Kältezone von Arnaldur Indridason

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Kleifarvatn, deutsche Ausgabe erstmals 2005 bei Lübbe.
Ort & Zeit der Handlung: Island, 1990 - 2009.
Folge 6 der Kommissar-Erlendur-Serie.

  • Reykjavík: Vaka-Helgafell, 2004 unter dem Titel Kleifarvatn. 413 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2005. Übersetzt von Coletta Bürling. ISBN: 3-7857-1567-6. 413 Seiten.
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2007. Übersetzt von Coletta Bürling. ISBN: 978-3-404-15728-0. 413 Seiten.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2006. Gesprochen von Frank Glaubrecht. gekürzt. ISBN: 3-7857-3072-1. 4 CDs.
  • [Hörbuch] Bergisch Gladbach: Lübbe Audio, 2008. Gesprochen von Frank Glaubrecht. gekürzt. ISBN: 3-7857-3772-6. 4 CDs.
  • [Hörbuch] Köln: Lübbe Audio, 2011. Gesprochen von Frank Glaubrecht. gekürzt. ISBN: 3-7857-4578-8. 4 CDs.

'Kältezone' ist erschienen als HardcoverTaschenbuchHörbuchE-Book

In Kürze:

Als sich der Wasserspiegel eines Sees in der Nähe von Reykjavík nach einem starken Erdbeben im Jahre 2000 um einige Meter senkt, kommt das Skelett einer Leiche zum Vorschein, die Jahrzehnte zuvor im See offenbar »entsorgt” worden war. Damit die Leiche nicht an die Oberfläche trieb, war sie an ein russisches Sendegerät angekettet worden. Ein natürlicher Tod ist somit ausgeschlossen. Erlendur, Elínborg und Sigurður Óli schalten sich in den Fall ein, und ihre Ermittlungen führen sie in längst vergangene Zeiten. Es gilt, sich in Isländer hineinzuversetzen, die zum Studium in die ehemalige DDR gingen, weil sie von einer gerechteren und besseren Gesellschaft träumten. Politische Auseinandersetzungen stehen in diesem Roman jedoch keineswegs im Vordergrund, denn es geht in erster Linie um menschliche Gefühle, denen angesichts des Kalten Kriegs aber keine Chance gegeben wurde. Zudem erfahren wir viel Neues über das Privatleben Erlendurs. Valgerður und Erlendur, die sich in «Engelsstimme” das erste Mal begegnet sind, kommen sich näher …

Das meint Krimi-Couch.de:»Die außerisländische Zone der Kälte« 84°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Wie macht der das eigentlich? Diese Frage zermartert mir das Hirn, nicht erst seit ich das neueste in Deutsch erschienene Buch des Isländers zugeklappt habe. Da plätschert eine Geschichte vor sich hin und man hat den Eindruck, dass eigentlich nichts Besonderes passiert, aber dennoch kann man den Roman nicht mehr beiseite legen. Ist es die Gründlichkeit, mit der der Autor die Wesenszüge seiner Charaktere ausstattet? Ist es die geschichtliche Glaubwürdigkeit, in die er die Handlung (auch die Handlungszweige, die weit in der Vergangenheit spielen) einbettet? Ist es die schwermütige Grundstimmung, die er seinen Werken verpasst? Denn bei Indridason ist der Regen in Island immer ein weniger feuchter als in der Realität.

Wahrscheinlich liegt das Geheimnis irgendwo dazwischen. Wie kaum ein anderer versteht der Isländer es nämlich, Themen wie Einsamkeit, Verlust und das Verschwinden von Personen in seinen Romanen zu verarbeiten und mit einer Gesellschaftskritik zu verbinden. Eine andere Tatsache macht er sich ebenfalls zu seinem Vorteil, denn die Kriminalpolizei Islands hat bei durchschnittlich drei bis vier Morden pro Jahr im Lande offenbar überdurchschnittlich viel Zeit, sich auch mit der Suche nach Wahrheiten zu befassen, die seit Jahrzehnten im Verborgenen schlummern.

