In kalter Absicht von Anne Holt

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel Det som er mitt, deutsche Ausgabe erstmals 2002 bei Piper. 364 Seiten. ISBN-10: 3-492-04423-9, ISBN-13: 978-3-492-04423-3. Übersetzt von Gabriele Haefs.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen, 1990 - heute.

'In kalter Absicht' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Seit zwei Tagen hat es kein Lebenszeichen von der kleinen Emilie mehr gegeben. Und dann verschwindet auch der fünfjährige Kim spurlos. Einziger Anhaltspunkt ist Aksel Seier, der vor über 40 Jahren ein kleines Mädchen getötet haben soll. Vor kurzem wurde er überraschend vorzeitig aus der Haft entlassen und niemand weiß, wo er sich jetzt aufhält. Hauptkommissar Stube schaltet die Psychologin Inger Vik in die Ermittlungen ein. Sie soll helfen, den Täter zu finden, bevor er weiteres Unheil anrichten kann.

Das meint Krimi-Couch.de: »Spannung auf vielerlei Art« 80°

Krimi-Rezension von Peter Kümmel

Inger Johanne Vik ist Psychologin und Juristin und ist als Universitätsdozentin tätig. Sie ist geschieden und als Mutter einer 6-jährigen gesitig behinderten Tochter, die abwechselnd von ihr und ihrem ehemaligen Mann betreut wird, sehr eingespannt.

Beruflich ist sie zur Zeit mit einem Forschungsprojekt beschäftigt. Sie befasst sich mit älteren Kriminalfällen, bei denen die Verurteilten ihre Unschuld beteuern. Dabei untersucht sie den Einfluß der Medien sowie den von Außenstehenden, die noch jahrelang weiterkämpfen. Dabei stösst sie auf den Fall Aksel Seier. Der als Sexualmörder verurteilte Seier wurde bereits vor vielen Jahren aus der Haft entlassen, ohne daß die Öffentlichkeit darüber informiert wurde. Sämtliche Unterlagen über diese Haftentlassung sind jedoch verschwunden.

Hauptkommissar Yngvar Stubø wird durch einen Fernsehauftritt auf Inger Johanne aufmerksam, bei dem sie sich ausgenutzt vorkommt und die laufende Sendung verlässt. Er versucht sie für einen aktuellen Fall als Profiler zu gewinnen. Zwei kleine Kinder sind verschwunden: die 8-jährige Emilie und der 5-jährige Kim. Die Polizei vermutet einen Zusammenhang, obwohl sie dafür keinerlei Indizien hat.

Der kleine Kim wird nach wenigen Tagen tot im Keller seiner Eltern gefunden, eingewickelt in einen Müllsack mit einem Zettel versehen, auf dem stand: »Du hast bekommen, was Du verdienst.« Merkwürdig dabei: Die Pathologie konnte die Todesursache nicht feststellen.

Doch Inger Johanne sperrt sich gegen eine Mitarbeit. Sie möchte sich nicht dadurch noch mehr belasten und behauptet, aus zwei Fällen, von denen man noch nicht mal sicher ist, ob sich miteinander zusammenhängen, könne man kaum Schlüsse auf den Täter ziehen. Kurz danach wird ein weiteres Mädchen aus dem Bus entführt und den Eltern mittels eines Paketes tot überbracht. Auch hier wieder der Zettel mit dem gleichen Spruch und auch wieder die Todesursache nicht feststellbar.

Nachdem Inger Johanne von einem Besuch bei Aksel Seier, der nicht sehr erfolgreich war, aus den USA zurückkehrt, sucht Stubø sie in ihrer Wohnung auf, wo er sie schließlich doch zur Mitarbeit überreden kann.

Gerade durch die sehr sachliche Beschreibung der Angst der Kinder sowie durch das unvermittelt in das Geschehen eingefügte Auffinden der Leiche des kleinen Jungen würde ich das Buch als sehr harte Kost bezeichnen. Eben durch das Fehlen von Brutalität wirkt das Geschehen sehr real und geht einem beim Lesen doch sehr nahe.

Die 363 Seiten des Buches sind in 69 sehr verschieden lange Kapitel eingeteilt, mal 20 Seiten lang, mal nicht mal eine. Die Szenen wechseln sehr häufig. Dadurch wird die Spannung oft hochgehalten. Auch die Perspektiven wechseln oft ab. Überwiegend befindet sich der Leser auf der Seite der Ermittler; mal bei Inger Johanne, mal bei der Polizei. Doch zwischendurch wird das Geschehen auch immer wieder aus der Sicht des Täters geschildert, ohne daß man jedoch den Täter sozusagen wirklich zu Gesicht bekommt. Er bleibt mehr eine abstrakte Gestalt, die eher durch die Angst und das Verhalten der in seiner Gewalt befindlichen Kinder Konturen erlangt.

