Blinde Göttin von
Buchvorstellung und Rezension
Bibliographische Angaben
Originalausgabe erschienen 1993
unter dem Titel Blind Gudinne,
deutsche Ausgabe erstmals 1995
bei Rasch & Röhring.
Ort & Zeit der Handlung: Norwegen / Oslo, 1990 - 2009.
Folge 1 der Hanne-Wilhelmsen-Serie.
- Oslo: Cappelen, 1993 unter dem Titel Blind Gudinne. 309 Seiten.
-
Hamburg: Rasch & Röhring, 1995.
Übersetzt von Gabriele Haefs.
ISBN:
3891365365. 299 Seiten. -
München: Goldmann, 1997.
Übersetzt von Gabriele Haefs.
ISBN:
3-442-72115-6. 319 Seiten. -
München; Zürich: Piper, 2002.
Übersetzt von Gabriele Haefs.
ISBN:
3-492-23602-2. 319 Seiten.
'Blinde Göttin' ist erschienen als
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In Kürze:
Karen Borg, eine Osloer Wirtschaftsanwältin, findet einen grausam zugerichteten Toten. Mit der Aufklärung des Falls werden Hakan Sand, Jurist im Polizeidienst, und die Polizeikommissarin Hanne Wilhelmsen beauftragt. Karen Borg und Hakan Sand kennen sich aus der gemeinsamen Studienzeit. Noch immer leidet Hakan darunter, dass Karen seine Liebe nicht erwiderte. Nun bittet er sie um Mithilfe bei der Auflösung des Falls. Nach längerem Zögern willigt sie ein …
Als die Osloer Wirtschaftsanwältin Anne Borg die Leiche eines Mannes findet und kurz darauf ein anderer junger Mann in blutverschmierten Kleidern verhaftet werden kann, scheint der Fall schnell gelöst. Einige Tage später jedoch wird ein zwielichtiger Anwalt in seiner Kanzlei erschossen aufgefunden und Kommissarin Hanne Wilhelmsen entdeckt bei der Suche nach einem Motiv vage Querverbindungen zu dem ersten Mordfall. So hatte das erste Opfer am Tage seiner Ermordung noch einen längeren Termin bei jenem Anwalt und schien mit ihm gemeinsam in krumme Geschäfte verwickelt zu sein. Der des ersten Mordes Verdächtigte indes lehnt sämtliche Strafverteidiger ab und will sich nur der Anwältin anvertrauen, die die Leiche gefunden hat. Ebenso besteht er darauf, seine Untersuchungshaft in der Arrestzelle des Polizeipräsidiums und nicht im Gefängnis abzusitzen. Wovor hat der Mann Angst, was ist faul unter den Justiziaren Oslos?
Wie gut, dass Hanne Wilhelmsens Kollege Hakon Sand ein alter Freund von Anne Borg aus Studienzeiten ist. Ihm gegenüber bricht sie ihre anwaltliche Schweigepflicht und verrät einige wenige Details. Es scheint als ob einige Osloer Anwälte in den Drogenhandel verwickelt seien. In einem Notizbuch stolpern die Ermittler über die Initialen J.U.L., die in ganz Oslo nur zu einem Anwalt passen: Jessen Ulf Lavik. Ebenfalls Studienkollege von Anne Borg und Hakon Sand. Und dann will noch der alte Staranwalt Peter Strup unbedingt die Verteidigung des inhaftierten, jungen Mannes von Anne Borg übernehmen. Und spätestens als Hanne Wilhelmsen an einem Sonntag in ihrem Büro niedergeschlagen wird, Unterlagen verschwinden, sich ein Junkie in seiner Gefängniszelle einen goldenen Schuss setzen kann und der des ersten Mordes Verdächtigte zunächst wahnsinnig wird und sich dann an seinem Gürtel erhängt, steht fest dass etwas hinter der ganzen Sache stecken muss, das auch vor Gefängnismauern und Polizeistationen keinen Halt macht.
