Böses Blut von Arne Dahl

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1999 unter dem Titel Ont Blod, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Piper.
Ort & Zeit der Handlung: Schweden / Stockholm & USA / New York, 1990 - 2009.
Folge 2 der Paul-Hjelm-Serie.

  • Höganäs: Bra böcker, 1999 unter dem Titel Ont Blod. 368 Seiten.
  • München, Zürich: Piper, 2003. Übersetzt von Wolfgang Butt. ISBN: 3-492-27041-7. 368 Seiten.
  • [Hörbuch] Schwäbisch Hall: steinbach sprechende bücher, 2005. Gesprochen von Till Hagen. ISBN: 388698768X. 6 CDs.

'Böses Blut' ist erschienen als TaschenbuchHörbuch

In Kürze:

Ein Serientäter geht nach einem bestialischem Ritual vor: Er zerfetzt seinen Opfern die Stimmbänder, bevor er sie gnadenlos hinrichtet. Wer benutzt eine Foltermethode, die zuletzt im Vietnamkrieg angewandt worden ist? Die Untersuchungen führen Paul Hjelm und seine clevere Kollegin Kerstin Holm nach Amerika, denn dort wurde diese Foltermethode entwickelt – von Wayne Jennings, einem Ex-CIA-Agenten. Aber der ist angeblich vor Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Überambitioniert, manchmal arg bemüht und dennoch unterhaltsam« 52°

Krimi-Rezension von Lars Schafft

»Commando Cool« war die interne Bezeichnung einer Spezialeinheit im Vietnam-Krieg. Direkt dem Präsidenten unterstellt war es ihre Aufgabe, den Feind im Feld Geheimnisse zu entlocken – und das mit allen Methoden. Die Perversität einer Folter wurde hochtechnisiert mit einer Zange, mit der das Commando Cool dem Gepeinigten die Stimmbänder abklemmen konnte. Stumme Schmerzen, perfekt für den Einsatz auf feindlichem Terrain.

Der gleichen Technik bedient sich seit Jahren der »Kentuckymörder«, ein Serienkiller, der seine Opfer auf bestialischte Weise foltert und umbringt. Im New Yorker Flughafen erwischt er den schwedischen Literatur-Kritiker Lars-Erik Hassel und die Anzeichen verdichten sich, dass der Kentuckymörder mit Hassels Ticket auf dem Weg nach Schweden ist. Ein Fall für Paul Hjelm & Co. von der Spezialeinheit des Reichskriminalamts, genannt die »A-Gruppe«.

Der Blick in den Abgrund einer Verschwörung

Doch die stellen sich am Stockholmer Flughafen wenig geschickt an, der potenzielle Serienmörder entwischt ihnen und kann so anonym auf schwedischem Gebiet weiter morden. Erste Spuren erweisen sich als zu offensichtlich, um dem Täter auf die Spur zu kommen. Und so bleibt der A-Gruppe nichts anderes übrig, als gemeinsam mit dem FBI in New York den komplexen Fall nochmals unter die Lupe zu nehmen. Und tatsächlich stößt Hjelm auf einen Umstand, den FBI-Agent Ray Larner trotz jahrelanger Untersuchung der Fälle übersehen hat. Die schwedische Polizei blickt in den Abgrund einer Verschwörung, die sie zu überfordern droht …

Klingt nicht schlecht? Ist es auch nicht. Aber Vergleiche mit anderen Krimi-Schweden kann man bei Böses Blut nicht nur stellen – sie drängen sich förmlich auf. Und zwar mehr als deutlich und schon auf Seite 22:

»Es war ein glasklarer Spätsommertag, durchwirkt von schwer beschreibbaren Einfärbungen der Vorwarnung von Herbst. Der Sommer ist zu Ende, dachte Hjelm schicksalsschwer. Herbst über Schweden, fuhr seine innere Stimme mit pathetischem Beben fort.«

Diese von Henning Mankell mehr als bekannte Wettermetaphorik zieht sich wie – Verzeihung! – eine drückende Sommerschwüle durch den ganzen Roman. Tja, vielleicht geht es bei den Schweden einfach nicht anders? Dass aber wie auch in der Wallander-Serie (gerade beendet, als Böses Blut in Schweden erschien) ein Mitglied des Polizisten-Teams Nyberg heisst und Paul Hjelm passioniert John Coltrane hört (klingelt´s? genau wie Ake Edwardsons Kommissar Winter), sind weitere Hinweise auf gelegentliche Inspirationslosigkeit des Autors.

