Schneesterben von Anne Chaplet

Buchvorstellung und Rezension

Bibliographische Angaben

Originalausgabe erschienen 2003 bei Kunstmann.
Folge 5 der Paul-Bremer-Serie.

  • München: Kunstmann, 2003. ISBN: 3888973368. 315 Seiten.
  • München: Goldmann, 2005. ISBN: 3-442-45767-X. 317 Seiten.

'Schneesterben' ist erschienen als HardcoverTaschenbuch

In Kürze:

Einen Winter, in dem so viel Schnee fällt, hat man in Klein-Roda lange nicht erlebt. Und dass er so lange liegen bleibt, noch seltener. Als es endlich taut, sind alle erleichtert, auch Paul Bremer, der Schneeschippen hasst – wie alle ehemaligen Städter, obwohl er schon lange in Klein-Roda wohnt. Unter dem Schnee lag manches verborgen, was jetzt ans Tageslicht kommt – auch die Leiche von Michael Hansen, dem bekannten Kriegsreporter, der nicht in fernen Krisengebieten, sondern auf der Schotterstrasse vor einem einsamen Ferienbungalow zu Tode kam. Die Autorin kehrt an den Schauplatz ihres ersten Romans zurück und erzählt eine ungeheuerliche Geschichte, eine Geschichte von Schuld und Sühne, von Zufall und Schicksal, von kindlicher Grausamkeit und grausamen Erwachsenen und vom Fluch der Erinnerung.

Das meint Krimi-Couch.de: »Eine Geschichte, die den Leser gefangennimmt« 81°

Krimi-Rezension von Sabine Reiss

2. Platz beim Deutschen Krimipreis 2004, auf was habe ich mich da nur eingelassen? Ist es nicht besonders schwierig, ein Buch zu rezensieren, das schon einen Preis gewonnen hat?

Die Geschichte beginnt langsam. Wir befinden uns in Klein-Roda und sofort fragte ich mich: Wo um Himmelswillen ist das denn? Ich hatte so eine Ahnung, bevor es zum ersten Mal im Buch erwähnt wird und muss allerdings zugeben, dass diese Ahnung unterstützt wurde von der Tatsache, dass die Autorin in Frankfurt gelebt hat. Klein-Roda – ein fiktiver Ort – liegt in Hessen, vielleicht im Taunus? Egal, der Beschreibung nach hätte ich diesen Ort auch Hessen gesteckt, aber natürlich hätte sich das Ganze auch in der Pfalz abspielen können. In Klein-Roda ist das Dorfleben noch intakt. Was man so intakt nennt, wenn die Frauen auf dem Dorfplatz tratschen und wenn Auswärtige oder sogenannte Zugezogene fast keine Chance haben, in der Gemeinschaft Fuß zu fassen – im Gegenteil, sie werden misstrauisch beäugt. Zunächst gibt es nur ein Thema: Der kleine David ist nach einer Operation gestorben und fast alle sind sich einig, dass der Kinderarzt Dr. Thomas Regler Schuld daran trägt. Regler war nicht nur der behandelnde Arzt im Krankenhaus in Feldern, nein, er hat auch noch ein Wochenendhaus in Klein-Roda.

Irgendwann wird Krista Regler, seine Frau, unterkühlt in ihrem Auto entdeckt und ins Krankenhaus gebracht. Und als der Schnee schmilzt, vielleicht eine Woche später, wird ein Toter in einer Feriensiedlung bei Usingen gefunden. Es stellt sich heraus, dass es sich um den Kriegsberichtserstatter Michael Hansen handelt. Krista Regler wird verhaftet und gibt sogleich zu, dass sie ihn überfahren hat. Für Staatsanwältin Karen Stark aus Frankfurt ein glasklarer Fall, doch für die Verteidigerin nicht: Krista Regler kann keine genaue Aussage darüber machen, wie die anderen Verletzungen am Opfer zustande kamen, ihr Mann dagegen umso besser …

