platt seine Hauptfigur gegenüberzustellen. Ralph Lindsey ist 23 Jahre jung aber »vernünftig«. Er hat Kriegsdienst in Korea geleistet und seinem Land gedient. Als Mitglied der »state trooper« gehört er einer militärisch organsierten Polizei an. Er unterwirft sich problemlos und zum eigenen Nutzen den Vorschriften und Regeln, nimmt Kritik an und hört auf erfahrene Kollegen: Lindsey ist aus heutiger Sicht also ein grässlicher Paragrafenreiter, was ihm u. a. die weiter oben erwähnten »Halbstarken« ins Gesicht sagen, die Lindsey bei Bedarf mit ordentlichen Arschtritten auf ihre Plätze verweist = dem Gesetz auf gute, alte US-Pionierart handfest Geltung verleiht.

Ganz so einfach ist es jedoch nicht. Lindsey lässt sich von seinen Vorgesetzten nicht alles gefallen. Vor alle ist Benson ehrlich genug, jene Brüche anzusprechen, die Recht und Ordnung offensichtlich nicht ausbügeln können. Einen Gegner wie dem (hier natürlich namentlich nicht erwähnten) Mörder, der tötet, weil er wissen möchte, »wie sich das anfühlt«, kann die Polizeimaschine nur nach langem Anlauf fassen. Dies ist eine Zeit ohne Profiler und CSI-Hightech. Die bewährten Methoden basieren auf den Ermittlungen gegen »sinnvoll« agierende Verbrecher. Zwar greift die Methode Indiziensuche – Zeugenbefragung – Auswertung letztlich trotzdem, aber sie kostet Zeit, die man in diesem Fall nicht hat: Dieser Mörder ist labil und kann jederzeit irgendwo wieder losschlagen.

Benson gibt sich Mühe mit dem Versuch einer Charakterisierung des Täters. Er stellt ihn nicht als »typischen« Irren dar, der – endlich gestellt – in gellendes Lachen ausbricht oder in Zuckungen verfällt, sondern arbeitet mit dem Bild eines stillen, unauffälligen, gesellschaftlich integrierten und sogar liebenswürdigen Menschen, den niemand verdächtigen würde und der gerade deshalb so gefährlich ist. Weil er selbst noch jung und eben doch nicht institutionalisiert ist, verfügt Lindsey über die Fähigkeit, über jenen Tellerrand zu blicken, den seine Kollegen als Hindernis nicht mehr wahrnehmen. Die Ermittlungsmethoden müssen ergänzt werden, um neuen Bedrohungen gerecht zu werden.

Natürlich endet diese Geschichte mit Aufklärung und dramatischem Finale inklusive Vis-à-vis mit dem Täter. Benson erspart uns jedoch das triumphierende Schwelgen in »Crime-does-not-pay«-Plattitüden, sondern wahrt die verstörende Unsicherheit, die dieser Bote einer neuen Mörder-Epoche verbreitet. Auf diese Weise bügelt der Verfasser seine plump-didaktischen Ausbrüche aus. Hinzu kommt ein angenehm sachlicher Stil, sodass dieser Roman ungeachtet der Staubschicht, die sich über Inhalt und Form legt, seinen Unterhaltungswert bewahrt hat.

Michael Drewniok, April 2017

Ihre Meinung zu »Ben Benson: Anhalten!«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Ihr Kommentar zu Anhalten!

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: