Bußestunde von Arne Dahl

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2007 unter dem Titel Himmelsöga, deutsche Ausgabe erstmals 2013 bei Piper.
Ort & Zeit der Handlung: Schweden / Stockholm, 1990 - 2009.
Folge 10 der Paul-Hjelm-Serie.

  • Stockholm: Bonnier, 2007 unter dem Titel Himmelsöga. 408 Seiten.
  • München: Piper, 2013. Übersetzt von Wolfgang Butt. ISBN: 978-3-492-04969-6. 464 Seiten.

'Bußestunde' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Spätsommer in Stockholm, Sonntagnachmittag zwischen drei und vier: In dieser scheinbar friedvollen Zeit geschieht ein buchstäblich unsichtbares Verbrechen. Der schiere Zufall macht Lena Lindberg, ein Mitglied der A-Gruppe, zur ahnungslosen Zeugin. Während ihr Vorgesetzter Paul Hjelm den undankbaren Auftrag erhält, den verschwundenen Geheimdienstchef zu finden, stößt die A-Gruppe auf eine Serie sadistischer Morde an jungen Frauen. Doch nicht allein die Tatsache, dass auch Hjelms Tochter Tora ins Visier des Täters gerät, ist der Grund für die außergewöhnlichen Mittel, zu denen die A-Gruppe greift.

Das meint Krimi-Couch.de: »Fatburner als Todesfalle« 75°

Krimi-Rezension von Andreas Kurth

Bei einem virtuellen Rundflug über die schwedische Hauptstadt werden dem Leser die Freizeitaktivitäten der Mitglieder der A-Gruppe gezeigt. Ein Mitglied des Polizei-Teams gerät eher zufällig in ein Video-Geschäft, in dem es gerade einen Überfall gab. Aufgrund eines Bauchgefühls zieht sie die Ermittlungen an sich, und als am Tag darauf eine Zeugin des Vorfalls nicht zur Befragung erscheint, kommt die A-Gruppe bei ihren Recherchen einem Mörder auf die Spur. Der Killer lockt seine überwiegend magersüchtigen Opfer mit einem angeblich bahnbrechenden Medikament zur Fettverbrennung an. Die verschwundene Zeugin gehört zu seinen Opfern. Parallel zur Suche der A-Gruppe nach dem brutalen Serienmörder ist Paul Hjelm, der mittlerweile zur Abteilung für interne Ermittlungen gehört, bei der Sicherheitspolizei aktiv. Er erhält die ebenso schwierige wie delikate Aufgabe, einen Auslandsagenten aufzuspüren, der verschwunden ist. Der erfahrene Geheimdienstler war einem Mann auf der Spur, der in illegalen Geschäften im internationalen Maßstab tätig ist. Es tauchen in beiden Fällen viele Rätsel auf, die erst im packenden Finale aufgelöst werden.

Bußestunde ist der nominelle Abschluss der auf zehn Bände angelegten Reihe um die A-Gruppe der Stockholmer Polizei. Der Autor hat später einen elften Roman nachgeschoben, ob der jemals in Deutschland erscheinen wird, ist wohl eher fraglich. Wieder einmal geht es um Verbrechen, die nicht spurlos an den Ermittlern vorbei gehen. Der Leser lernt viel über Anorexie und andere Formen der krankhaften Magersucht. An dieser Krankheit leidende junge Frauen stehen im Zentrum der Mordserie, und der Killer nutzt ihre zwanghafte Sucht zum Gewichtsverlust aus, um sie in die tödliche Falle zu locken. Über das Internet wird ein angeblich revolutionärer Fettverbrenner angeboten, mit dem die Frauen weiteres Gewicht verlieren sollen. Es interessiert die Magersüchtigen offensichtlich überhaupt nicht, dass das neue Medikament in Schweden noch nicht zugelassen ist. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie nahe an der Realität dieser Plot sein könnte – zumindest was das Angebot eines illegalen Medikaments zum Abnehmen angeht.

