Kältezone von Arnaldur Indridason

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2004 unter dem Titel Kleifarvatn, deutsche Ausgabe erstmals 2006 bei Lübbe. ISBN-10: 3-7857-1567-6, ISBN-13: 978-3-7857-1567-3. Übersetzt von Coletta Bürling.
Ort & Zeit der Handlung: Island, 1990 - heute.
Folge 6 der Kommissar-Erlendur-Serie.

'Kältezone' ist erschienen als Hardcover

In Kürze:

Als sich der Wasserspiegel eines Sees in der Nähe von Reykjavík nach einem starken Erdbeben im Jahre 2000 um einige Meter senkt, kommt das Skelett einer Leiche zum Vorschein, die Jahrzehnte zuvor im See offenbar »entsorgt” worden war. Damit die Leiche nicht an die Oberfläche trieb, war sie an ein russisches Sendegerät angekettet worden. Ein natürlicher Tod ist somit ausgeschlossen. Erlendur, Elínborg und Sigurður Óli schalten sich in den Fall ein, und ihre Ermittlungen führen sie in längst vergangene Zeiten. Es gilt, sich in Isländer hineinzuversetzen, die zum Studium in die ehemalige DDR gingen, weil sie von einer gerechteren und besseren Gesellschaft träumten. Politische Auseinandersetzungen stehen in diesem Roman jedoch keineswegs im Vordergrund, denn es geht in erster Linie um menschliche Gefühle, denen angesichts des Kalten Kriegs aber keine Chance gegeben wurde. Zudem erfahren wir viel Neues über das Privatleben Erlendurs. Valgerður und Erlendur, die sich in «Engelsstimme” das erste Mal begegnet sind, kommen sich näher …

Das meint Krimi-Couch.de:»Die außerisländische Zone der Kälte« 84°

Krimi-Rezension von Thomas Kürten

Wie macht der das eigentlich? Diese Frage zermartert mir das Hirn, nicht erst seit ich das neueste in Deutsch erschienene Buch des Isländers zugeklappt habe. Da plätschert eine Geschichte vor sich hin und man hat den Eindruck, dass eigentlich nichts Besonderes passiert, aber dennoch kann man den Roman nicht mehr beiseite legen. Ist es die Gründlichkeit, mit der der Autor die Wesenszüge seiner Charaktere ausstattet? Ist es die geschichtliche Glaubwürdigkeit, in die er die Handlung (auch die Handlungszweige, die weit in der Vergangenheit spielen) einbettet? Ist es die schwermütige Grundstimmung, die er seinen Werken verpasst? Denn bei Indridason ist der Regen in Island immer ein weniger feuchter als in der Realität.

Wahrscheinlich liegt das Geheimnis irgendwo dazwischen. Wie kaum ein anderer versteht der Isländer es nämlich, Themen wie Einsamkeit, Verlust und das Verschwinden von Personen in seinen Romanen zu verarbeiten und mit einer Gesellschaftskritik zu verbinden. Eine andere Tatsache macht er sich ebenfalls zu seinem Vorteil, denn die Kriminalpolizei Islands hat bei durchschnittlich drei bis vier Morden pro Jahr im Lande offenbar überdurchschnittlich viel Zeit, sich auch mit der Suche nach Wahrheiten zu befassen, die seit Jahrzehnten im Verborgenen schlummern.

Vom Ende der Eiszeit

Erlendur taut auf! Tatsächlich scheint er ein wenig aus seiner Dunkelkammer hervor zu kriechen, wobei ihm zweifelsohne seine Bekanntschaft mit Valgerdur gut tut. Aber die menschliche Wärme, die er auf der einen Seite gewinnt, scheint ihm im Umgang mit seinen Kindern weiterhin vollkommen fremd zu sein. Eva Lind, die nach erneuter Entziehungskur wieder einen Rückfall erleidet, hat er offenbar endgültig abgeschrieben. Auch gegenüber seinem Sohn Sindri ist er absolut unfähig, drei gerade Sätze zu wechseln. Insofern schafft Autor Indridason es, seinen Protagonisten glaubwürdig weiter zu entwickeln, ihn dabei jedoch unverkennbar den altbekannten Erlendur sein zu lassen. Er ist den Lesern vertraut, dennoch erhält er auch ganz neue Züge.

Eine ganz andere Eiszeit endete 1989 in Deutschland: Der Stasi-Überwachungsstaat. Der Roman schildert die Erlebnisse isländischer Studenten in der frühen DDR, an der Uni Leipzig im Jahre 1955. Die jungen Leute waren voller Ideale in ein verheißungsvolles Land gekommen, in dem der staatliche Sozialismus gelebt wurde, aber es dauerte nicht lange, bis sie das System der totalen Überwachung und Bespitzelung erkannt hatten und manch einer desillusioniert die Heimreise antrat. Und genau hier setzt die Geschichte an.