»In kalter Absicht« ist kein »Whodunit«-Krimi. Entscheidend ist nicht, »wer« der Täter ist, sondern viel vordringlicher ist die Frage nach dem Motiv. Man kann die Gedanken der Ermittler mitverfolgen. Die Suche nach Zusammenhängen zwischen den entführten Kindern, z.B. nach gemeinsamen Bekannten ihrer Eltern, wirkt sehr realistisch. Dieser Realismus wird sicherlich auch dadurch geweckt, das sich die Kriminalisten dabei oft verrennen, Fehler machen oder in eine Sackgasse geraten. Da Anne Holt selber Polizistin war, weiß sie natürlich, wovon sie schreibt, und man nimmt es ihr auch ab.

Die Autorin versteht ihr Handwerk ausgesprochen gut. So erzeugt sie auf vielerlei Art Spannung. Immer wieder entwickelt sie neue Spuren, mögliche Motive oder kreiert Tatverdächtige, um das meiste davon schrittweise wieder zu verwerfen. Auch Spuren, die in die Vergangenheit führen, lassen den Leser immer wieder eigene Phantasien entwickeln.

Daß der zweite Handlungsstrang, der die Protagonistin für ihre Forschungszwecke nach Amerika führt, irgendeinen Bezug zu den Mordfällen bekommt, ist dem erfahrenen Krimileser natürlich klar, doch ist dies so geschickt angelegt, dass dieser Zusammenhang bis kurz vor Schluß des Romans im Dunklen bleibt.

Anne Holt baut ihre Charaktere sehr detailliert und vielschichtig, aber auch sehr langsam, in einzelnen Portionen auf. Hervorragend dargestellt dabei die Protagonistin Inger Johanne Vik mit ihren Problemen mit ihrer behinderten Tochter und dazu ihrer beruflichen Arbeit. Da wirkt es überaus glaubhaft, dass sie sich nicht zusätzlich noch mit Kindermorden herumschlagen möchte. Als Leser kann man dann ihren Meinungsumschwung regelrecht miterleben. Auch der Kommissar Yngvar Stubø ist ein sympathischer und interessanter Charakter, auch wenn die Autorin in seinem Lebenslauf mit dem ungewöhnlichen Unfall, bei dem seine Frau und seine Tochter ums Leben kamen, ein wenig zu dick aufgetragen hat. Die sich sehr langsam anbahnende Beziehung zwischen den beiden Hauptdarstellern ist ebenfalls sehr gut beschrieben.

Mit dem Begriff »Psychothriller« wird in diesem Genre oft sehr leichtferig umgegangen. Doch wenn man ein Buch wirklich in diese Sparte einordnen kann und es zudem auch noch als Qualitätsprädikat betrachtet, so ist es dieser Roman.

Bis wenige Seiten vor dem Ende hätte das Buch klar eine bessere Bewertung verdient, doch dann bedient sich die Autorin zur Auflösung des Falles eines solch unglaublichen Zufalls, über den ich mich so geärgert habe, dass ich dem Roman dafür einen Abzug gegeben habe. Bis dorthin so klug und logisch aufgebaut hätte die Autorin dieses Stilmittel nun wirklich nicht nötig gehabt. Den zufälligen Zusammenhang zwischen den Mordfällen und der Person Aksel Seier hätte ich dagegen noch durchgehen lassen, da er im Prinzip keine Relevanz für die Aufklärung des Falles hat. Auch die ungeheuer brutale Darstellung eines Verkehrsunfalls passt so gar nicht zur vorherigen Darstellung.

Ich weiß nicht, ob Inger Johanne Vik Anne Holts bisherige Serienfigur Hanne Wilhelmsen ablösen soll. Die sich anbahnende Beziehung zwischen der Psychologin und dem Kriminalkommissar lässt jedoch solches vermuten.

Ein Roman, den man guten Gewissens in die Sparte Psychothriller einordnen kann. Vom schwachen Ende abgesehen ein unglaublich spannendes und empfehlenswertes Buch, bei dem man, gerade wenn man selber Kinder hat, aber auch mitleiden kann.