Die grauenhafte Folter und die schweren Verstümmelungen der Mordopfer handelt Dahl wie gewohnt eher am Rande ab. Ihm geht es nicht um spektakulär wirkende Brutalität, sondern um die psychologischen Hintergründe von Opfern und Täter. Insbesondere das Motiv des Serienkillers bleibt lange im Dunkeln, die A-Gruppe muss einmal mehr akribische Polizeiarbeit leisten. Wobei eben auch die Ermittler wieder in unterschiedlicher Weise im Vordergrund stehen. In einem Interview hat mir Jan Arnald – so der bürgerliche Name des Autors – im Frühjahr 2013 geschildert, warum er in seinen Romanen die Protagonisten abwechselnd in den Vordergrund stellt. Damit könne er die jeweiligen Stärken der Personen betonen, so seine Aussage. In Bußestunde sind es vor allem Lena Lindberg und Sara Svenhagen, die an vorderster Front ermitteln. Aber wie üblich tragen auch die Recherchen der übrigen Gruppen-Mitglieder schließlich zur Lösung des Falles bei – oder der Fälle, denn es kommen noch andere Dinge hinzu. Der Roman ist dennoch inhaltlich keineswegs zerfasert, weil Arne Dahl es durchaus versteht, die vielen losen Enden am Ende geschickt zusammen zu führen.

Es ist im Grunde müßig, zu erwähnen, dass sich der Autor – wie so viele skandinavische Schriftsteller – bei seiner zehnbändigen Reihe an Maj Sjöwall und Per Wahlöö orientiert hat. Das Duo veröffentlichte zwischen 1965 und 1975 einen zehnteiligen »Roman über ein Verbrechen«, in dem sie harte Gesellschaftskritik übten. Und so sind auch Arne Dahls Bücher in dieser Hinsicht aktuell, er greift gesellschaftlich relevante Themen wie Menschenhandel, Terrorismus oder jetzt eben krankhafte Magersucht auf. Zuweilen handelt er – wie in Bußestunde – verschiedene Themen in einem Roman ab. Das Buch ist in meinen Augen ein wirklich gelungener Abschluss für die Reihe um die A-Gruppe, und deshalb kommen hier wohl auch alle Protagonisten noch einmal ins Bild, trotz der geschilderten Schwerpunktsetzung.

Die Polizeieinheit wird zwar zum Ende hin aufgelöst, aber für den Autor bedeutet das keineswegs einen Abschied von seinen Figuren. Er habe kurzzeitig darüber nachgedacht, Arne Dahl als Autor sterben zu lassen, sagte mir Jan Arnald im Interview im Frühjahr 2013. Dann sei ihm jedoch bewusst geworden, dass er nicht ohne Spannungsliteratur leben könne. Und so habe er die auf vier Bände angelegte Reihe um die Opcop-Gruppe begonnen. Mit diesem Sprung auf die internationale Ebene hat er sich bei Rezensenten und Lesern nicht nur Freunde gemacht, wie auch auf der Krimi-Couch zu lesen ist. Davon unberührt ist Bußestunde für mich ein würdiger Abschluss seiner Serie um die A-Gruppe. Zu Beginn muss der Leser etwas Geduld aufbringen, aber dann wird der Spannungsbogen kontinuierlich aufgebaut und bis zum spektakulären Finale gehalten. Zwei Bände aus der Opcop-Reihe wird es jetzt noch geben, und dann darf man gespannt sein, womit Jan Arnald seine Leser anschließend überraschen wird.

