Der Galgenvogel von Antonia Hodgson

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2015 unter dem Titel The last Confession of Thomas Hawkins, deutsche Ausgabe erstmals 2016 bei Knaur.
Ort & Zeit der Handlung: England, London, 1701 - 1800.
Folge 2 der Tom-Hawkins-Serie.

  • Lodnon: Hodder & Stoughton, 2015 unter dem Titel The last Confession of Thomas Hawkins. 388 Seiten.
  • München: Knaur, 2016. Übersetzt von Katharina Volk u. Sonja Rebernik-Heidegger. ISBN: 978-3-426-65346-3. 464 Seiten.

'Der Galgenvogel' ist erschienen als Hardcover E-Book

In Kürze:

London anno 1728: Der schwefelgelb flackernde Schein rußiger Öllampen, Übelkeit erregender Gestank frisch geleerter Nachttöpfe im Rinnstein, und in den schmalen Gassen das Zischen und Fauchen schwarzer Ratten ...
Durch diese Straßen wird ein gut gekleideter junger Mann zum Galgen nach Tyburn geschleppt. Die Menge am Straßenrand nennt ihn einen Mörder. Er versucht ruhig zu bleiben. Sein Name ist Tom Hawkins, und er ist unschuldig. Irgendwie muss er es schaffen, das zu beweisen, bevor der Strick sich um seinen Hals legt.
Natürlich ist alles seine eigene Schuld. Das Leben war gut, nachdem er dem Schuldgefängnis »The Marshalsea« entronnen war. Er hätte dem gefährlichsten Kriminellen Londons ja nicht erzählen müssen, dass er »auf Abenteuer aus« sei. Er hätte niemals der Mätresse von King George Hilfe anbieten dürfen. Und vor allem hätte er nie der scharfsinnigen und berechnenden Queen Caroline trauen sollen. Sie versprach ihm für sein Schweigen einen königlichen Straferlass  doch letztlich schweigt niemand besser als ein Toter …

Das meint Krimi-Couch.de: »Ermitteln mit dem Hals in der Schlinge« 85°Treffer

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Das berüchtigte Schuld-Gefängnis Marshalsea konnte Tom Hawkins, schwarzes Schaf einer angesehenen Adelsfamilie, verlassen und einem Mordkomplott gerade noch entkommen. Dabei kam ein Mann zu Tode, weshalb Hawkins nur hoffen kann, dass dies dem Gesetz weiterhin verborgen bleibt. Privat lebt Hawkins glücklich mit der schönen aber temperamentvollen Buchhändlerin Kitty zusammen. Ausgerechnet im Nachbarhaus erregt dies die Kritik des frömmelnden Tischlers Burden, der zudem Nachforschungen über den erwähnten Todesfall anstellt.

Da Hawkins ihn in aller Öffentlichkeit zur Rede gestellt und beschimpft hat, ist er der Hauptverdächtige, als Burden erdolcht in seinem Bett gefunden wird. Vor allem der bigotte Stadtvogt Gonson ist von Hawkins’ Schuld überzeugt und nimmt ihn fest. Zu seinem Ärger kommt sein Opfer frei. Dahinter steckt niemand andere als Caroline, Königin von England, die Hawkins für eine ihrer Intrigen instrumentalisiert. Er soll gerichtstaugliche Beweise gegen den Wüstling und Sadisten Lord Howard beschaffen, der König George II. unter Druck setzt, wovon die Öffentlichkeit nichts erfahren soll.

Sollte Hawkins scheitern, wird ihm die gnadenlose Caroline ihren Schutz entziehen. Allerdings ist Howard ein ausgefuchster Schurke, der Hawkins rasch auf die Schliche kommt. Nur die Hilfe des Gaunerfürsten James Fleet rettet ihn vor Howards Schergen; mit seinem Bruder Samuel hatte Hawkins im Marshalsea Freundschaft geschlossen.

Die Atempause ist nur von kurzer Dauer. Howard hält alle Trümpfe in der Hand. Hawkins kann der Königin trotzdem einen Weg weisen, sich den mächtigen Mann vom Hals zu schaffen. Damit hat er seine Schuldigkeit getan. Hawkins’ Immunität vor dem Gesetz erlischt, und bald schleppt man ihn nach Tyburn, wo der Galgen steht …

Ein Wunsch wird prompt aber boshaft erfüllt

Man sollte meinen, dass Tom Hawkins’ Abenteuerlust für den Rest seines Lebens gestillt ist, nachdem er dem berüchtigten Schuldgefängnis sowie einer gut organisierten Verschwörer-Bande entkommen konnte. Wirklich gelernt hat er aus seiner Prüfung nichts: Als wir ihn in dieser – hierzulande mit einem ebenso unheilverkündenden wie verräterischen Titel versehenen – Geschichte wiedersehen, langweilt sich Hawkins bereits wieder und wünscht sich Aktivitäten abseits der Alltagsroutine, die über die üblichen Wirtshausbesuche hinausgehen.