Die ersten Kapitel lesen sich ehrlich gesagt zäh, der Stil ist gewöhnungsbedürftig. Anne Chaplet springt immer wieder hin und her, man begleitet Thomas Regler oder Karen Stark, am häufigsten jedoch Paul Bremer, einen Freund von Karen Stark, der neben den Reglers in Klein-Roda wohnt. Er muss am eigenen Leib spüren, was es heißt, ein Auswärtiger zu sein, nachdem er sich schon so gut in die Gemeinschaft integriert fühlte. Dass ich mich anfänglich schwer tue, liegt aber nicht nur an den Sprüngen, sondern auch den detaillierten Beschreibungen des Dorflebens, die zwar dieses sehr authentisch erscheinen lassen, aber dennoch kein deutliches Bild von den Dorfbewohnern bei mir hervorrufen können. Obwohl die Figuren sicherlich lebensnah geschildert werden, fehlt in der Tat das Bild vor Augen. Immer wieder denke ich: In dem Dorf möchtest du nicht leben.

Aber die Spannung steigert sich und irgendwann gerät man unwillkürlich in den Bann der Geschichte. Den Klappentext möchte ich an dieser Stelle loben, er verrät nicht zuviel. Im Gegenteil, ich verstehe nun nach Vollendung der Lektüre, was leise angedeutet wird. Nicht im tiefsten Traum hätte ich mir das nach den ersten Kapiteln vorstellen können. Natürlich kommt irgendwann die Ahnung, aber das Detail, welches die Autorin auf den letzten Seiten enthüllt, das ahne auch ich erst kurz zuvor und halte meine Gedanken an dieser Stelle noch für kühn. Es klingt zwar platt, aber alle Puzzleteilchen, die dem Leser vorher noch im Kopf herumschwirren, werden gekonnt verknüpft – eine Geschichte, die einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen hat und die man nicht so schnell vergisst. Die Atmosphäre könnte einem Schwarz-Weiß-Film entspringen, ein Vergleich, der leider nicht aus meiner Feder stammt, dem ich aber voll und ganz zustimmen möchte.

Ob nun »Schneesterben« den Deutschen Krimipreis verdient hat, das maße ich mir nicht an zu beurteilen. Von den wenigen deutschen Krimis, die ich in letzter Zeit gelesen habe hat er mich jedoch am meisten gefangengenommen, nicht so locker und frech wie der eine, nicht so skurril wie der andere, aber eindeutig einnehmend im Wesen, wenn auch nach Startschwierigkeiten.