Kopiert? Ein Schelm, der böses dabei denkt …

Zu behaupten, er hätte sich Böses Blut zusammenkopiert, wäre allerdings so falsch wie unfair gegenüber dem Schweden. Doch so ganz lässt sich auch nach den 360 Seiten ein Wiedererkennungseffekt nicht leugnen. Ein Ermittler im Alter einer Midlife-Crisis, ein buntes Polizeitrüppchen, wo jeder genau ein Klischee erfüllt, ein Serienmörder, der – wie kann es anders sein? – brutal wie nie seine Opfer meuchelt. Das ist alles nicht neu. Auch wie der Täter in Böses Blut den Polizisten haushoch überlegen ist, mit ihnen spielt, sie zum Narren hält, jahrelang das FBI foppt, ist keine Novität. Hannibal Lecter!, will der Harris-Fan rufen. Honni soit qui mal y pense.

Hingegen ist die Idee, einen serienmordenden Vietnam-Veteranen aus den Staaten zu importieren und ihn in eine immense Verschwörungstheorie einzupflechten, an der islamische Fundamentalisten, der CIA bis hin zu Präsident Nixon beteiligt zu sein scheinen, durchaus intelligent und vor allem frisch. Im Gegensatz zu anderen aktuellen kriminellen Schwedenhappen mal was anderes, die schwedische Gesellschaft produziert hier ihre Kriminalität nicht selbst sondern bekommt sie im Zuge der Globalisierung praktisch aufgedrängt. Glücklicherweise beschönigt Dahl diese Tatsache nicht und fasst die wohl unverzichtbare Kritik an der schwedischen Gesellschaft gebündelt auf zwei Seiten im Mittelteil zusammen. Und die lassen sich wunderbar überspringen …

Logik-Schnitzer und angestrengte Formulierungen

Dummerweise sind Arne Dahl bei seinem zweiten Roman der Paul-Hjelm-Reihe jedoch einige böse Logik-Schnitzer unterlaufen: Der Kentuckymörder geht der A-Gruppe am Flughafen durch die Lappen, sie weiß aber, dass er als achtzehnter den Schalter passiert hat. Keiner kann sich daran erinnern, wie er aussieht. Wäre für den weiteren Verlauf vielleicht auch zu einfach – aber will uns Arne Dahl wirklich weismachen, dass es 1998 am Stockholmer Flughafen keine Videoüberwachung gab? Im weiteren Verlauf gibt der Computer-Experte der A-Gruppe, Jorge Chavez, ein Passwort ein, das er nicht kennen kann – es sei denn, er hätte dem Chefredakteur so genau auf die Finger geguckt, dass er sich die Tastenfolge merken konnte, als jener den Zugangscode zum PC des ermordeten Hassel eingab. Auf keinem System wird bei der Eingabe ein Passwort im Klartext auf dem Bildschirm angezeigt. Naja, und dass in einem benutzten Lagerraum einer gut laufenden Firma ein am Boden festgeschweißter Metall-Stuhl keinen stutzen lässt, sollte den Leser umso mehr stutzen lassen.

