Die Unseligen von Aurélien Molas

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2012 unter dem Titel Les fantômes du Delta, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Piper.
Ort & Zeit der Handlung: Nigeria, 2010 - heute.

  • Paris: A. Michel, 2012 unter dem Titel Les fantômes du Delta. 515 Seiten.
  • München: Piper, 2013. Übersetzt von Thorsten Schmidt. ISBN: 978-3-492-30262-3. 528 Seiten.

'Die Unseligen' ist erschienen als Taschenbuch

In Kürze:

Als die französischen Ärzte Benjamin und Jacques in dem nigerianischen Waisenhaus ankommen, fällt ihnen sofort ein Mädchen auf. Der kleinen Naïs scheint es viel besser zu gehen als den anderen, teils schwerkranken Kindern. Aber warum widmen die einheimischen Ärzte ihr trotzdem die meiste Aufmerksamkeit? Da stürmt eine Rebellengruppe das Waisenhaus, und sie haben es nur auf eines abgesehen: Naïs.

Das meint Krimi-Couch.de: »Priester, Rebellen und ein besonderes Kind« 70°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Naïs wird 2003 als Tochter einer Einheimischen und eines französischen Priesters in Nigeria geboren. Sie wächst zunächst in einem Waisenhaus auf, das später von der Regierung geschlossen wird. Benjamin Dufrais und Jacques Rougée sind französische Ärzte, und im Auftrag  der Organisation »Ärzte ohne Grenzen« sind sie Jahre später in Nigeria unterwegs. Sie fahren von einem Waisenhaus zum anderen, um die Kinder zu untersuchen und vor allem auf ihren Ernährungszustand zu prüfen.  In einem ganz speziellen Waisenhaus kommt es dann zu einem Überfall. Das Gebäude ist besonders gesichert und wird von bewaffneten Posten bewacht. Nur schwer können sich die Ärzte Zutritt verschaffen, vom Personal werden sie argwöhnisch beäugt. Zufällig finden sie in einem abgeschotteten Einzelzimmer die kleine Naïs, die gesund wirkt, aber auffällig anders behandelt wird als die übrigen Kinder. Plötzlich attackieren Rebellen das Waisenhaus, und sie nehmen Naïs und die beiden Franzosen als Geiseln mit. Für die Ärzte und das offenbar ganz besondere Mädchen beginnt eine lebensgefährliche Odyssee, die erst Jahre später enden soll.

Rücksichtslose Ausbeutung der Natur

Aurélien Molas beschreibt in seinem Roman eingehend die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in Westafrika, speziell in Nigeria. Diese Aspekte wirken gut recherchiert, die Einflussnahme der international operierenden Ölgesellschaften, die Umweltkatastrophen und die Naturzerstörung werden in düsteren Farben geschildert. Man kann sich diese Informationen auch selbst in den Medien und im Internet zusammen suchen, aber Molas fügt sie hier zu einem eindringlichen Gemälde zusammen, und verschafft seinen Lesern so ein glaubhaftes und authentisches Bild von Nigeria. Die Vertreibung der Landbesitzer mit Duldung oder gar Hilfe der Regierung, die Rücksichtslosigkeit der Naturausbeutung, der Entzug der wirtschaftlichen Basis für die Landwirtschaft oder die Fischer – all das wird ausreichend geschildert, ohne ein Übergewicht in der eigentlichen Geschichte zu bekommen.

Autor arbeitet mit starken Bildern

Wirklich gelungen sind die Protagonisten. Die beiden Ärzte sind recht unterschiedliche Charaktere, und mit der Krankenschwester aus den USA wird eine weitere Hauptperson eingeführt , die ganz neue Nuancen in die Geschichte bringt. Aber auch die Rebellenführer, der französische Priester und weitere Nebenfiguren sind glaubhaft und authentisch gezeichnet. Molas ist vor allem Drehbuchautor, und das merkt man seinem Roman schon an, ohne dass ich diesen Effekt als negativ einstufen möchte. Er arbeitet mit starken Bildern, aber für mich ist seine Erzählung dadurch nachvollziehbarer geworden. Das kleine Mädchen, um das sich am Ende alles dreht, kommt allerdings etwas zu kurz. Vielleicht ist es für Molas schwierig, die Empfindungen eines Kindes authentisch zu schildern, aber hier hätte ich mir durchaus etwas mehr Substanz gewünscht.

Dynamik wird vernachlässigt

Eine Schwäche des Romans ist seine Länge. Die Geschichte wird hier und da zu breit ausgewalzt, es gibt einige Längen, die der Autor hätte vermeiden können. Die Beschreibung der Charaktere ist sehr gut, vom koksenden Arzt, über die Rebellen, den verzweifelten Priester bis hin zu den Randfiguren. Darüber hat der Autor es vernachlässigt, der Geschichte insgesamt mehr Dynamik zu geben – für einen Thriller viel zu wenig. Was im ersten Drittel des Buches noch fasziniert, lässt im Mittelteil kräftig nach, erst zum Finale hin wird es wieder richtig spannend und mitreißend. Das lange gehütete Geheimnis des kleinen Mädchens wird irgendwann zwangsläufig enthüllt, danach muss die Geschichte dann glaubwürdig »abgewickelt« werden. Insgesamt ein durchaus lesenswertes Buch, aber ohne die Längen im Mittelteil und mit etwas mehr Drive im Plot hätte man aus dem wirklich guten Ansatz noch weitaus mehr machen können.

Andreas Kurth, Februar 2014

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manni zu »Aurélien Molas: Die Unseligen« 30.09.2013
Leidlich spannende Thrillerkost. Eigentlich sind alle Zutaten für einen großen Afrika Krimi gegeben, aber der Autor kommt eben vom Filmscript, das merkt man nach den ersten kurzen Kapiteln. Der große emphatische Romanbogen kann nicht gespannt werden, die Handlung wird der Reihe nach "runtergeschrieben". Ausserdem fehlen politische Hintergrundinformationen, der Autor läßt Halbwissende zum Thema Nigeria und Nachbarschaftskriege im Regen stehen. Das Rätsel um das kleine Mädchen wird zu früh gelüftet und so ist das Finale auch berechenbar, die vermeintliche Liebesgeschichte allemal. Das Werk mit einem Romahn von Joseph Conrad zu vergleichen ist schlicht anmassend. (Klappentext) Der Piperverlag hat wohl auch verkaufsdruck. Viel Engagement vom Autor, aber Klasse hat das nicht, für den Liegestuhl reicht es. 50°
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