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Michi zu »Anne Chaplet: Schneesterben« 11.12.2006
Mein erster Anne- Chaplet- Roman- und sicher nicht mein letzter! Schon lange hat mich ("süchtige" Krimi- Leserin) kein Buch mehr so gefesselt. Man lebt mit. Man leidet mit. Kein Krimi der rasanten Art, sondern ein stiller, der trotzdem- oder vielleicht deshalb?- eine ganz eigene Spannung aufbaut. Unbedingt lesen!
Brigitte Joachimski zu »Anne Chaplet: Schneesterben« 30.04.2006
Dies ist der 5. Kriminalroman, den die Journalistin Cora Stephan unter diesem Pseudonym verfasst hat. Der Spiegel hat, wie dem Cover zu entnehmen ist, Chaplet als “Glücksfall für die deutsche Kriminalliteratur” gefeiert, was unter Kollegen verständlich ist. Sie erhielt auch den deutschen Krimipreis 2001. Ich nehme an, dass die Figur des Paul Bremer, der die verschiedenen Erzählstränge als eine Art Hobbydetektiv zusammenhält, schon in den ersten Romanen auftaucht, wahrscheinlich auch die naiv dümmliche junge Staatsanwältin Karen Stark aus Frankfurt, die als Ermittlerin eine Beleidigung für ihren Berufsstand darstellt, vor allem für diese Leserin hier, die real-existierende professionelle junge Staatsanwältinnen kennt. Vielleicht arbeitet Stephan da einen Minderwertigkeitskomplex auf. Aber zurück zur Handlung: Sie spielt in einem Dorf namens Klein-Roda, auf das sich Bremer (alter ego der Autorin) zurückgezogen hat, um in Ruhe seinen literarischen Ambitionen nachgehen zu können, wobei seine schöpferischen Ansätze immer wieder von dem täglichen Dorftratsch und -krach unterbrochen werden. Leider bleiben all die anderen Dorfbewohner, um deren natürlich schuldbeladene Vergangenheit es geht, merkwürdig blass, ich kann sie bis zum Ende nicht auseinanderhalten.. Im Nachwort betont Chaplet-Stephan, das sie auch für sich selbst ein idyllisches Klein-Roda gefunden hat, in dem es natürlich keine Verbrechen gibt. Auch im Roman wirken die kriminellen Exzesse, die es aufzuklären gilt, recht konstruiert in ihrer Brutalität. Nur eine Stelle kann die Leserin anrühren, als Karen in einem Cafe sitzend die Menschen beobachtet und anders als sonst erkennt, dass die Menschen “ihre jüngeren Versionen mit sich (trugen). Ihre übermalten Entwürfe”. Der Stil des Krimis zeigt solides Handwerk, bekannte sprachliche Versatzstücke: “Über seinen Kopf zog ein Schwarm Wildgänse gen Süden...” Und inhaltlich haben wir es mit einer Mischung aus Pilcher und Elizabeth George zu tun. Ehrlich gesagt, die Originale sind mir lieber.
pet zu »Anne Chaplet: Schneesterben« 14.02.2004
Anne Chaplets Schreibstil liegt mir wohl nicht. Auch mein zweiter Chaplet konnte mich nicht überzeugen. Langeweile im Dorfleben bringt Langeweile beim Lesen. Den ganzen Willis und Gottfrieds, Mariannes und sonstigen Dorfbewohnern, die ihre belanglosen Ansichten kundtun müssen, möchte man beim Lesen genauso gern entfliehen, wie man das wohl auch in der Realität tun würde. Der Plot ist sauber konstruiert, doch nicht sehr glaubhaft.
Peter Michels zu »Anne Chaplet: Schneesterben« 14.10.2003
Kurt Tucholsky schrieb über Irmgard Keun "Hurra! Eine Frau mit Humor".
Über Anne Chaplet kann ich nur schreiben "Hurra! Eine Frau, die Geschichten erzählen kann".
Anne Chaplet hat mit Ihrem fünften Buch "Schneesterben" Ihr bisher bestes Buch abgeliefert.
Es geht um eine Leiche, die - wo sonst - im Schnee liegt und um eine schnell gefundene, aber zu schnell geständige Verdächtige. Es geht um Vergangenheit, mit der sich niemand mehr auseinandersetzen will und die doch präsent ist. Es geht um die Ängste dieser Dorfgemeinschaft, ihrer Vermeidungsstrategien und der daraus resultierenden Abwehrhaltungen gegen jegliches Fremde. Und es geht um absolute, bedingungslose Liebe und ihres Scheiterns.

Sie erzählt mit viel Wärme, Sensibilität und Witz, doch nie ohne den moralischen Zeigefinger zu heben. Ihre liebevollen Charakterisierungen Ihrer Romanfiguren mit Ihren Stärken und Schwächen und hier vor allem Ihren Ängsten, die fast schon unheimlich brillante Schilderung dieses dörflichen Mikrokosmoses ohne diesen abzuwerten, die beklemmenden Beschreibungen jugendlicher Gewalt und männlicher Machtspiele (JVA) und die "simple" Tatsache, dass Sie schreiben kann, machen dieses Buch zu einem wahren Lesegenuss.
Endlich haben wir in Deutschland wieder eine Geschichtenerzählerin, die auf einem absolut literarischen Niveau unterhaltsam und spannend erzählen kann.
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