Ich bin nicht tot von Anne Frasier

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2016 unter dem Titel The body reader, deutsche Ausgabe erstmals 2017 bei Heyne.

  • Seattle: Thomas & Mercer, 2016 unter dem Titel The body reader. 289 Seiten.
  • München: Heyne, 2017. Übersetzt von Anu Katariina Lindemann. 400 Seiten.

'Ich bin nicht tot' ist erschienen als E-Book

In Kürze:

Nach drei Jahren konnte Polizistin Jude Fontaine ihrem Dasein als Sexsklavin entkommen. Psychisch labil kehrt sie in den Dienst zurück und deckt dort eine Kette ähnlicher Verbrechen auf, wobei die Täter womöglich Fontaines eigener Familie angehören …

Zunächst gefällt die gelungene Figurenzeichnung, während der eigentliche Fall Nebensache bleibt. Im letzten Drittel wirft die Autorin die Story um und fesselt durch eine rasante, unerwartete Auflösung: Ungeachtet der Werbung, die einen soften Lady-Thriller androht, bietet dieser Roman gute Krimi-Unterhaltung.

Das meint krimi-couch.de: Weiblicher Sherlock Holmes oder kriminalistischer Frankenstein? 80°

Krimi-Rezension von Michael Drewniok

Jude Fontaine galt als aufstrebender Stern der Mordkommission von Minneapolis, einer Großstadt im US-Staat Minnesota. Auch privat war ihr Leben endlich zur Ruhe gekommen, obwohl Judes Kindheit von einem Ereignis überschattet wurde, das aus ihrer Sicht ein nie gesühntes Verbrechen war: Ihre Mutter kam durch eine verirrte Kugel zu Tode, die offiziell Judes Bruder Alex versehentlich abgefeuert hatte. In ihrer Erinnerung war es jedoch der Vater, der den Abzug gezielt betätigte und mit dem Mord davonkam. Inzwischen um Gouverneur aufgestiegen, ist Philipp Schilling sogar Kandidat für einen Sitz im US-Senat. Jude hat mit ihm und dem Bruder gebrochen.

Vor drei Jahren wurde Jude entführt. Der Kidnapper sperrte sie in einen Keller, quälte und vergewaltigte sie. Nur zufällig konnte sie sich befreien. Die lange Gefangenschaft hat tiefe Spuren in Judes Psyche hinterlassen. Ihr altes Leben ist zerbrochen, weshalb sie sich an den Job klammert und es tatsächlich schafft, wieder als Polizeiermittlerin eingestellt zu werden.

Judes neuer Partner wird der durch den Selbstmord seiner Gattin ebenfalls psychisch angeschlagene Detective Uriah Ashby. Die beiden Beamten finden nur schwer zum Team zusammen, obwohl ein dringender Fall genau dies erfordert: Von einer verschwundenen jungen Frau wird zunächst nur der Kopf gefunden. Die Fahndung ist aufgrund der Indizienlage schwierig. Zudem zeigt Jude zunehmend Anzeichen geistiger Labilität.

Sie bringt den aktuell untersuchten Mord mit einigen früheren, nie geklärten Morden in Zusammenhang, was weder Judes Vorgesetzte noch ihr Partner nachvollziehen können. Die Zweifel verstärken sich, als Jude zusätzlich »Beweise« dafür zu finden glaubt, dass ihr Vater mit dem Verschwinden mehrerer Frauen zu tun hat. Als sie ihn mit ihrem Verdacht konfrontiert, eskaliert die Situation. Jude wird entlassen und resigniert, doch der tatsächlich im Hintergrund wirkende Unhold freut sich zu früh …

Sisyphos als moderne Frau

Der globalen Präsenz des Internets verdanken wir die unschöne Erkenntnis, dass Schicksale wie das von Jude Fontaine nicht so selten sind, wie sie sein sollten. Tatsächlich gibt es Zeitgenossen, die sich ein soziales Netz aufbauen, indem sie dessen Mitglieder buchstäblich entführen und einsperren. Zivilisationsferne ist keine Grundvoraussetzung; so etwas funktioniert über Jahre sogar in Städten.

Die Mechanismen vermittelt uns Autorin Anne Frasier quasi nebenbei, was ihr hoch anzurechnen ist: Judes problematische Rückkehr in ein »normales« Leben dominiert nur phasenweise eine Story, die darüber hinaus ein Krimi mit Thriller-Elementen bleibt. Das ist keine Selbstverständlichkeit in einem Genre-Alltag, der das Zwischenmenschliche längst über die spannende Schilderung eines Verbrechens und seine Aufklärung zu stellen scheint. Der Krimi schrumpft zum Beiwerk, während Mrs. Desire und Mr. Right umeinander kreisen, was einerseits durch immer neue Zwischenfälle erschwert und andererseits ausgiebig diskutiert wird: Vor allem Leserinnen scheinen süchtig nach derartigen Schwall-Thrillern zu sein.