Andreas Kurth, August 2013

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walli007 zu »Arne Dahl: Bußestunde« 20.09.2016
Anamagica

Es herrscht relative Ruhe in der A-Gruppe, seit einiger Zeit sind keine spektakulären Fälle aufgetreten. Zur Zeit ermitteln die Beamten in einem internationalen Scheckbetrugsfall. Lena Lindberg wird zufällig in einen Überfall auf eine Videothek hineingezogen. Weil sie nichts besseres zu tun hat, übernimmt sie die Sache. Im Laufe der Untersuchung stößt sie dabei auf ein weiteres Verbrechen, das den Behörden beinahe verborgen geblieben wäre. Eine Zeugin ist verschwunden. Und als dann noch Paul Hjelms Tochter in eine Durchsuchung hereinplatzt ergibt sich ein Muster. Der Täter scheint es auf junge Frauen abgesehen zu haben, die mit aller Gewalt schlank sein wollen.
Das Dasein der A-Gruppe scheint gefährdet. Ohne herausragende Ergebnisse, ohne zu untersuchende Verbrechen überhaupt, gibt es keine Existenzgrundlage. Kein Wunder, dass man sich um die relativ einfache Erforschung eines Überfalls reißt. Nicht zu erahnen war, was damit noch zutage gefördert wird. Wie können intelligente junge Frauen in die Welt des Abnehmwahns abgleiten und wer kann daran interessiert sein, gerade so dünne Frauen zu entführen? Zufälle gibt es nicht, welche Fügung hat die A-Gruppe gerade zu diesem Fall geführt, der aus mehreren Strängen besteht, die sich zu einem Seil des Verbrechens verbinden.
Es dauert eine Weile bis die A-Gruppe ihre Trägheit überwindet und so dauert es auch eine Weile bis echte Spannung in diesem Fall aufkommt. Doch wenn es dann soweit ist und sich die Hinweise langsam zusammenfügen, hat man ein besonders perfides Gebilde, das aus mehreren Gliedern besteht. Was zunächst unnötig kompliziert erscheint, erhält seinen Sinn. Jedes Puzzleteil fällt an seinen Platz. Bewundernswert wie Arne Dahl mit seinen Worten spielt, Brutalität, Direktheit wechseln sich mit hintersinnigem Humor und geschickten Wendungen. Die inneren Strömungen in der A-Gruppe beeinflussen die Ermittlungen und auch wenn einiges erstmal abwegig erschient, führt doch jeder Schritt ein Stückchen näher zum Ziel. Zwar ist ein wenig Geduld gefragt, doch bald schon ist man von diesem verschachteln Thriller in den Bann gezogen.
Darix zu »Arne Dahl: Bußestunde« 01.06.2014
Beinahe poetisch stellt Arne Dahl seine Protagonisten zu Beginn seines Kriminalromans, vor. Es ist von Vorteil wenigstens Teile der zuvor verfassten Bände um die A-Gruppe zu kennen. Denn zu häufig wird vom Autor zurückgeblendet oder es werden Darsteller aus den anderen Büchern erneut "aktiviert".
Das letzte Fall des A-Teams - Bußestunde - mit seinen bewährten Polizeikräften nicht eindimensional verlaufen wird war zu erwarten. Selbstverständlich sollten es erneut ein, besser mehrere besondere Fälle zur Beendigung der Serie werden. Am besten mit dem Kampf gegen das weltweite Böse und mit seelische Verirrungen und brutalen Morden. Hinzu gesellschaftskritisches und das Hinterfragen von ununterbrochenen Polizeireformmaßnahmen.
Aktionen zur Bekämpfung der absonderlichsten Kriminalität, rund um den Globus ist bei Paul Hjelm und Kerstin Holm beinahe der Normalfall. Wirkt manchmal überzogen, etwas zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Das im Finale die parallel verlaufenden Stränge zusammengeführt werden, dazu bedarf es schon einiger Kunstgriffe Arne Dahls.
Ein teilweise spannender und ordentlich geschriebener Krimi, mit einigen Ungereimtheiten. Dahl verfasste auch um die A-Gruppe schon stärkere Werke.
Schadeschadepomade zu »Arne Dahl: Bußestunde« 29.07.2013
Ich kenne jetzt alles von Arne Dahl, was es auf deutsch zu lesen gibt und habe mich sehr gefreut, endlich das A-Team Finale lesen zu können. Leider war es überraschend lahm, ungewöhnlich schlecht geschrieben und außerdem vorhersehbar. Die Verknüpfung der einzelnen Handlungsstränge, die in den vorhergehenden Büchern so oft so super gelungen ist, wirkt hier sehr angestrengt und nicht überzeugend. Auch habe ich normalerweise kein Problem mit -sogar längeren- überlegungen zur Ethik und zur Gesellschaftsentwicklung in Krimis, in "Bußestunde" geraten die aber häufig, wie mit dem großen hölzernen Zeigefinger eingeprügelt, sind zudem teilweise uninformiert bis hin zu misogyn und werden den Figuren, denen sie in den Mund/ das Hirn gelegt werden, nicht gerecht. Fazit also: Langweilig bis ärgerlich.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
manni zu »Arne Dahl: Bußestunde« 03.06.2013
Spannender und auch emotional bewegender , krönender Abschied vom A-Team. Erst beim Lesen merkte ich wie gut diese Serie von Arne Dahlö geschrieben und zusammen gehalten wurde. Eine der besten Schweden Krimi Serie überhaupt, die sehr ausgefallenen Geschichten bleiben lange haften, die persönlichen Profile der Protagonisten graben sich ebenso tief ins Gedächtnis ein. Beim A-Team war alles erzählt, ich verstehe das Dahl sich mit "Gier" u."Zorn" aufgemacht hat etwas Neues zu gestalten.
Vielleicht muß ich mich erst an das neue Europol Team gewöhnen, noch hat das nicht wirklich geklappt. Trotzdem: 80° für Dahls Schreibkunst/Stil.
Marius zu »Arne Dahl: Bußestunde« 19.05.2013
Mit „Bußestunde“ beschließt Arne Dahl nun seine zehnbändige Reihe um die A-Gruppe der schwedischen Polizei. Sein abschließendes Werk vereint noch einmal mehr oder minder alle Ermittler, die jemals in der A-Gruppe mitgewirkt haben und liest sich streckenweise wie ein kleines Best-Of seiner anderen neun Romane. Deshalb gleich zu Beginn ein kleiner Hinweis: Man muss zwar nicht alle neun Romane des Schweden vorher gelesen haben, allerdings ist „Bußestunde“ so voller Anspielungen und kleinerer Spoiler, dass sich der optimale Lesegenuss erst entfaltet, wenn man wenigstens den ein oder anderen Vorgängerband gelesen hat.