Vom Ende der Eiszeit

Erlendur taut auf! Tatsächlich scheint er ein wenig aus seiner Dunkelkammer hervor zu kriechen, wobei ihm zweifelsohne seine Bekanntschaft mit Valgerdur gut tut. Aber die menschliche Wärme, die er auf der einen Seite gewinnt, scheint ihm im Umgang mit seinen Kindern weiterhin vollkommen fremd zu sein. Eva Lind, die nach erneuter Entziehungskur wieder einen Rückfall erleidet, hat er offenbar endgültig abgeschrieben. Auch gegenüber seinem Sohn Sindri ist er absolut unfähig, drei gerade Sätze zu wechseln. Insofern schafft Autor Indridason es, seinen Protagonisten glaubwürdig weiter zu entwickeln, ihn dabei jedoch unverkennbar den altbekannten Erlendur sein zu lassen. Er ist den Lesern vertraut, dennoch erhält er auch ganz neue Züge.

Eine ganz andere Eiszeit endete 1989 in Deutschland: Der Stasi-Überwachungsstaat. Der Roman schildert die Erlebnisse isländischer Studenten in der frühen DDR, an der Uni Leipzig im Jahre 1955. Die jungen Leute waren voller Ideale in ein verheißungsvolles Land gekommen, in dem der staatliche Sozialismus gelebt wurde, aber es dauerte nicht lange, bis sie das System der totalen Überwachung und Bespitzelung erkannt hatten und manch einer desillusioniert die Heimreise antrat. Und genau hier setzt die Geschichte an.

Wieder einmal die Leiche eines lange Vermissten

Südlich von Reykjavik sank vor wenigen Jahren das Wasserniveau eines Sees um mehrere Meter. Der Autor lässt diesen See ein Skelett freigeben, das an ein russisches Abhörgerät gebunden ist. Erlendur und sein Team haben mal wieder genug Zeit, um sich um die Aufklärung eines Jahrzehnte zurück liegenden Verbrechens zu kümmern. Gleichzeitig mit dem Fund des Skeletts, der in den Medien des Landes diskutiert wird, erinnert sich ein alter Mann an seine schmerzhaften Erlebnisse während seines Studiums in Leipzig. Und er wartet darauf, dass die Polizei ihn nun bald besuchen wird. Aber die hat zunächst wieder einmal herzlich wenig Spuren und sucht erst mal anderweitig nach Indizien.

Einen reinrassigen Thriller darf man bei Indridason nicht erwarten. Seine Stärken liegen in einem anderen Bereich. Bei »Kältezone« schafft er es, die bedrohliche Kulisse eines Überwachungsstaates zu schildern, die Auswüchse des Kalten Krieges in Island aufleben zu lassen und gleichzeitig das Unverständnis des freiheitsliebenden Isländers (»Spionage? Aber doch nicht bei uns.«) zu bekräftigen. Zwar weisen seine Erlendur-Romane inzwischen alle Kennzeichen eines klassischen Serienromans auf, aber der Autor es, diese zu keinem Zeitpunkt in den Vordergrund zu drängen. Seine Charaktere haben Privatleben und Probleme (und davon nicht zu wenig), aber das Hauptaugenmerk der Erzählung bleibt auf den Ermittlungen. Gelegentliche Abschweifungen wie etwa die regelmäßigen Anrufe eines Mannes, der Frau und Kind verloren hat und sich daran selber die Schuld gibt, empfindet der Leser als schmückendes Beiwerk und keinesfalls als Ballast.

Bemerkenswert, dass Indridason auch in diesem sechsten Erlendur-Roman einen abermals geänderten Erzählansatz gewählt hat. Vielleicht kann er in »Kältezone« nicht die Spannung aufbauen, so wie er es in Todeshauch und Nordermoor meisterhaft verstand. Aber seine Schilderung der Situation in den frühen Jahren der Deutschen Demokratischen Republik macht diesen Roman zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis.