Ihre Meinung zu »Anne Holt: In kalter Absicht«

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Hanspeter Sultze zu »Anne Holt: In kalter Absicht« 30.12.2009
Dies ist der erste Roman von Anne Holt, und er wird gewiss nicht der Letzte sein!
Auch für mich war der unerwartete Schluss zunächst schon sehr verblüffend, aber nach längerem Nachdenken bin ich absolut bereit, ihn zu akzeptieren. Das Buch ist insgesamt ein vollauf gelungenes Kunstwerk, seine Autorin also eine Künstlerin - und als solche hat sie durchaus das Recht, ihr Werk auch etwas abseits der eingefahrenen Normen abzuschliessen. Sich darüber zu ärgern, ist nicht nötig. Ich habe Krimis mit wirklich ärgerlichem Schluss in Händen gehabt, wenn z.B. zehn Seiten vor dem Ende plötzlich eine Person auftaucht, die in dem gesamten Buch bisher nicht in Erscheinung getreten war und dann wie ein "Deus ex machina" alles auflöst.
Conny66 zu »Anne Holt: In kalter Absicht« 10.08.2009
Mir hat dieser erste Fall der Reihe mit Ingvar Stubö und Inger Johanne Vik sehr gut gefallen.
Man bekommt zwar die Entführungen mit und kann sich später auch die grausigen Todesumstände vorstellen, hauptsächlich geht es jedoch um die Psychologie des Täters und die Ermittlungen der Polizei.

Das Buch ist in mehrere Handlungsstränge aufgeteilt, zum einen der Mädchenmord von 1956, zum anderen die ungeklärten Entführungen in der Gegenwart. Und dann wird noch aus verschiedenen Sichtweisen erzählt, z. B. die des Entführers, aus der Polizeiarbeit, von der Arbeit der Psychologin/Profilerin Inger Johanne.
Zudem bekommt man hier auch eine Einführung in das Privatleben der Protagonisten, des Kommissars und der Psychologin/Profilerin.

Die Geschichte ist dennoch nicht verwirrend. Man ist immer mitten im Geschehen dabei, und ermittelt mit, fiebert mit, obwohl man ja auch den aktuellen Stand der Entführungen kennt.
Der Schreibstil ist flüssig und fesselnd, die Kapitel zum Teil kurz, was aber sehr gut in den Gesamtaufbau des Buches passt.

Zum Schluss erfährt man noch, dass das Grundgerüst, der Fall von Aksel Seier, einen wahren Hintergrund hat.
Ich bin froh, auch den zweiten Band dieses Duos Stubö/Vik bereits zu besitzen.