Wieder einmal die Leiche eines lange Vermissten

Südlich von Reykjavik sank vor wenigen Jahren das Wasserniveau eines Sees um mehrere Meter. Der Autor lässt diesen See ein Skelett freigeben, das an ein russisches Abhörgerät gebunden ist. Erlendur und sein Team haben mal wieder genug Zeit, um sich um die Aufklärung eines Jahrzehnte zurück liegenden Verbrechens zu kümmern. Gleichzeitig mit dem Fund des Skeletts, der in den Medien des Landes diskutiert wird, erinnert sich ein alter Mann an seine schmerzhaften Erlebnisse während seines Studiums in Leipzig. Und er wartet darauf, dass die Polizei ihn nun bald besuchen wird. Aber die hat zunächst wieder einmal herzlich wenig Spuren und sucht erst mal anderweitig nach Indizien.

Einen reinrassigen Thriller darf man bei Indridason nicht erwarten. Seine Stärken liegen in einem anderen Bereich. Bei »Kältezone« schafft er es, die bedrohliche Kulisse eines Überwachungsstaates zu schildern, die Auswüchse des Kalten Krieges in Island aufleben zu lassen und gleichzeitig das Unverständnis des freiheitsliebenden Isländers (»Spionage? Aber doch nicht bei uns.«) zu bekräftigen. Zwar weisen seine Erlendur-Romane inzwischen alle Kennzeichen eines klassischen Serienromans auf, aber der Autor es, diese zu keinem Zeitpunkt in den Vordergrund zu drängen. Seine Charaktere haben Privatleben und Probleme (und davon nicht zu wenig), aber das Hauptaugenmerk der Erzählung bleibt auf den Ermittlungen. Gelegentliche Abschweifungen wie etwa die regelmäßigen Anrufe eines Mannes, der Frau und Kind verloren hat und sich daran selber die Schuld gibt, empfindet der Leser als schmückendes Beiwerk und keinesfalls als Ballast.

Bemerkenswert, dass Indridason auch in diesem sechsten Erlendur-Roman einen abermals geänderten Erzählansatz gewählt hat. Vielleicht kann er in »Kältezone« nicht die Spannung aufbauen, so wie er es in Todeshauch und Nordermoor meisterhaft verstand. Aber seine Schilderung der Situation in den frühen Jahren der Deutschen Demokratischen Republik macht diesen Roman zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis.

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Nadir36 zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 17.01.2010
Um Krimis mit dem nächsten noch grausigeren Serienkiller schlage ich schon länger ebenso einen Borgen wie um die nächste noch kompetentere Generation von Laborratten, Profilern oder Leichenfledderern. Insofern dürften Erlendur und seine herrlisch menschelnden Mitermittler schon mein Ding sein. Die eigentliche Krimi-Handlung erinnert mich ein wenig an selige Sjöwall/Wahlö-Zeiten. Nur ist das Buch mehr als doppelt so lang wie die Klassiker. Und viel davon geht auf das Konto dieser schlecht erzählten, psychologisch mies ausgeführten und ziemlich hölzernen Rückblenden. Die sind in etwa so klischeetriefend wie die dümmliche vollbusige Blondine, nur nicht so erregend.
Diese holzschnittartigen Rückblenden drücken meine Bewertung auf 70 Grädchen. Es muss nicht immer ein Whodunnit sein, aber wenn einem das Wissen oder Fähigkeit fehlt einem Täter genug Leben zu geben, dass er eine Saite zum Klingen bringt, dann sollte man die Ermittler halt 200 Seiten im Dunkeln tappen lassen und den Lesern ununterbrochenes Prickeln gönnen und nicht einer Geschichte nicht so viel Ballast aufladen. Mich hat diese Liebschaft zwischen Pappfiguren Tomas und Ilona jedenfalls kalt gelassen
Wilhelm Treiber zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 24.08.2009
Einfach meisterhaft: Ein nicht nur intelligent, stimmig und grandios gewobener Kriminalroman, sondern vor allem auch ein feinfuehliges, menschliches Buch ueber die Erfahrung des "Verlusts"( der Hoffnungen, des Glaubens, der Liebe, der Ehepartner, des/der Geliebten, der Familie, der Kinder) in allen Schattierungen (durch Unfall, Naturgewalt, Verrat, Entfremdung, Erkenntnis) und wie Menschen damit umgehen. So etwas habe ich bisher nur in Philip Roths "Der menschliche Makel" aehnlich meisterhaft dargestellt bekommen.
Wie praezise der Islaender Indridason das Klima der Bespitzelung und der Vergiftung der menschlichen Beziehungen in der DDR der 50er Jahre beschreibt, das auch die Gaststudenten aus dem freien Island beschaedigt, ist gekonnt. Als haette er es selbst erlebt.
Alex zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 08.08.2009
Indridason fesselt ohne Blutvergießen, eine seltene Gabe bei einem erfolgreichen Krimiautor.

Dennoch stört mich eine Sache besonders an diesem Krimi, und zwar das Hauptthema: Ich kann mich nicht erinnern mal einen Krimi gesehen bzw. gelesen zu haben, der damit auskommt die DDR anzuschneiden, ohne seine gesamte Aufmerksamkeit der Stasi zu widmen. Kein Wunder dass Wessis (und wie wir nun sehen auch Isländer) wahrscheinlich die Vorstellung im Kopf haben, dass jede neue Plattenbauwohnung der DDR schon eine Robotron-Abhöranlage integriert hatte. Dabei hatten die meisten DDR-Bürger nie etwas mit der Stasi zu tun.

