Denn die Seele ist in deiner Hand von Batya Gur

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Retsaòh be-Derekh Bet Leòhem, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Israel / Jerusalem, 1990 - 2009.
Folge 5 der Michael-Ochajon-Serie.

  • -: ?, 2001 unter dem Titel Retsaòh be-Derekh Bet Leòhem. 447 Seiten.
  • München: Goldmann, 2003. Übersetzt von Barbara Linner. ISBN: 3-442-30836-4. 447 Seiten.
  • Köln: Random House Audio, 2003. Übersetzt von Ulrich Pleitgen. 5 Seiten.
  • München: Goldmann, 2005. Übersetzt von Barbara Linner. 447 Seiten.

'Denn die Seele ist in deiner Hand' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Auf dem Speicher eines verlassenen Wohnhauses am Rande der Jerusalemer Altstadt wird eines Tages die Leiche einer jungen Frau entdeckt. Um den Hals der 22-jährigen Zohra Baschari ist ein roter Seidenschal geschlungen, ihr Gesicht ist zerschmettert. Bei seinen Ermittlungen stellt Inspektor Ochajon schon bald fest, dass Zohra Geheimnisse in ihrem Leben barg, von denen niemand etwas ahnte. Als kurz darauf auch noch die zehnjährige Nesja spurlos verschwindet, spitzen sich die Ereignisse zu. Das kleine Mädchen vergötterte die schöne Zohra zu Lebzeiten und war ihr oft wie ein unsichtbarer Schatten gefolgt. Offensichtlich weiß das Kind etwas über die Hintergründe der Tat und schwebt nun selbst vielleicht in höchster Gefahr. Inspektor Ochajon muss handeln, und zwar schnell …

Das meint Krimi-Couch.de: »Die Spaltung innerhalb des jüdischen Volkes nach Herkunft« 73°

Krimi-Rezension von Sabine Reiss

Inspektor Ochajon ist wieder da. Er hat sich entschlossen, eine Wohnung in Jerusalem zu kaufen und will sie gerade seinem Freund und Kollegen Balilati zeigen, als er unterwegs zu einem verlassenen Haus gerufen wird, das in Kürze umgebaut werden soll. Dort hat man auf dem Dachboden die Leiche einer jungen Frau gefunden, die erdrosselt wurde. Sie kann zunächst nicht identifiziert werden, da sie keine Papiere bei sich hat, aber es stellt sich am nächsten Tag heraus, dass es sich um Zohra Baschari handelt, die jüngste Tochter einer jemenitischen Familie. Bei der Obduktion stellt man fest, dass Zohra schwanger war, was ihre Eltern mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen, da sie glaubten, ihre Tochter hätte sich bis zur Ehe »aufbewahren« wollen.

Zohra lehnte die Aschkenasim (die Juden Mittel- und Osteuropas ab). Umso erstaunlicher ist es für Ochajon, dass in ihrem Zimmer Papiere gefunden werden, die belegen, dass ihr Arbeitgeber, Anwalt Rosenstein, ein aschkenasischer Jude, ihr eine kleine Eigentumswohnung kaufen wollte. Den Ermittlern drängt sich der Verdacht auf, dass die beiden eine Affäre hatten. Als ein Kind verschwindet, das im Viertel täglich mit seinem Hund unterwegs ist, ist Eile geboten, denn es ist wahrscheinlich, dass das kleine Mädchen etwas gesehen hat, was es nicht sehen sollte.

Wer bereits einen Krimi von Batya Gur gelesen hat, der weiß, dass zwar ihr Protagonist ein Inspektor der Jerusalemer Polizei ist, ihre Geschichten jedoch weit mehr sind, als ein landläufiger Krimi. Einmal erhält der Leser einen tiefen Einblick in die Psychoanalyse, ein anderes Mal in die Musikerszene. Jedes ihrer Bücher ist anders, wobei sich die Figur Michael Ochajon wie ein Faden hindurchzieht. Mit der Zeit erfährt man recht viel von ihm, er ist geschieden, hat einen inzwischen fast erwachsenen Sohn und trifft nun ihm vorliegenden Band seine Jugendliebe Ada wieder. Auch seine Kollegen lernt man kennen, wobei sie deutlich schwächer in Szene gesetzt werden.