Dieser psychologische „Ermittler-Krimi“ der skandinavischen Autorin Anne Holt bekommt fünf von fünf Sternen von mir!
ABaum71 zu »Anne Holt: In kalter Absicht« 21.03.2009
Ein Buch das alle Väter und Mütter in eine düstere, beängstigende Stimmung versetzt. So realitätsnah und nachvollziehbar wie Anne Holt die Empfindungen der entführten Kinder und der Eltern beschreibt, fühlt man sich als pflichtbewusster Elternteil mehr als einmal während der Lektüre dazu genötigt ins Kinderzimmer zu schauen, ob das eigene Kind noch wohlbehalten in seinem/ihrem Bett schlummert.
Nach anfänglichen Erzählphasen, die nicht unbedingt dazu beitragen , sich schnell ins Geschehen reinzufinden, hat man sich spätestens nach dem ersten Drittel voll ins Buch reingelesen.
Dazu tragen auch die häufigen Wechsel der Handlungsstränge bei. Und langsam nach und nach fügen sich dann alle diese Handlungsstränge zusammen. Anne Holt skizziert die Hauptdarsteller so detailliert, das man als Leser sich in die jeweiligen Protagonisten reinversetzen kann, ohne sich dabei übermässig anzustrengen.
Der Schluss hat etwas vom "Showdown" amerikanischer Actionthriller, nicht gerade jedermanns Sache, und wirkt hier deplaziert und völlig überzogen. (Schade eigentlich !!)
Aber dennoch lesenswert für alle die mal wirklich eine Psychothriller lesen wollen, der seinen Namen zurecht trägt. Danke Anne Holt !!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
ABaum71 zu »Anne Holt: In kalter Absicht« 21.03.2009
Ein Buch das alle Väter und Mütter in eine düstere, beängstigende Stimmung versetzt. So realitätsnah und nachvollziehbar wie Anne Holt die Empfindungen der entführten Kinder und der Eltern beschreibt, fühlt man sich als pflichtbewusster Elternteil mehr als einmal während der Lektüre dazu genötigt ins Kinderzimmer zu schauen, ob das eigene Kind noch wohlbehalten in seinem/ihrem Bett schlummert.
Nach anfänglichen Erzählphasen, die nicht unbedingt dazu beitragen , sich schnell ins Geschehen reinzufinden, hat man sich spätestens nach dem ersten Drittel voll ins Buch reingelesen.
Dazu tragen auch die häufigen Wechsel der Handlungsstränge bei. Und langsam nach und nach fügen sich dann alle diese Handlungsstränge zusammen. Anne Holt skizziert die Hauptdarsteller so detailliert, das man als Leser sich in die jeweiligen Protagonisten reinversetzen kann, ohne sich dabei übermässig anzustrengen.
Der Schluss hat etwas vom "Showdown" amerikanischer Actionthriller, nicht gerade jedermanns Sache, und wirkt hier deplaziert und völlig überzogen. (Schade eigentlich !!)
Aber dennoch lesenswert für alle die mal wirklich eine Psychothriller lesen wollen, der seinen Namen zurecht trägt. Danke Anne Holt !!
ceol zu »Anne Holt: In kalter Absicht« 07.08.2008
Abgesehen von dem dramatischen Zusammentreffen der beiden Hauptverdächtigen am Schluß ist dies einer der besten Krimis, den ich seit langem geslesen habe. Spannend, fesselnd, glaubwürdig, mit überraschenden Wendungen und gut geschrieben. Man bekommt einen Bezug zu den Hauptpersonen und den Ermittlungen. Es wäre der perfekte Thriller, wenn - wie gesagt - das Ende nicht von solchen grotesken Zufällen überschattet würde. Weniger wäre da echt mehr gewesen!
Trotzdem empfehlenswert.
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
nanüüüsch zu »Anne Holt: In kalter Absicht« 13.10.2007
ich verstehe den zusammenhang vom fall aksel seier mit dem fall emilie nicht...kann mir das mal jemad erklären? ansonsten ein superspannendes buch! werde ich weiterempfehlen! :)
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krimihexe zu »Anne Holt: In kalter Absicht« 11.09.2007
Ein sehr gelungenes Buch, sympatischer Kommissar! Die zugezogene Psychologin ist schon eine sehr eigenwillige, aber nicht unsympatische Person.
Ein spannendes Buch jedem Krimiliebhaber der Skandinavischen Autoren durchaus zu empfehlen!
1 von 1 Lesern fanden diesen Kommentar hilfreich.
Daniela Bretschneider zu »Anne Holt: In kalter Absicht« 11.09.2007
Ich habe dieses sehr interessante und überaus spannende Buch letzten Winter gelesen und mir hat es sehr gut gefallen! ich LIEBE Krimis und deswegen lese ich gerade die, wie ich glaube, Fortsetzung " Was niemals geschah" und bin schon wieder von Szene zu Szene überuas schockiert, wie genau Anne Holt die Figuren im Buch beschreibt und auch die/den Täter beschreibt!
Auf jeden Fall werde ichdie beiden Bücher weiter empfehlen, denn sie sind sehr gut zu lesen und nachzuempfinden.
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Martin zu »Anne Holt: In kalter Absicht« 07.03.2007
Bin gerade mit dem Buch fertig, eine spannede Geschichte. Was sich dadurch verstärkt das Inger Johanne auch noch an einem alten Fall arbeitet. Auch wenn das Ende etwas verworren ist, eins der besten Krimis die ich in letzter Zeit gelesen habe.
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Chrisi zu »Anne Holt: In kalter Absicht« 12.11.2006
Gerade habe ich das Buch von Anne Holt ausgelesen, es hat mir gut gefallen, wenn es auch einiges anzumerken gibt.
Der etwas ungewöhnliche Schreibstill ist am Anfang schon gewöhnungs bedürftig. Aber je länger ich gelesen habe, desto besser gefiel es mir. Die Geschichte, Mord an Kindern, nimmt sicher jede Mutter (oder Vater) sehr mit. Deshalb wird es sicher nicht jeder mögen.
Die Hauptpersonen des Buches werden sehr schön beschrieben, vor allem aber auch der Täter.
Wie schon einige vor mir geschrieben haben, das Ende paßt nicht so recht, ich hatte es doch ein wenig anders erwartet.
Aber empfehlen würde ich das Buch trozdem.
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