Selig sind die Dürstenden von Anne Holt

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 1994 unter dem Titel Salige er de som tørster..., deutsche Ausgabe erstmals 1996 bei Rasch und Röhring.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen / Oslo, 1990 - heute.

  • Oslo: Cappelen, 1994 unter dem Titel Salige er de som tørster.... 219 Seiten.
  • Hamburg: Rasch und Röhring, 1996. Übersetzt von Gabriele Haefs. Edition Galgenberg. ISBN: 3891365772. 219 Seiten.
  • München: btb, 1998. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 3-442-72256-X. 219 Seiten.
  • München: Piper, 2002. Übersetzt von Gabriele Haefs. ISBN: 3-492-23658-8. 219 Seiten.

'Selig sind die Dürstenden' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Ein neuer Fall für Kommissarin Wilhelmsen: Ein Killer geht um in Oslo, und seine Opfer sind ausnahmslos junge Frauen aus dem Ausland. Doch eines Tages kommt eine Norwegerin auf ähnlich brutale Weise ums Leben, womit die Theorie vom fremdenhassenden Täter ihre Tragfähigkeit verliert. Es scheint, als müsste Hanne Wilhelmsen mit ihren Ermittlungen von vorne beginnen …

Das meint Krimi-Couch.de: »Zusammengeschustert – ein Flickwerk aus Sozio-Kritik, Geschlechterkonflikten und Brutalität« 34°

Krimi-Rezension von Lars Schafft

Die Atmosphäre in Norwegens Hauptstadt Oslos ist erhitzt. Sowohl meteorologisch als auch aus krimineller Sicht. Mittendrin ermittelt Kommissarin Hanne Wilhelmsen, weibliches Gegenstück zu Kurt Wallander, Erik Winter oder Martin Beck. Eines Samstags wird sie mit ihren Kollegen in einen alten Schuppen gerufen und findet sich an einem gar grauenvollen Schauplatz wieder: Blut. Überall Blut. Literweise. An Wänden, auf dem Boden. Für einen Menschen zuviel Blut. Viel zuviel.

Außerdem findet die Kommissarin noch eine achtstellige Zahl ins Blut geschmiert. Diese Massaker wiederholen sich, immer samstags. Doch: keine Leiche, kein Verbrechen. Schließlich hat die Osloer Polizei ja genug zu tun, was Autorin Anne Holt gerne und oftmals – fast schon wie eine Rechtfertigung für das Handeln ihrer Figuren – betont.

Tage darauf wird eine norwegische Medizin-Studentin brutal vergewaltigt. In einem großen Mehrfamilienhaus, in ihrer Wohnung. Auch hier muss Kommissarin Wilhelmsen ermitteln und – wie kann es anders in einem Krimi aus dem hohen Norden sein – wird auch nicht eine Figur in »Selig sind die Dürstenden« müde, immer und immer wieder herauszustellen, wie schlimm eine Vergewaltigung ist und dass man sich trotz der 42. in diesem Jahr »nie daran gewöhnen« werde. Ach. Erwartet der Leser dies von jahrelangen Ordnungshütern? Dass sie abstumpfen? Dass sie nur noch die Sache sehen und nicht mehr die Opfer?

Moral ohne Ende also, Gesellschaftskritik en masse und damit verlässt Autorin Anne Holt erstmal den eingeschlagenen Weg der beiden Verbrechen und damit auch den roten Faden. Bis Seite 100 (das Buch hat gerade mal knapp 220) passiert gar nichts. Sie widmet sich voll und ganz der Psyche des Opfers und seines Vaters, der nicht minder leidet und Rachepläne schmiedet. Zwischendrin gibt es mehr oder weniger amüsante Episoden aus dem Leben der Protagonistin. Hanne Wilhelmsen ist Lesbe, wohnt mit ihrer Freundin Cecilie zusammen, verschweigt dies nur allzu gerne und fährt eine Harley. Eine rosane wohlgemerkt.

Plötzlich geht alles ruck-zuck. Die Osloer Polizei erfährt von den Laboranten, dass es sich bei dem Blut der Samstagsmassaker nicht nur um welches von Tieren handelt. Wo sind also die Leichen? Die erste taucht auf, wird von einem 3-jährigen geradezu ausgebuddelt. Die Leiche bringt die Kommissarin auf die richtige Spur: Bei den achstelligen Nummern handelt es sich um interne Nummern der Asylanten in Norwegen. Klare Sache: Der Mörder ist nicht nur ein Insider, sondern hat es auf Ausländerinnen abgesehen. Und noch etwas ist für Wilhelmsen eindeutig. Der Vergewaltiger ist der selbe wie der Ausländer-Mörder. Dass der einzige Anhaltspunkt für Wilhelmsens These die Tatsache ist, dass unter der Medizin-Studentin eine Ausländerin wohnt und diese am Tatzeitpunkt nicht in der Wohnung war, soll den aufmerksamen Leser nicht verwundern. Denn nicht alles, was nun an Erklärungen folgt, ist logisch oder gehorcht einer gewissen Ordnung.