Eine gnädige bzw. boshafte Macht hört diesen Wunsch und erfüllt ihn – sogar doppelt, woraus sich eine Handlung entwickelt, die Hawkins ebenfalls zweifach den Hals brechen kann. Die Kunst der Autorin liegt in einem Plot, der entsprechende Ereignisse auf verhängnisvolle Weise zusammenfügt. Antonia Hodgson schildert dies als Mischung aus Planung und Zufall, die sich in der Addition zu jenem Galgenknoten schürzen, den Hawkins schließlich unter seinem Kinn spürt.

Die Dynamik des Geschehens hebt den Galgenvogel positiv vom Gros der weiterhin die Buchläden überschwemmenden Historienromane ab. Hodgson drischt selten Stroh, indem sie sich in vorgeblich interessanten Fakten suhlt, und sie kleidet keine triviale Liebesgeschichte in altertümliche und damit exotische Gewänder, um sie über die eigentliche Story zu stellen. Stattdessen konstruiert sie ein komplexes Komplott, aus dem es für Hawkins, den Sündenbock, kein Entrinnen zu geben scheint. Dies gelingt so vortrefflich, dass der Leser nach einer Auflösung giert: Selbstverständlich wird Hawkins entwischen, doch wie wird er das angesichts eines so dicht geknüpften Netzes schaffen?

Die Vergangenheit als Schauplatz und Lebensraum

Intensive Recherche gilt Hodgson primär als Mittel zum Zweck, ihr Publikum zu unterhalten. Der Galgenvogel bietet sicherlich keinen authentischen Rundum-Blick in das London des Jahres 1728, auch wenn sich Hodgson u. a. an einem historisch belegten Skandal orientiert: Lord Howard hat es wirklich gegeben, und er war nachweislich ein übler Zeitgenosse, der es mit seinen Taten übertrieb, wie Hodgson in einem ausführlichen Nachwort erläutert.

Ansonsten spielt sie mit den Fakten, statt sich von ihnen einengen zu lassen. So schafft sie Raum für ihren (Anti-) Helden Hawkins, um ihn in die Howard-Affäre einpassen zu können. Dies sorgt zudem für die Möglichkeit, wie nebenbei die zeitgenössische Gesellschaftsordnung darzustellen. Sie ist für das Geschehen von elementarer Bedeutung, da nur die soziale Hierarchie Aktionen und Reaktionen ermöglicht, die so nicht mehr möglich wären.

Besonders befremdlich wirkt es heute, dass »Adel« in Tom Hawkins’ Epoche beinahe gleichbedeutend mit einem Freibrief für ein Verhalten war, das Recht und Moral, nicht jedoch dem Gottesgnadentum dieser privilegierten Kaste widersprach. Lord Howard kann letztlich nicht ausgetrickst und ausgeschaltet werden, obwohl er sich mit seinem König anlegt. James Fleet, ein wahrer Fürst der Unterwelt, dessen Laufbahn unzählige Leichen säumen, wagt nicht Hand an Howard zu legen, da sonst Staatsgewalt und Ordnungsmacht – die ihn ignorieren, solange er sich nur am Volk vergreift – ohne Erbarmen über ihn kämen: Wehret den Anfängen, denkt der auch zahlenmäßig unterlegene Adel nicht grundlos, da ihn die niederen Stände keineswegs begeistert mit Vorrechten und vor allem Geldabgaben bedenken. Selbst Hawkins, dessen Adelsrang niedrig ist und der über keine adligen Bundesgenossen verfügt, bleibt noch unter dem Galgen ein Gentleman. Man wird ihn hängen, doch der Henker spricht ihn mit »Sir« an.

Vage Anfänge der Polizeiarbeit

Als die Howard-Affäre beigelegt ist, kann und muss sich Howard um den Mordfall Burden kümmern. Hodgson schildert kriminalistische »Ermittlungsarbeit« zu einer Zeit, als ein begründeter Verdacht zum quasi obligatorischen Schuldspruch führen konnte. Hörensagen, üble Nachrede, Denunziation, persönliche Vorbehalte und Abneigungen: Noch lag die moderne Rechtsfindung in einer fernen Zukunft, noch standen Gewohnheitsrecht und »Erfahrungen« über Objektivität und Fakten, die schon sehr offensichtlich sein mussten, da niemand wusste, wie man sie finden und deuten konnte.