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mg11 zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 11.04.2017
Ich habe die erste Bände von A.I. regelrecht verschlungen. Hier musste ich leider bei Seite 250 abbrechen. Ich habe einfach keinen Bezug zum Fall und der Geschichte gefunden.
Die Story wird meiner Meinung nach nicht weiter vorangetrieben oder in so einem mäßigen Tempo, dass mir nach und nach die Lust vergangen ist.
Ich werde trotzdem weitere Stücke von diesem Autor lesen, aber bei diesem Buch hat es leider für mich nicht gepasst.
andreas zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 09.05.2016
also ich weiß nicht. Das Buch ist ganz nett. Aber 94 Punkte? Mich haben die zeitlichen Sprünge ein wenig verwirrt. Guter Beginn - Ende so lala - Motiv HÄ?. Hmpfff und jetzt muss ich auch noch 175 Zeichen eintackern, weil 125 zu wenig sind ... immer noch 63 eieieieieieieieieiei - Bayern ist Meister, Frau Merkel soll zurück treten - Brunetti ist nett
Pascal zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 08.04.2015
Ich arbeite mich gerade durch die Krimi TopTen und hatte mir als nächstes den amtierenden Champion herausgepickt.

Mit Handlungen mehrere Personen verschiedenster Tiefe, Rückblicke und Tiefe Einblickenin die DDR Vergangenheit haben dieses Buch für mich, der letzt genanntes gar nicht kennt, zu einem sehr interessanten Leseerlebnis gemacht.

Da ich aber doch eher erlebnisreiche Krimmis/Thriller gewöhnt bin hat mich zunächst nur wenig mitgerissen. Ich mag die nordische Erzähl- und Denkweise und die habe ich doch vom ersten Moment finden können, also blieb ich am Ball. Erst ab Seiten jenseits 250 habe ich etwas gefühlt, hat es mich gepackt und dann war es auch in einem Atemzug durch.

Das alte Stasi Konstrukt hat mich schockiert und Schicksale wie diese erschüttert. Ein etwas weiter ausgebautes Ende hätte mir dann doch besser gefallen und so würde ich es persönlich nicht auf Platz 1 sehen, dennoch habe ich es schon erfolgreich weiter empfohlen.
Rainer_Zufall zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 02.09.2014
Was für ein Genuss: kein psychopathischer Serienkiller, keine Anhäufung "blutrünstigen" Gewaltszenen, nichts davon.
Arnaldur Indridason beschreibt beiläufig, fast lakonisch die furchtbaren seelischen Auswirkungen von Erfahrungen in einer Diktatur. Immer wieder hat man von Stasie Methoden gelesen, gehört, aber es hat für mich dieses Buches und dieses Plots bedurft, dass ich nachvollziehen kann, was damit wirklich gemeint ist.
In dem Buch geht es um Schuld, Verantwortung, die furchtbaren Folgen von Verrat.
Mir ist beim Lesen ein Zitat von Michael Gazzaniga aus seinem Buch: Die Ich Illusion eingefallen:
"Wir sind als Individuen für unsere Handlungen selbst verantwortlich, obwohl wir in einem kausal vorbestimmten Universum leben". S.9
Ein Meisterwerk psychologisch stimmiger Krimi Literatur!
michael zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 26.08.2013
Das erste Buch von Indridason, das ich gelesen habe, und der Wunsch nach weiteren hält sich in Grenzen.

Vielleicht ist es die insgesamt trostlose Stimmung, die mich nicht nach mehr verlangen lässt. Island kommt als kaltes und unfreundliches Land rüber, was es aber nicht wirklich ist. Hauptdarsteller Erlendur wirkt auf mich unsympathisch, der Umgang mit seinen Kindern sogar befremdlich. Und der Hintergrund rund um die Machenschaften der Stasi trägt auch nicht gerade dazu bei, die Geschichte zu erwärmen.

Was fehlt, ist auch die Spannung, die Faszination, die einen in ein Buch hineinzieht. Die Sprache ist ruhig, fast schon langsam, eben passend zum gesamten Bild des Buches.