Dazu wirkt Böses Blut arg überambitioniert. Manche Formulierungen wirken angestrengt, künstlich (»sie war der dritte Zacken in dem Gehirntrio«); das Vater-Sohn-Motiv, das Böses Blut wie ein roter Faden durchzieht, strapaziert Arne Dahl soweit, dass es fast bei jeder Person, vom Kentuckymörder über Hjelm selbst bis zum Ermordeten Hassel, zur Anwendung kommt. Und die zahlreichen Perspektivwechsel in die Mitglieder der A-Gruppe charakterisieren diese zwar auf eine nicht uninteressante Weise, sind in ihrer Quantität aber einfach zu viel. Da wäre weniger mehr gewesen, eine Konzentration aufs Wesentliche – bzw. auf die wesentlichen Figuren – hätte dem Roman gut getan.

Aber genug der Kritik. Böses Blut gehört zu den Büchern, wo man zwar schon beim Lesen über so manche Dinge stolpert und die man nüchtern betrachtet einfach kritisieren muss, man jedoch trotzdem gebannt weiterliest, sich Seite für Seite gut unterhalten fühlt, von der bitteren Aktualität und Brisanz des Plots gefesselt und nach dem nervenkitzelnden Schluss der Meinung ist, einen guten, psychologisch stimmigen Thriller gelesen zu haben. Lassen wir es dabei.

Ihre Meinung zu »Arne Dahl: Böses Blut«

Helfen Sie anderen Lesern, indem Sie einen Kommentar zu diesem Buch schreiben und den Krimi mit einem Klick auf die Säule des Thermometers bewerten. Und bitte nehmen Sie anderen Lesern nicht die Spannung, indem Sie den Täter bzw. die Auflösung verraten. Danke!

Jürgen zu »Arne Dahl: Böses Blut« 16.11.2010
Mein erstes Buch von Arne Dahl. Eine monströse Mordserie. Habe sie verschlungen. Ein paar Ungereimtheiten und einen offenes Ende, aber gute Beschreibungen. Ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass schwedische Autoren re/präsentieren ein "Mords-Schweden".
Als Hörbuch habe diesen Autor noch nicht gekannt.
Beata zu »Arne Dahl: Böses Blut« 02.01.2010
Habe die Dahl Bücher bisher immer als Hörvergnügen genossen (unserer Stadtbücherei sei Dank). Der Inhalt ist wie immer spannnend, ironisch bis humorvoll. Zu loben bleibt auch die grandiose Leistung von Till Hagen als Sprecher, der den Hörer immer bei der Stange hält und dabei stets den Ton des Autors trifft.
lesefux zu »Arne Dahl: Böses Blut« 08.10.2009
Sehr gutes Buch!

Ich habe schon ein paar Bücher von A. Dahl gelesen und dieses gehört definitiv zu den spannensten. Vor allem ist das Buch von der ersten seite an spannend- konnte das Buch kaum aus den Fingern legen. Immer wieder nett ist auch der versteckte Humor von A. Dahl.
Das Buch kann ich nur weiter empfehlen!
Fabouleus zu »Arne Dahl: Böses Blut« 11.01.2009
Ich finde die Bewertung von 52° finde ich einfach zu wenig, gerade wenn alle anderen Bücher von Arne Dahl hier mit ca 80° bewertet werden.
Sicherlich sind bei Mankell Anleihen genommen worden, doch krampfhaft danach zu suchen, finde ich nicht gut. Denn auch bei Mankell gab es in einigen Büchern Ungereimtheiten und Längen.
Mir gefällt, wie meinem Vorschreiber auch, die Ermittlungsarbeit. So stelle ich mir realistische Polizeiarbeit vor. Bei Mankell war halt alles von Wallanders Geistesblitzen und Alleingängen abhängig.
Das Thema in diesem Krimi finde ich auch heute, nach 9 Jahren nach erscheine, aktuell und gut umgesetzt.

Ich gebe hier locker 85 °

So long
Fabouleus
mase zu »Arne Dahl: Böses Blut« 14.11.2008
Ich muss der Rezi von Lars Schafft inhaltlich zu 100 % zustimmen. Nur die Couch-Bewertung ist vielleicht zu tief ausgefallen.

