Todesgott von Arni Thorarinsson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2005 unter dem Titel Tími nornarinnar, deutsche Ausgabe erstmals 2008 bei Droemer.

  • Reykjavík: JPV, 2005 unter dem Titel Tími nornarinnar. 412 Seiten.
  • München: Droemer, 2008. Übersetzt von Tina Flecken. 412 Seiten.
  • München: Droemer Knaur, 2011. Übersetzt von Tina Flecken. 416 Seiten.

'Todesgott' ist erschienen als

In Kürze:

Der Reporter Einar wird von Reykjavík in die tiefste Provinz versetzt. Widerwillig versucht er, sich in der kleinen Stadt Akureyri im hohen Norden Islands zurechtzufinden. Die Menschen dort sind verschroben, das Leben fließt eher ereignislos dahin, und Einar langweilt sich gehörig. Doch zwei merkwürdige Todesfälle erschüttern die kleine Gemeinde …Zuerst kommt eine Frau ums Leben, als sie bei einer Wildwasserfahrt auf einem Gletscherfluss aus dem Schlauchboot stürzt. Alles sieht wie ein Unfall aus, doch der Reporter Einar bekommt den Hinweis, dass die Frau mit Medikamenten narkotisiert war. Zur selben Zeit wird die Leiche des Gymnasiasten Skarphédinn Valgardsson auf einer Müllhalde gefunden. Und es war bestimmt kein Unfall. Skarphédinn war bekannt als schillernde Persönlichkeit mit einer charismatischen Ausstrahlung, doch Einars Recherchen fördern allerlei Abgründiges zutage – und deuten auf einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen.

Das meint Krimi-Couch.de: »Einar, der einsame Reporter« 64°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Arni Thorarinsson arbeitet als Journalist und Autor in Island und schreibt dort u. a. für eine Tageszeitung. Neben den in Deutschland weitaus bekannteren Stella Blomkvist und Arnaldur Indridasson ist er der Begründer des modernen isländischen Kriminalromans. Sein Protagonist ist Einar, der – welch eine Parallele zum Autor – Reporter bei einer isländischen Tageszeitung ist. Thorarinsson hat inzwischen fünf Romane über Einar (svw. »der Einsame«) geschrieben und »Timi nornarinnar« wurde 2005 als bester isländischer Krimi ausgezeichnet.

In Deutschland ist er jedoch im Gegensatz zu Indridasson und Blomkvist bislang weitgehend unbekannt, was offenbar mit einer unglücklichen Verlagswahl 2002 zusammenhängt. Denn tatsächlich ist damals Thorarinssons Debütroman in winziger Auflage in einem kleinen Verlag, den es heute schon nicht mehr gibt, erschienen. Gut sechs Jahre später unternimmt der Droemer Verlag den zweiten Anlauf und startet dabei mit Einars viertem Fall.

Die Provinz ist groß

Einar lernen wir eingangs des Romans auf einer Rückfahrt von einem Interview nach Akureyri, der zweitgrößten Stadt Islands kennen. Dort hat seine Zeitung vor kurzem ein neues Büro aufgemacht und Einar und Asbjörn bekommen dort in den ersten Wochen Unterstützung von Fotografin Joa. Akureyri ist Provinz. Die zweitgrößte Stadt Islands hat rund 20.000 Einwohner und es passiert dort so viel, wie eben in einer 20.000 Einwohner großen Stadt passieren kann: herzlich wenig. Deshalb wird Einar von seinem Boss in Reykjavik auch schon mal gerne fünf Autostunden nach Osten geschickt, um dort in noch kleineren Dörfchen von Schlägereien zu berichten.

Offenbar ist die Versetzung sowohl für Einar als auch für Asbjörn eine Strafversetzung und wird auch von beiden als solche empfunden. Beide sind sich nicht grün und müssen sich erst mal zusammenraufen. Genaue Hintergründe erfährt der Leser jedoch nicht, die ersten drei Einar-Fälle spielen in Reykjavik und was er da alles angestellt hat, lässt sich nur vage zwischen den Zeilen erahnen. Auch die Privatperson Einar bleibt anfangs unscharf. Erst langsam wird erkennbar, dass er von seiner Frau geschieden lebt und das gemeinsame Kind gerade in die Pubertät gestartet ist.

Eine Frau stürzt bei einem Firmenausflug in die Fluten eines Gletscherbaches und stirbt an den Folgen des Unfalls wenig später. Ebenfalls nur wenige Tage später wird die verkohlte Leiche des Studenten Skarphedinn gefunden. Er sollte in einer Aufführung der Uni-Theatergruppe von Akureyri von »Loftur, der Magier« (isländische Version des Dr. Faust) die Titelrolle spielen. Während Einar das Hündchen von Asbjörn über die Zeitung suchen lässt, immer wieder in die Ostfjorde reisen muss und bei dem vollen Terminplan ein ums andere mal die »Frage der Woche« aus Akureyri vergisst, findet er bei seinen Interviews mit den Angehörigen den Schlüssel zu beiden Todesfällen.