Und auch 20 Jahre nach dem Mauerfall wird uns Deutschen suggeriert: Mord verjährt, Stasi-Mitgliedschaft nicht. Warum gibt es keine Krimi-Kommissare die mal einen von der CIA misshandelten und entsorgten Guantanamo-Häftling ausgraben? Vielleicht einen, der zu Unrecht für einen Terroristen gehalten wurde...

Für mich wirkt es, als glaubte Indridason, ihm gingen zu Hause die in der Gesellschaft zu kritisierenden Themen aus und er stürzt sich stattdessen auf ein gut zu verkaufendes Klischee-Thema in Mitteleuropa. Dabei hat er in Island noch lange nicht alles abgegrast. Wie wäre es denn mit der kriminellen isländischen Regierung die den Wahlfang trozt internationalen Verbots und des bekannten Problems der Überfischung zulässt? Oder den gierigen isländischen Bankern, die die Kaupthing-Bank und das Land mit ihren Risikogeschäften zum Staatsbankrott führen.

Indridason, bleib bei deinem Island!
fiesta zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 02.08.2009
Ich finde es faszinierend wie Indridarson ohne große Spannung den Leser fesselt. Das auch das Privatleben der Ermittler immer kurz Zeit findet, rundet die Bücher immer ab. Auch die Charaktere und deren Schicksale gehen einem nah. Ich bin nur zufällig auf diesen tollen Schriftsteller gestoßen und hätte beinahe eine tolle Reihe verpasst.
A. Püschel zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 09.05.2009
Neues gelernt hat man nicht über die Geschichte der DDR. Das soll vielleicht auch nicht der Zweck sein. Was es hier Großartiges zurecherchieren gab, wie von anderen bewundert, bleibt mir ein Rätsel.
Die privaten Probleme des Kommisars wirken wenig integriert in die Handlung. Man könnte sie ersatzlos streichen, ohne dass die Person des Kommisars an Tiefe verlieren würden, wenn vorhanden. Darüberhinaus verleihen sie dem Buch nichts besonderes, eigenes, schon gar nicht der Geschichte selbst.
Rolf.P zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 19.02.2008
Das erstaunlichste an den Romanen Indridasons: Er versteht es, Leser zu fesseln, ohne dabei eine atemberaubende Spannung in die Handlung seiner Erzählungen einzubauen.
Mir gefällt der Wechsel zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit ohne das die Geschichte an Spannung verliert. Herrlich auch die kleinen Randgeschichten, die keineswegs Ballast, sondern Schmuck in Indridasons Romanen sind.
Kältezone stellt einmal mehr unter Beweis, wie sehr Arnaldur Indridason es versteht, durch kleinste Hinweise die Spannung in die Höhe zu treiben.
Ein beeindruckender Krimi, erzählt von einem großartigen Autor.
crazy_susi zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 15.02.2008
Bei diesem Buch spüre ich, wie die Interessen auseinander gehen. Ich habe das Buch angefangen zu lesen und hab ca. dreiviertel des Buches durch, bin aber noch nicht dazu gekommen, es weiter zu lesen. Liegt wahrscheinlich daran, dass viel Politik darin vorkommt, zumindest in den "vergangenen Zeiten", die erzählt werden. Da wird mir wieder bewusst, dass es auch Ansichtssache ist, welches Buch gut und welches nicht so gut ist.
Für die, die es interessiert ist es wirklich ein sehr spannendes Buch, dass muss ich sagen, aber mein persönlicher Fall ist es nicht. Vielleicht ändert sich ja meine Meinung noch, wenn ich die restlichen Seiten lese.
Richard.H zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 26.11.2007
Hallo Leute! Ich habe bisher alle Bücher von Indridason gelesen,und muß echt sagen das dieses Buch das beste ist.Alles passt gut zusammen und die Story ist sehr spannend und interessant zugleich.Ich kann dieses Buch nur wärmstens empfehlen!
Björn Schäfer zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 11.10.2007
Ganz große klasse wie Indridason deutsche Geschichte mit einem isländischen Mordfall verknüpft - kann man nur empfehlen! Eines von seinen besten Büchern
heinrich zu »Arnaldur Indridason: Kältezone« 20.04.2007
Arnaldur trickst - und Erlendur ist weich in der Birne.....
wenn es mein erstes Buch von ihm wäre, wäre das meine meinung gewesen, denn hier wird eine Geschichte über die Deutsche Geschichte erzählt und als krimi etikettiert. Mehr noch als bei Todeshauch beherrscht die Vergangenheit die Handlung, das Ermittlerteam ist wie erstarrt und Erlendur verschrobener denn je.
Aber weil das ganze wieder so gut geschrieben ist und ich wissen wollte, wie sich die Pesonen weiterentwickeln, habe ich mich durchgekämpft und zu einer Bewertung von 70 Grad durchgerungen
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