Ein Serienmörder mit einer wirklich abgefahrenen Foltermethode und eine charmante Ermittlungsgruppe sind hier das Salz in der Suppe. Besonders gut hat mir hier die Ermittlung selbst gefallen. Die Suche der A-Gruppe nach Motiv und Ursache fand ich sehr realistisch. So stelle ich mir das vor, wenn "normale" Polizisten im Dunkeln tappen. Das ist grossartig umgesetzt.

Die Frage der Logik stellt sich mir beim Lesen nur selten. Ich muss zugeben, dass mir diese Fehler meist entgehen. Zum Glück.

Negativ aufgestossen sind mir, wie üblich bei den "Schweden", die privaten Probleme. Ich kann es aushalten, wenn der Protagonist menschelt, aber wenn die Sorgen des kompletten Teams aufgearbeitet werden, wird es mir zuviel.

Der Kriminalfall an sich ist klasse, der Rest zu problemüberladen.
1 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
theili zu »Arne Dahl: Böses Blut« 13.09.2008
Einmal mehr ein sehr gelungener Roman von Arne Dahl. Auch wenn die Story mit dem Serienmörder ein bisschen nach Hollywood riecht, war es sehr spannend zu lesen. Das Ende ist jedoch schlicht Klasse, für mich völlig unerwartet.
Der Schreibstil ist wie gewohnt flüssig und fesselnd. Da kann ich nichts anderes mehr hinzufügen als: "Böses Blut kehrt wieder".
Professor Washoard zu »Arne Dahl: Böses Blut« 10.07.2008
Tolles Buch! Ich kann mich nicht entscheiden, finde ich Misterioso oder Böses Blut besser?

Arne Dahls genaue, teils akribische Beschreibungen, sind für mich absolut fesselnd und reißen mich in den Strudel der Erzählung hinein, das ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte.

Selten ist es vorgekommen, das ich beim vorletzten Kapitel heulen musste. Mein flennen liegt nicht am Kitschgehalt des Buches, sondern an dem Super-Blues des A.D. der absolut tiefgründige Töne hat.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Euro (Bedburg/Erft) zu »Arne Dahl: Böses Blut« 04.12.2006
Ein Super-Roman. Die in der Krimi-Couch-Bewertung dargestellten logischen Fehler irritieren tatsächlich. Alles in allem aber ein brisantes Lesevergnügen. Und bitte merken, liebe Redaktion: Gut kopiert, ist halb gewonnen!!! Ich lese lieber einen gute gemachten etwas entlehnten Roman, als einen schlecht selbst produzierten.
Babsi0312 zu »Arne Dahl: Böses Blut« 19.06.2006
Bin getsern mit dem Buch fertig geworden. Ich finde es klasse. Es ist unterhaltsam und spannend, man will nicht mehr zu lesen aufhören und mag das Buch schlecht weglegen.
Brutalität ist absolute geschmackssache, mir war es nicht zu brutal.
Der Schreibstil von Dahl ist genial. Aber auch hier ist es wieder so, Geschmacksache.
Alles in allem ein sehr gelungener Krimi, der von Anfang an fesselt.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Philipp (Berlin) zu »Arne Dahl: Böses Blut« 07.06.2006
Abstoßend ist die Schilderung der Brutalität und perversen Foltermethode des Kentucky-Mörders. Sie kann streckenweise den Spaß an Spannung und Plot verderben - geht ein guter Krimi nicht auch ohne die immer weiter getriebene Bemühung nie dagewesener Gewalt? Nichts für empfindliche Gemüter! Sehr schön allerdings die wechselnden Perspektiven, der Leser ist auf dem Ermittlungsstand des Teams, und nicht einzelner Personen.
2 von 2 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.

Dies sind nur die ersten 10 Kommentare von insgesamt 23.
» alle Kommentare anzeigen

Ihr Kommentar zu Böses Blut

Hinweis: Fragen nach einem fertigen Referat, einer Inhaltsangabe oder Zusammenfassung werden gelöscht.

Seiten-Funktionen: