Das Lied der Könige von Batya Gur

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1996 unter dem Titel Meròhaòk ha-nakhon, deutsche Ausgabe erstmals 1998 bei Goldmann.
Ort & Zeit der Handlung: Israel / Jerusalem, 1990 - 2009.
Folge 4 der Michael-Ochajon-Serie.

  • -: ?, 1996 unter dem Titel Meròhaòk ha-nakhon. 605 Seiten.
  • München: Goldmann, 1998. Übersetzt von Vera Loos & Naomi Nir-Bleimling. ISBN: 3-442-30667-1. 605 Seiten.
  • München: Goldmann, 2000. Übersetzt von Vera Loos & Naomi Nir-Bleimling. ISBN: 3-442-44573-6. 603 Seiten.
  • München: Goldmann, 2000. Übersetzt von Vera Loos & Naomi Nir-Bleimling. ISBN: 3-442-44946-4. 603 Seiten.
  • München: Goldmann, 2002. Übersetzt von Vera Loos & Naomi Nir-Bleimling. ISBN: 3-442-05473-7. 603 Seiten.

'Das Lied der Könige' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Das Lied der Könige Zwei rätselhafte Mordfälle erschüttern die glanzvolle Welt der Jerusalemer Musikszene. Felix van Gelden, das Oberhaupt einer weltweit gefeierten Musikerfamilie, fällt einem Raubmord zum Opfer. Wenig später wird sein Sohn Gabriel, der Stargeiger, tot hinter der Bühne aufgefunden – erdrosselt mit einer Cellosaite. Michael Ochajon übernimmt die Ermittlungen, und er stellt fest, dass hinter der schillernden Fassade tödliche Intrigen lauern …

Das meint Krimi-Couch.de: »Für den, der außer Krimis auch klassische Musik liebt, ist der Roman ein absolutes Muss« 86°Treffer

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Am Abend des jüdischen Neujahrsfestes sitzt Inspektor Michael Ochajon allein zu Hause in Jerusalem. Da vernimmt er plötzlich das Weinen eines Neugeborenen und entdeckt im Keller seines Hauses in einer Pappschachtel einen ausgesetzten Säugling. Spontan entschließt er sich, entgegen jeder Logik den Fund zunächst nicht zu melden, sondern selber für das Baby zu sorgen. Mit der Aussage, es handle sich um das Kind seiner Schwester, bittet er seine Nachbarin Nita van Gelden, alleinerziehende Mutter eines Kleinkindes, mit der er bisher keinen Kontakt hatte, um Hilfe. Nachdem er die prominente Cellistin näher kennenlernt, weiht er sie schließlich in sein Geheimnis ein. Die beiden spielen der Fürsorge ein zusammenlebendes Paar vor und erhalten das vorläufige Sorgerecht für das Findelkind.

Nita stammt aus einer berühmten Musikerfamilie. Ihr Vater Felix ist Musikalienhändler, ihre beiden Brüder Theo und Gabriel bekannte Geiger, Theo auch Dirigent. Nita bereitet sich intensiv auf ihr Comeback-Konzert vor, bei dem sie gemeinsam mit ihren Brüdern auftreten soll. Nach diesem Festkonzert erhält Nita die Nachricht vom Tode ihres Vaters. Er wurde während der Aufführung überfallen und geknebelt. Dabei ist er erstickt.

Zwei Wochen später findet Nita nach einer Orchesterprobe ihren Bruder Gabriel hinter der Bühne tot auf. Ihm wurde mit einer Cellosaite der Kopf fast vollständig abgetrennt. Mit der Aufklärung des Verbrechens wird Michael Ochajon beauftragt. Durch die neue private Situation, von der er seine Vorgesetzten nicht einmal informiert hat, gerät er nun in große Gewissenskonflikte. Doch er ist weder bereit, den Fall noch sein Findelkind abzugeben.

Wenn man zunächst den Inhalt und dabei die Geschichte mit dem Findelkind liest, erwartet man schon einen etwas schmalzigen Roman. Doch weit gefehlt: Sogar dieses Thema wird behutsam und mit viel Einfühlungsvermögen erzählt, ohne auch nur im gerinsten ins Schnulzige abzugleiten.

Immer wieder bietet das Buch ausführliche Abschweifungen, ohne dabei die Haupthandlung aus den Augen zu verlieren. Faszinierend, wie es Batya Gur gelingt, sich mit vielen verschiedenen Themen zu befassen und diese alle ausgewogen unter einen Hut zu bringen. Dies habe ich selten erlebt, denn oft verzettelt sich ein Autor, wenn er zuviel in ein einziges Buch einbringen will.