Inhaltlich fährt Arne Dahl noch einmal alles auf, was sein Dezett auszeichnet: Vertrackte, komplexe Plots, verschiedene Erzählstränge und die besten aller Ermittler, die in der A-Gruppe gemeinsam ermitteln. Diesmal geht es vorgeblich zunächst um den Überfall auf einen Videoladen, der schon bald zum Aufhänger für eine viel größere Reihe von Verbrechen wird. Und dann wäre da noch Paul Hjelm, der in der Tradition eines Spions das Verschwinden eines Geheimdienstchefs auf eigene Faust aufklären muss.

Wie gewohnt verknüpft Arne Dahl seine diversen Plots in „Bußestunde“ immer mehr und webt diverse Subthemen in seinen Roman ein. Anorexie, der Überwachungsstaat, Bachs h-Moll-Messe und die Arbeit von Geheimdiensten in unserer Zeit sind Nebenschauplätze, die der Autor vortrefflich zu bedienen weiß. Einzig zu kritisieren habe ich nur die Veröffentlichungspolitik des Piper-Verlags.
Da zwischen dem vorletzten Band „Opferzahl“ (2006) und dem finalen Roman „Bußestunde“ (2007) bereits die beiden Bände des OPCOP-Quartetts („Zorn“ und „Gier“ (2011/12)) erschienen sind, wird „Bußestunde“ schon deutlich die Spannung genommen, da man aus den beiden anderen Bänden weiß, wie es mit allen Protagonisten weitergeht. Hier hätte ich eine chronologische Veröffentlichung, sprich zunächst das A-Gruppen-Dezett und dann das OPCOP-Quartett, befürwortet. So sind beide Reihen etwas auseinandergerissen – an der Qualität der „Bußestunde“ ändert dies allerdings nichts!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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