Nordermoor von Arnaldur Indridason

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2000 unter dem Titel Mýrin, deutsche Ausgabe erstmals 2003 bei Bastei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Island / Reykjavik, 1990 - 2009.
Folge 3 der Kommissar-Erlendur-Serie.

  • Reykjavík: Vaka-Helgafell, 2000 unter dem Titel Mýrin. 320 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2003. Übersetzt von Coletta Bürling. 320 Seiten.
  • Augsburg: Weltbild, 2005. Übersetzt von Coletta Bürling. 318 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2005. Übersetzt von Coletta Bürling. 318 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2006. Übersetzt von Coletta Bürling. 318 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2004. Gesprochen von Frank Glaubrecht. 4 CDs.
  • [Hörbuch] Köln: Lübbe Audio, 2011. Gesprochen von Frank Glaubrecht. 4 CDs.

'Nordermoor' ist erschienen als Hörbuch

In Kürze:

Was zunächst aussieht wie ein typisch isländischer Mord, schäbig, sinnlos und schlampig ausgeführt, erweist sich als überaus schwieriger Fall. Wer ist der tote alte Mann in der Souterrainwohnung in Nordermoor, dessen Computer voller Hardcore-Pornos ist? Warum kam der Mörder auf Socken? Warum hinterlässt der Mörder eine Nachricht bei seinem Opfer, die niemand versteht?
Das sind nur einige der Fragen, die sich Erlendur und sein junger Kollege Sigurur von der Kripo in Reykjavik stellen müssen. Im herbstlichen Dunkel ermitteln sie in einem Fall, der bald menschliche Tragödien ans Licht bringt, die ohne die moderne Gentechnologie verborgen geblieben wären – und brisante Fragen des Datenschutzes aufwirft. Während schwere Islandtiefs sich über der Insel im Nordatlantik austoben, wird eine weitere Leiche in Nordermoor gefunden, nach der niemand gesucht hat …

Leseprobe

Das meint Krimi-Couch.de: »Wofür haben wir Augen?« 92°Treffer

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Wer im Sommer 2002 durch Reykjavik ging, dem mögen in den wenigen kleinen Buchhandlungen der isländischen Hauptstadt die Portraits von drei Schriftstellern aufgefallen sein: Neben dem wahnsinnigen Blick des verstorbenen Nobelpreisträgers Halldor Laxness und einem Mann mit Hut namens Halgrimur Helgason, dessen Roman »101 Reykjavik« gerade verfilmt worden war, waren da auch die Fotos eines Milchgesichts namens Arnaldur Indriðason. Und während Bücher der ersten beiden bereits auf deutsch erhältlich, aber keine Krimis waren, musste man auf eine Übersetzung eines Buches von Indriðason bis ins Frühjahr 2003 warten. Und das hat sich absolut gelohnt.

Island hat 280.000 Einwohner. Rund zwei Drittel davon leben in Reykjavik. Und weil das alles so überschaubar ist, gibt es in Island eigentlich nur Vornamen. Der Nachname sagt dann eigentlich nur noch, wessen Sohn oder Tochter jemand ist. Dies ist auch in der Übersetzung des Romans berücksichtigt, die Figuren werden nur mit Vornamen genannt und jeder duzt jeden. Die Stadt hat ein verhältnismäßig rasches Wachstum hinter sich, im Jahr 1800 lebten hier gerade mal 200 Menschen. Vor etwa 50 Jahren war die ins Meer ragende Landzunge komplett besiedelt und da die Stadt weiter wuchs, wurde das im Osten an die Innenstadt angrenzende Nordermoor überbaut. Und hier befindet sich der Tatort …

In einer Kellerwohnung findet die Polizei die Leiche eines rüstigen Endsechzigers, erschlagen mit einem Aschenbecher. Auf ihm ein Zettel mit einer drei Worte umfassenden Botschaft, was eigentlich das einzige Relikt ist, das nicht zu einem typischen isländischen Mord passt. Der Tote scheint ein Geheimnis zu bergen, das niemand kennt – außer dem Mörder.