Was ein anderer Krimiautor auf 200 Seiten runterschreibt, schmückt Batya Gur auf über 600 Seiten aus. Den 200-Seiten-Krimi hat man nach 2 Wochen wieder vergessen. So aber wird das Buch zum Erlebnis. Jeder Charakter wird ausführlich dargestellt, so daß man sich die Personen wirklich leibhaftig vorstellen kann. Auch die Randfiguren werden dabei nicht vergessen. Schon durch die Beschreibung der Charaktere entwickelt der Roman seine ihm eigene Spannung.

Es ist jedoch keinesfalls so, dass die Autorin jede Szene ausschmückt, um ihre Seitenzahlen zu erreichen. Für den Leser ist kein Wort überflüssig. Als z.B. Ochajon Nita die Geschichte mit dem Baby gesteht, geschieht das in einem Satz im Sinne von: »Er erzählte ihr alles«. Was der Leser schon kennt, wird nicht nochmal in allen Einzelheiten wiederholt, wie das so oft üblich ist.

Doch weitgehend sind die Dialoge sehr lang und gelegentlich auch schwer verdaulich. Dadurch würde ich dieses Buch auch als unverfilmbar bezeichnen im Sinne, dass die Qualität dabei erhalten bleibt.

esonders interessant die Informationen aus der Welt der klassischen Musik. Beeindruckend, wie Batya Gur in die Beschreibung eines Verhörs einen etwa 20-seitigen Exkurs in die Geschichte der Musik vom Barock bis ins 20. Jahrhundert inklusive Instrumentenkunde einfließen lässt. Dies ist auch für jemanden interessant, der nur wenig Ahnung von diesem Thema hat, für einen Liebhaber sowieso. Selten kann man so gut wie hier erkennen, dass ein Autor wirklich gründlich recherchiert hat und weiß, wovon er schreibt. Selbst einem Musikbanausen gewährt die Darstellung von der Beziehung passionierter Geiger zu den Musikstücken lehrreiche Erkenntnisse.

Auch die Geschichte Israels bleibt nicht unerwähnt, wenn auch nur über Umwegen darauf eingegangen wird durch die Tatsache, dass Theo van Gelden plant, die verpönte Musik von Wagner in Jerusalem aufzuführen. Man erfährt einiges über die Unterschiede zwischen aus Europa eingewanderten und den in Israel geborenen Juden. Spannungen zwischen arm und reich werden in dieser Zustandsbeschreibung der israelischen Gesellschaft deutlich.

Was mir besonders gut gefallen hat, war auch das Verhör mit Ruth Maschiach, für das die Autorin ebenfalls mehr als 20 Seiten erübrigte. Dabei schweifen Ochajon und die Verdächtige ab und diskutieren über Kriminalromane.

Die Kriminalfälle an sich geraten schon fast in den Hintergrund. Kurz vor diesem Vergessen kommt die Autorin jedoch dann wieder zum zentralen Thema zurück. Der Leser tappt, was die Suche nach dem Mörder anbelangt, lange Zeit im Dunklen. Es gibt keine wirklich Verdächtigen. Alle in Frage kommenden Personen werden von der Polizei gleich behandelt. Ihre Beziehungen zu den Opfern werden ausführlich durchleuchtet, das Psychologische steht dabei im Vordergrund. Vordringender als die Suche nach dem Mörder wird die Frage nach dem Motiv behandelt, denn es gibt zunächst keines.

Die privaten Probleme von Michael Ochajon durchziehen den Roman wie ein roter Faden. Man ahnt schon zu Beginn, dass sich da eine Liebesbeziehung zwischen Michael und Nita entwickeln wird. Aber auch diesbezüglich bleibt das Buch absolut ausgewogen, fällt nicht in irgenwelche Klischees ab. Es gibt keine Liebesszenen im eigentlichen Sinne. Vielmehr ist es eine Beschreibung des Gefühlslebens von Inspektor Ochajon.

Normalerweise kommt bei mir nach soviel Lob auch ein wenig Kritik, aber hier muß ich mir wirklich etwas aus den Fingern saugen. Man muß sich schon ein wenig in den Schreibstil von Batya Gur einlesen. Dieser ist sicher nicht jedermanns Sache. Und als superspannend im eigentlichen Sinne kann man das Werk auch nicht gerade bezeichnen. Das wars aber auch schon, was man als Kritik sehen könnte.