Ganz gemütlich entwickelt sich ein Krimi

Thorarinssonn ist Musikfreund, was unter anderem daran zu erkennen ist, dass er immer wieder Songtexte in den Roman einflechtet. Aber auch durch die Titelwahl bekundet der Autor seine Liebe zur Musik, da alle isländischen Titel die Übersetzung eines Rock-Klassikers sind. So auch »Timi nornarinnar«, was wörtlich als »Season of the witch« oder »Die Zeit des Hexers« zu übersetzen ist, was auch direkten Bezug auf das Opfer Skarphedinn hätte, der am Abend seines Todes im Gewand des Hexers Loftur zu einer Party erschien. Zugegeben wäre die wörtliche Übersetzung ein schwieriger Titel für einen Kriminalroman auf dem deutschen Buchmarkt, aber mit »Todesgott« hat der Verlag ein denkbar kümmerliches und einfach nur schwaches Synonym gefunden, das nicht den geringsten Bezug zur Handlung bietet.

Apropos Handlung: die wird in einem gediegen gemütlichen Stil präsentiert. Der lakonisch-schmodderige Humor des Autors ist dabei sicher nicht jedermanns Sache. In jedem Kapitel werden die Ereignisse eines Tages zusammengefasst. Bis man überhaupt mal den Eindruck hat, dass es krimimäßig richtig losgeht, ist die erste Hälfte des Buches locker vorbei. Man fragt sich, warum Einar den Hund von Asbjörn suchen muss und warum er dabei keine Zeit findet, eine Dame im Altersheim anzurufen. Man fragt sich, was für eine Aufregung um die Theateraufführung einer Studentengruppe gemacht wird. Man fragt sich, warum die Zeitung immer wieder zwei Leute in ein kleines Nest in den Ostfjorden schicken muss, wo bis vor kurzem noch der Hund begraben war und nun jedoch ein Wasserkraftwerk und eine Aluminiumfabrik gebaut werden. Und erst dann hat man endlich den Eindruck, dass Steine ins Rollen kommen.

Todesgott hat eine durchaus politische und sozialkritische Dimension. Der Autor beleuchtet die Investitionen in Industrie, die von ausländischem Geld finanziert werden, ausländische Arbeitskräfte anlocken und die Landflucht der Isländer mitnichten aufhalten können. Wohl aber werden durch diese Bauvorhaben in den Ostfjorden natürliche Lebensräume zerstört. Hier setzt Thorarinsson mit seiner Kritik am Materialismus und Egoismus in der Gesellschaft an. Die persönliche Bereicherung und die Lust der Menschen, zu tun und zu lassen, was sie gerade für richtig halten, wird auch durch die zentrale Funktion des Theaterstücks »Loftur, der Magier« betont. Und auch wenn sich diese Kritik einem Nichtisländer vielleicht nicht unmittelbar erschließen mag, so ist sie doch die große Stärke des Romans. Der Krimi, den Thorarinsson drum herum geschrieben hat, reicht da nicht ganz ran.

Thomas Kürten, März 2009

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Noëmi Cucinotta zu »Arni Thorarinsson: Todesgott« 06.11.2011
Ein Krimi, der nicht von Mord und Totschlag lebt, sondern auch den Menschen, die Politik und die Abgründe der Neuzeit beschreibt. Zu empfehlen für alle Krimifans die genug von blutigen und reisserischen Krimis haben. Einar entwickelt sich während der Geschichte als nachdenklicher Analyst der modernen Zeit und deren Jugend. Der Hintergrund des Schauplatzes ist einerseits eintönig, grau und ohne Hoffnung. Andererseits aber fühlt man die Verbundenheit der Menschen und so spürt man wie wichtig Tradition ist. Ich freue mich auf weiteres vom Autor
Markus zu »Arni Thorarinsson: Todesgott« 29.09.2011
Die Kritik ist nicht ganz unberechtigt - sicher gibt es viele Nebenschauplätze, aber gerade dadurch kann man wunderbar in die Atmosphäre und die Gefühlswelt des Ich-Erzählers eindringen und möchte eigentlich gern mal nach Island. Humorvoll geschrieben. Ich gebe dem Buch 90 Grad. Es muss ja nicht immer sofort kochen.
Haefler zu »Arni Thorarinsson: Todesgott« 28.10.2009
Ich fand den Krimi nicht besonders gut, da durchgehend die Spannung fehlt. Ausserdem sind sowohl die Konversationen als auch die Charaktere der Hauptfiguren nicht besonders ansprechend. Vielleicht ist das Buch in der Originalsprache besser, aber die deutsche Ausgabe find ich nicht empfehlenswert.

Gruss
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