Anne Holt lieferte mit diesem Roman ihr Debüt. Für sie, die zunächst Polizistin, dann Anwältin, später sogar für kurze Zeit Justizministerin Norwegens war, ist ein Kriminalroman im Anwaltsmilieu natürlich ein Heimspiel. Sie konstruiert einen Kriminalfall, der nach leichten Startschwierigkeiten absolut zu fesseln versteht und ein überzeugendes und dennoch überraschendes Ende aufweist. Dabei meistert sie eine Gratwanderung, gibt über den allwissenden Erzähler sehr schnell die Identität eines der Haupttäter preis, lenkt den Leser jedoch beim Rätsel um den geheimnisvollen Drahtzieher im Hintergrund auf eine vollkommen falsche Fährte. Sehr gut schildert sie Fortschritte und Rückschläge in der Ermittlungsarbeit der Polizei und versäumt dabei nicht, auch das interessante Privatleben ihrer Figuren in die Handlung einzubetten. Hanne Wilhelmsen ist nämlich lesbisch und verheimlicht dies um ihrer Karriere Willen gegenüber ihren Kollegen. Hakon Sand ist romantisch verträumt und hängt an seiner großen Liebe von einst. Dies ist ausgerechnet Anne Borg, die seit Jahren eine glückliche, aber kinderlose Beziehung führt, sich eine Existenz aufgebaut hat und durch die Begegnung mit Hakon dennoch in Zweifel gerät. Haupt- und Nebenfiguren wirken sehr authentisch.
Spannende Story, interessante Charaktere – was bleibt an diesem Roman zu kritisieren? Befremden kann besonders die Übersetzung der persönlichen Anrede auslösen. Wie die Übersetzerin eingangs anmerkt, gibt es wohl auch im Norwegischen einen Unterschied zwischen »Du« und »Sie«, jedoch duzen sich die Norweger in aller Regel. Diesem Prinzip bleibt die Übersetzung treu, wobei es im Deutschen komisch klingt, wenn der autoritäre, fast 70jährige Staranwalt von einer Mittdreißigerin bei der ersten Begegnung geduzt wird oder wenn der Staatssekretär im Justizministerium einem Pförtner gegenüber dieselbe Vertrautheit beweist. Gewöhnungsbedürftig vielleicht auch, dass Autorin Anne Holt auf eine Einteilung der Handlung in Kapitel vollständig verzichtet hat. Vielmehr ist eine Einteilung nach Tagen mit häufigem Wechsel der Erzählperspektive zu finden. Besonders der Einstieg – die Schilderung des ersten Ermittlungstages inklusive Rückblick auf das Auffinden der Leiche – wirkt ein wenig holprig. Aber damit hat es sich dann eigentlich auch schon.
Über die Figur des Billy T , ein Polizeikollege aus dem Unruheteam, mit dem Hanne zwei Einsätze unternimmt, kann man sich streiten. Er soll wohl hauptsächlich der Aufheiterung dienen, hat einen unorthodoxen Arbeitsstil und ist nebenbei Vater von vier Kindern, die er mit vier unterschiedlichen Frauen gezeugt hat. Bei einem der beiden Einsätze jagt er gegen den Willen von Hanne einem Verdächtigen hinterher und erwischt dessen Stiefel. Im letzten Drittel des Buches scheint dieser Stiefel die letzte Spur der Ermittler zu sein, die jedoch auch nach Ergreifung des Eigentümers derart im Sande verläuft, dass man sich fragen mag, was dieser Nebenschauplatz hier zu suchen hat. Es bleibt aber der einzige Handlungsstrang, auf den unter dem Strich hätte verzichtet werden können.
Unter der Waagschale der blinden Göttin Justitia entwickelt sich ein verzwickter, kniffliger Kriminalfall, dessen Dimensionen anfangs nicht im geringsten zu erahnen sind und der absolut zu überzeugen weiß. Er bietet vielschichtige Charakter, harte Ermittlungsarbeit, stellenweise Action und Spannung und ein verblüffendes, keinesfalls an den Haaren herbeigezogenes, skandalöses Ende. Die angebrachten, leichten stilistischen Abstriche können den sehr positiven Gesamteindruck nicht schmälern. Ein Buch, das in doppelter Hinsicht das Interesse an einem weiteren Roman um die Osloer Ermittler weckt: die Hoffnung auf einen weiteren spannenden Fall und die Fortentwicklung der Charaktere.
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| F.Lohse zu »Anne Holt: Blinde Göttin« | 08.01.2011 |
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| Sandra zu »Anne Holt: Blinde Göttin« | 29.06.2010 |
| Eva@Phantastik-Couch zu »Anne Holt: Blinde Göttin« | 08.12.2008 |
| Metin Alparslan zu »Anne Holt: Blinde Göttin« | 10.05.2008 |
| bg zu »Anne Holt: Blinde Göttin« | 16.04.2008 |
| Susi zu »Anne Holt: Blinde Göttin« | 01.05.2006 |
| Dryn zu »Anne Holt: Blinde Göttin« | 08.06.2005 |
| Sarah zu »Anne Holt: Blinde Göttin« | 23.04.2004 |
| Chrisi zu »Anne Holt: Blinde Göttin« | 01.11.2003 |
| brix zu »Anne Holt: Blinde Göttin« | 26.09.2003 |
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