Holberg, der Ermordete, war ein Sammler der perversen Sorte. Auf seinem Rechner findet die Polizei Unmegen von Pornofilmchen aus dem Internet. Vor fast vierzig Jahren war er bereits im Verdacht, seine Sexualtriebe nicht unter Kontrolle zu haben: Er wurde von einer Frau wegen Vergewaltigung angezeigt, jedoch freigesprochen. Kommissar Erlendur beginnt in Holbergs Vergangenheit zu suchen, aber die lange Zeit, die seitdem vergangen ist, behindert seine Ermittlungen. Die Frau, die Holberg damals angezeigt hatte, nahm sich Anfang der 70er-Jahre das Leben. Drei Jahre vorher war ihre Tochter im Alter von 4 Jahren an einer seltsamen Krankheit gestorben. Hinter Schubladen in Holbergs Schreibtisch findet die Spurensicherung ein sehr altes Foto vom Grab des kleinen Mädchens. Ist es Holbergs Tochter gewesen? Kann eine DNA-Analyse Aufschluss geben?

Die Freunde von Holberg, die ihn an jenem Abend der Vergewaltigung begleiteten, scheinen auch keine vielversprechenden Spuren bieten zu können. Der eine ist vor über fünfundzwanzig Jahren spurlos verschwunden, der andere sitzt seit mehreren Jahren wegen diverser Gewaltverbrechen im Gefängnis. Aber er erzählt, dass Holberg noch mit einer anderen Vergewaltigung geprahlt hat. Eine Tat, die offenbar nie angezeigt wurde. Was ist aus Holbergs verschwundenem Freund geworden? Kann die Polizei das Opfer von damals finden? Und falls ja, kann das überhaupt irgendwie bei der Suche nach dem Mörder weiterhelfen?

Indriðason schreibt mit sehr viel Können einen eindrucksvollen Kriminalroman, der absolut zurecht mit der Auszeichnung »Bester skandinavischer Krimi 2002« geschmückt ist. Seine Charaktere haben scharfes Profil, wobei besonders die Beschreibung der Hauptfigur Erlendur beeindruckt. Die düstere isländische Seele wird hier ganz hervorragend dem Leser nahe gebracht. Einsamer Kommissar, seit 20 Jahren geschieden, kein Kontakt zu seiner Exfrau und nur sehr selten zu seinen zwei erwachsenen Kindern. Seine Tochter hat Drogenprobleme, Schulden bei finsteren Gestalten und bekommt von irgendwem ein Baby. In dieser Situation sucht sie den starken Arm ihres Vaters. Im Lauf der Handlung wird die Entwicklung der Beziehung zwischen Vater und Tochter ein ganz elementarer Bestandteil der in den Roman eingebetteten Gesellschaftskritik, die sich von innerfamiliären Beziehungen bis zu den Gefahren von Datenschutz und Gentechnik zieht.

Was der Autor meisterhaft versteht: die Neugierde seiner Leser zu wecken. Auf der ersten Seite erwähnt er den rätselhaften Zettel auf Holbergs Leiche. Immer wieder rätseln die Polizisten über die Worte, aber der Leser erfährt erst in der Mitte des Buches, welche Worte dies sind. Dies fesselt den Leser in den ersten, von sehr düsterer Stimmung geprägten, Kapiteln. Hier entwickelt sich die Geschichte zunächst recht langsam. Sobald die drei Worte verraten sind, hat die Ermittlungsarbeit allerdings ein Tempo aufgenommen, dass man das Buch erst recht nicht mehr aus den Händen legen mag. Und da die Polizei an mehreren Fronten ermittelt, ist es umso lobenswerter, wie Indriðason die verschiedenen Schauplätze erzählerisch verbindet. Es ist kein wildes Hin- und Hergehoppse, bei dem man die Übersicht verlieren kann, sondern regelmäßig gelingen ihm flüssige Übergänge und Verbindungen.

Kritikpunkte sind mit dem Mikroskop zu suchen. Vielleicht mögen einige Gespräche zu schnell in kleine Monologe ausarten. Das passiert aber hauptsächlich bei ausgewählten Charakteren, Professoren und Ärzten, zu denen diese Eigenart gut passt. Die ständige Duzerei ist gewöhnungsbedürftig, aber typisch isländisch. Und die Tatsache, dass man vierzig Jahre alte Fälle durchwühlt scheint anfangs fragwürdig, in einem überschaubaren Land mit etwas mehr als einer Viertelmillion Einwohnern scheint das bei genauerer Betrachtung aber als probates Mittel.