»Das Lied der Könige« ist kein Buch, das man mal so eben nebenher liest. Es bietet alles, was ein gutes Buch haben sollte: Spannung, Information, Lesefluß, Charakterdarstellung, Logik und einiges mehr. Nicht zu empfehlen ist das Werk für Leser, die Thriller suchen, die von Anfang an Action und Spannung bieten. Man muß sich hier schon etwas einlesen. Für den, der außer Krimis auch klassische Musik liebt, ist der Roman ein absolutes Muss.

Das meinen andere:

»Das einzige, was man als Leser von ´Das Lied der Könige´ bedauert, ist die Tatsache, dass dieser neue Ochajon-Roman nur 604 Seiten hat.« (Bücher / Livres)

Ihre Meinung zu »Batya Gur: Das Lied der Könige«

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heinrich zu »Batya Gur: Das Lied der Könige« 02.01.2014
Man sollte bereits ein Buch von Batya Gur gelesen haben, um zu wissen, was auf einem zukommt. Auch in diesem ca. 600 Seiten dicken Werk wird es dem Leser nicht leicht gemacht.
Die Morde scheinen ziemlich nebensächlich, die Ermittlungen gehen ins Leere. Zu Dreivierteln kreist der Roman um die Verhältnisse des Kommisars zu seinen Mitmenschen (hier schwerpunktmäßig zu dem Findelkind und seiner Nachbarin), weiterhin um die Diskussion, wie klassische Musik richtig interpretiert wird und auch um die etwas andere Ermittlungsführung des Jerusalemer Polizeiteams.
Wer mit schwerem Stoff zurecht kommt, wird von diesem Buch nicht enttäuscht.
Von mir 78°
najophi zu »Batya Gur: Das Lied der Könige« 01.09.2007
Es steckt so viel Besonderes in diesem Buch - sehr viel Liebe zum Detail! Es fesselt und weckt Neugier auf Vivaldi, Musikgeschichte und Konzerte - es magnetisiert! Schwer, so ein Buch wegzulegen - zumal die Liebesgeschichte offen bleibt - dramaturgisch superbe - beim Zuklappen des Buches will man sofort den nächsten aufschlagen... Auf in den Buchladen!
Urs zu »Batya Gur: Das Lied der Könige« 25.05.2005
In der Ochajon-Reihe unverzichtbar und sicher ein Fest für alle die sich in der Musik auskennen und Krimis lieben. Da auf mich selbst leider nur der zweite Teil dieser Aussage zutrifft war ich beim ersten lesen mit den Ausführungen zur Musikwelt etwas "überfordert"
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Klaus Lienert zu »Batya Gur: Das Lied der Könige« 15.05.2005
Noch nie in meinem Leben habe ich einen Krimi sooo langsam gelesen. (Ich bin erst auf Seite 240 und habe keine Eile) Zuerst war ich ganz eingenommen von der Beschreibung der beiden Babies.
Zufällig bin ich seit 3 Jahren Grossvater von 4 entzückenden Kleinkindern, das letzte ist vor einer Woche geboren. Was B.Gur über das Schillern der Augen oder das Vorspiel zum ersten Lächeln oder das Ziehen an den Locken der Mutter beim Flaschen-Trinken schreibt, ist einfach einzigartig. Bald nach Beginn der Lektüre dachte ich, so kann nur eine Frau schreiben - und dieser Eindruck hat sich in höchst positiver Weise gehalten. So, wenn zB. die schlafend-komatöse Nita im Hinterzimmer des Musiksaals aufwacht, oder bei der Beschreibung der Kinderfrau usw.usw.
Ich bin des (literarischen, psychologischen, musikologischen) LOBES voll. Und ich werde bestimmt alle Bücher von Batya Gur lesen, und einige davon meinen Freunden Psychologen,Musikern und Literaturbegeisterten schenken.

P.S. Meine bisherigen Lieblings-Krimiautoren waren/sind: Nicolas Blake und Dorothy Sayers. Ich finde bei B.Gur ähnliche literarische Qualitäten, in einem gewissen (langsam ins Bewusstsein einfliessendem) Sinne noch stärkere, grössere !!
bee000 zu »Batya Gur: Das Lied der Könige« 19.06.2002
Schade, daß die Serie um den sympathischen Inspektor noch keine weitere Fortsetzung gefunden hat. Ich habe alle Bücher verschlungen und würde dieses an zweite Stelle meiner Gur-Favoritenliste setzen.
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