In »Denn die Seele ist in deiner Hand« widmet sich die Autorin hauptsächlich zwei Themen. Nicht nur die Konflikte zwischen Arabern und Juden spielen eine Rolle (so wird z.B. ein Bauarbeiter arabischer Herkunft beim Verhör mehr als unsanft behandelt), sondern auch die Spaltung innerhalb des jüdischen Volkes nach der Herkunft: Holocaust-Juden und Alteingesessene, Jemeniten und Nordafrika-Juden. Dies zeigt sich deutlich am Gebaren der Familie Baschari und ihrer direkten Nachbarn, mit denen diese schon seit 1949 im Streit liegen, für den es keinen besonderen Grund gibt. Zohra Baschari deckt zudem auf, was ihre Eltern immer totgeschwiegen hatten: in der Zeit der Staatsgründung wurde der Familie ein Baby weggenommen. Allen betroffenen Eltern wurde damals mitgeteilt, ihr Kind sei gestorben und dann wurde es von einem anderen Paar adoptiert, das keine Kinder bekommen konnte (meist aufgrund der Behandlung in den Konzentrationslagern).

Dieses Thema macht betroffen und Batya Gur nimmt wieder einmal für sich in Anspruch, einen interessanten Hintergrund für ihre Geschichte ausgewählt zu haben. Doch so lobenswert dies auch sein mag, ein Wermutstropfen schleicht sich ein. Der Kriminalfall entbehrt zwar nicht jeglicher Spannung, doch zieht er sich dahin wie Kaugummi. Alles was bei den Ermittlungen passiert, erweckt den Eindruck, dass es sich »nur« um Nebenhandlung handelt, obwohl den Geschehnissen viel Platz eingeräumt wird. Alles in allem könnte das Buch deutlich straffer sein, ohne dass der Reiz verloren ginge. Gerade wenn man schon die Vorgänger-Romane gelesen hat, tritt dieser Mangel deutlich hervor. Für Leute, die noch keine Bücher mit dem Schauplatz Israel oder generell mit jüdischen Hintergrund gelesen haben, ist es wahrscheinlich auch ein wenig schwer, mit dem speziellen Vokabular zurechtzukommen, was jedoch keinesfalls den Lesefluss beeinträchtigt. Eventuell wäre hier ein Glossar hilfreich gewesen.

Für Batya Gur spricht ihre Fähigkeit, sich der unterschiedlichsten Themen anzunehmen und diese so in einen Krimi einzubetten, dass man sich von der Lektüre gefangen genommen fühlt. Auch wenn sie dies hier nicht so erfolgreich wie bisher unter Beweis gestellt hat, so bleibt »Denn die Seele ist in deiner Hand« dennoch lesenwert (mit den genannten Einschränkungen), insbesondere für diejenigen, die sich für Israel interessieren. Sollte Inspektor Ochajon einmal pensioniert werden, so wäre dies ein Verlust für die Leser …

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Leselöwin zu »Batya Gur: Denn die Seele ist in deiner Hand« 20.06.2015
Ich bedauere sehr, dass Batya Gur vor einigen Jahren verstorben ist. So herausragende Kriminalromane wie ihre findet man nicht mehr oft, sie ragen wohltuend aus dem üblichen Serienmörder-Einheitsbrei heraus.
Man liest nicht nur über einen spannenden Mordfall, sondern erfährt in jedem Buch auch viel über Israel.
Den vorliegenden Roman halte ich für ihren besten. Eine "Romeo und Julia"-Geschichte, die auch tragisch endet, aber ganz anders als bei Shakespeare. Der Leser ist sehr betroffen, wenn er erfährt, wer diesen grausamen Mord an einem schönen jungen Mädchen begangen hat.
pet zu »Batya Gur: Denn die Seele ist in deiner Hand« 14.09.2003
Wieder ein unterhaltsamer und gut geschriebener Krimi. Es fehlt dieses mal etwas das übliche zentrale Thema. Gut, es fehlt nicht ganz, wird aber nicht so vertieft wie gewöhnlich. Dies macht aber andererseits das Buch flüssiger lesbar. Einzig etwas nervend das Kapitel, in dem Ochajon und seine Freundin diskutieren, ob die Initiative vom Mann ausgehen muß, wenn er etwas von der Frau will oder ob von der Frau wenigstens ein Signal kommen muß. Das wirkt etwas flach und passt so gar nicht zu den Gur-Krimis. Im Ganzen ist "Denn die Seele ist in deiner Hand" etwas kommerzieller als seine Vorgänger geschrieben. Es geht alles etwas flotter voran als gewohnt.
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