Stadtvogt Gonson – ebenfalls eine historische Figur – repräsentiert den Gesetzeshüter alten Schlages. Im Dienst der Gerechtigkeit differenziert er nicht groß zwischen Verdächtigen und Schuldigen. Auch Hawkins stochert im Verlauf seiner Ermittlungen eher hilflos im Trüben. Ein Verhör ohne Androhung von Folter zum Ergebnis zu führen, ist noch eine zu große Herausforderung. Stattdessen muss ein Geistesblitz in Hawkins’ Schädel fahren, damit er die Wahrheit herausfindet. Die Justiz ist wie gesagt keine Stütze. Ihr obliegt in erster Linie die Aufrechterhaltung der etablierten Verhältnisse; die Wahrheit ist auch hier eher Nebensache. Strenge gilt als wichtigstes Instrument der Rechtswahrung. Vor allem die niederen Stände sollen sich fürchten, um das Gesetz zu achten; dem entsprechen drakonische Strafen selbst für mindere Verbrechen.

Der Weg zum Galgen gleicht einer heidnischen Opferzeremonie, wie Hodgson im Nachwort ausführt. Im Roman folgen wir Hawkins, als er ihn nach Tyburn geht. Möglichst viele Menschen sollen der Hinrichtung beiwohnen, um daraus zu »lernen«. Stattdessen dominiert natürlich das Spektakel; das öffentliche Hängen besitzt Volksfestcharakter. Dem Publikum werden eigens geschriebene Traktate verkauft, in denen die Übeltaten des zum Schafott geschleiften Schurken drastisch und gespickt mit blutigen Details beschrieben sind. Hodgson verfasst nach historischen Vorlagen einen solchen »Bericht«, der Howards’ Gerichtsprozess beschreibt: ein interessantes, das Großkapitel 5 einleitendes »Dokument«, das Auskunft über eine aus heutiger Sicht parteiische Justiz gibt. Hawkins’ Urteil ist faktisch längst gesprochen, als er vor den Richter tritt.

Seifenspiele vor schmutzigen Kulissen

Der Galgenvogel ist ein spannendes Garn vor farbenfrohen bzw. hübsch-hässlichen Kulisse. Straßenschmutz, Gefängnismoder, Blutspritzer, Schmuddel-Sex: Manchmal suhlt sich die Geschichte förmlich in Dunkel- und Abseitigkeiten, die darüber zum Selbstzweck werden. Hier gibt die Autorin, was das Publikum anscheinend von ihr bzw. einem »Roman aus alten Zeiten« fordert.

Dazu gesellen sich Figuren, die zum Teil aus der Historie fallen. Das 18. Jahrhundert war keine feministische Hochzeit. Hodgson führt immer wieder Beispiele für die Abhängigkeit zeitgenössischer Frauen von »ihren« Männern – Gatten, Väter, Brüder – an. Nichtsdestotrotz tritt stolz, mutig und wildlockig die schöne Kitty im prall gefüllten Mieder auf, um der (weiblichen) Leserschaft eine »moderne« Identifikationsfigur zu bieten. Dies geschieht mit einer Offensichtlichkeit (pflichtschuldig-peinliche Bettszenen inklusive), die der Illusion abträglich ist. Wesentlich subtiler – vielleicht zu subtil für manche Leserin – stellt Hodgson Königin Caroline oder ihre Hofdame Henrietta dar, die taktisch in einer Männerwelt lavieren, statt manisch mit blitzenden Augen über wogendem Busen Heuchler, Frömmler u. a. Pack mit dem XY-Gen anzufluchen.

Die Geschichte wird weitergehen bzw. Hodgson ein neues Kapitel aufschlagen. Der rote Faden läuft in einem offenen Epilog aus, der den dritten Band einleitet. Wird es der Autorin gelingen, die Überraschungsdichte zu wahren und jene Routine zu vermeiden, die irgendwann jede erfolgreiche Serie einholt? Wahrscheinlich nicht, aber noch lässt die Erwartung einer Fortsetzung Vorfreude aufkommen.

Michael Drewniok, Februar 2017

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Detlef Knut zu »Antonia Hodgson: Der Galgenvogel« 04.12.2016
Dieser Roman ist ein empfehlenswerter Weihnachtsschinken,. So, wie ich an den Festtagen sehr gerne historische Filme sehe, lese ich auch gerne solche Romane. Deshalb hatte mir "Der Galgenvogel" auch schon wenige Wochen vor Weihnachten ein Gefühl von Weihnachten vermittelt.
Über die Handlung hinaus klärt die Autorin in einem kurzen Abriss am Ende des Buches über die historischen Hintergründe auf. Eine nette Beigabe, welche gelegentlich zu einem "Aha" führen kann.
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