Ein kleines Krimijuwel aus dem hohen Norden, das die Fans skandinavischer Kriminalliteratur begeistern kann. Und auf den letzten Seiten, wo der Roman einen ganz kleinen philosophischen Ansatz findet, lernt vielleicht der ein oder andere Leser durch eigene Erfahrung, dass man die Augen nicht zum sehen hat.

Ihre Meinung zu »Arnaldur Indridason: Nordermoor«

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uknig zu »Arnaldur Indridason: Nordermoor« 11.02.2016
Das ist mal ein meisterhafter Plot. Aus einem „normalen“ Mord entwickelt sich eine vertrackte Geschichte, die weit in die Vergangenheit zurückgreift. Es fängt ruhig an, doch die Geschichte wird von Seite zu Seite spannender. Das liegt auch am schnörkellosen Schreibstil.
Freunde detaillierter Polizeiarbeit kommen hier auf ihre Kosten, der Leser ist quasi an der Seite der Kommissare. Die Stimmung ist düster, der Kommissar Erlendur ein glänzend getroffener Charakter und der Krimiplatz Island exotisch und faszinierend. Starke Kost auch ohne große Action.
mg11 zu »Arnaldur Indridason: Nordermoor« 04.09.2014
Das war mein 3. Buch , welches ich von A.I. gelesen habe und muss sagen, dass der Autor bei mir immer mehr zum Lieblingsautor aufsteigt.
Die Geschichte ist sehr ruhig und klar geschildert, ohne reißerische Gräueltaten oder Gemetzel. Die Kriminalbeamten sind keine Superhelden und haben ihr eigenes Päckchen zu tragen, sind aber ansonsten sehr authentisch und "normal".
Der Spannungsbogen wird in der Story durchweg aufrecht erhalten. Wendungen sind nachvollziehbar. Insgesamt eine stimmige Geschichte, die alles hat, was ein gutes Buch ausmacht. Von mir gibt es 90 °C. Klare Weiterempfehlung!!
Peter Scheibenzuber zu »Arnaldur Indridason: Nordermoor« 29.11.2012
Ich habe jetzt die ersten sechs Folgen der Krimireihe um Erlendur Sveinsson gelesen. Waren die ersten beiden Bände noch überdurchschnittliche Krimikost, steigerte sich Indridason dann von Band zu Band immer mehr. Neben den Mordermittlungen wurde nun auch das (demprimierende) private Umfeld des Ermittlers immer mehr beleuchtet. Auch die Zeitsprünge verliehen den Geschichten an Pepp. Wer noch nie ein Indridason-Werk gelesen hat, sollte sofort damit anfangen. Er schreibt klar strukturiert, einträglich und spannend und seine Geschichten heben sich von der sonstigen Krimikost durchaus ab. Also auf zum Buchhandel ...
tedesca zu »Arnaldur Indridason: Nordermoor« 16.01.2012
Auch Teil 3 dieser Serie hat mich schnell in seinen Bann gezogen. Der Atuor erzählt trocken, ohne Schnörkel und trotzdem berührend die Geschichte Erlendurs, eines Mannes um die 50, der in der Überzeugung lebt, in allen menschlichen Dingen versagt zu haben. Vor allem aber als Vater, und in dieser Rolle wird er erneut herausgefordert.

Natürlich ermittelt er auch in einem Mordfall, der von Anfang an viele Rätsel aufgibt und nicht der einzige bleiben soll. Eine durchaus spannende Geschichte, die uns in die Welt der Genforschung entführt, für die Island sich besonders gut eignet. In einem Land mit nicht einmal 350.000 Einwohnern ist es einfach, eine Datenbank mit allen Erkrankungen zu führen, die Aufschluss über gewisse Erbmuster geben soll. Fragwürdig bleibt die Datensicherheit und Anonymität der teilnehmenden Patienten, denn welches System ist schon wirklich fehlerfrei?

Ein sympathischer Komissar, atmosphärische Beschreibungen und eine interessante Geschichte machen diesen Krimi zu einem feinen Lesevergnügen.