Es erscheint nun doch recht abwegig, dass der Vater der Vergewaltigten bei einem Nachbarn seiner Tochter fündig wird. Dieser sammelt – ausgerechnet – Autokennzeichen und hat natürlich genau jenes Nummernschild des Wagens aufgeschrieben, der an besagtem Abend vor der Tür der Tochter stand und vorher noch nie aufgetaucht ist. Dass der Vater mit diesem Kennzeichen bei der Polizei auch noch Auskunft über den Besitzer bekommt – naja. Seine Tochter erkennt ihren Peiniger ja auch recht zufällig auf einem Bahnhof wieder und sinnt ebenfalls auf Rache.

Frau Holt, all dies ist schon so zusammengestrickt, dass man nur noch den Kopf schütteln kann. Was sie dem Leser dann aber als Motiv des Mörders präsentieren ist lächerlich und eines Krimis, der in Tradition zu Sjöwall/Wahlöö oder Mankell stehen will, völlig unwürdig. Auf gerade einmal einer Seite legen Sie ein Motiv dar, wie es simpler nicht sein kann. Die Kindheit des Täters ist schuld. Ja, er wurde so oft gehänselt und seine Mutter war Alkoholikerin. Natürlich macht dies eine labile Persönlichkeit zum Mörder, der es auf junge, alleinstehende Ausländerinnen abgesehen hat. Nein, Frau Holt – das ist nun wirklich zuwenig!

Beim Finale geht es dem Täter selbstverständlich an den Kragen. Brutalst möglich, die Opfer sollen ihre Rachegelüste ja stillen dürfen. Und da springt einem der Titel in den Kopf: »Selig sind die Dürstenden« hat auf den ersten Blick mit der Handlung nichts tun. Aber: Wer dürstet? Klar, die Opfer nach Rache. Und deswegen sind sie selig? Soll der Leser den gleichen Eindruck wie Kommissarin Wilhelmsen bekommen, dass Vergeltung sein muss? Dass sie die Opfer befriedigt? Unter diesem Gesichtspunkt scheint der ganze Krimi nämlich genau auf ein Zitat aus der Bibel hinauszulaufen: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nein, das habe ich von einer ehemaligen Justiz-Ministerin nicht erwartet.

Auch wenn Autorin Anne Holt für ihre Hanne Wilhelmsen Reihe hoch gelobt wird – für mich ist der gesamte Roman zusammengeschustert, ein Flickwerk aus Sozio-Kritik, Geschlechterkonflikten und Brutalität. Schade.

Lars Schafft, Juni 2002

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Walter Reinthaler zu »Anne Holt: Selig sind die Dürstenden« 25.01.2009
Leider hat der Rezensent weder die Intentionen von Anne Holt noch das gegenständliche Buch begriffen. Es geht eben nicht um eine lineare Krimihandlung - da ist man bei amerikanischen Krimis besser aufgehoben - sondern gerade um die gesellschaftlichen und psychologischen Hintergründe, um das Denken und das Privatleben der Polizistinnen und Polizisten. Die Kritik an der Entwicklung und den Zuständen der Gesellschaft ist ein zentrales Motiv der "nordischen Krimis", in deren Tradition sich Anne Holt kongenial befindet.
Und Vergewaltigung ist nicht irgend ein Wald- und Wiesenthema. Vergewaltigung, die Zerstörung der körperlichen und seelischen Integrität, zählt wohl zum Schlimmsten, was ein Mann einer Frau antuen kann. Aber das sieht die Merheit der Männer (und der Polizisten) nicht so. Da schwirren noch immer Vorstellungen wie "die hat das ja provoziert" (durch herausfordernde Kleidung?) oder "in Wirklichkeit hat sie das gewollt" (weil sie sich nicht genug gewehrt hat?) durch die Köpfe. Und die Polizei muß sich um die wichtigen Dinge, wie etwa die Morde, kümmern. Und es gibt zu viele Vergewaltigungen. Und eigentlich ist den Opfern ja nicht so viel passiert, sie wurden ja nicht ermordet.
Anne Holt setzt sich sehr differenziert mit dem Problem von Recht und Gerechtigkeit auseinander, die letztendlich nur zwei Seite einer Münze sind. Wenn die Gesellschaft nicht Gerechtigkeit leisten kann, weil Recht und Gerechtigkeit immer mehr auseinander fallen, dann wird der Einzelne selbst das Recht in die Hand nehmen - und der Grat zwischen Recht und Rache und Gerechtigkeit ist schmal.
Fazit: ein umfangmäßig dünner, krimitechnisch nicht aufregender, aber vom Thema her ein außerordentlich wichtiger Roman.
indi zu »Anne Holt: Selig sind die Dürstenden« 08.12.2003
ich fand den roman sehr schleppend und zäh.
viel "sozialtherapeuthentum", schuld in der vergangenheit und etwas "dirty harry"-rache, ein seltsamer und nicht zu empfehlender krimi
auch die verfilmung ist wirr und zu konstriert
1 von 5 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
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