»Ich bin nicht tot« – der deutsche Titel wanzt sich schamlos an die gerade eben verdammten, aber höchst lukrativen Machwerke an, während der Originaltitel den Inhalt präzise umreißt – ist Teil 1 einer geplanten und inzwischen fortgesetzten Serie. In diesem Auftaktband geht es um Jude Fontaines »Ursprungsgeschichte«. Soll die Figur eine Serie tragen, muss sie entsprechend leseraffin gestaltet werden. Kommt noch eine solide, nicht an behaupteter Originalität erstickende, sondern tatsächlich spannende Crime-Story dazu, wird die Rechnung zu Recht aufgehen.

Ermittlungen zwischen Stress und Spürnase

Selbstverständlich ist das Klischee trotzdem nie weit. Hier haben wir es nicht nur mit einer, sondern gleich mit zwei Hauptfiguren zu tun, die psychisch aus dem Lot geraten sind. Ermittler mit leichtem Riss in der Hirnwaffel haben durchaus Tradition. Früher tranken Polizisten und Detektive gern einen über den Durst; auch Kriegsneurosen waren beliebt. Heute muss in dieser Hinsicht aufgerüstet werden: Jude Fontaine ist nicht »nur« das Opfer eines selbsternannten Kerkermeisters. Schon zuvor hatte sie den Tod der Mutter hautnah erleben müssen und den Vater – oder den Bruder oder beide – dafür verantwortlich gemacht, was zu einem Leben in aktivem Widerspruch zur offiziell ehrbaren Familie führte: Auch mit den Medien hat Jude keine guten Erfahrungen gemacht.

Nun ist sie zwar frei, steht aber vor den Scherben ihres Lebens, das sie – so will es die Autorin, die in diesem Punkt um der Dramatik willen die Realität strikt ignoriert – ausgerechnet als Polizistin wiederaufnimmt. Ebenfalls dem Klischee zuzurechnen ist Judes »Zeichnung«: Aus einer schönen, jungen Frau ist ein weißhaariger, unberechenbarer Cop geworden, der freilich erst recht attraktiv wirkt.

Glücklicherweise ist Judes Talent als Spürnase buchstäblich gewachsen: Die jahrelange Isolation hat sie befähigt, sowie wahrheitsliebende Zeugen als auch verdächtige Lügenbolde zu »erschnüffeln«. Frasier bemüht sich, dies »logisch« zu erklären, was naturgemäß schwierig ist, zumal es irgendwann ist, wie es ist, und außerdem nur sporadisch funktioniert. Das ist als Hintertürchen wichtig, weil Jude ansonsten sicher nicht in die neuen Fallen tappen würde, die ihr nach dem Willen der Autorin unsichtbare Finsterlinge stellen.

Im Visier eines gnadenlosen (Kom-)Plot(t)-Gottes

An Judes Seite steht der ebenfalls traumatisierte Detective Ashby. Bereits sein Vorname – Uriah – deutet Einmaligkeit an, die jedoch nur bedingt zum Tragen kommt, weil sein lockerer Sparren mit ihrem nicht mithalten kann. Selbstverständlich flackern erste gegenseitige Anziehungskräfte auf, die Frasier in den folgenden Bänden thematisieren kann.

Es ist erfreulich genug, um wiederholt zu werden: Trotz solcher Seelenschwankungen erzählt die Autorin eine spannende Kriminalgeschichte. Auch hier könnte der strenge Kritiker einwenden, dass es ein wenig zu viel zu Guten ist, sämtliche Verbrechen im Finale nicht nur zusammenzufassen, sondern auch noch mit Judes Entführung und Gefangenschaft zu verschmelzen. Das ist wider jede Wahrscheinlichkeit, aber verschmerzbar, denn im letzten Drittel sorgt Frasier für jenes Tempo, das eine Handlung über solche Lücken und Löcher hinüberträgt.

In einigen Interviews mit der Autorin klingt an, dass »Ich bin nicht tot« ursprünglich als Mischung aus Krimi und Phantastik geplant war und wohl in einer nahen Zukunft spielen sollte. Frasier hat diese Elemente nachträglich getilgt, um eine »realistische« Story zu erzählen. Damit ist ihr kein Meisterwerk gelungen, sondern ein lesenswerter Roman, der es – auch dank eines nichtssagenden Titel(bilds) – nicht verdient hat, im endlosen Strom monatlich auf den Markt geworfener Taschenbücher unterzugehen.

Michael Drewniok, Januar 2018

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