Ein kaltes, unwirtliches Buch. Aber vielleicht ist es ja von Indridason so gemeint.
tedesca zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 31.07.2012
Eine Wissenschaftlerin findet in einem See das Skelett eines Mannes, der offensichtlich vor langer Zeit ermordet worden ist. Die Suche nach dem Mörder führt den Leser zurück ins Island der 1950er-Jahre, wo gute Sozialisten die Chance erhielten, in der DDR zu studieren. Es ist eine Geschichte von Freundschaft, Liebe, Fanatismus, Verrat und Verzweiflung, die bis in die Gegenwart wirkt.
Spannend und liebevoll erzählt, ist auch dieses Buch aus der Erlendur-Reihe ein echtes Hörvergnügen, wunderbar gelesenn von Frank Glaubrecht.
TinT79 zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 12.11.2010
Rau wie die isländische Natur, so beschreibt Arnaldur Indridason in seinem sechsten Erlendur-Krimi den vor Jahrzehnten geschehenden Mord. Als in einem See nach Absenkung des Wasserspiegels ein Skelet entdeckt wird, welches gefesselt an ein russisches Sendegerät dort vor vielen Jahrzehnten versenkt wurde, führt das die Kollegen der Kripo Reykjavik um Kommissar Erlendur in die Vergangenheit. Sie finden sich mit ihren Nachforschungen im Leipzig der Nachkriegszeit wieder, der Kalte Krieg hat gerade erst begonnen und zeigte doch schon sein grausamstes Gesicht. Sie erfahren viel über die Machenschaften der Stasi und das Island in gewisser Weise auch eine Rolle in ihnen spielte. Die Tragik um eine verlorene Liebe, die Grausamkeit im Umgang mit Regimegegnern und Verzweiflung scheinen diese Story zu erzählen. Meiner Meinung nach ist dieser Krimi ein Ausdruck von der Vielgewandtheit seines Autors.
vfl1848er zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 31.05.2010
wieder ein Topkrimi aus Island , danke Arnaldur für die Kurzweile.
Interessante Story reizvoll erzählt eben ein echter Indridason!
freue mich schon jetzt auf den 7.Fall mit Erlendur , Elinborg und Sigurd Oli.
die Stadt Leipzig und die alte politische Situation in der DDR wurde bestens dargestellt, man fühlte sich in die damalige Zeit zurückversetzt.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Nadir36 zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 17.01.2010
Um Krimis mit dem nächsten noch grausigeren Serienkiller schlage ich schon länger ebenso einen Borgen wie um die nächste noch kompetentere Generation von Laborratten, Profilern oder Leichenfledderern. Insofern dürften Erlendur und seine herrlisch menschelnden Mitermittler schon mein Ding sein. Die eigentliche Krimi-Handlung erinnert mich ein wenig an selige Sjöwall/Wahlö-Zeiten. Nur ist das Buch mehr als doppelt so lang wie die Klassiker. Und viel davon geht auf das Konto dieser schlecht erzählten, psychologisch mies ausgeführten und ziemlich hölzernen Rückblenden. Die sind in etwa so klischeetriefend wie die dümmliche vollbusige Blondine, nur nicht so erregend.
Diese holzschnittartigen Rückblenden drücken meine Bewertung auf 70 Grädchen. Es muss nicht immer ein Whodunnit sein, aber wenn einem das Wissen oder Fähigkeit fehlt einem Täter genug Leben zu geben, dass er eine Saite zum Klingen bringt, dann sollte man die Ermittler halt 200 Seiten im Dunkeln tappen lassen und den Lesern ununterbrochenes Prickeln gönnen und nicht einer Geschichte nicht so viel Ballast aufladen. Mich hat diese Liebschaft zwischen Pappfiguren Tomas und Ilona jedenfalls kalt gelassen
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Wilhelm Treiber zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 24.08.2009
Einfach meisterhaft: Ein nicht nur intelligent, stimmig und grandios gewobener Kriminalroman, sondern vor allem auch ein feinfuehliges, menschliches Buch ueber die Erfahrung des "Verlusts"( der Hoffnungen, des Glaubens, der Liebe, der Ehepartner, des/der Geliebten, der Familie, der Kinder) in allen Schattierungen (durch Unfall, Naturgewalt, Verrat, Entfremdung, Erkenntnis) und wie Menschen damit umgehen. So etwas habe ich bisher nur in Philip Roths "Der menschliche Makel" aehnlich meisterhaft dargestellt bekommen.
Wie praezise der Islaender Indridason das Klima der Bespitzelung und der Vergiftung der menschlichen Beziehungen in der DDR der 50er Jahre beschreibt, das auch die Gaststudenten aus dem freien Island beschaedigt, ist gekonnt. Als haette er es selbst erlebt.
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