Frank Glaubrecht sorgt dafür, dass man auch am Hörbuch seine Freude hat.
TinT79 zu »Arnaldur Indridason: Nordermoor« 10.11.2010
Mit Nordermoor gelang Indridason der Durchbruch, er erhielt den >Nordic Crime Novel´s Award< und errang internationales Ansehen. Nordermoor war das erste seiner Bücher das in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. In diesem Buch zeigt der Autor die Vorteile, aber auch seine Skepsis gegenüber der in Island aufgebauten Gendatei auf.
Als die Leiche von Holberg gefunden wird haben Erlendur und seine Kollegen von der Kripo Reykjavik noch keine Ahnung welche familiäre Katastrophe hinter diesen Fall steckt. Als die Geheimnisse langsam Gestalt annehmen, taucht Kommissar Erlendur tief in eine Welt ein die unglaubliches birgt und ihn schließlich zum Mörder führt.
tegulila zu »Arnaldur Indridason: Nordermoor« 27.03.2010
Wer Spannung und wildes blutspritzen sucht, ist bei Arnaldur sicher falsch. Wer Geduld hat, eine direkt Art mag und auch abseits psychopathischer Massenmörder sich für gut konstuierte Geschichten begeistern kann, wird ihn mögen. Mir gefällt besonders gut, dass es eben keine dramatischen Fälle mit ständiger akuter Bedrohung sind, sondern stille leise, alte Tode, derer sich der etwas verkorkste Erlendur mit seinem inhomogenen Team annimmt.
realsatiriker zu »Arnaldur Indridason: Nordermoor« 02.08.2009
Idridason hat mit Nordermoor eine Geschichte geschaffen, die immer am Abgrund zur Unglaubwürdigkeit entlangwandelt ohne allerdings in die Tiefe zu stürzen.

Trotz aller Sprünge und Zufälle bei der Auflösung des Rätsels rund um Mord, Vergewaltigung und Erbkrankheiten behält der Schreiber ein hohes Maß an Nachvollziehbarkeit bei, was zum einen der Logik selbst, zum anderen aber auch den Charakteren geschuldet ist, welche dieses Buch - was ansonsten ohne großartige Höhepunkte und vor allem Blutrünstigkeit auskommt - lesenswert machen. Vor allem Erlendur, schwer gezeichnet durch missratene Kinder, erscheint hoch authetisch und gelungen.

Letztendlich eher ein Buch für Leser, die auf gut durchdachte Plots stehen und auf wirklich "fingernägelgefährdende" Spannung verzichten können. So gut das Buch auch geschrieben ist, kommt es eher daher wie Isalnd in meiner Vorstellung. Ruhig und bedächtig.

KC: 82
Martin zu »Arnaldur Indridason: Nordermoor« 01.07.2009
Nordermoor war nach Todeshauch das zweite Buch, das ich von Arnaldur gelesen habe. Ich fand es spannend und werde mir nach und nach auch die anderen Bücher von ihm zulegen. Ich finde die Figuren gut beschrieben und auch die Probleme mit seiner Tochter. Er ist nun nicht ein Supermann wie die Helden in vielen amerikanischen Krimis, sondern ein normaler Mensch mit Fehlern und Schwächen. Bisher war ich noch nie in Island - es reizt mich jetzt aber dieses Land einmal zu bereisen.
Tarlaniel zu »Arnaldur Indridason: Nordermoor« 02.11.2008
JuergenLs Kommentar zu "Nordermoor" ohne Spoiler:

Wer diesen Krimi als hochkarätig einstuft, der hat noch keinen guten Krimi bzw. Thriller gelesen! Zugegeben, Nordemoor liest sich gut und flüssig, aber spannend oder rafiniert ist es absolut nicht. [...] Das Ende ist einfach eine Erzählung - ohne Spannung und ohne Überraschung, keine Wendung - das ist einfach nur triste. Liebe Leser, sucht euch lieber Autoren, bei deren Texten man sich die Fingernägel vor Neugier und Spannung abkaut: Simon Beckett (Chemie des Todes, Kalte Asche), Harlan Coben (Das Grab im Wald)
Mondschatten zu »Arnaldur Indridason: Nordermoor« 18.10.2008
Am Anfang liest sich das Buch ein bisschen stockend und quälend langsam, wenn man sich dann aber in das Buch hineingefunden hat und die (teilweise trockenen) Charaktere kennengelernt hat absolut TOP!

Vor allem Erlendur ist genial! Man kann sich wirklich vorstellen was für eine Person er ist, wie er lebt und arbeitet.

Wer noch nie ein Buch von Indridason gelesen hat sollte unbedingt mit Nordermoor anfangen!

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